Keine Entwarnung

Detlev Landmesser

Stand: 28.02.2007, 20:39 Uhr

Nach einem hochnervösen Handelsstart beruhigten sich die Gemüter am Mittwoch ein wenig. Doch die Börsianer bleiben nach den jüngsten Einbrüchen verunsichert.

"Die heutige Erholung des chinesischen Aktienmarktes sollte zur Beruhigung der Lage beitragen", sagte ein Händler. Die Börse in Schanghai hatte am Mittwoch vier Prozent höher geschlossen. Zuvor hatte die staatliche Steuerbehörde Gerüchte entkräftet, nach denen eine Steuer auf Kapitaleinnahmen aus Aktiengeschäften geplant sei - dies war ein Auslöser des Kurssturzes gewesen.

Doch die Unruhe hat sich längst verselbständigt, und sucht nach weiteren Störfaktoren, wie etwa die gespannte Lage im Mittleren Osten. Auch Chartexperten wie etwa Wieland Staud von Staud Research warnen vor weiteren Verwerfungen, nachdem der Dax seinen mittelfristigen Aufwärtstrend verlassen hat. Der L-Dax beendete den Tag bei 6.715,07 Punkten.

An der Wall Street, wo es nach dem deutschen Börsenschluss noch heftig zur Sache gegangen war, waren die Anleger nicht minder nervös. Zeitweise schien die Kurserholung völlig ins Wasser zu fallen, zumal alle drei wichtigen Konjunkturdaten des Tages, die zweite Veröffentlichung des Wirtschaftswachstums im vierten Quartal, der Einkaufsmanagerindex der Region Chicago und die Verkäufe neuer Häuser im Januar schwächer als erwartet ausfielen.

Eine wichtige Rolle bei der Erholung spielte Ben Bernanke: Der US-Notenbankchef erklärte vor einem Parlamentsausschuss, die US-Wachstumsaussichten hätten sich nicht geändert. Er erwarte weiter ein moderates Wachstum. Sollte sich die US-Immobilienbranche stabilisieren, werde die Konjunktur im Jahresverlauf wohl anziehen.

Das Dow-Jones-Schwergewicht Merck & Co. gewann fast drei Prozent, nachdem der Pharmakonzern seine Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr erhöht hatte. Auch die Quartalszahlen des Telekomkonzerns Sprint Nextel wurden positiv aufgenommen.

Stützend wirkt dagegen die Aussage von US-Notenbankchef Ben Bernanke, die US-Wachstumsaussichten hätten sich nicht geändert. Er erwarte weiter ein moderates Wachstum in den USA, sagte Bernanke vor dem Haushaltsausschuss des Repräsentantenhauses. Sollte sich die US-Immobilienbranche stabilisieren, werde die Konjunktur im Jahresverlauf wohl anziehen.

Das Dow-Jones-Schergewicht Merck & Co. gewann über zwei Prozent, nachdem der Pharmakonzern seine Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr erhöht hatte. Auch die Quartalszahlen des Telekomkonzerns Sprint Nextel wurden positiv aufgenommen.

Kauft Porsche VW-Aktien?

Gegen den Trend stemmte sich an der Dax-Spitze die Aktie von Volkswagen mit fast drei Prozent Plus. "Seit Tagen ist hier ein großer Käufer im Markt, der sich systematisch an schwächeren Tagen Stücke sichert", sagte ein Händler. Nun gehe das Gerücht um, dass sich Porsche über den Kauf von Vorzugsaktien eine Hintertür zur Komplettübernahme von VW sichert, meinte ein anderer Händler: "Das Elegante an dieser Variante ist, dass diese Geschäfte im Gegensatz zu einem Einstieg über die Stämme nicht gemeldet werden müssen."

Chrysler kommt voran
Auch die DaimlerChrysler-Aktie wagte sich zeitweise ins Plus. Die defizitäre US-Sparte Chrysler ist mit ihrem Sanierungsprogramm in den USA einen weiteren Schritt vorangekommen. Chrysler vereinbarte am Dienstag mit der Gewerkschaft UAW Abfindungsregelungen für Arbeiter, die das Unternehmen im Rahmen des Abbaus von insgesamt 11.000 Stellen in Nordamerika verlassen sollen. Die Abfindungen könnten bis zu 100.000 Dollar erreichen, hieß es.

Neuer Stolperstein für Eon
Dagegen machte sich die Aktie von Eon am anderen Indexende breit. Der italienische Energiekonzern Enel hat sich nämlich in das Rennen um die von den Deutschen umworbene Endesa eingeschaltet. Enel hat nach eigenen Angaben knapp zehn Prozent an Endesa erworben. Eon muss damit bei der anvisierten Endesa-Übernahme ein weiteres Hindernis überwinden.

Münchener Rück auf Wachstumspfaden
Die Aktie der Münchener Rück verlor 3,4 Prozent, dabei war die Bilanz des Jahres 2006 vor allem dank geringer Großschäden vorzeigbar. Der weltweit zweitgrößte Rückversicherer erfüllte mit seinem Rekordergebnis die Erwartungen der Analysten großteils. Im vierten Quartal wurde allerdings ein Gewinneinbruch verbucht.

T-Day bei der Telekom
Auch am Abend warteten die Börsianer noch auf Details von der entscheidenden Aufsichtsratssitzung. Angesichts der schwindenden Erträge im Festnetzgeschäft wird mit drastischen Einschnitten gerechnet. Die "Süddeutsche Zeitung" hatte berichtet, dass die Telekom offenbar deutlich mehr Arbeitsplätze in die neue T-Service-Gesellschaft auslagern wolle als bisher geplant. Am Mittwoch war gerüchteweise von bis zu 49.000 Mitarbeitern die Rede. Morgen wird die Telekom ihre Zahlen für 2006 veröffentlichen.

Bayer baut fast 1.000 Stellen ab
Auch Bayer äußerte sich zu Umstrukturierungsmaßnahmen im Zuge des Zusammengehens mit Schering. Der Leverkusener Konzern will in Berlin 950 Arbeitsplätze abbauen. Bis Mitte 2008 werde es in der Bundeshauptstadt aber keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Für 350 Beschäftigte seien bereits Regelungen wie beispielsweise Altersteilzeit gefunden worden. Bayer sei zuversichtlich, auch für die verbleibenden 600 Stellen eine sozialverträgliche Lösung zu finden.

Nervöser Handel im MDax und TecDax
In der zweiten Reihe war die Nervosität noch sichtbarer. In MDax, SDax und TecDax steckten viele Aktien zunächst prozentual zweistellige Verluste ein. United Internet rauschte zwischenzeitlich rund 16 Prozent in die Tiefe, IVG Immobilien rund 19 Prozent ab, und zwar, ohne dass neue Meldungen seitens der Unternehmen anstanden.

Pfleiderer verdreifacht Gewinn
Etliche Unternehmen veröffentlichten aber auch ihre Bilanzen. Pfleiderer verlor nach der Zahlenvorlage, obgleich die Daten passabel waren. Der Holzverarbeiter verdreifachte seinen Gewinn im vergangenen Jahr nahezu und lag damit im Rahmen der Markterwartungen.

Zeitweise stand auch die Aktie von Krones nach Zahlen heftig unter Druck, konnte ihr Tagesminus aber deutlich verringern. Nach einer starken Umsatz- und Gewinnsteigerung 2006 will der Abfüllanlagenhersteller in diesem Jahr beim Umsatz erstmals die Marke von zwei Milliarden Euro überspringen. Im vergangenen Jahr legte der Umsatz 12,7 Prozent auf 1,91 Milliarden zu.

Endlich Details zur Airbus-Sanierung
Am Nachmittag hatten die Spekulationen um die Airbus-Sanierung endlich ein Ende, was auch der EADS-Aktie ins Plus verhalf. Airbus will in den kommenden vier Jahren 10.000 Stellen abbauen. Davon sollen 3.700 auf Deutschland entfallen, teilte das Unternehmen mit. Weitere 4.300 Stellen entfallen auf Frankreich, 1.600 auf Großbritannien, 400 auf Spanien. 5.000 der genannten Stellen seien mit "Zeitarbeitskräften oder Unterauftragnehmern" besetzt. Zudem will Airbus sechs Werke - davon drei in Deutschland - ausgliedern.

QSC-Zahlen ganz ordentlich
Im TecDax büßte die QSC-Aktie zwischenzeitlich bis zu zwölf Prozent ein, reduzierte das Minus dann aber deutlich. Der Telekomkonzern hat in seiner Bilanz und mit dem Ausblick insgesamt die Erwartungen genau getroffen und keine Überraschungen geboten, sagte ein Händler. Derzeit stehe vor allem auch Übernahmefantasie im Fokus. Die Verluste wurden auf Gewinnmitnahmen in dem aktuellen Marktumfeld zurückgeführt.

Morphosys rutscht ab ins Rot - Aktie im Plus
Im TecDax gehörten Morphosys anfangs zu den großen Verlierern - doch die Aktie drehte gegen Mittag ins Plus. Laut einem Händler hatten die Marktteilnehmer zunächst enttäuscht auf die Verfehlung des operativen Gewinnziels reagiert, im weiteren Handelsverlauf aber den Fokus auf die ansonsten gute Geschäftsentwicklung gerichtet.

Solon fährt Achterbahn
Bei Einzeltiteln gab es extreme Schwankungen. "Besonders auffällig waren heute morgen Solon mit einem Start von rund minus 20 Prozent auf 32,00 Euro", berichtete ein Börsianer. Hier waren von Anlegern Stop-Loss-Orders programmiert gewesen, um weitere Verluste zu vermeiden. "Da nach gestern aber niemand auf der Käuferseite stand, brachen zahlreiche Kurse ein", so der Börsianer. Am Ende lag die Aktie dennoch im Plus.

Gewinneinbruch bei Aleo Solar
Handfeste fundamentale Gründe für den Kursrutsch gab es dagegen bei dem Branchenkollegen Aleo Solar. Der Solarmodulhersteller hat 2006 wegen hoher Kosten für den Kauf von Solarzellen einen Ergebniseinbruch verzeichnet. Das operative Ergebnis fiel laut vorläufigen Zahlen auf 9,6 (Vorjahr: 14,7) Millionen Euro.

GfK erreicht Milliardenumsatz
Auch im SDax gab es zahlreiche Bilanzveröffentlichungen. So bei der GfK, deren Aktie zeitweise das Index-Schlusslicht bildete. Dabei hat das Marktforschungsunternehmen 2006 die Umsatz-Milliarde erreicht. Die Erlöse sprangen rund 19 Prozent in die Höhe auf 1,11 Milliarden Euro. Das angepasste operative Ergebnis kletterte um gut 20 Prozent auf 150 Millionen. Die Dividende soll auf 0,36 Euro je Aktie steigen.

MPC und KWS erst blind verkauft, dann gekauft
Mehr als zehn Prozent abwärts ging es zeitweise für MPC, trotz Rekordergebnis. Danach schaffte es der SDax-Titel aber noch ins Plus. Der Hamburger Fondsanbieter hat vor allem dank Immobilienverkäufen im vergangenen Jahr ein Rekordergebnis erzielt. Die Erlöse kletterten um 19 Prozent. Das operative Ergebnis (Ebit) stieg um 29 Prozent. Seinen Aktionären stellte MPC eine Erhöhung der Dividende um einen auf fünf Euro in Aussicht.

Auch KWS Saat verbilligte sich nach Präsentation der Geschäftszahlen zunächst, drehte dann aber ins Plus. Der Saatguthersteller hat im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2006/2007 seinen Betriebsverlust verringert. Der Umsatz stagnierte.

Schließlich gelang auch Gerry Weber der Wechsel in die Pluszone. Die Modefirma will ihren Umsatz bis 2012 verdoppeln. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2005/06 verdiente Gerry Weber bei einem Umsatzplus von 13,6 Prozent auf rund 443 Millionen Euro netto gut 21 (Vorjahr: 16,0) Millionen. Die Aktionäre sollen eine unveränderte Dividende von 40 Cent je Aktie erhalten.

Prügel für Dialog Semi und Muehlhan
Dialog Semiconductor und Muehlhan wurden von Anlegern für ihre Bilanzen abgestraft. Der Chip-Entwickler Dialog rutschte nämlich tiefer in die roten Zahlen, was auch an der Pleite des Großkunden BenQ Mobile lag. Die Aktie brach zunächst um ein Viertel ein, erholte sich dann aber deutlich.

Nicht so die Aktie von Muehlhan, die auch am Abend noch fast ein Drittel im Minus lag. Das im maritimen Oberflächenschutz tätige Unternehmen meldete nach vorläufigen Zahlen stagnierende Umsätze. Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) soll etwa drei Millionen Euro erreichen. Damit ergäbe sich für 2006 lediglich ein leicht positives Nachsteuerergebnis - da war man zuvor von mehr ausgegangen. Für Druck sorgte die Herabstufung durch die WestLB von "Buy"auf "Sell", das Kursziel wurde von zuvor elf auf 6,50 Euro gesenkt.

Permira will MME schlucken
Einer der wenigen Highflyer war die Aktie von MME Moviement. Der Kurs des Berliner TV-Produzenten schnellte um 18,3 Prozent auf 6,92 Euro in die Höhe. Grund dafür war ein Übernahmeangebot von Permira. Der Finanzinvestor will MME für rund 78 Millionen Euro übernehmen und sieben Euro je Aktie zahlen. Permira hat sich bereits rund 39 Prozent des MME-Kapitals gesichert.

Eurofins kauft sich Umsatz
Die Aktie von Eurofins Scientific litt nach den erwartet guten Jahreszahlen unter Gewinnmitnahmen. Nicht weniger als acht Übernahmen haben 2006 bei dem deutsch-französischen Bioanalytikunternehmen zu einem Umsatz- und Gewinnsprung geführt. Der Umsatz kletterte binnen Jahresfrist um 58 Prozent auf 368 Millionen Euro und lag damit über dem auf zuletzt 345 Millionen Euro angehobenen Umsatzziel. Der Nettogewinn habe 2006 bei 19,3 Millionen Euro gelegen, ein Plus von fast 40 Prozent zum Vorjahr. Für 2007 erhöhte die Gesellschaft ihr Umsatzziel von bislang 420 auf 450 Millionen Euro. Eurofins sieht sich als Marktführer in der Lebensmittelanalytik.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
Volvo Car: Halbjahreszahlen, 6:00 Uhr
Volvo AB: Q2-Zahlen, 7:20 Uhr
Kuehne & Nagel: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
Adva Optical: Q2-Zahlen, 7 Uhr
SAP: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Amadeus Fire: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Villeroy & Boch: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Südzucker: HV, 10 Uhr
Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Blackstone: Q2-Zahlen
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Konjunktur:
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USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr