Inflationsgespenst verblasst

von Detlev Landmesser

Stand: 14.06.2007, 20:22 Uhr

Die Amerikaner scheinen ihre Inflation im Griff zu haben - das war der wichtigste Grund, warum der Dax am Donnerstag haussierte. Von Zinssorgen wollte niemand mehr etwas wissen.

Der Dax schoss um 2,2 Prozent nach oben, wobei 29 der 30 Indexmitglieder zulegen konnten. Der L-Dax konnte dieses Niveau mit 7.846,94 Punkten halten. Schon am Abend zuvor hatte die Rally an der Wall Street begonnen: Die amerikanische Notenbank hatte in ihrem Konjunkturbericht erklärt, die wirtschaftliche Aktivität habe zwischen Mitte April und Ende Mai weiter zugenommen, ohne dass der Preisdruck zugenommen hätte.

Das vernahmen die Börsianer mit Freuden - waren doch die jüngsten Kursverluste mit Sorgen um steigende US-Zinsen begründet worden. An der Erleichterung konnten auch die etwas stärker als erwartet gestiegenen Erzeugerpreise für den Mai nichts ändern. Diese seien um 0,9 Prozent zum Vormonat geklettert, teilte das US-Arbeitsministerium um 14:30 Uhr mit. Volkswirte hatten mit einem Anstieg von 0,5 Prozent gerechnet. Allerdings stieg die Kernrate ohne die stark schwankenden Lebensmittel- und Energiepreise mit einem moderaten Plus von 0,2 Prozent wie erwartet.

Keine Kursstütze kam von Goldman Sachs, obwohl die weltgrößte Investmentbank in ihrem zweiten Geschäftsquartal (bis Ende Mai) mit 4,93 Dollar je Aktie mehr verdient hatte als erwartet. Von Reuters befragte Analysten hatten nur mit 4,76 Dollar je Aktie gerechnet. Die Aktie verlor im New Yorker Handel dennoch - laut Händlern sorgte die anhaltende Schwäche des Hypothekengeschäfts für Verunsicherung. Dieses war auch der Grund, warum der kleinere Broker Bear Stearns mit seiner Quartalsbilanz hinter den Erwartungen zurückblieb.

Am Freitag "Dreifacher Hexensabbat"

AFür Gesprächsstoff sorgte zudem der bevorstehende Verfallstermin, der so genannte Dreifache Hexensabbat. Am Freitag laufen am Terminmarkt Derivate auf den Dax und seine Einzeltitel aus. Marktteilnehmer versuchen im Vorfeld häufig, die Kurse in die für sie günstige Richtung zu bewegen.

Siemens wieder über 100 Euro
Im Dax führte Index-Schwergewicht Siemens die Gewinnerliste mit einem Plus von 4,6 Prozent an. Händler verwiesen auf Anschlusskäufe nach dem Überspringen des alten Hochs bei 99,80 Euro auf den höchsten Stand seit Februar 2001. Dazu komme ein Interview mit General-Electric-Chef John Rice. Der US-Technologiekonzern rechne mit einer Verdopplung der Umsätze durch Infrastruktur-Investitionen in Schwellenländern wie China, Indien und Saudi-Arabien.

Auto-Aktien mit Nehmerqualitäten
Die Stimmung war also blendend, was sich auch daran zeigte, dass schlechte Nachrichten wie beispielsweise aus der Autoindustrie keine starken Spuren bei den Aktienkursen hinterließen. Im Mai sank die Zahl der verkauften neuen Autos in den EU-Ländern sowie in Norwegen, Island und der Schweiz um 1,6 Prozent auf 1,44 Millionen.

Telekom und Verdi vor Einigung?
Die am Nachmittag eintrudelnden Nachrichten von einer Annäherung in den Verhandlungen mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi konnten die T-Aktie kaum beflügeln. Beide Seiten hatten sich zuversichtlich gezeigt, zu einer Einigung in dem andauernden Tarifstreit zu kommen. Die Telekom will rund 50.000 Mitarbeiter in den neuen Bereich T-Service auslagern. Sie sollen dort weniger verdienen und länger arbeiten. Die Tarifparteien hatten am Mittwoch die Verhandlungen nach einem Monat Streik wieder aufgenommen, um einen Kompromiss zu finden.

Post vor massivem Umbau?
Die "Aktie Gelb" profitierte dagegen deutlich von Gerüchten aus London. Nach diesen (nicht ganz taufrischen) Spekulationen hat der Fonds TCI bis zu drei Prozent der Post-Aktien am Markt gekauft. Zudem soll der Konzern vor massiven Umstrukturierungen stehen. Berater von McKinsey bewerteten derzeit die einzelnen Konzernteile neu. Dabei gehe es um die Frage, ob und wie viel die einzelnen Sparten wertvoller seien als der Konzern. In diesem Zusammenhang würden mögliche Abspaltungen geprüft, darunter auch eine Trennung von der Postbank, hieß es am Markt.

