In der Not kaufen Anleger Aktien

Angela Göpfert

Stand: 29.09.2009, 20:06 Uhr

Offenbar gibt es immer noch jede Menge Investoren, die mangels Alternativen nur auf eine vermeintlich günstige Gelegenheit warten, um in den Aktienmarkt einzusteigen. Anders lässt es sich nur schwer begründen, dass am Dienstag größere Rückschläge an den Börsen ausgeblieben sind.

Denn die neusten Daten zur Stimmung unter den US-Verbrauchern waren verheerend ausgefallen. Der entsprechende Index des Forschungsinstituts Conference Board sank im September auf 53,1 Punkte. Es war der erste Rückgang des US-Verbrauchervertrauens binnen neun Monaten. Experten hatten mit einer weiteren Aufhellung des Konsumklimas auf 57,0 Punkte gerechnet.

Das hätte fundamental orientierte Investoren eigentlich scharenweise aus dem Markt treiben müssen, sind die US-Verbraucher doch für rund zwei Drittel der heimischen Wirtschaftleistung verantwortlich.

US-Häusermarkt im Blick
Aber der Dax verbuchte nach der gestrigen Wahlrally nur milde Verluste von 0,4 Prozent auf 5.713 Punkten im Xetra-Handel. Der Late-Dax ging bei 5.708 Zählern aus dem Handel. Zu diesem Zeitpunkt hatte es der marktbreite S&P 500 in New York schon wieder ins Plus geschafft. Dow Jones und Nasdaq verbuchten nur minimale Verluste.

Als Stütze für den Markt erwies sich der S&P/Case-Shiller-Hauspreisindex: Danach waren die Häuserpreise in den 20 größten US-Ballungsgebieten im Juli überraschend stark gestiegen. Die Entwicklung der US-Immobilienpreise wird an den Finanzmärkten weltweit mit Argusaugen beobachtet, hatte doch der dramatische Verfall der Preise am amerikanischen Häusermarkt die Finanzkrise ausgelöst.

Walgreen haussiert
Zu den größten Gewinnern an der Wall Street gehörten mit einem Aufschlag von rund zehn Prozent die Aktien der größten US-Drogeriekette Walgreen, die mit ihren Quartalszahlen die Erwartungen der Anleger übertroffen hatte. Adidas-Konkurrent Nike und Chipproduzent Micron Technology werden nach US-Börsenschluss ihre Zahlen vorlegen.

Weitere Gewinner ...
Dass sich die Lage in der Halbleiterindustrie deutlich gebessert hat, zeigt auch eine Meldung von Texas Instruments: Der Infineon-Konkurrent will in den USA eine neue Chip-Fabrik bauen und 250 neue Mitarbeiter einstellen.

Titel des Mittelstandfinanzierers CIT schossen über 15 Prozent in die Höhe. Einem Bericht der "New York Post" zufolge erwägt der Hedge-Fonds-Manager John Paulson eine Fusion des angeschlagenen Instituts mit dem zusammengebrochenen Baufinanzierer IndyMac.

... und Verlierer an der Wall Street
Unter Druck gerieten nach einem Rückgang des Ölpreises Energietitel. Das Fass US-Öl verbilligte sich auf unter 67 Dollar. Die Aktien des Börsenschwergewichts Exxon Mobil gaben nach, Papiere von Chevron und ConocoPhilips verloren ebenfalls.

Salzgitter: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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41,17
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Salzgitter besorgt sich Geld - ohne Not?
Am deutschen Aktienmarkt tat sich die Salzgitter-Aktie negativ hervor, sie war mit einem Abschlag von 2,3 Prozent der größte Dax-Verlierer. Der Stahlkonzern will eine 300 Millionen Euro schwere Wandelanleihe begeben. Nach Meinung von Experten besteht jedoch angesichts der soliden Finanzsituation keine Notwendigkeit für einen solchen Schritt.

