Irres Hin und Her

Detlev Landmesser

Stand: 27.02.2008, 20:32 Uhr

Welch ein verrückter Tag. Im Verlauf wurde es den Investoren an der Wall Street doch wieder mulmig, nachdem Fed-Chef Ben Bernanke und ein bedenklicher Staatseingriff die Kurse nach oben getrieben hatten.

"Die Fed wird ... falls nötig zeitnah handeln und eine adäquate Versicherung gegen Abwärtsrisiken zur Verfügung stellen", erklärte der Notenbankchef bei einer Anhörung des US-Repräsentantenhauses. Die Zentralbank werde "zeitnah handeln, um das Wachstum zu stützen und gegen einen Abschwung abzusichern". Das bestärkte den Markt in der Erwartung, dass die Fed Mitte März den Leitzins ein weiteres Mal senkt.

Das war an sich nichts Neues, aber Balsam für die Börsen - erst recht, nachdem neuerliche Tiefschläge von der US-Konjunktur die Kurse belastet hatten. Mit minus 5,3 Prozent zum Vormonat schrumpften die Auftragseingänge für langlebige Güter im Januar überraschend deutlich. Auch die Verkäufe neuer Eigenheime gingen im Januar mit 2,8 Prozent stärker als erwartet zurück.

Bedenklicher Staatseingriff

Fast noch mehr wurde die Euphorie durch eine bedenkliche Maßnahme angeheizt: Die zuständige US-Regulierungsbehörde kündigte an, die Obergrenze für Investitionen für die beiden öffentlich-rechtlichen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac zum 1. März anzuheben. Mit dem Wegfall der strengen Auflagen könnten mehrere Milliarden Dollar für den kriselnden Häusermarkt freigesetzt werden. Nach der Ankündigung sprangen die Aktien beider Unternehmen um mehr als zehn Prozent nach oben. Fed-Chef Bernanke appellierte unmittelbar nach Bekanntwerden der Nachricht an die beiden Schwesterinstitute, von ihren neuen Möglichkeiten Gebrauch zu machen.

Dass mit der Lockerung auch wichtige Rückstellungen der angeschlagenen Hypothekenfinanzierer angetastet werden, schien zunächst niemanden zu stören. Zuvor war die Aktie von Fannie Mae noch kräftig eingebrochen, nachdem der Hypothekenfinanzierer einen Quartalsverlust von von 3,6 Milliarden Dollar ausgewiesen hatte, weit mehr als von Analysten erwartet. Wegen Zwangsversteigerungen und Kreditausfällen müssen die Finanzierer Abschreibungen in Milliardenhöhe vornehmen.

Der Dax wurde von der neuen Zuversicht wieder fast an die Marke von 7.000 Punkten gespült; der L-Dax ging aber dann bei 6.983,98 Punkten aus dem Handel. Im Verlauf kippte allerdings die Stimmung in New York: Zur Stunde notieren die drei großen Indizes wieder leicht im Minus.

Euro, Öl und Gold haussieren weiter
Kein Wunder, dass der Euro in diesem Umfeld seinen Höhenflug gegenüber dem Dollar fortsetzte. Die Gemeinschaftswährung übersprang mit Leichtigkeit die Marke von 1,51 Dollar, und erreichte am Nachmittag einen neuen Rekordstand von 1,5143 Dollar. Erst in der Nacht hatte der Euro erstmals die Hürde von 1,50 Dollar genommen.

Auch die Ölnotierungen bleiben auf Rekordniveau. Nicht zuletzt wegen des schwachen Dollars kostete US-Leichtöl am Abend weiterhin mehr als 100 Dollar je Barrel. Daran konnte auch die leichte Entspannung bei den US-Lagerbeständen nichts ändern. Auch Öl der Nordseesorte Brent kostete am Mittwoch erstmals mehr als 100 Dollar. Die Krisenwährung Gold erreichte mit Kursen über 960 Dollar je Unze ebenfalls neue Höchststände.

EU verhängt Rekordbuße für Microsoft
Die Microsoft-Aktie hatte unter dem Rekordbußgeld der EU-Kommission von 899 Millionen Euro zu leiden. Der Softwarekonzern habe Konkurrenten bis zum Oktober 2007 ungerechtfertigte Lizenzgebühren für technische Informationen berechnet, so die Kommission. Microsoft habe damit gegen frühere EU-Sanktionen aus dem Jahr 2004 verstoßen.

Henkel steigert Ergebnis erneut
Einer der besten Dax-Titel war die Henkel-Vorzugsaktie. Dabei waren die Geschäftszahlen für 2007 am Markt zunächst verhalten aufgenommen worden. Der Umsatz stieg von 12,74 auf 13,07 Milliarden Euro. Beim operativen Ergebnis legte Henkel von 1,298 auf 1,344 Milliarden Euro zu. Offenbar profitierte die Aktie auch von den drastischen Sparmaßnahmen und dem Verkauf der US-Beteiligung Ecolab.

Henkel-Chef wird neuer Telekom-Aufsichtsratschef
Am Abend teilte die Deutsche Telekom nach ihrer Aufsichsratssitzung mit, dass der scheidende Henkel-Chef Ulrich Lehner wie erwartet Chef des Kontrollgremiums werden soll. Die Neubesetzung war wegen der Mandatsrückgabe von Deutsche-Post-Chef Klaus Zumwinkel notwendig geworden.

Deutsche Börse engagiert sich stärker bei EEX
Am Nachmittag teilte die Deutsche Börse mit, dass ihre Tochter Eurex ihre Beteiligung an der Leipziger Strombörse EEX kräftig aufstocken will. Der Anteil von derzeit 23,22 Prozent solle auf bis zu 44,07 Prozent ausgebaut werden. Der Preis für die Aufstockung liege bei 55,15 Millionen Euro. Der Schritt unterstreiche die strategische Partnerschaft zwischen Eurex und EEX im Emissionshandel, hieß es. Das Geschäft soll im zweiten Quartal abgeschlossen werden.

BMW Dollar-sensibel...
Zu den Verlierern gehörte trotz der angekündigten Sparmaßnahmen die Aktie von BMW. Falls der Euro-Kurs nachhaltig so stark bleibe, werde der Konzern weiter Personal abbauen müssen, erklärte der Autobauer.

... K+S noch sensibler
Die MDax-Perle K+S lag mit einem Minus von über sechs Prozent ausnahmsweise am Ende des Index. Die Fondsgesellschaft DWS hat ihren Anteil an dem Düngemittel-Hersteller auf 2,99 Prozent gesenkt. Zuvor hielt die DWS 5,53 Prozent an K+S. Zusätzlich belastete der Euro-Höhenflug: "Die sind ja sehr Dollar-sensibel. Da hat der Markt jetzt die Befürchtung, dass deren Ergebnis leidet", erklärte ein Händler. K+S hatte wegen des schwachen Dollar mehrmals seine Gewinnprognose für 2007 senken müssen.

Versatel schreibt weiter Verluste
Leichte Zugewinne verbuchte die Versatel-Aktie im TecDax. Dabei hat der harte Wettbewerb im Telekommunikationsmarkt im Schlussquartal 2007 das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 62,8 auf 51,7 Millionen Euro zurückgehen lassen. Der Umsatzanstieg von 175,3 auf 186,5 Millionen Euro fiel aber etwas stärker aus als erwartet. Unter dem Strich fuhr Versatel einen Quartalsverlust von 7,1 Millionen Euro ein. Vorübergehend sprang die Aktie von Freenet an, nachdem Versatel Interesse am Kauf des DSL-Geschäfts des Konkurrenten geäußert hatte.

Gerry Weber bekräftigt Ziele
Die Geschäftszahlen von Gerry Weber konnten der Aktie des Modeherstellers keine Impulse verleihen. Der Überschuss stieg im Geschäftsjahr 2006/07 (bis Ende Oktober) von 21,1 auf 27 Millionen Euro. Die Planungen für das laufende Geschäftsjahr, nach denen Gerry Weber einen Umsatz von 575 Millionen Euro und eine Marge von 11,0 Prozent erreichen will, wurden bestätigt.