Infineon trotzt dem Preisverfall
Die Infineon-Aktie hielt sich wacker, obwohl die Halbleiter-Branche in diesem Jahr deutlich langsamer wachsen dürfte als bisher gedacht. Der Branchenverband SIA rechnet für 2007 nur noch mit einem Anstieg der weltweiten Halbleiterumsätze von 1,8 Prozent statt der zuvor erwarteten zehn Prozent. Grund ist der starke Preisverfall.

Fraport wächst weiter
Im MDax führte die Fraport-Aktie die Gewinnerliste an. Der Flughafenbetreiber hat im Mai sowohl die Zahl der Fluggäste als auch das Frachtvolumen gesteigert. Das Unternehmen fertigte 6,36 Millionen Passagiere ab und damit 3,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Luftfracht stieg um 2,1 Prozent auf 198.000 Tonnen.

Gerüchte um Premiere
Die Premiere-Aktie schlug sich ebenfalls ordentlich. Händler verwiesen auf erneute Spekulationen, der Konkurrent Arena bereite ein Übernahmeangebot für den Bezahlsender vor. Arena dementierte allerdings. Ohnehin sei das aus kartellrechtlichen Gründen unwahrscheinlich, sagte ein Händler.

Wacker baut Kapazitäten aus
Wacker Chemie steckt mitten im Solar-Boom. Das MDax-Unternehmen erweitert eine Anlage, in der Polysilizium hergestellt wird. Insgesamt investiert Wacker 400 Millionen Euro. "Ausgelöst wird der Nachfrageschub vor allem von der Solarindustrie, die das Silizium für die Herstellung von Solarzellen benötigt", teilte das Unternehmen mit. Der MDax-Titel machte einen Sprung nach oben.

Q-Cells erweitert Fertigungskette
Auch Q-Cells spürt den Boom. Der Solarzellenhersteller will in die Herstellung von Wafern, dem Vorprodukt der Solarzellen einsteigen. Q-Cells sehe darin eine gute Lösung, um einen Teil der ab dem Jahr 2008 von der norwegischen Elkem Solar gelieferten Silizium-Mengen zu Wafern zu verarbeiten, teilte das TecDax-Unternehmen am Tag seiner Hauptversammlung mit. Von dem Schritt erhofft sich Q-Cells deutliche Kostenvorteile in der Waferbeschaffung und Synergieeffekte zwischen Wafer- und Solarzellenproduktion.

DBAG neun Prozent im Plus
Im SDax ging es mit der Aktie der Deutsche Beteiligungs AG, aber auch dem Wettbewerber Arques steil nach oben. Die DBAG rechnet nach einer Gewinnverdreifachung im ersten Halbjahr mit weiter guten Geschäften. Bei einer anhaltend freundlichen Stimmung an den Kapitalmärkten sei mit weiteren Wertsteigerungen der Beteiligungen zu rechnen, teilte die Gesellschaft mit.

PC-Ware wächst zweistellig
Der IT-Dienstleister PC-Ware hat seinen Umsatz im abgelaufenen Geschäftsjahr 2006/07 um 17 Prozent auf 692 Millionen Euro gesteigert. Das Vorsteuerergebnis kletterte um 13 Prozent auf 8,7 Millionen Euro. Auch für das laufende Geschäftsjahr ist das Leipziger Unternehmen optimistisch.

Augusta wird großzügig
Die Industrieholding Augusta will in den kommenden beiden Jahren eine Dividende von jeweils mindestens 60 Cent je Aktie zahlen. Außerdem plant das Unternehmen, ab Juli bis zu zehn Prozent der eigenen Aktien zurückzukaufen. Die Nachricht kam bei den Anlegern gut an.

Rückschlag für Sanofi
Einen rabenschwarzen Tag erlebte dagegen die Aktie des französischen Pharmakonzerns Sanofi-Aventis. Ein Ausschuss der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA empfahl am Mittwoch, das Schlankheitsmedikament Zimulti wegen unerwünschter Nebenwirkungen nicht in den USA zuzulassen. Viele Analysten stuften das Papier daraufhin ab, das über sechs Prozent an Wert verlor.

Tagestermine am Montag, 10. Dezember

Unternehmen:
Keine Termine absehbar

Konjunktur:
Japan: BIP Q3, zweite Schätzung, 00:50 Uhr
Deutschland: Außenhandel im Oktober, 08:00 Uhr
Italien: Industrieproduktion, Oktober, 11:00 Uhr
Deutschland: Sentix Konjunkturindex, Dezember, 10:30 Uhr
Großbritannien:Industrieproduktion, Oktober, 10:30 Uhr