Siemens drückt den Dax
Auch die schwer gewichteten Siemens-Papiere verbuchten deutliche Kursverluste. Finanzvorstand Joe Kaeser hatte Investoren und Mitarbeiter auf anhaltend schwere Zeiten eingestimmt. Der Auftragseingang sei im laufenden Quartal erneut um mehr als 20 Prozent eingebrochen. Für den Industriesektor rechnet Kaeser erst für 2011 mit einer Erholung.

Noch düsterer sieht es bei dem verlustreichen Gemeinschaftsunternehmen Nokia Siemens Networks aus - Anleger müssen sich hier auf eine Goodwill-Abschreibung noch in diesem Quartal einstellen. Das zog auch die Nokia-Aktie nach unten.

Ceconomy ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Infineon, Metro und VW obenauf
Ohne Nachrichten haussierten Infineon-Aktien an der Dax-Spitze mit einem Aufschlag von 4,1 Prozent, dicht gefolgt von VW-Stämmen. Letztere wurden durch einen Medienbericht über eine Anteilsaufstockung durch das Emirat Katar um 1,5 Prozent in die Höhe getrieben. "Einige Investoren könnten befürchtet haben, dass Katar seinen VW-Anteil 2010 verkauft - angesichts dieser Aussagen sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert", sagte ein Analyst.

Marktbeobachter sprachen jedoch auch von ersten zarten Ansätzen einer Bodenbildung, nachdem es die Aktie binnen zwei Monaten von über 260 Euro bis auf 108 Euro zerbröselt hatte.

Metro-Anteilsscheine belegten mit einem Plus von 1,4 Prozent den dritten Platz im Dax, sie profitierten von einer Kaufempfehlung der Bank of America/Merrill Lynch.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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+3,40%

Weniger Kreditausfälle bei der CoBa?
Papiere der Commerzbank stiegen nach einer positiven Branchenstudie und einer Kurszielanhebung der Citigroup um rund ein Prozent. Angesichts der verbesserten Aussichten für die deutsche Konjunktur habe er seine Prognosen für die Risikovorsorge gesenkt, schrieb Citi-Analyst Andrew Coombs.

Kapitalerhöhungen kommen bei ...
Während Analysten im Falle der Commerzbank erst für 2011 mit der Rückzahlung der Staatshilfen rechnen, kündigte die BNP Paribas einen solchen Schritt bereits am Dienstag an. Das dazu nötige Geld will sich die französische Großbank über eine 4,3 Milliarden Euro schwere Kapitalerhöhung besorgen. Das gebe BNP mehr Unabhängigkeit, besonders in seinem wichtigen Handelsgeschäft, lobte ein Analyst. Mehrere US-Banken hatten bereits in den vergangenen Wochen Notkredite in zweistelliger Milliardenhöhe an den Staat zurückgezahlt.

... Banken groß in Mode
Am Abend kündigte auch die italienische Großbank Unicredit an, ihre dünne Kapitaldecke stärken zu wollen. Es werde eine Kapitalerhöhung von bis zu vier Milliarden Euro vorgenommen, so die Hypovereinsbank-Mutter. Zudem werde die Tochter Bank Austria durch die Zeichnung einer Kapitalerhöhung von bis zu zwei Milliarden Euro unterstützt. Die staatlichen Hilfen in Österreich und Italien, an denen die Bank zunächst Interesse gezeigt hatte, würden nicht in Anspruch genommen.

Muss Tui noch mehr bluten?
Laut Kreisen muss der Touristikkonzern Tui der in Schieflage geratenen Reederei Hapag-Llyod stärker unter die Arme greifen als bislang bekannt. Bei Bedarf müsse Tui Gesellschafterdarlehen von rund 700 Millionen Euro in Hybridkapital wandeln. Zudem kämen 227 Millionen Euro an Zins- und Tilgungsstundungskosten auf Tui zu.

Die Tui-Aktie baute daraufhin ihre Gewinne deutlich ab und ging bei einem Plus von 2,8 Prozent aus dem Handel. Zuvor hatte die Aussicht auf eine finanzielle Entlastung für Tui durch die Refinanzierung der Tochter Tui Travel die Kurse um bis zu 8,5 Prozent steigen lasen.

ProSiebenSat.1 und MTU von Analysten bewegt
Laut Morgan Stanley unterschätzt der Markt bislang die Aussichten auf einen starken Cash Flow und damit eine raschere Schuldenreduzierung bei ProSiebenSat.1. Das tat der Aktie sichtlich gut, sie schoss um 9,5 Prozent in die Höhe auf 7,18 Euro. Das MS-Kursziel liegt bei 12,00 Euro.

Am entgegengesetzten Ende des MDax büßte die MTU-Aktie nach einer Herunterstufung durch HSBC 5,6 Prozent ein. Die Experten bemängelten, nach der jüngsten Rally habe die Aktie kaum noch Luft nach oben.

Aixtron auf Siebeneinhalb-Jahreshoch
Aixtron-Aktionäre, die dem Titel die Stange gehalten haben, können heute die Sektkorken knallen lassen. Aktien des Spezialmaschinenbauers markierten bei 20,00 Euro zeitweise den höchsten Stand seit April 2002. JPMorgan hatte für den Titel das laut Händlern "aufsehenerregend hohe" Kursziel von 25,00 Euro ausgegeben. LED bleibe ein Wachstumsmarkt, hieß es in der Studie zur Begründung. Am Nachmittag setzten Gewinnmitnahmen ein, die den Titel um 2,3 Prozent auf 18,50 Euro drückten.

Insider trennt sich von Drillisch-Aktien
Auch Drillisch-Aktien verloren überproportional nach Insiderverkäufen durch das Aufsichtsratsmitglied Marc Brucherseifer. Laut Händlern dürfte es sich hierbei aber in erster Linie um Gewinnmitnahmen handeln, nachdem sich die Titel zuletzt mehr als vervierfacht hatten.

Novartis stützt SMI
Am Schweizer Aktienmarkt stützte die schwer gewichtete Novartis-Aktie den Auswahlindex SMI maßgeblich. Die EU-Kommission hatte die Impfstoffe des Basler Konzerns und der britischen GlaxoSmithKline gegen das Schweinegrippe-Virus europaweit zugelassen. Laut Händlern wurden die Titel daraufhin auch von institutionellen Anlegern in größerem Umfang nachgefragt.

Devisenmarkt-Interventionen nicht ausgeschlossen
An den Devisenmärkten sorgte eine Meldung aus Tokio für Aufruhr. Die neue japanische Regierung hat erstmals laut über eine Yen-Abwertung nachgedacht. Die einbrechende heimische Nachfrage hatte die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft im August in die tiefste Deflation seit Datenerhebung getrieben. Der starke Yen war zuletzt auch für die Exporttitel an der Tokioter Börse eine herbe Belastung.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 20. September

Unternehmen:
Rocket Internet: Q2-Zahlen, 08:00 Uhr
Schaeffler: Kapitalmarkttag
Nfon: Q2-Zahlen
Ryanair: HV in Dublin
GlaxoSmithKline: HV
Micron Technology: Q4-Zahlen, nach US-Börsenschluss

Konjunktur:
Deutschland: Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums, 08:00 Uhr
Schweiz: Zinsentscheid und geldpolitische Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank (SNB), 09:30 Uhr
USA: Wöchentliche Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr
USA: Industrie-Index Philly Fed für September, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren für August, 16:00 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser für August, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen Euro-Zone, September, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Salzburg: Informeller EU-Gipfel
Hannover: Eröffnung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September), mit Bundesverkehrsminister Scheuer
Frankfurt: 4. Konferenz für Finanztechnologie "Fintech-Revolution"