Kalte Dusche aus Peking

Stand: 19.10.2010, 20:02 Uhr

China will sein Wachstum drosseln und hat deshalb völlig überraschend seine Leitzinsen erhöht. Damit erhält die bis dahin freundliche Stimmung an den Aktienmärkten einen empfindlichen Dämpfer.

Der Dax fällt auch im Abendhandel unter die Marke von 6.500 Punkten und schließt 31 Punkte (0,5 Prozent) tiefer als gestern bei 6.486. Am Vormittag war das Börsenbarometer noch auf ein Zweijahreshoch von 6.544 Punkten gestiegen.

An der Wall Street hat der Paukenschlag der chinesischen Notenbank für noch größere Kursverluste gesorgt. Bei Börsenschluss in Deutschland rauscht der Dow-Jones-Index 1,44 Prozent (158 Punkte) in die Tiefe und fällt auf 10.984 Zähler zurück.

Die Zinserhöhung der Chinesen um 25 Basispunkte traf die Märkte offenbar unvorbereitet, obwohl viele Ökonomen immer wieder vor Preisblasen an den Vermögensmärkten Chinas gewarnt hatten. Mit einem steigenden Leitzins werden Kredite teurer. Das wiederum dämpft die Nachfrage, was Wachstum und Preisanstieg drosseln kann. "Das ist wie eine kalte Dusche für den Markt", sagte Zhang Yuheng, Börsenanalyst von Capital Securities in Shanghai.

Erste Zinsanhebung seit drei Jahren
Es ist die erste Erhöhung des chinesischen Leitzinses seit Ende 2007 und damit seit dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise. Mit dem Schritt versuchen die Chinesen ein Überhitzen ihrer boomenden Wirtschaft zu verhindern. Im zweiten Quartal war das BIP um 10,3 Prozent gewachsen. Ökonomen erklären Entscheidung auch mit der im internationalen Vergleich hohen Inflationsrate von zuletzt 3,5 Prozent.

Euro fällt unter 1,38 Dollar
Erleichterung kommt dagegen vom Devisenmarkt: der Euro fällt nach der Zinserhöhung der chinesischen Notenbank unter die Marke von 1,38 Dollar, gut ein Cent weniger als am Morgen. Auch die Ölpreise haben auf die Leitzinserhöhung in China mit starken Kursverlusten reagiert. Ein Barrel (159 Liter) der Sorte West Texas Intermediate (WTI) zur Auslieferung im November kostete gegen Abend 80,95 Dollar. Das waren 2,13 Dollar weniger als am Montag.

Coca-Cola prickelt
Der weltgrößte Getränkekonzern, Coca-Cola, hat wegen reger Verkäufe in Nordamerika und im Ausland mehr verdient als erwartet. Für das abgelaufene dritte Quartal wies Coca-Cola am Dienstag einen Gewinn von 2,06 Milliarden Dollar oder 88 Cent je Aktie aus nach 1,9 Milliarden Dollar im Vorjahr. Vor Sonderposten ergab sich ein Gewinn von 92 Cent je Aktie. Der Umsatz kletterte um fünf Prozent auf 8,43 Milliarden Dollar. Die Aktie dreht am Abend aber leicht ins Minus.

Johnson & Johnson traut sich mehr zu
Johnson & Johnson hat im dritten Quartal 15 Milliarden Dollar umgesetzt (minus 0,7 Prozent), den Nettogewinn aber um zwei Prozent auf 3,4 Milliarden Dollar gesteigert. Als Begründung nannte Johnson & Johnson unter anderem günstigere Währungskurse. Anleger begrüßten die Anhebung der Jahresprognose zunächst mit Kursgewinnen. Im späteren Handelsverlauf dreht die Aktie aber ins Minus.

Bank of America enttäuscht
Moderate Zugewinne verzeichnet die Aktie der Bank of America. Die Bank hat im dritten Quartal vor Sonderabschreibungen einen Gewinn von 3,1 Milliarden Dollar erwirtschaftet, nach einem Verlust von gut einer Milliarde im gleichen Vorjahreszeitraum. Wegen gewaltiger Abschreibungen im Volumen von 10,4 Milliarden Dollar bleibt unter dem Strich aber ein Nettoverlust von 7,7 Milliarden Dollar.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
9,91
Differenz relativ
+0,56%

Goldman Sachs trotzdem gefragt
Gefragt sind dagegen die Aktien der weltweit führenden Investmentbank Goldman Sachs. Dabei brach der Netto-Gewinn im dritten Quartal auf 1,7 Milliarden Dollar ein. Vor einem Jahr hatte die Bank noch 3,0 Milliarden Dollar verdient. Die Rückschläge waren aber nicht so stark wie befürchtet. In den vergangenen Monaten waren die Umsätze an den Börsen allgemein schwach. Viele Konkurrenten konnten die Delle nur dadurch ausbügeln, dass sich gleichzeitig das klassische Kreditgeschäft erholte - das aber besitzt Goldman als reine Investmentbank nicht.

Von den Zahlen können auch die deutschen Bankwerte profitieren. Die Aktie der Deutschen Bank und der Commerzbank gehören zu den stärksten Werten im Dax und legen gegen den Trend um mehr als ein Prozent zu

Lufthansa schwächster Wert im Dax
Trotz positiver Einschätzungen von Analysten rutscht die Lufthansa-Aktie ans Dax-Ende. Händler sprechen von Gewinnmitnahmen. Zu den Verlierern gehören auch die Infineon-Aktien. Sie leiden an den mit Enttäuschung aufgenommenen Bilanzen von Apple und IBM. Im TecDax lässt Dialog Semiconductor Federn. Die Aktie verliert gut drei Prozent.

Buffett schiebt MüRü an
Die Aktien der Rückversicherungsgesellschaft Münchener Rück können gegen den Trend zulegen. Der Grund: der amerikanische Investor Warren Buffett hat über seine Beteiligungsfirma Berkshire Hathaway seinen Anteil an der MüRü vergangene Woche auf über zehn Prozent erhöht. Man plane, weitere Anteile an dem Dax-Konzern zu erwerben, hieß es.

Heideldruck geht es besser
Aktien von Heidelberger Druckmaschinen haben im späten Parketthandel moderat zugelegt. Verglichen mit dem Stand zum Xetra-Handelsschluss stiegen die Papiere zuletzt um 0,72 Prozent. Der Druckmaschinenhersteller hatte nach dem Ende des elektronischen Handels vorläufige Zahlen für das zweite Quartal vorgelegt und seine Prognose für das laufende Geschäftsjahr bestätigt. Demnach hat sich die positive operative Entwicklung mit Steigerungen beim Umsatz und dem Auftragseingang fortgesetzt. Das operative Ergebnis im Gesamtjahr soll ausgeglichen sein.

Porsche auf Talfahrt
Wegen Schadenersatzklagen in den USA und Deutschland sowie unklaren rechtlichen Fragen stehe die für das kommende Jahr geplante Verschmelzung von Porsche mit VW in Frage, sagte VW-Vorstandschef Martin Winterkorn. Die Verschmelzung bleibe aber weiterhin "erklärtes Ziel". Porsche muss vor der Fusion sein Kapital erhöhen, um den erheblichen Schuldenstand von derzeit sechs Milliarden Euro abzubauen. Bis zu fünf Milliarden Euro will Porsche im ersten Halbjahr 2011 damit einnehmen. Die Aktie rauscht um mehr als acht Prozent in die Tiefe.

Koch bald Chef von Bilfinger Berger?
Entgegen bisherigen Dementis ist Hessens langjähriger Ministerpräsident Roland Koch nun doch als Chef des Bau- und Dienstleistungskonzerns Bilfinger Berger im Gespräch. Aufsichtsratschef Bernhard Walter sagte, er spreche im Zusammenhang mit der geplanten Neubesetzung des Postens des Vorstandsvorsitzenden mit einer Reihe von Kandidaten, darunter auch mit Koch.

Übernahmefantasien treiben Maschinenbauer
Einer der stärksten Werte im MDax ist die Aktie des Maschinenbauers Gildemeister. Analysten machen vor allem charttechnische Gründe für den Anstieg von mehr als zwei Prozent verantwortlich. Beflügelt werde die Aktie aber auch Übernahmefantasien. Das jüngste Interesse an Demag habe gezeigt, dass es nicht an Kaufinteressenten für deutsche Unternehmen mangele. Auch die Aktie von Gea profitiert von Kaufgerüchten.

Delticom wird mutiger
Der Reifenhändler Delticom aus dem SDax hat angesichts guter Geschäfte im dritten Quartal seine Prognose erhöht. Um mindestens 15 Prozent werde der Umsatz in diesem Jahr steigen, teilte Delticom mit. Bisher hatte die Firma 10 Prozent erwartet. Im dritten Quartal stiegen die Umsätze um fast ein Drittel auf 80 Millionen Euro. Das Ebit legte auf 5,8 Millionen Euro zu. Die Aktie dreht bis zum Handelsschluss aber ins Minus.

Analysten mögen Ströer
Die Analysten von Goldman Sachs haben die Aktie des im SDax notierten Werbe-Unternehmens Ströer mit "Buy" und einem Kursziel von 27 Euro neu und zugleich in die Paneuropäische "Buy"-Liste aufgenommen. Ströer-Papiere legen kräftig zu und gehören zu den stärksten Werten im Index.

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