Keine Lust auf Aktien

Stand: 23.02.2012, 20:05 Uhr

Nach der Rally seit Jahresbeginn geht dem Dax allmählich die Puste aus. Der deutsche Leitindex gab den dritten Tag in Folge nach. Anleger strichen Gewinne ein. Hinzu kamen enttäuschende Jahreszahlen der Commerzbank und der Deutschen Telekom. Da half auch der "Ifo-Schwung" nicht.

Die gute Stimmung in der deutschen Wirtschaft sprang nur für kurze Zeit auf die Anleger über. Als der überraschend positive Ifo-Geschäftsklimaindex veröffentlicht wurde, stieg der Dax auf bis über 6.900 Punkte an. Doch schon bald darauf bröckelten die Gewinne wieder ab. Der Dax schloss um 0,5 Prozent tiefer und konnte sich mit Mühe noch über der Marke von 6.800 Zählern behaupten. Dass es nicht noch stärker nach unten ging, lag an der Wall Street. Dow und Nasdaq drehten nach einem müden Start am frühen Abend ins Plus.

Positive Signale vom US-Arbeitsmarkt
Für Hoffnung sorgten dort erfreuliche Arbeitsmarktdaten. Die Arbeitslosen-Erstanträge verharrten in der vergangenen Woche auf dem Niveau von 351.000. Das ist der niedrigste Stand seit März 2008. Volkswirte hatten einen leichten Anstieg auf 355.000 Erstanträge vorhergesagt. Anleger sahen in den Job-Daten ein weiteres Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung in den USA.

Europa vor der Rezession
In Europa hingegen sieht es düster aus. Die Eurozone droht im laufenden Jahr in die Rezession zu rutschen. Die EU-Kommission rechnet mit einem Schrumpfen der Wirtschaft in den 17 Euro-Ländern um 0,3 Prozent. Im Herbst hatten die Brüsseler Experten noch mit einem Miniwachstum von 0,5 Prozent für 2012 gerechnet.

Prima Klima nur in Deutschland
Nur Deutschland hebt sich positiv ab. "Es verdichten sich die Zeichen, dass Deutschland in den kommenden sechs Monaten keine Rezession durchlaufen wird", meint Helaba-Analyst Ulrich Wortberg. Der Ifo-Geschäftsklimaindex, der die Stimmung der Unternehmen misst, verbesserte sich im Februar den vierten Monat in Folge auf 109,6 Punkte - nach 108,3 Zählern im Januar. Analysten hatten mit einem geringeren Anstieg gerechnet.

Euro zieht wieder an
Dank der guten Ifo-Zahlen konnte sich der Euro gegenüber dem Dollar wieder aufrappeln. Er kletterte bis zum Abend auf 1,333 Dollar. Gegenüber anderen Währungen tut sich der Euro freilich schwer. Die norwegische Krone stieg am Donnerstag auf ein neues Neun-Jahres-Hoch gegenüber dem Euro. Auch Gold und Öl verteuerten sich. Der Goldpreis legte auf 1.784 Dollar zu, der Barrel der Brent-Ölsorte stieg erstmals seit April 2011 auf über 124 Dollar.

Verwirrung um Äußerung aus Berlin
Die europäische Schuldenkrise bewegt indes weiter die Anleger. Sorgen um eine mögliche Abstufung der Bonität Portugals drückten im Tagesverlauf die Kurse an den Aktienmärkten. Am Nachmittag sorgte auch noch ein CDU-Politiker für Irritationen. Unions-Fraktionsvize Michael Meister erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass der Bundestag seine Zustimmung zum zweiten Griechenland-Paket an ein positives Votum des Internationalen Währungsfonds (IWF) kopple.

Trotz der Kursverluste in den letzten drei Tagen halten Charttechniker den Aufwärtstrend an den europäischen Aktienmärkten weiter für intakt. In den nächsten Tagen werde sich entscheiden, ob der Dax sich wieder aufbäumt und die Kraft hat, die Marke von 7.000 Punkten zu überwinden. "Sollte dies nicht der Fall sein, müssen wir uns eventuell auf eine längere Konsolidierungsphase einstellen", befürchtet Experte Christoph Schmidt von Asset Manager N.M.F.

Allianz unter den Dax-Favoriten
Börsianer blickten am Donnerstag vor allem auf die drei Dax-Konzerne Allianz, Commerzbank und Deutsche Telekom, die ihre Jahreszahlen präsentierten. Dabei konnte nur die Allianz überzeugen. Zwar hat der Versicherer mit 2,8 Milliarden Euro nur noch die Hälfte verdient im Vergleich zum Vorjahr. Das operative Ergebnis fiel mit 7,9 Milliarden Euro aber höher aus als erwartet. Anleger begrüßten, dass die Dividende bei 4,50 Euro je Anteilsschein konstant gehalten wird. Die Allianz-Aktien zählten zu den wenigen Dax-Gewinnern mit einem Plus von 0,5 Prozent.

Commerzbank vertröstet auf 2015
Verlierer des Tages war dagegen die Commerzbank. Die Aktien rutschten um über sechs Prozent ab. Ein dramatischer Gewinneinbruch um gut die Hälfte und die Ankündigung einer Kapitalerhöhung verstimmten die Anleger. Zuvor hatte die Commerzbank mehrfach betont, dass keine Kapitalerhöhung notwendig sei. Vorstandschef Martin Blessing sieht darin keinen Reputationsschaden. Er verwies auf das gute Kerngeschäft, das ein operatives Ergebnis von 4,5 Milliarden Euro einfuhr. Im laufenden Jahr erwartet die Bank einen Gewinn von mindestens 1,2 Milliarden Euro. Das für 2012 in Aussicht gestellte operative Gewinnziel von vier Milliarden Euro soll erst 2015 erreicht werden.

Telekom spürt starken Gegenwind
Wenig erfreulich fielen ebenfalls die Zahlen der Telekom aus. Die Bonner haben im vergangenen Jahr trotz der milliardenschweren Ausgleichszahlung von AT&T für die gescheiterte Übernahme von T-Mobile USA einen heftigen Gewinnrückgang erlitten. Schuld daran waren vor allem die Auslandstöchter, die der Telekom Milliarden-Abschreibungen einbrockten. "Wir haben 2011 überall starken Gegenwind gespürt", klagte Telekom-Chef René Obermann. Die Dividende soll aber unverändert bleiben. Die T-Aktien büßten gut drei Prozent ein.

Noch schlechter ist es der österreichischen Telekom ergangen. Der scharfe Wettbewerb und eine Abschreibung von 300 Millionen Euro bei der weißrussischen Tochter haben die Telekom Austria im vergangenen Jahr tief in die Verlustzone gedrückt. Unter dem Strich stand ein unerwartet hohes Minus von 253 Millionen Euro. Analysten hatten einen Verlust von nur 216 Millionen Euro erwartet.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
144,08
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Gewinnmitnahmen bei Autoaktien
Unter Druck befanden sich auch die Autowerte im Dax. Die Aktien von Daimler und VW gaben rund zwei Prozent nach, die Titel von BMW verloren 1,5 Prozent. Das sind simple Gewinnmitnahmen", sagte ein Händler. Schließlich haben die drei Dax-Titel seit Jahresbeginn teilweise mehr als 30 Prozent zugelegt.

Bayer-Aktionären winkt mehr Dividende
Nur knapp unter dem Vortagesniveau behaupteten sich die Aktien von Bayer. Der Pharma- und Chemiekonzern will die Dividende um 15 Cent auf 1,65 Euro je Aktie aufstocken. "Das vergangene Jahr war für Bayer sehr erfolgreich", sagte Vorstandschef Marijin Dekkers. Daran sollten die Aktionäre angemessen beteiligt werden. Analysten hatten im Schnitt mit einer Dividende von 1,66 Euro je Anteilsschein gerechnet. Zudem kündigte der Konzern an, dass Ex-Chef Martin Wenning neuer Vorsitzender des Aufsichtsrats werden soll.

SAP will schnellen Prozess machen
Auf ein schnelles Ende des Rechtsstreits mit Oracle um Datendiebstahl drängt derweil der Software-Konzern SAP. Die Walldorfer würden es begrüßen, wenn die erneute Gerichtsverhandlung im Juni dieses Jahres stattfände. "Wir setzen alles daran, den Streit mit Oracle zu einem raschen und vernünftigen Ende zu bringen", teilte ein SAP-Sprecher mit. Das zuständige Gericht in Kalifornien hatte zuletzt erklärt, dass die Neuauflage des Prozesses entweder im Juni 2012 oder erst im August 2013 möglich sei. Die SAP-Aktien schlossen im Plus.

MTU gut in Fahrt
Aus der zweiten Reihe legte MTU Zahlen vor. Und die konnten sich sehen lassen. Der Turbinenbauer hat im vergangenen Jahr Umsatz und Ergebnis bis zu acht Prozent gesteigert. Seinen Aktionären will MTU deshalb eine um ein Zehntel höhere Dividende von 1,20 Euro je Aktie ausschütten. Vor allem das Geschäft mit Antrieben für zahlreiche Airbus- und Boeing-Linienflieger brumme, erklärte Vorstandschef Egon Behle. Und 2012 werde der Trend ungebrochen anhalten. Die Aktie zählte mit einem Plus von über zwei Prozent zu den größten MDax-Gewinnern.

Rekordumsatz von Adva
Positiv aus dem TecDax stach die Aktie des Netzwerkausrüsters Adva hervor mit einem Plus von 1,5 Prozent. Das Unternehmen hat im vierten Quartal dank Steuer- und Währungseffekten Ergebnis und Umsatz gesteigert. Der Gewinn kletterte auf 8,7 Millionen Euro, von 1,6 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Der Umsatz erhöhte sich auf einen Rekordwert von 83,4 Millionen Euro von 79,4 Millionen Euro. Auch für das laufende Jahr ist Adva optimistisch gestimmt.

Neuer Rückschlag für Solaraktien
Kurseinbrüche der Solaraktien belasteten den TecDax. Die Aktien von SMA Solar brachen um fast 14 Prozent ein, die Titel von Centrotherm und Solarworld purzelten um über sieben Prozent nach unten. Grund ist Entscheidung der Regierung, die Solarstromförderung um bis zu 30 Prozent weiter zu reduzieren.

Solarworld in den Miesen
Nach Xetra-Schluss legte Solarworld auch noch seine Jahreszahlen vor. Diese boten wenig Grund zur Freude. Wegen Millionen-Abschreibungen rutschten die Bonner vor Zinsen und Steuern in die Verlustzone. Das Ebit betrug minus 233 Millionen Euro. Ohne die Sondereffekte stand ein bereinigtes Ebit von 24 Millionen Euro zu Buche. Der Umsatz schrumpfte um rund 20 Prozent auf 1,32 Milliarden Euro.

Maschmeyer profitiert von Kursexplosion bei 3W Power
Dem schwachen Trend trotzten die Aktien des Solarzulieferers 3W Power (AEG Power Solution). Sie stiegen um 0,5 Prozent. Am Mittwoch waren sie um über 30 Prozent nach oben gesprungen. Grund: Nordic Capital hat ein Übernameangebot von 4,35 Euro pro Aktie für 3W Power gemacht. Von dem rasanten Kursanstieg dürfte besonders AWD-Gründer und Investor Carsten Maschmeyer profitieren. Er hatte sich vor gut drei Wochen seine Anteile auf über fünf Prozent aufgestockt. Die ersten Aktien hatte er im August 2011 zum Kurs von 4,10 Euro gekauft. Würde Maschmeyer sein Aktienpaket jetzt verkaufen, bekäme er laut "Financial Times Deutschland" über drei Millionen Euro mehr, als er dafür ausgegeben hat.

Milliardenverluste von Europas Banken
Aus dem Ausland meldeten mehrere Finanzkonzerne ihre Zahlen. So hat die französische Großbank Crédit Agricole im vergangenen Quartal einen größeren Verlust angehäuft als erwartet. Belastet wurde das Geldhaus durch hohe Kosten für die Verkleinerung seiner Bilanz sowie die Abschreibungen auf griechische Anleihen. Der Fehlbetrag lag bei knapp über drei Milliarden Euro.

Einen Rekordverlust von gigantischen 11,6 Milliarden Euro musste auch die teilverstaatlichte belgisch-französische Großbank Dexia im vergangenen Jahr verbuchen. Grund dafür seien vor allem Verluste aus Geschäften mit griechischen Staatsanleihen sowie aus dem Verkauf des belgischen Arms der Dexia an den Staat gewesen. Der Finanzkonzern und Kommunalfinanzierer musste mit Steuergeldern aus Belgien in Höhe von vier Milliarden Euro vor dem Zusammenbruch bewahrt werden.

Die größtenteils verstaatlichte Royal Bank of Scotland (RBS) musste einen Verlust von zwei Milliarden Pfund (2,36 Milliarden Euro) bekannt geben. Es war das vierte Verlustjahr in Folge. Ein Großteil der Verluste fiel im Investmentbanking an. Nun sollen Teilbereiche ganz aufgegeben werden. Immerhin: Ohne Sondereffekte und Griechen-Krise hätte die RBS knapp die Gewinnzone erreicht. Die Anleger honorieren dies. Die Aktien legen drei Prozent zu.

Swiss Re überrascht
Mit einem Kursgewinn von über fünf Prozent reagierten die Anleger auf die Zahlen des Schweizer Rückversicherers Swiss Re. Die weltweite Nummer zwei der Branche hat ihren Gewinn im letzten Jahr trotz immenser Schadenzahlungen auf 2,63 Milliarden Dollar verdreifacht - und damit mehr als von Analysten erwartet. Swiss Re will die Dividende auf drei Franken je Aktie anheben von 2,75 Franken im Vorjahr. 2010 hatte eine an den legendären US-Investor Warren Buffett gezahlte Entschädigung Swiss Re das Ergebnis verhagelt.

Gewinneinbruch von HP
Der Gewinn des Computerkonzerns Hewlett-Packard ist in den Monaten November bis Januar um 44 Prozent auf 1,47 Milliarden Dollar eingebrochen. Im Vorjahr waren es noch 2,6 Milliarden Dollar gewesen. Beim Umsatz wurde gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein leichter Rückgang um sieben Prozent auf 30 Milliarden Dollar verbucht. Damit lag HP leicht unter den Erwartungen. Die HP-Aktie gab in New York vier Prozent nach.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 18. Juli

Unternehmen:
NovartisVW: Q2-Zahlen, 6:45 Uhr
Cassiopea: Halbjahreszahlen, 7 Uhr
Software: Q2-Zahlen, 7 Uhr
ASML: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Akzo Nobel: Q2-Zahlen, 7:30 Uhr
Ericsson: Q2-Zahlen, 8 Uhr
Easyjet: Q3-Zahlen, 8 Uhr
Morgan Stanley: Q2-Zahlen, 13 Uhr
Abott Laboratories: Q2-Zahlen, 13:45 Uhr
American Express: Q2-Zahlen, 22 Uhr
Alcoa: Q2-Zahlen, 22:05 Uhr
Ebay: Q2-Zahlen, 22:15 Uhr
IBM: Q2-Zahlen, 22:30 Uhr

Konjunktur:
EU: Verbraucherpreise (endgültig), 06/18, 11 Uhr
USA: Baubeginne- und genehmigungen 06/18, 14:30 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung im Juni, 15:15 Uhr
USA: NAHB-Index Juli, 16:00 Uhr
USA: Rede von Fed-Chef Powell vor dem Bankenausschuss des Senats, 16:00 Uhr