Kampf gegen Super-GAU macht Anlegern Mut

Notker Blechner

Stand: 17.03.2011, 20:35 Uhr

Die Hoffnung auf einen Erfolg im Kampf gegen die nukleare Katastrophe in Japan hat die Börsenkurse weltweit angeschoben. Der Dax schloss nach sechs Handelstagen im Minus erstmals wieder im Plus. Doch die Nervosität bleibt groß.

Kommt er oder kommt er nicht? Kaum jemand kann derzeit sagen, ob der Super-GAU in Japan eintritt oder nicht. Die Anleger befinden sich zwischen Hoffen und Bangen. Am Donnerstag überwog die Hoffnung auf die Abwendung der Atom-Katastrophe. Die Ingenieure arbeiten mit Hochdruck daran, die Stromversorgung im Atomkraftwerk Fukushima wieder in Gang zu bringen, um die Kühlung der heiß gelaufenen Reaktoren zu gewährleisten. Mit Hilfe eines Starkstrom-Kabels sollen die Kühlpumpen wieder in Gang gesetzt und damit das Schlimmste verhindert werden. Bis Samstag soll sich entscheiden, ob die Aktion erfolgreich war.

Kursrutsch vorerst gestoppt

Mangels neuer Schreckensnachrichten entspannte sich die Lage an den Aktienmärkten: Der Dax schloss im Xetra-Handel zwei Prozent höher bei knapp 6.657 Punkten, und der Dow legte 1,3 Prozent zu. Der L-Dax schloss im späten Handel bei 6.647 Zählern. "Die Anleger reagieren derzeit auf alles positiv, was nach einem Hoffnungsschimmer im Kampf gegen die Katastrophe in Japan aussieht", meinte Händler Thomas Sprangl von der Postbank. Insgesamt aber bleibe die Lage fragil und hänge stark vom weiteren Nachrichtenfluss ab, ergänzte Klaus Stabel, Analyst von ICF.

Technische Gegenbewegung
Manche Experten sprachen am Donnerstag auch von einer technischen Gegenbewegung an den Märkten. Einige Börsianer griffen bei Aktien wieder zu, weil sie die jüngsten Kursverluste für übertrieben halten. Die Analysten der UBS verwiesen darauf, dass die Verbindungen zwischen der europäischen und japanischen Wirtschaft begrenzt seien. Nur ein Prozent der Exporte aus der Eurozone gehe nach Japan.

Yen steigt und steigt
Während der Nikkei weiter nachgab, kletterte die japanische Währung auf ein Rekordhoch. Denn japanische Anleger zogen ihre Yen aus dem Dollar-Raum ab und trieben damit die Währung auf den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg gegenüber dem Dollar. Für einen Dollar mussten zeitweise 76,25 Yen bezahlt werden. Der Euro kämpfte derweil mit der Marke von 1,40 Dollar.

Der Ölpreis setzte seine Erholung vom Vortag fort und kletterte wieder auf über 100 US-Dollar. US-Rohöl der Sorte WTI verteuerte sich auf 100,78 US-Dollar. Ein Barrel der Nordseesorte Brent stieg um über drei Dollar auf fast 114 Dollar. Am Dienstag waren die Ölpreise wegen der Sorge vor einem Nachfragerückgang noch nach unte gerutscht.

Zwiespältige Daten aus den USA
Angesichts des Atom-Dramas in Japan gerieten neue Konjunkturdaten aus den USA in den Hintergrund. Diese fielen uneinheitlich aus. Die Produktion schrumpfte im Februar unerwartet um 0,1 Prozent. Volkswirte hatten mit einem Plus von 0,6 Prozent gerechnet. Der hohe Ölpreis heizte zudem die Inflation an. Die Verbraucherpreise stiegen um 0,5 Prozent - statt wie prognostiziert 0,4 Prozent. Auch die US-Frühindikatoren blieben hinter den Erwartungen zurück. Sie stiegen mit 0,8 Prozent nicht so stark wie erhofft (1,0 Prozent). Nur der Philly-Fed-Index überraschte positiv. Er fiel mit 43,3 Punkten im März deutlich besser aus als erwartet. Volkswirte hatten nur 30 Zähler auf ihrer Rechnung.

HeidelbergCement: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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68,14
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HeidelbergCement als Krisenprofiteur?
Die Japan-Krise beeinflusste auch einzelne Dax-Titel. So war der Baustoffkonzern HeidelbergCement größter Dax-Gewinner, weil der Zementhersteller als Profiteur gesehen wird. Japan werde nun wohl seine Ausfuhren wegen des notwendigen Wiederaufbaus der Erdbeben-Region stoppen und 2012 gar zum Importeur werden, prophezeite HeidelbergCement-Chef Bernd Scheifele am Donnerstag. Das eröffnet der indonesischen HeidelbergCement-Tochter Indocement neue Absatzchancen. HeidelCement will im laufenden Jahr Umsatz und operatives Ergebnis weiter steigern. 2010 verdiente das Unternehmen 511 Millionen Euro.

