Kalte Dusche am Abend

Detlev Landmesser

Stand: 03.06.2008, 20:33 Uhr

Keine gute Aussicht für den Mittwoch: Am Abend kippte die Stimmung an der Wall Street - neue Sorgen wegen der Kreditkrise und schwache Autoabsatzdaten ließen die US-Indizes nach unten abtauchen.

Der L-Dax musste daraufhin die 7.000-Punkte-Marke abermals preisgeben und ging fast unverändert mit 6.982,37 Punkten aus dem Abendhandel.

Zunächst hatten neue US-Daten zum Auftragseingang und Aussagen von Fed-Chef Ben Bernanke die Aktienmärkte beflügelt. Überraschend stiegen die US-Industrieaufträge im April um 1,1 Prozent zum Vormonat. Von Thomson Financial befragte Volkswirte hatten eigentlich mit einem Rückgang von 0,1 Prozent gerechnet. Bernanke erklärte auf einem geldpolitischen Kongress in Barcelona, die US-Zinsen seien "gut ausgerichtet", um sowohl dem inflationären Druck als auch den Gefahren für das Wachstum zu begegnen. Das wurde auch dahingehend gedeutet, dass ein schneller Kurswechsel der US-Notenbank hin zu Zinserhöhungen unwahrscheinlich ist. Der Fed-Chef erklärte aber zugleich, wie unwillkommen der Dollarverfall sei - das wiederum brachte den Euro unter Druck, der unter 1,55 Dollar sackte.

Exemplarisch für die Gesamttendenz war General Motors. Erst kräftig im Plus wegen des Strategieschwenks auf weniger benzindurstige Modelle, drückte ein Absatzeinbruch im Mai das Dow-Schwergewicht ins Minus. Der größte Autobauer der Welt setzte im Jahresvergleich auf seinem Heimatmarkt fast ein Drittel weniger Autos ab.

Erneut geriet die US-Investmentbank Lehman Brothers stark unter Druck. Das "Wall Street Journal" hatte berichtete, Lehman erwäge wegen der Finanzkrise eine Kapitalerhöhung von drei bis vier Milliarden Dollar. "Eine mit der Situation vertraute Person" erklärte allerdings gegenüber Reuters, das sei nur eine "von Dutzenden" Optionen.

Handelszahlen belasten Deutsche Börse

Am Dax-Ende rangierte die Aktie der Deutschen Börse, die auf den deutlichen Umsatzrückgang auf der elektronischen Handelsplattform Xetra im Mai reagierte. Händler sahen das nicht ganz so pessimistisch, da Xetra lediglich für 16 Prozent des Ergebnisses (Ebita) verantwortlich sei. Das Eurex-Geschäft sei wesentlich wichtiger, und an der Terminbörse ist das Handelsvolumen im Mai gestiegen.

Schlechtes Umfeld für Finanz-...
Zu den Verlierern im Dax gehörten zudem Bankaktien, wofür es mehrere Gründe gab: Am Montag hatte die Ratingagentur Standard & Poor's mehrere Investmentbanken herabgestuft. Zudem hatte der britische Hypothekenfinanzierer Bradford & Bingley den Finanzsektor mit einer Gewinnwarnung verschreckt. Dazu kam der erwähnte Zeitungsbericht über Lehman Brothers.

... und Autotitel
Auf den Autoaktien lasteten dagegen schwache Neuzulassungen in Deutschland sowie durchwachsene US-Absatzzahlen im Mai. Die Daimler-Aktie fiel um über ein Prozent, die VW-Aktie konnte ihren Tagesverlust nach Bekanntgabe der US-Absätze für Mai etwas eindämmen. Im vergangenen Monat seien 22.346 Fahrzeuge der Kernmarke ausgeliefert worden, 0,1 Prozent mehr als im Vorjahr, teilte Volkswagen of America mit. Bei Daimler lief es dank des Verkaufsstarts des Kleinwagens Smart seit Januar besser. Insgesamt kletterte der Pkw-Absatz um 12,4 Prozent auf 24.480 Fahrzeuge. Bei den Zahlen ist allerdings auch ein Verkaufstag mehr in diesem Mai zu berücksichtigen.

Porsche erleidet Absatzeinbruch in den USA
Mit einem Minus von bis zu fünf Prozent fiel die Porsche-Aktie auf. Die Credit Suisse stufte den Titel von "Outperform" auf "Underperform" und senkte das Kursziel von 150 auf 110 Euro. Eine eigenständige Bewertung des Porsche-Kerngeschäfts sei angesichts der wahrscheinlichen Zusammenführung von VW und Porsche jetzt nicht mehr länger möglich, schrieb Analyst Arndt Ellinghorst. Die neue Bewertung für VW und Porsche zusammen berücksichtige auch die aktuellen Probleme des Sektors und den Machtkampf zwischen der Zuffenhausener Sportwagenschmiede und VW.

In Nordamerika musste Porsche im Mai einen Einbruch hinnehmen: Insgesamt seien 3.004 Neuwagen verkauft worden, 17 Prozent weniger als ein Jahr zuvor, teilte das Unternehmen am Abend mit.

Conti-Sparte an Pirelli?
Die Conti-Aktie verlor 2,5 Prozent - trotz des angeblichen Interesses von Pirelli. Laut dem "Handelsblatt" hat es der italienische Konzern auf das Lkw-Reifengeschäft von Continental abgesehen. Verkaufsgespräche gebe es aber nicht, dämpfte eine Conti-Sprecherin Hoffnungen auf einen baldigen Verkauf der renditeschwachen Sparte.

Infineon kräftig erholt
Die Infineon-Aktie setzte sich mit 7,4 Prozent Plus an der Dax-Spitze. Die Äußerungen auf dem Investorentag in München kamen gut an. Der Halbleiterkonzern will im kommenden Geschäftsjahr 2008/09 die Kosten im dreistelligen Millionenbereich senken. Die UBS äußerte sich positiv und bestätigte die Titel mit "Buy" und einem Kursziel von 6,70 Euro. Das Management habe für etwas mehr Klarheit mit Blick auf die Strategie gesorgt. Infineon kann sich im Moment allerdings keine Milliardenzukäufe leisten. "Zurzeit sind keine großen Sprünge drin", sagte Vorstandschef Peter Bauer.

Bayer kommt im Osten voran
Die Aktie von Bayer war ebenfalls gefragt. Der Pharma- und Chemiekonzern berichtete, die Übernahme des Geschäfts mit rezeptfreien Arzneimitteln vom US-Unternehmen Sagmel sei nun unter Dach und Fach. Die Behörden in Russland und in der Ukraine hätten grünes Licht gegeben. Mit dem Zukauf rücke Bayer im OTC-Geschäft (Over the Counter) in den GUS-Staaten nun unter die ersten fünf vor. Mit den Produkten, die Bayer übernimmt, erzielte Sagmel zuletzt einen Jahresumsatz von rund 80 Millionen Euro.

SAP will profitabler werden
Die SAP-Aktie wurde um ein Prozent teurer. Die Steigerung der Profitabilität "steht auf unserer Prioritätenliste ganz oben", erklärte SAP-Co-Chef Henning Kagermann auf der Hauptversammlung in Mannheim. "Wir haben bei der operativen Marge zum Wettbewerb noch Handlungsbedarf", sagte der Manager. Mit gezielten Zukäufen und neuen Produkten wolle man die Position als Nummer eins in der Branche untermauern.

K+S erwartet noch mehr Gewinn
Im MDax lag die K+S-Aktie mit einem Plus von bis zu 9,4 Prozent einmal mehr auf der Gewinnerseite. Der Düngemittel- und Salzhersteller erhöhte wegen der positiven Preisentwicklung insbesondere bei Kali seine Gewinnziele für das Gesamtjahr abermals.

Am MDax-Ende schleppte sich Pfleiderer dahin. Die Aktie litt darunter, dass Cheuvreux das Kursziel von 14 auf 11 Euro senkte und sein "Underperform"-Urteil erneuerte.

Goldman sieht Freenet positiver
Im TecDax profitierte die Freenet-Aktie von einer Hochstufung durch Goldman Sachs. Die Analysten hoben die Aktie von "Neutral" direkt auf ihre "Conviction Buy List" und erhöhten das Kursziel von 16,30 auf 17,20 Euro. Das nach der Übernahme des Hauptwettbewerbers Debitel nun neu aufgestellte Mobilfunkgeschäft biete ein deutliches Synergiepotenzial, schrieben die Analysten. Zudem dürfte das DSL-Geschäft aufgrund der aktuell sehr wettbewerbsintensiven Situation zu einem guten Preis verkauft werden.

TecDax wird noch solariger
Der Solartitel Roth & Rau profitierte davon, dass der Solarzulieferer zum 5. Juni in den TecDax aufgenommen wird. Der Wert ersetzt Tele Atlas, die nach der Übernahme durch TomTom den Index verlassen.

GfK macht Deal mit TNS perfekt
Die Aktien der Gesellschaft für Kommunikationsforschung (GfK) setzten sich nach Bekanntgabe der Fusion mit der britischen TNS mit einem Plus von zeitweise mehr als zehn Prozent an die SDax-Spitze. Die beiden Firmen wollen sich zum weltweit zweitgrößten Marktforschungskonzern zusammenschließen. "Der Merger sollte auch nach unserer Einschätzung zu einer langfristigen Wertsteigerung der beiden Unternehmen führen", stellte LBBW-Analystin Iris Schäfer fest. Nun bleibe aber abzuwarten, ob die Werbefirma WPP noch mit einer feindlichen Übernahmeofferte aufwartet.

Stellt sich Jerini zum Verkauf?
Am Nachmittag schnellte die Jerini-Aktie um bis zu 18,2 Prozent nach oben. Nach unbestätigten Angaben von Reuters hat die Berliner Biotechfirma die Investmentbank Credit Suisse damit beauftragt, einen Verkauf zu prüfen. Credit Suisse ,solle verschiedene Optionen sondieren, darunter ein möglicher Verkauf.

Medigene will sich konzentrieren
Branchenkollege Medigene wurde dagegen für einen Strategiewechsel gefeiert. Die Biotechfirma will sich bei der Entwicklung neuer Medikamente künftig auf Krebsbekämpfung und Immunerkrankungen konzentrieren und sich von anderen Sparten trennen. Man konzentriere sich nun auf das Krebsmittel Endotag und das Arthritismittel Rhudex. Beiden Projekten traut das Unternehmen Umsätze von über einer Milliarde Euro pro Jahr zu. Von dem Strategiewechsel verspricht sich Medigene mehr finanziellen Spielraum.

Dax-Chart realtime

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