Investoren tappen im Nebel

Detlev Landmesser

Stand: 27.03.2008, 20:02 Uhr

Wenn dieser Donnerstag eines nicht brachte, war es ein Hinweis darauf, wie es denn weitergeht an der Börse. An der Wall Street wechselte die Stimmung in verblüffender Regelmäßigkeit.

Der L-Dax beschloss den Tag immerhin 1,2 Prozent höher bei 6.560,94 Punkten. Am Abend lagen die US-Indizes wieder im Minus, nachdem Dow Jones und S&P zeitweise im grünen Bereich notiert hatten. Auf dem Markt lasteten enttäuschende Zahlen des SAP-Konkurrenten Oracle und Gerüchte über Lehman Brothers. Nachdem ihre Aktie um fast zehn Prozent eingebrochen war, verwahrte sich die US-Investmentbank gegen vage Marktgerüchte über eine Schieflage. Lehman vermute, dass die Gerüchte von Leerverkäufern gestreut würden, die auf sinkende Kurse setzten, um dann günstig wieder einzusteigen, erklärte eine Sprecherin.

Die jüngsten amerikanischen Konjunkturdaten stützten dagegen den Aktienmarkt. Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe ging etwas stärker als erwartet zurück. Zudem wurde die Kerninflationsrate für das vierte Quartal überraschend von 2,7 auf 2,5 Prozent nach unten revidiert, und der Konsum trug stärker zum Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal bei als zuvor prognostiziert.

HRE-Aktie gewinnt 14 Prozent

Herausragender Titel im Dax war ausgerechnet die Hypo Real Estate. "Der Markt ist der Ansicht, dass da schon alles eingepreist ist, und die Aktie sowieso schon am Boden ist", kommentierte ein Händler. Ein anderer Marktteilnehmer zeigte sich nach der Analystenkonferenz des Instituts erleichtert, dass die HRE keine Kapitalerhöhung braucht.

Der Dax-Titel gewann in der Spitze mehr als 16 Prozent, obwohl der Immobilienfinanzierer seine Prognose für das laufende Jahr nun auch offiziell, und nicht nur in einem Mitarbeiterbrief in Frage stellt. Weitere Abschreibungen auf US-Hypothekenpapiere seien nicht auszuschließen. "Deshalb kann nicht mehr ausgeschlossen werden, dass die Planung für das Geschäftsjahr 2008 nicht ganz erreicht werden kann", teilte die Bank mit.

Neuer US-Ärger für SAP
Im Dax-Keller blieb den ganzen Tag über die SAP-Aktie. Auf dem Papier lasteten gleich zwei schlechte Nachrichten aus den USA. Der schwache Quartalsbericht von Oracle trübte auch die Stimmung für den deutschen Wettbewerber. Zusätzlich müssen die Walldorfer eine Klage in den USA verkraften. Der größte US-Entsorger Waste Management fordert von SAP mehr als 100 Millionen Dollar Schadensersatz wegen angeblich mangelhafter Software.

Transrapid-Aus belastet nicht
Das endgültige Aus für die Transrapid-Strecke in München ließ die Aktien der involvierten Unternehmen wie vor allem Siemens und ThyssenKrupp ungerührt. Angesichts des jahrelangen Hin und Her hatten wohl nur noch wenige Marktteilnehmer mit einem Erfolg gerechnet. "Wir vertrauen weiter auf die Transrapid-Technologie und werden uns zunächst auf die Realisierung der Verlängerung der Shanghai-Strecke konzentrieren", sagte eine ThyssenKrupp-Sprecherin.

Salzgitter zahlt 50 Prozent mehr
Deutschlands zweitgrößter Stahlkonzern Salzgitter will seine Aktionäre mit einer höheren Dividende am Gewinn des abgelaufenen Jahres teilhaben lassen. Sie sollen drei nach zuvor zwei Euro pro Aktie erhalten. Die Prognose eines "nennenswerten" Wachstums für das laufende Geschäftsjahr bestätigte der Konzern. Der Gewinn vor Steuern könne in der Größenordnung von 2005 und 2006 liegen, also zwischen 800 und 950 Millionen Euro. Für 2009 sei allerdings mit rückläufigen Gewinnmargen zu rechnen.

Boss-Ausblick wird durchgewunken
Die Vorzugsaktie von Hugo Boss schaffte es im Verlauf ins Plus. Offenbar hatten Anleger bereits erwartet, dass der Modekonzern im laufenden Jahr mit einem langsameren Wachstum rechnet. Der Umsatz soll währungsbereinigt um sechs bis acht Prozent und das Ebit um acht bis zehn Prozent wachsen.

Q-Cells will noch schneller wachsen
Bessere Nachrichten hatte Q-Cells parat. Das Solarunternehmen erhöhte seine Prognosen für 2008 und 2009. Nach dem Abschluss eines neuen Silizum-Liefervertrags will Q-Cells dieses Jahr 1,3 Milliarden und im kommenden Jahr zwei Milliarden Euro umsetzen. Zuvor hatte Q-Cells 1,2 Milliarden bzw. 1,7 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Die Q-Cells-Aktie zierte mit weitem Abstand die Spitze des TecDax.

Bechtle mit Weitblick
Der IT-Dienstleister Bechtle rechnet im laufenden Jahr wegen des Geschäftsausbaus nur mit einer leichten Steigerung des Vorsteuerergebnisses von 59 auf 60 Millionen Euro. Dennoch legte die Aktie zu - vielleicht wegen der Umsatzprognose, im Jahr 2020 fünf Milliarden Euro umzusetzen.

ElringKlinger erwartet einstelliges Wachstum
Der Autozulieferer ElringKlinger rechnet für das laufende Jahr mit einem gebremsten Wachstum. Der Konzernumsatz werde um fünf bis sieben Prozent steigen, teilte das SDax-Unternehmen mit. Im vergangenen Jahr war ElringKlinger noch mit 15 Prozent gewachsen. Immerhin soll der Gewinn vor Sondereffekten schneller zulegen.

Gerry Weber mit starkem Quartal
Gerry Weber ist gut in sein Geschäftsjahr 2007/08 gestartet. Der Modekonzern aus dem SDax meldete für sein erstes Geschäftsquartal ein Umsatzplus von 14 Prozent auf 121,7 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) kletterte um 31 Prozent auf 9,9 Millionen Euro.

Deutsche Wohnen knausert
Schwächster SDax-Titel war Deutsche Wohnen. Die Immobilienfirma will für 2007 keine Dividende zahlen. Künftig werde sich die Ausschüttung aber nach der Ertragslage richten, versprach das Frankfurter Unternehmen. Im vergangenen Geschäftsjahr lag der Nettogewinn bei 29,8 Millionen Euro. Hätte die Gehag bereits das ganze Jahr zum Konzern gehört, hätte sich ein Gewinn von 231,4 Millionen Euro ergeben.

FJH schreibt wieder schwarz
Die Aktie von FJH zeigte sich erholt. Die Versicherungssoftwarefirma ist im vergangenen Jahr in die Gewinnzone zurückgekehrt. Der Überschuss habe - auch durch Steuereffekte begünstigt - 5,3 Millionen Euro betragen, teilte mit. Der Umsatz sei um rund acht Prozent auf 61,3 Millionen Euro gestiegen. 2006 hatte FJH noch einen Verlust von knapp zwei Millionen Euro verbucht. Im laufenden Jahr rechnet FJH mit einem Umsatz zwischen 64 und 68 Millionen Euro und einer operativen Rendite von über zehn Prozent.

Verkauf von Airbus-Werken an OHB gescheitert
Recht gelassen reagierte der Aktienkurs von OHB auf den gescheiterten Verkauf der drei deutschen Airbus-Werke. Trotz konstruktiver Verhandlungen habe es am Ende unterschiedliche, unüberbrückbare Vorstellungen gegeben, teilte das Bremer Raumfahrtunternehmen mit. "Auch wenn die finanziellen Mittel zur Verfügung stehen, wäre es für uns verantwortungslos, ein Engagement einzugehen, das nachhaltig keine ausreichenden wirtschaftlichen Perspektiven bietet", sagte OHB-Chef Marco Fuchs. OHB wolle dennoch weiterhin bei der Entwicklung und Produktion des neuen Airbus A350 tätig sein.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 20. September

Unternehmen:
Rocket Internet: Q2-Zahlen, 08:00 Uhr
Schaeffler: Kapitalmarkttag
Nfon: Q2-Zahlen
Ryanair: HV in Dublin
GlaxoSmithKline: HV
Micron Technology: Q4-Zahlen, nach US-Börsenschluss

Konjunktur:
Deutschland: Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums, 08:00 Uhr
Schweiz: Zinsentscheid und geldpolitische Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank (SNB), 09:30 Uhr
USA: Wöchentliche Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr
USA: Industrie-Index Philly Fed für September, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren für August, 16:00 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser für August, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen Euro-Zone, September, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Salzburg: Informeller EU-Gipfel
Hannover: Eröffnung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September), mit Bundesverkehrsminister Scheuer
Frankfurt: 4. Konferenz für Finanztechnologie "Fintech-Revolution"