Roth & Rau mit glänzenden Zahlen
Die Aktie von Roth & Rau stand trotz guter Geschäftszahlen leicht unter Druck. Der Solaranlagenbauer hat im vergangenen Jahr seinen Umsatz um 241 Prozent auf 146,2 Millionen Euro gesteigert. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) legte um 207 Prozent auf 13,9 Millionen Euro zu. Das selbst gesteckte Umsatzziel des Unternehmens aus dem Prime Standard für das laufende Jahr liegt bei 235 Millionen Euro.

Integralis meldet Rekordergebnis
Kräftig zulegen konnte die im Prime Standard notierte Aktie von Integralis. Der IT-Sicherheitsdienstleister meldete für 2007 ein Umsatzplus von 15,8 Prozent auf 158,3 Millionen Euro. Vor Zinsen und Steuern verdiente das Unternehmen 5,0 Millionen Euro, nach 2,9 Millionen im Vorjahr. Besonders das erfolgreiche vierte Quartal hatte zu dem Ergebnissprung beigetragen. Das Ergebnis sei "eine nachdrückliche Bestätigung der im Vorjahr gelungenen Ertragswende" und das beste in der zwanzigjährigen Unternehmensgeschichte, teilte Integralis mit.

R. Stahl wächst zweistellig
Auch die Zahlen von R. Stahl kamen gut an. Nach vorläufigen Zahlen steigerte das im Prime Standard notierte Unternehmen den Jahresumsatz um 27 Prozent auf 211,6 Millionen Euro. Das Vorsteuerergebnis habe dabei von 16,5 Millionen auf 24,6 Millionen Euro zugelegt, teilte der Hersteller von explosionsgeschützten Geräten mit. Der Auftragsbestand habe zum Jahresende 2007 bei 38,5 Millionen Euro gelegen, nach 30,0 Millionen im Vorjahr. Auch das Geschäftsjahr 2008 sei gut angelaufen.

UBS-Aktionäre genehmigen Kapitalspritze
Der Staatsfonds von Singapur kann sich an der Schweizer Großbank UBS beteiligen. Die UBS-Aktionäre stimmten auf der außerordentlichen Generalversammlung am Mittwoch für eine solche Beteiligung. Der Fonds wird elf Milliarden Franken (umgerechnet 6,8 Milliarden Euro) einschießen und damit etwa 8,8 Prozent des Aktienkapitals der Bank halten. Damit ist der Stadtstaat größter Einzelaktionär. Mit weiteren zwei Milliarden Franken eines unbekannten Investors aus Nahost will die UBS ihre Schäden aus der Kreditkrise begrenzen, in der sie 21 Milliarden Franken abschreiben musste.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 18. Juli

Unternehmen:
NovartisVW: Q2-Zahlen, 6:45 Uhr
Cassiopea: Halbjahreszahlen, 7 Uhr
Software: Q2-Zahlen, 7 Uhr
ASML: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Akzo Nobel: Q2-Zahlen, 7:30 Uhr
Ericsson: Q2-Zahlen, 8 Uhr
Easyjet: Q3-Zahlen, 8 Uhr
Morgan Stanley: Q2-Zahlen, 13 Uhr
Abott Laboratories: Q2-Zahlen, 13:45 Uhr
American Express: Q2-Zahlen, 22 Uhr
Alcoa: Q2-Zahlen, 22:05 Uhr
Ebay: Q2-Zahlen, 22:15 Uhr
IBM: Q2-Zahlen, 22:30 Uhr

Konjunktur:
EU: Verbraucherpreise (endgültig), 06/18, 11 Uhr
USA: Baubeginne- und genehmigungen 06/18, 14:30 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung im Juni, 15:15 Uhr
USA: NAHB-Index Juli, 16:00 Uhr
USA: Rede von Fed-Chef Powell vor dem Bankenausschuss des Senats, 16:00 Uhr