Kein eitel Sonnenschein

Angela Göpfert

Stand: 18.08.2009, 20:09 Uhr

Die Aktienmärkte haben nach ihren herben Verlusten am Vortag wieder etwas Boden gutmachen können. Anlass zu blinder Euphorie bietet das aber nicht. Kritische Experten warnen sogar, die Rally habe ihren Zenit bereits erreicht.

Dieser Meinung ist zumindest Pimco-Vorstandschef Mohamed El-Erian. Die Aktien seien zu schnell nach oben gepusht worden. Nun rückten fundamentale wirtschaftliche Rahmendaten wieder in den Vordergrund. "Meiner Meinung nach erleben gerade ein kräftiges Tauziehen", sagte El-Erian. Die Allianz-Tochter Pimco ist einer der weltweit größten Geldverwalter.

"Dax fehlte die Kraft"
Tatsächlich war die Rally der vergangenen Wochen vornehmlich liquiditätsgetrieben. Doch Investoren, die nur aus einem Anlagenotstand heraus in den Aktienmarkt investierten, dürften sich bei Rücksetzern ebenso rasch wieder davon verabschieden.

Mit Blick auf den deutschen Aktienmarkt merkte Kapitalmarktexperte Stefan de Schutter von Alpha Wertpapierhandel kritisch an: "Wir haben eine leichte Erholung gesehen. Es fehlten aber die Käufer am Markt, und damit fehlte dem Dax die Kraft." Abgesehen von dem heute veröffentlichten ZEW-Stimmungsindikator, der für August die beste Stimmung deutscher Finanzexperten seit über drei Jahren anzeigte, hätten die Konjunkturdaten zuletzt enttäuscht.

Etappensieg für Optimisten
Andere Experten sehen in der Tatsache, dass sich die Börsen mittlerweile deutlich von ihren Jahreshöchstständen entfernt haben indes keinen Grund zur Beunruhigung. Sie sprechen von einem Luftholen, bevor die Rally in die nächste Runde geht.

Am Dienstag trugen jedenfalls die Optimisten einen kleinen Sieg davon: Nach den herben Verlusten des Vortages konnten sich die Aktienmärkte stabilisieren und sogar Kursgewinne einfahren. Der Dax kletterte um 0,9 Prozent auf 5.250 Punkte und schloss somit auf Tageshöchststand. Damit lieferte der deutsche Leitindex zu guter Letzt und nach einem lange Zeit nicht gerade euphorischen Handel ein positives charttechnisches Signal.

Im späten Parketthandel ging es sogar noch ein bisschen höher, der Late-Dax schloss bei 5.254 Zählern. Zu diesem Zeitpunkt notierten der Dow Jones und der marktbreite S&P 500 jeweils 0,9 Prozent höher. Die Kurse an der Nasdaq kletterten gar um 1,2 Prozent.

Einzelhändler sorgen für Erleichterung
Negative Daten vom US-Häusermarkt wurden durch positive Unternehmensnachrichten überkompensiert. So fiel der Gewinneinbruch bei Home Depot im zweiten Quartal weit weniger stark aus als von Analysten befürchtet. Zudem hob die weltgrößte Baumarktkette ihre Prognose für das Gesamtjahr an. "Wir gewinnen Marktanteile und arbeiten operativ effektiver", erklärte der Vorstandsvorsitzende Frank Blake.

Die Zahlen von Handelsketten verstärkten die positive Stimmung an der Wall Street: So fiel der Gewinneinbruch bei Target und Saks weit milder aus als befürchtet. Aktien von Hewlett Packard verzeichneten leichte Kursgewinne. Der Computerhersteller legt nach US-Börsenschluss seine Zahlen zum dritten Quartal vor.

Apple: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
162,86
Differenz relativ
-3,50%

Royal Bank of Canada pusht Nasdaq
Eine positive Analystenstudie der RBC zu den großen Investitionsmöglichkeiten im Smartphone-Markt beflügelte zudem die Kurse an der Technologiebörse Nasdaq. Aktien des iPhone-Herstellers Apple, des Blackberry-Produzenten RIM und von Palm kletterten in die Höhe.

Immer mehr VW-Shorties
Die VW-Aktie war mit einem Minus von 1,2 Prozent erneut eine schwere Bürde für den deutschen Leitindex Dax. Zeitweise war der Titel bis auf 164 Euro eingebrochen - den niedrigsten Stand seit März 2008. Laut Daten des Analysehauses Dataexplorer hat sich der Anteil der ausgeliehenen VW-Stammaktien in den vergangenen zwei Monaten auf zwei Prozent aller ausgegebenen Stämme verdoppelt. Ausleihungen von Aktien gelten als guter Indikator für Short-Positionen, also Wetten auf fallende Kurse.

Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
16,10
Differenz relativ
-1,89%

Stahltitel haussieren
Aktien der Stahlkonzerne Salzgitter und ThyssenKrupp taten sich indes positiv hervor. Sie gewannen dank einer zuversichtlichen Branchenstudie des Brokerhauses Nomura 4,3 respektive 2,9 Prozent. Laut Nomura unterschätzt der Markt das Erholungspotenzial für die Stahlpreise im zweiten Halbjahr und 2010.

Deutsche Börse: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
111,75
Differenz relativ
-2,40%

Deutsche Börse im Jagdfieber?
Zweitgrößter Gewinner im Dax war die Aktie der Deutschen Börse mit einem Aufschlag von 4,3 Prozent Sie profitierte von Marktspekulationen, dass sich der Frankfurter Börsenbetreiber die alternative Handelsplattform Turquoise einverleiben könnte. Nach Informationen von mehreren mit der Situation vertrauten Personen hat Turquoise die UBS beauftragt, einen Käufer für sich zu finden.

RWE nimmt Enea-Komplettkauf ins Visier
Auch die RWE-Aktie hielt sich mit einem Plus von 1,4 Prozent besser als der Markt. Der Energiekonzern hat eine unverbindliche Offerte für 67 Prozent an Enea abgegeben und nimmt laut RWE-Chef Jürgen Großmann sogar eine komplette Übernahme des polnischen Versorgers ins Visier. Das zog positive Analystenkommentare nach sich: Enea würde strategisch gut zu RWE passen, befanden etwa Merck Finck und Independent Research.

Erleichterungsrally bei Conti
Im MDax schoss die Continental-Aktie in die Höhe und machte ihre Verluste der vorangegangenen Handelstage auf einen Schlag wieder wett. Conti-Großaktionär Schaeffler hatte sich mit seinen Gläubigerbanken auf ein neues Finanzierungskonzept geeinigt. "Damit steht die Übernahme durch Schaeffler", sagte Marktanalyst Heino Ruland.

Am anderen Ende des MDax rangierte die Fielmann-Aktie nach einer Herabstufung durch Merrill Lynch von "Buy" auf "Neutral".

Singulus-Rally vor Rauswurf?
Im TecDax ragte die Singulus-Aktie mit einem Aufschlag von bis zu 11,2 Prozent heraus. Anleger honorierten damit die Rückkehr des Singulus-Gründers Roland Lacher an die Konzernspitze. Der Konzern leidet unter einem massiven Auftragseinbruch. Trotz der heutigen Rally dürften die Tage von Singulus im TecDax gezählt sein. Eine entsprechende Entscheidung des Arbeitskreises Aktienindizes der Deutschen Börse wird für den 3. September erwartet.

Solon verbucht Rekordverlust
Gar nicht gut kamen dagegen die Zahlen von Solon am Markt an. Der Konzern hatte im zweiten Quartal einen Rekordverlust von 91 Millionen Euro verbucht und damit die Analystenschätzungen verfehlt. Unicredit-Analyst Michael Tappeiner monierte die sinkenden Marktanteile und die Probleme bei der Refinanzierung, er empfiehlt den Titel weiterhin zum Verkauf.

Freenet-Aktie ein Kauf?
Beliebter bei Analysten schien da schon die Freenet-Aktie: Die DZ Bank empfiehlt den Titel weiterhin zum Kauf und hat ihr Kursziel von 9,00 auf 12,00 Euro erhöht. Davon profitierte auch die Aktie des Großaktionärs United Internet.

CTS spürt von Krise nichts
Im SDax stand die Aktie von CTS Eventim nach Halbjahreszahlen auf der Gewinnerseite. Der Ticketvermarkter hat sein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) um knapp 45 Prozent auf 35,3 Millionen steigern können. Der Nettogewinn lag mit rund 18 Millionen Euro gut ein Drittel über dem Vorjahreswert. Die DZ Bank sprach von "sehr starken" Zahlen. "Es gab schon häufiger mal konjunkturelle Tiefphasen, die uns nie negativ beeinflusst haben", sagte Finanzvorstand Volker Bischoff. "Die Leute sparen eher bei Reisen oder im Alltag."

Sixt fährt in Gewinnzone
Dagegen verzeichnete Sixt-Aktie unterdurchschnittliche Gewinne, dabei waren die Zahlen zum zweiten Quartal etwas besser ausgefallen als erwartet. Nach der Rückkehr in die schwarzen Zahlen will sich der Autovermieter auch künftig mit kleinerer Flotte, höheren Preisen und weniger Personal in der Gewinnzone halten. Vorstandschef Erich Sixt kündigte am Dienstag einen deutlichen Jahresüberschuss für 2009 an.

Reanimationsversuch treibt Escada
Außerhalb der Indizes trieben Hoffnungen auf einen Kaufinteressenten für den insolventen Modekonzern die zum Zockerpapier verkommene Escada-Aktie um bis zu 37 Prozent in die Höhe. Dabei will der Interessent natürlich keineswegs die AG als Ganzes übernehmen, sondern lediglich "einzelne Assets", um sich vor den Ansprüchen der Gläubiger schützen.

Gewinnmitnahmen bei Vestas
In Kopenhagen verteuerten sich Vestas-Aktien in der Spitze um knapp sieben Prozent, bevor Gewinnmitnahmen einsetzten. Der dänische Windkraftanlagenbauer hatte für das zweite Quartal zwar ein schwächer als erwartet ausgefallenes Ergebnis ausgewiesen, doch die bestätigte Prognose für das Gesamtjahr kam am Markt gut an. Die Commerzbank beließ die Aktien auf "Hold". Der deutsche Konkurrent Nordex berichtet am 25. August über seine Geschäftsentwicklung im zweiten Quartal. Analysten rechnen mit einem Gewinneinbruch um mehr als ein Viertel.

Wienerberger gibt Gas
In Wien schnellten die Aktien von Wienerberger um bis zu 20,5 Prozent nach oben. Der Ziegelproduzent übertraf mit seinen Halbjahreszahlen die Marktprognosen. Die Gewinne seien nicht so stark gesunken wie zunächst gedacht, hieß es. Außerdem hätten neue Vereinbarungen mit Banken die Sorgen um eine Kapitalerhöhung gemildert.

Tagestermine am Dienstag, 20. November

Unternehmen:
Dermapharm: Q3-Zahlen, 7.30 Uhr
Westwing: Q3-Zahlen, 7.30 Uhr
Easyjet: Jahreszahlen, 8 Uhr
Porsche Automobil Holding: Q3-Zahlen
The Gap: Q3-Zahlen
BASF: Pressekonferenz zu aktuellen Entwicklungen

Konjunktur:
Deutschland: Erzeugerpreise gewerbliche Produkte, 8 Uhr
Deutschland: Baugenehmigungen, 8 Uhr
USA: Baubeginne, -genehmigungen, 14.30 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"