Siemens: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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111,04
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Abschaltung der AKWs gut für Siemens-Gasturbinen
Ebenfalls als Krisen-Gewinner wurde Siemens gehandelt. Die Aktien schossen um vier Prozent auf über 90 Euro nach oben. "Siemens wird als Anbieter von Gas-Turbinen zu den Profiteuren einer Abschaltung von Kernkraftwerken gehören", schrieben die Analysten der Unicredit in einem Marktkommentar.

Schäden für Versicherer geringer als befürchtet?
Deutlich erholt präsentierten sich am Donnerstag ebenfalls die Kurse der Versicherer. Die Aktien der Münchener Rück und Allianz kletterten um vier Prozent nach oben. Der Risikospezialist schätzte die versicherten Schäden des Erdbebens auf 12 bis 25 Milliarden Dollar. Das ist weniger als bisher angenommen war.

Lufthansa will Turbulenzen trotzen
Über ein Prozent konnten die Aktien der Lufthansa zulegen. Die Kranich-Airline kündigte am Donnerstag an, trotz steigender Ölpreise und politischer Wirren in Nordafrika in diesem Jahr Umsatz und operatives Ergebnis weiter zu verbessern. "Das Jahr 2011 wird kein Spaziergang. Der Wind im Wettbewerb auf Europastrecken und Langstrecken nach Asien und Amerika wird rauer", sagte Konzernchef Christoph Franz. Vor allem das Cargo-Geschäft erholte sich im vergangenen Jahr deutlich. Nur die zugekauften Auslandstöchter Austrian Airlines und British Midland schrieben rote Zahlen.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
152,94
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Porsche-VW-Fusion erst nach 2011?
Derweil verdichten sich die Anzeichen, dass sich der Zusammenschluss von Porsche und VW verzögert. Die Wahrscheinlichkeit für die Verschmelzung noch in diesem Jahr sei von 70 auf 50 Prozent gesunken, teilten beide Konzerne mit. VW-Chef Martin Winterkorn bekräftigte aber das Ziel, Porsche sobald wie möglich in das Wolfsburger Imperium zu integrieren. Unabdingbar für die Fusion bleibt eine Kapitalerhöhung von Porsche. Diese soll bis Ende Mai über die Bühne gehen und dem Sportwagenbauer fünf Milliarden Euro einbringen. Im Rumpfgeschäftsjahr 2010 (August bis Dezember) machte Porsche einen Gewinn von knapp 1,3 Milliarden Euro. Die Porsche-Aktien legten fast drei Prozent zu.

SGL im Karbonfaser-Fieber
Im MDax standen die Papiere von SGL Carbon ganz vorne in der Gunst der Anleger. Sie gewannen fast neun Prozent. Der Kohlenstoffspezialist erfüllte mit den kräftigen Umsatz- und Gewinnsteigerungen seine Ziele. Nach einem Verlust im Jahr 2009 gab es im abgelaufenen Jahr ein Gewinn von 52 Millionen Euro. 2011 soll der Umsatz um mindestens zehn Prozent steigen und das Ebit 150 bis 165 Millionen Euro erreichen. In den kommenden Jahren setzt SGL noch stärker auf die Schwellenländer und dem Boom alternativer Energien. Mit den Karbonfasern, die in Autos und in der Halbleiter- und Solarindustrie eingesetzt werden, wollen die Wiesbadener bis 2015 eine Milliarde Euro umsetzen. Zudem schaut sich Vorstandschef Robert Köhler nach weiteren Zukäufen um. Als Übernahmeziel sieht sich SGL nicht. Übernahmeversuche von Interessenten aus China oder dem arabischen Raum müsse das Unternehmen nicht fürchten. Mit einer Aufstockung der VW-Anteile auf über zehn Prozent rechnet Köhler nicht. Durch den Einstieg von VW werde sich an der Strategie und am Verhältnis zu BMW nichts ändern, erklärte der Manager.

Krones wieder profitabel
Gut kam auch die Bilanz von Krones an. Der Getränkeabfüllanlagenhersteller hat im abgelaufenen Jahr den Umsatz um 17 Prozent auf 2,17 Milliarden Euro erhöht und ist in die schwarzen Zahlen zurückgekehrt. Nach dem Verlust von 34 Millionen Euro im Vorjahr gab es 2010 einen Gewinn von 51 Millionen. Zweistellige Zuwächse beim Auftragseingang machte die MDax-Firma optimistisch, im laufenden Jahr das Ergebnis deutlich zu steigern. Die Aktien von Krones zogen um vier Prozent an.

Lanxess verzehnfacht Gewinn
Zu den wenigen MDax-Verlierern zählten dagegen die Aktien von Lanxess. Der Spezialchemie-Hersteller hat zwar ein Rekordergebnis im vergangenen Jahr eingefahren, hat aber etwas weniger verdient als von einigen Börsianern erhofft. Der Gewinn verzehnfachte sich auf 379 Millionen Euro. Den Aktionären winkt eine Anhebung der Dividende von 50 auf 70 Cent je Aktie. Angesichts der anhaltend kräftigen Nachfrage aus der Auto- und Reifenbranche peilt Lanxess 2011 weitere Zuwächse beim Ergebnis und Umsatz an.

Deutz dämmt Verluste ein
Während viele Unternehmen 2010 die Rückkehr in die Gewinnzone geschafft haben, ist der Motorenbauer Deutz noch nicht so weit. Im vergangenen Jahr machten die Kölner einen Verlust von 16 Millionen Euro. Immerhin: Im Vorjahr lag das Minus noch bei 120 Millionen Euro. Der Umsatz stieg um knapp 38 Prozent auf 1,1 Milliarde Euro. 2011 soll der Umsatz 1,4 Milliarden Euro und das Ebit auf mehr als 80 Millionen Euro klettern. Die Dividende fällt erneut aus. Die Deutz-Aktien legten im SDax über zwei Prozent zu.

Sixt träumt von Europas Pole Position
Ähnlich groß waren die Kursgewinne von Sixt im SDax. Der Autovermieter hat im vergangenen Jahr seinen Gewinn auf 70,7 Millionen Euro beinahe versiebenfacht. Vom Erfolg sollen die Aktionäre profitieren: Die Dividende wird von 20 Cent je Aktie auf ein Euro je Aktie angehoben. Hinzu kommt ein Bonus von 40 Cent je Anteilschein. 2011 soll der Gewinn weiter steigen. Expandieren will der Autovermieter vor allem außerhalb Deutschlands und in etwa fünf Jahren die Nummer eins in Europa werden. Bisher liegt Sixt klar hinter Europcar, Avis und Hertz.

Air Berlin weitet Minus aus
Nach Börsenschluss meldete Air Berlin noch seine Jahreszahlen. Die Fluggesellschaft machte einen Verlust von 97,2 Millionen Euro. Schuld waren das Flugverbot wegen des Vulkanausbruchs in Island, der strenge Winter in Europa sowie der Fluglotsenstreik in Spanien. Das operative Ergebnis war mit minus 9,3 Millionen Euro ebenfalls negativ. Der Umsatz stieg um knapp 15 Prozent auf 3,72 Milliarden Euro.

Nordex im Höhenflug
Im TecDax setzten die Aktien erneuerbarer Energien ihren Höhenflug fort. Solarworld stieg um drei Prozent, Q-Cells um 3,5 Prozent, SMA Solar gar um sechs Prozent. Größter TecDax-Gewinner war Nordex mit einem Plus von 13 Prozent. Aussagen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Offshore-Windparks auszubauen, beflügelten den Titel. Einige Analysten zeigten sich aber skeptisch über den starken Kursanstieg bei Nordex. In Deutschland gebe es kaum noch freie Flächen für Windkraftanlagen. Nur auf internationaler Ebene habe die Branche noch Expansionspotenzial.

Rekordjahr von Bechtle
Im TecDax meldete sich der IT-Dienstleister Bechtle zu Wort. Das Unternemen vermeldete einen Umsatzsprung von 25 Prozent auf 1,72 Milliarden Euro und eine Gewinnsteigerung von rund einem Drittel auf 46,4 Millionen Euro. Deshalb soll die Dividende von 60 auf 75 Cent je Anteilsschein angehoben werden - so viel wie noch nie. Unternehmenschef Thomas Olemotz kündigte für 2011 ein neues Rekordjahr an. Die Aktien stiegen um drei Prozent.

Rasantes Wachstum bei Joyou
Sanitär-Markenprodukte aus China laufen gut: Joyou hat den Umsatz im abgelaufenen Jahr um 43 Prozent auf 246,6 Millionen Euro gesteigert. Im vierten Quartal betrug der Zuwachs gar 64 Prozent. Unterm Strich verdiente der chinesische Konzern 33,2 Millionen Euro. Die Aktien notierten fast unverändert.

Fedex strotzt vor Zuversicht
Ermutigende Nachrichten sandte der Paketdienst Fedex in die Welt. Die Wirtschaft wachse weiter ungebrochen, erklärte Konzernchef Frederick Smith. Fedex erwarte eine weiter starke Nachfrage. Daran ändere auch die Katastrophe in Japan und die Unruhen in Nahost nichts. Das stimmte die Anleger zuversichtlich: die Aktie schoss umfünf Prozent nach oben. Im abgelaufenen Quartal verdiente allerdings der Deutsche-Post-Konkurrent weniger als erwartet. Der Gewinn je Aktie lag bei 73 Cent und damit neun Cent unter den Analysten-Prognosen. Winterstürme und höhere Treibstoffpreise vermasselten das Ergebnis.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Dienstag, 24. September

Unternehmen:
Manchester United: Q4-Zahlen, 8:00 Uhr
Total: Strategie-Update, 8:00 Uhr
Roche: Business-Update, 17:00 Uhr
Nike: Q4-Zahlen, 22:15 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Großhandelspreise 8/18, 8:00 Uhr
USA: FHFA-Index 7/18, 15:00 Uhr
USA: Verbrauchervertrauen 09/18, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Hong Kong/Korea: Feiertag, Börsen geschlossen