Jüngste Dax-Rally noch nicht gegessen

Angela Göpfert

Stand: 08.06.2009, 20:05 Uhr

Ein Kursplus von 44 Prozent in nur zwei Monaten im Dax - das will erst einmal verdaut werden. An der Börse spricht man dann von "Gewinnmitnahmen". Das Resultat: Der Dax verliert bis zum Parkettschluss 1,5 Prozent. Doch der mittelfristige Aufwärtstrend ist intakt. Noch.

Dieser Aufwärtstrend könnte den Dax nach Meinung von Charttechnikern in den kommenden Wochen bis auf 5.300 Punkte tragen. Ein deutliches Rückschlagspotenzial droht dagegen für den Fall, dass der Dax unter die 200-Tage-Linie rutschen sollte, diese verläuft aktuell bei 4.815 Punkten.

Wall Street keine große Hilfe
Von einem solchen Niveau war der Dax bei Parkettschluss aber weit entfernt. Der Late-Dax ging bei einem Stand von 5.003 Zählern aus dem Handel und büßte damit im Vergleich zum Xetra-Schlussstand von 5.004 Punkten einen weiteren Punkt ein.

Dabei war die schwache Wall Street dem Dax keine große Hilfe. Der Dow Jones sank bis zum Parkett-Schluss um 1,1 Prozent. Das herbe Kursminus des Schwergewichts McDonald's lastete auf dem Börsenbarometer. Die weltgrößte Schnellrestaurantkette befürchtet für das zweite Quartal hohe Belastungen wegen negativer Währungseffekte.

Apple-Aktionäre sorgen sich weiter um Jobs
Auch Apple-Aktien verzeichneten deutliche Einbußen, nachdem CNBC berichtet hatte, der Konzern strebe eine "aggressive Preisgestaltung" für seine neuen iPhones an. Außerdem reagierten Anleger enttäuscht, dass Steve Jobs auf der Jährlichen Entwicklerkonferenz WWDC nicht auftrat. Sorgen um den Gesundheitszustand des Firmengründers hatten die Apple-Aktie zuletzt häufig belastet.

Gewinnmitnahmen, wohin man schaut
Zudem sorgten höhere Renditen auf Staatanleihen ein weiteres Mal für Unruhe unter den Investoren: Sie fürchten, dass ein mit der Renditensteigerung verbundener Anstieg der Zinsen die Preise für die rezessionsgeplagten Verbraucher und Unternehmen in die Höhe treiben dürfte. Nicht zuletzt lasteten auch Gewinnmitnahmen auf den Kursen in New York.

Ein ähnliches Bild zeichnete sich heute am deutschen Aktienmarkt ab, auch hierzulande machten Anleger Kasse: "Auf dem jetzt erreichten Kursniveau sollte sich niemand über Gewinnmitnahmen wundern", kommentierte Robert Halver, Kapitalmarktexperte bei der Baader Bank, die heutigen Kursverluste. Nach den Vorschusslorbeeren in Form von bis zu 44 Prozent Kursplus im Dax in nur zwei Monaten beginne nun der "konjunkturelle Stresstest".

Gnadenfrist für Arcandor
Einem Stresstest besonderer Art waren heute die Arcandor-Aktionäre ausgesetzt. Nachdem die Bundesregierung dem MDax-Konzern sowohl die beantragte Staatsbürgschaft als auch einen Notkredit über 437 Millionen Euro verweigert hatte, war die Aktie um 43,6 Prozent auf 1,06 Euro eingebrochen.

Im späten Parketthandel konnte sich der Titel aber etwas erholen, denn der Handels- und Reisekonzern hat nun doch noch eine letzte Chance, um eine Insolvenz zu vermeiden. Die Bundesregierung ist bereit, "kurzfristig einen neuen, substanziell verbesserten Antrag" zu prüfen. Eine Voraussetzung für Staatshilfen ist Kreisen zufolge, dass die Hauptaktionäre Schickedanz und Sal. Oppenheim zu einem verstärkten finanziellen Engagement bereit sein müssten.

Kann Metro auf "Rosinen" hoffen?
Eine Insolvenz von Arcandor ist mit dem heutigen Tag dennoch nicht gerade unwahrscheinlicher geworden. Einige Marktbeobachter rechnen damit, dass sich Metro in einem solchen Fall die "Rosinen" aus der Arcandor-Insolvenzmasse herauspicken könnte. Die Metro-Aktie war heute mit einem Plus von 0,8 Prozent der zweitstärkste Dax-Titel.

Katar pusht VW-Aktie
Noch größere Kursgewinne verzeichnete nur die VW-Stammaktie, der Titel gewann 2,9 Prozent auf gut 247 Euro. Denn offenbar kann dem VW-Hauptaktionär Porsche aus der Finanzklemme geholfen werden. Laut einem Bericht des Magazins "Focus" soll der Emir von Katar Porsche-Chef Wendelin Wiedeking mündlich zugesagt haben, dem hoch verschuldeten Autobauer beizuspringen. Ein VW-Sprecher sagte dazu am Montag, der geplante Zusammenschluss von VW und Porsche könne dadurch befördert werden.

BMW beliebt, Daimler weniger
Auch Aktien von BMW konnten gegen den Trend leicht zulegen. Der Konzern konnte seinen Absatzrückgang im Mai deutlich abbremsen.

Das konnte zwar auch Daimler von sich behaupten, die Daimler-Aktie verbuchte dennoch einen Abschlag von 3,4 Prozent, nachdem der Titel in der vorangegangenen Woche noch zu den Top-Performern im Dax gezählt hatte. Größter Verlierer im Dax war indes die Arcandor-Gläubigerbank Commerzbank mit einem Kursminus von 4,7 Prozent.

Postbank-Aktie im Aufwind
Im MDax setzten sich Aktien der Postbank mit einem Plus von 7,1 Prozent an die Spitze. Börsianer spekulierten auf eine schnellere Übernahme durch die Deutsche Bank. Kreisen zufolge hat die Deutsche Bank in den vergangenen Wochen Postbank-Papiere am Markt gekauft und sich damit deutlich der Marke von 30 Prozent angenähert.

Squeeze-out bei HRE kommt
Am späten Nachmittag wurde die HRE-Aktie zu neuem Leben erweckt, sie zog um 5,4 Prozent an auf 1,55 Euro. Die Bundesrepublik Deutschland teilte mit, sie halte über den SoFFin 90 Prozent der HRE-Aktien und plane einen Squeeze-Out der übrig gebliebenen HRE-Aktionäre. Die Entscheidung darüber wird aber frühestens auf der ordentlichen Hauptversammlung am 13. August getroffen.

MTU von Goldman angetrieben
Auch MTU-Aktien konnten sich mit einem Aufschlag von 4,7 Prozent deutlich gegen den Trend stemmen. Sie profitieren von einer Heraufstufung und Kurszielerhöhung durch Goldman Sachs.

Conti soll operatives Geschäft von Schaeffler übernehmen
Kurz vor Börsenschluss teilte der Autozulieferer Conti mit, sein Aufsichtsrat habe sich für einen Zusammenschluss mit Großaktionär Schaeffler ausgesprochen. Zentraler Bestandteil der bisher bekanntgewordenen Planungen ist die Übertragung des gesamten operativen Geschäfts von Schaeffler auf die Continental AG. Damit hätte der übernommene Konzern die operative Führung. Dabei dürften die Gläubigerbanken Haupteigner des gemeinsamen Konzerns werden. Schaeffler und Conti sind mit jeweils elf Milliarden Euro bei den Banken verschuldet.

Dow Jones von Krise gezeichnet
Ein Dax ohne Deutsche Bank und Volkswagen? Kaum vorstellbar. Doch in den USA geschah heute Vergleichbares: Der größte amerikanische Autoproduzent, GM, und die größte US-Bank, Citigroup, flogen aus dem Dow-Jones-Index. Ersetzt wurden sie durch den Versicherer Travelers und den Netzwerkausrüster Cisco. Die Krise hinterlässt ihre Spuren damit auch in der Zusammensetzung des weltweit meist beachteten Börsenbarometers.

Steigender Dollar ...
An den Devisenmärkten setzte derweil der Euro seine Talfahrt vom Freitag fort und rutschte zeitweise bis auf 1,3806 Dollar ab, bevor am Nachmittag eine leichte Gegenbewegung einsetzte. Eine Herabstufung der Bonitätsnote für Irland durch die Ratingagentur S&P lastete auf der Gemeinschaftswährung. S&P hatte das Rating von der zweitbesten Notenstufe "AA+"auf "AA" zurückgenommen. Den Ausblick bezeichnete S&P zudem als "negativ".

... keine gute Nachricht für den Ölpreis
Der deutliche Wechselkursanstieg des Dollar lastete auf dem Ölpreis. Der Preis für ein Barrel der US-Referenzsorte WTI zur Auslieferung im Juli sank auf 67,55 US-Dollar. Am Freitag hatten noch Konjunkturhoffnungen den Preis erstmals seit sieben Monaten über die Marke von 70 Dollar getrieben.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr