Kein Tag für schwache Nerven

Detlev Landmesser

Stand: 26.06.2008, 20:22 Uhr

Rot, so weit das Auge reicht: Am Donnerstag brachen die Kurse gleich reihenweise ein. Die Aktie von General Motors sackte gar auf ein 53-Jahres-Tief ab. Auch im TecDax gab es einen spektakulären Kurseinbruch.

Der L-Dax schloss 2,7 Prozent tiefer bei 6.438,99 Punkten. Am Abend erreichte der US-Ölpreis erstmals die Marke von 140 Dollar. Dazu trug die Meldung bei, dass das Ölkartell Opec den Ölpreis noch in diesem Sommer auf 150 bis 170 Dollar steigen sieht.

Mehr noch als der Ölpreis machen neue Sorgen um die Bankbilanzen den Investoren zu schaffen. Zur Stunde verlieren die großen US-Indizes jeweils mindestens 2,2 Prozent.

Zudem lastet General Motors auf dem Dow Jones, der das niedrigste Niveau seit September 2006 testet. Goldman Sachs hatte den Autotitel auf "Verkaufen" gestellt, worauf die GM-Aktie auf den niedrigsten Stand seit 1955 absackte. Die US-Investmentbank ging aber auch mit den Branchenkollegen Citigroup und Merrill Lynch hart ins Gericht und sagte diesen weitere Milliardenabschreibungen voraus.

Die jüngsten US-Konjunkturdaten hatten wenig Einfluss. Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe verharrten in der abgelaufenen Woche auf dem Wert der Vorwoche von 384.000. Die steigende Verkaufszahl bestehender Häuser im Mai brachte auch keine Entlastung - schließlich ging ein Großteil davon auf Zwangsversteigerungen zurück.

Ex-Tochter belastet Daimler

In Deutschland schaffte es kein einziger Dax-Titel ins Plus. So lastete die Daimler-Aktie mit einem Minus von 3,3 Prozent schwer auf dem Index. Am frühen Nachmittag waren Gerüchte über eine drohende Insolvenz der ehemaligen Daimler-Tochter Chrysler aufgekommen. Die Stuttgarter halten noch knapp 20 Prozent an Chrysler. Der US-Autobauer dementierte, was der Daimler-Aktie allerdings nur unwesentlich wieder nach oben half. Am Dienstag hatte Chrysler den von Daimler zugesagten Kredit in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar in Anspruch genommen. Am Vorabend hatte die Ratingagentur Fitch die Kreditwürdigkeit Chryslers wegen einbrechender Verkaufszahlen abgestuft.

HRE-Aktie fällt unter 19 Euro
Mit einem Verlust von 7,3 Prozent war Hypo Real Estate der schwächste Dax-Titel. Die Nachricht, dass der Investorengruppe um J.C. Flowers fast die Hälfte der Aktien zum Kauf angeboten wurde, stieß bei Anlegern und Analysten übel auf. Ein Konsortium um den Finanzinvestor wollte lediglich 24,9 Prozent der HRE-Anteile erwerben, nun könnte ein Aktienüberhang der verkaufswilligen Anteilseigner drohen.

Konkurrenzsorgen um Deutsche Börse
Ebenfalls unter Druck stand erneut die Aktie des Börsenbetreibers. Nach Medienberichten soll die alternative Handelsplattform "Turquoise" bereits im August an den Start gehen. Marktbeobachter erwarten, dass die Plattform schnell Marktanteile gewinnen wird. Die Börsenaktie büßte 6,3 Prozent ein.

Nike und Oracle belasten
Mit Schlagseite wurden auch die Papiere von Adidas und SAP gehandelt. Die US-Konkurrenten der beiden Dax-Konzerne, Nike sowie Oracle hatten am Vorabend enttäuschende Quartalszahlen gemeldet. Die Aktien der US-Unternehmen kamen in New York am Mittwochabend unter Druck, genau wie die ihrer deutschen Pendants am Donnerstag.

S&P stuft Conti herunter
Auch die Continental-Aktie erlebte erneut einen schwachen Tag. Die Ratingagentur S&P senkte ihre Bonitätseinschätzung für den Autozulieferer. Das Kurzfrist-Rating wurde von "A2" auf "A3" herabgestuft. Das Langfristrating bleibe bei "BBB". Den Ausblick für die Entwicklung der Bonität senkte S&P von "stabil" auf "negativ".

Asiatische Fantasien um Infineon
Neue Fusionsfantasien konnten die Infineon-Aktie nur vorübergehend stützen. Nach Angaben der "Financial Times Deutschland" prüft das Unternehmen derzeit einen Zusammenschluss mit einem asiatischen Wettbewerber. Bis zum Spätsommer solle eine Entscheidung darüber fallen, schrieb das Blatt.

Premiere vor News Corp-Offerte
Zu den wenigen Gewinnern im MDax zählte die Premiere-Aktie. Sie profitierte von einer Entscheidung der EU-Kommission, die den Weg für die Übernahme des Bezahlsenders durch die News Corp des Medienunternehmers Rupert Murdoch freigemacht hat. Die Wettbewerbshüter fordern allerdings, dass andere Anbieter weiterhin Zugang zur Satellitenplattform von Premiere erhalten. Die News Corp hält bislang 25,1 Prozent an Premiere.

Arcandor verliert gut zehn Prozent
Schwächster MDax-Titel war Arcandor. Kursbewegende Neuigkeiten gab es am Donnerstag nicht. Tags zuvor hat der Kaufhaus-Konzern angekündigt, sich frische Mittel über eine Anleihe von bis zu 350 Millionen Euro für mögliche Übernahmen beschaffen zu wollen.

MTU beteiligt sich bei GE-Projekt
Der Triebwerkshersteller MTU steigt beim Bau der neuen Industriegasturbine LM6000 des US-Mischkonzerns General Electric (GE) als Partner ein. Damit soll ein Umsatzbeitrag von 1,2 Milliarden Euro bis zum Ende der Laufzeit (in 30 bis 40 Jahren) erwirtschaftet werden. Dem MDax-Titel half das aber am Donnerstag wenig.

Massive Verkäufe bei Wirecard
Im TecDax machte die Wirecard-Aktie mit einem dramatischen Kurseinbruch Furore. Zunächst verwiesen Börsianer auf vage Gerüchte über Aktienverkäufe des jüngst ausgeschiedenen Aufsichtsratsvorsitzenden. Dann machten Spekulationen über Manipulationen der Bilanz die Runde, nachdem Händler von Untersuchungen der Schutzgemeinschaft für Kapitalanleger (SdK) gesprochen hatten. Ein SdK-Sprecher sagte auf Anfrage von dpa-AFX, von Untersuchungen könne nicht die Rede sein. Es habe Ungereimtheiten in der Bilanz gegeben. Bereits auf der Hauptversammlung vor zwei Tagen habe man kritische Fragen gestellt. Wirecard wies die Gerüchte zurück. "Das dementieren wir entschieden", sagte eine Sprecherin am Nachmittag. Die Bilanzierung sei korrekt, und das Jahr 2008 werde "sehr gut". Wirecard vermute eine Attacke von Hedge Fonds. Das Dementi verpuffte allerdings im weiteren Verlauf. Die Aktie beendete den Xetra-Handel auf einem Tagestief von 7,75 Euro, was einem Minus von 29,55 Prozent entspricht. Am Abend kündigte die Sprecherin an, Wirecard werde Anzeige wegen Marktmanipulation bei der Aufsichtsbehörde BaFin einreichen. Zudem werde das Unternehmen auch strafrechtlich gegen Einzelne vorgehen.

UI und Drillisch machen Freenet weiter Druck
Eins steht jetzt schon fest: Auf der Hauptversammlung von Freenet am 8. August wird es jede Menge Zoff geben. Am Donnerstag kündigten die Großaktionäre Drillisch und United Internet an, den kompletten Aufsichtsrat auswechseln zu wollen. Entscheidend für das Abstimmungsergebnis wird sein, ob Neu-Aktionär Permira bis zu dem HV-Termin im Aktionärsregister eingetragen sein wird. Mit der Übernahme von Debitel erhält Permira 25 Prozent an Freenet. Der Anteil von UI und Drillisch würde sich zugleich von 25,2 auf 18,9 Prozent verwässern. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete unterdessen vorab aus ihrer Freitagausgabe, Marktteilnehmer gingen davon aus, dass UI und Drillisch bis zur Hauptversammlung auf 29 Prozent aufstocken wollten.

Chinesen kaufen bei Repower
Dank eines neuen Großauftrags hielt sich die Aktie des Windkraft-Spezialisten Repower auf der Nulllinie. 24 Anlagen soll das Unternehmen in die chinesische Provinz Guangdong im kommenden Jahr liefern.

Escada auf dem Rückzug
Escada hat im zweiten Quartal einen Verlust von 4,3 Millionen Euro angehäuft. Der Umsatz fiel um 16 Prozent auf 154 Millionen Euro. Erst vergangene Woche hatte der Modekonzern, der vor einem Umbau des Aktionärskreises und des Managements steht, seine Prognose gesenkt. Die Aktie reagierte mit einem Abschlag von 3,3 Prozent.

Gesco gut im Geschäft
Der SDax-Neuling Gesco hat im abgeschlossenen Geschäftsjahr 2007/08 seinen Umsatz von 268 auf 333 Millionen Euro gesteigert. Der Überschuss lag nach 13,3 Millionen Euro im Vorjahr nun bei 17,9 Millionen Euro. Für das angelaufene Jahr erwartet die Beteiligungsgesellschaft Umsätze in der Größenordnung von 370 Millionen Euro.

Hornbach kommt voran
Die Baumarktkette Hornbach hat in den Monaten März bis Mai ihre Umsätze um 6,2 Prozent auf 739,2 Millionen Euro gesteigert. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) kletterte gar um 49,4 Prozent auf 48,4 Millionen Euro. Die Baumärkte sind der größte Teilbereich des Gesamtkonzerns Hornbach Holding.

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat