In der Krisen-Zange

Detlev Landmesser

Stand: 11.06.2008, 20:28 Uhr

Nach einem positiven Start trübte sich das Börsenbild zur Wochenmitte deutlich ein, wofür es zwei Gründe gab: Der Ölpreis haussiert wieder, und die Abschreibungswelle bei den internationalen Banken ist noch nicht vorbei.

In ihrem um 20:00 Uhr veröffentlichen Konjunkturbericht (Beige Book) schrieb die US-Notenbank, der Konsum leide unter den starken Kostenanstiegen bei Energie und Lebensmitteln. Der private Verbrauch habe zuletzt nachgelassen. Zudem sei die Wirtschaftsaktivität in den vergangenen Monaten schwach geblieben. Insbesondere der Immobilienmarkt stehe weiterhin unter Druck.

Das waren im Grunde keine neuen Erkenntnisse, weswegen die US-Börsen zunächst kaum reagierten. Zur Stunde haben Dow Jones und S&P 500 aber ihr Minus auf weniger als ein Prozent eingedämmt. Der L-Dax ging 2,2 Prozent tiefer bei 6.643,74 Punkten aus dem Handel.

Nach dem kräftigen Rücksetzer zu Wochenbeginn zogen die Ölpreise in New York wieder deutlich an. Derzeit kostet ein Barrel leichtes US-Öl zur Auslieferung im Juli wieder 136 Dollar, das sind fast fünf Dollar mehr als als zum Handelsschluss am Dienstag. Dass die Rohölbestände in den USA in der vergangenen Woche stärker als erwartet zurückgingen, befeuerte den Öl-Future noch mehr.

Den neuerlichen Preisschub bekamen nicht zuletzt die Aktien der Fluggesellschaften zu spüren. Die Lufthansa sowie Air Berlin standen am Abend noch stärker unter Druck, obwohl sie wie die europäische Konkurrenz einen Teil der explodierenden Treibstoffkosten auf ihre Kunden weiterwälzen. Beide Gesellschaften erhöhten am Mittwoch ihre Kerosinzuschläge.

An der Wall Street belasteten zusätzlich neue Spekulationen um weitere Finanzierungsprobleme bei Investmentbanken. "Bei Goldman Sachs soll es höhere Abschreibungen geben und bei Lehman ist die Kapitalerhöhung wohl nicht komplett gezeichnet", berichtete ein Händler. Ein anderer Marktteilnehmer sagte: "Es kursiert das Gerücht, dass die US-Notenbank Lehman Brothers genauso unter die Arme greifen muss wie zuletzt Bear Stearns. Mit anderen Worten: Angeblich ist Lehman pleite."

Russen-Fantasie für Deutsche Bank

Am Vormittag hatten noch ganz andere Gerüchte die deutschen Finanztitel beflügelt. Die Deutsche Bank gewann zeitweise 2,6 Prozent an Wert. Angeblich ist der russische Investor Suleiman Kerimov daran interessiert, sich bei dem deutschen Branchenprimus und anderen Finanzinstituten einzukaufen. Der Milliardär ließ den entsprechenden russischen Zeitungsbericht jedoch dementieren.

Die Infineon-Aktie hielt sich bis zum Schluss an der Dax-Spitze. Die Analysten von ABN Amro erhöhten das Kursziel für den Chiptitel von 7,55 auf 7,75 Euro und begründeten dies damit, dass Infineon als Zulieferer des neuen iPhones von Apple profitieren werde.

BASF bindet sich noch länger an Gazprom
Die BASF-Aktie konnte sich dagegen nicht im Plus halten, obwohl die Gaslieferverträge mit der russischen Gazprom deutlich verlängert werden. Die Damit langfristigen Lieferverträge verlängerten sich um zehn auf nunmehr 35 Jahre und damit bis Ende 2043, teilten die beiden Konzerne am Nachmittag mit. Die BASF-Tochter Wintershall betreibt mit Gazprom derzeit drei Gemeinschaftsunternehmen für den Erdgashandel in Deutschland und in Europa.

Conti-Aktie im Ausverkauf
Erneut fiel die Aktie von Continental mit starken Kursverlusten auf. Seit Monatsbeginn ist der Dax-Titel kontinuierlich auf dem Rückzug und hat seither über ein Viertel seines Wertes eingebüßt. Ein Händler begründete den heutigen Verlust damit, dass Konkurrent Michelin sich auf einer Konferenz von Exane negativ über die weitere Geschäftsentwicklung geäußert habe.

Mehrere Dividendenabschläge
Hohe Verluste von fast 18 Prozent verzeichnete im MDax die Aktie des TV-Konzerns ProSiebenSat.1. Ein Großteil des Kursverlusts ging allerdings auf das Konto der heutigen Dividendenzahlung von 1,25 Euro. Ebenfalls optische Kursverluste durch den Abzug der Ausschüttung gab es bei Tognum, Stada und Jungheinrich.

Bilfinger gewinnt PPP-Auftrag
Die Aktie von Bilfinger Berger rutschte trotz eines Großauftrags im Verlauf ins Minus. Deutschlands zweitgrößter Baukonzern hat gemeinsam mit Partnern den Auftrag zum Ausbau eines Streckenabschnitts der Autobahn A1 gewonnen. Das vom Land Niedersachsen vergebene Projekt habe ein Investitionsvolumen von 650 Millionen Euro, teilte der Konzern mit. Damit handele es sich um das bislang größte öffentlich-private Partnerschaftsprojekt (auch "PPP" für Public Private Partnership genannt) in Deutschland. An der Betreibergesellschaft hält Bilfinger Berger einen Anteil von 42,5 Prozent.

Erneut sprang die K+S-Aktie an die MDax-Spitze. Merrill Lynch hat den Düngemittelhersteller auf seine "most preferred list" genommen und das Kursziel auf 415 Euro erhöht. Händler verwiesen auch auf die erhöhte Gewinnprognose des kanadischen Wettbewerbers Agrium.

Im TecDax fiel Aixtron mit einem Kurseinbruch von fast zehn Prozent auf, ohne dass es neue Nachrichten zu dem Spezialmaschinenbauer gegeben hätte. Vor dem Hintergrund des angeschlagenen Gesamtmarktes verliere die Aktie, die sich bislang recht gut gehalten habe, sagte ein Marktteilnehmer.

Springer befeuert eigene Aktie
Im SDax sprang die Vorzugsaktie von Axel Springer nach einer Kursaussetzung um bis zu 15,2 Prozent nach oben. Der Medienkonzern kündigte ein Rückkaufangebot für bis zu 918.000 eigene Aktien an. Springer will 80 Euro je Aktie bieten, was einem Aufschlag von 17,66 Prozent auf den Durchschnitt der vorangegangenen drei Börsentage entspricht. Die Annahmefrist soll voraussichtlich Ende Juni beginnen. Wegen ihrer geringen Verschuldung nutze die Axel Springer AG den derzeit günstigen Aktienkurs und biete den Aktionären einen Rückkauf deutlich über dem aktuellen Börsenkurs an, begründete das Unternehmen den ungewöhnlichen Schritt.

Thielert sagt HV ab
Am Abend sagte der insolvente Flugzeugmotorenbauer Thielert seine für den 9. Juli geplante ordentliche Hauptversammlung ab. Zudem soll die Aktie den Prime Standard verlassen, aber weiter im General Standard notiert bleiben.

Curasan erwartet hohen Sonderertrag
Die Curasan-Aktie gewann mehr als 17 Prozent. Das Biotech-Unternehmen hat seinen Geschäftsbereich für Zahnheilkunde abgestoßen. Die aus dem Verkauf an Riemser Arzneimittel zu erwartenden Erträge beliefen sich auf "mindestens 15 Millionen Euro" und führten am Ende des Geschäftsjahres 2008 "zu einem erheblichen außerordentlichen Gewinn", teilte Curasan mit.

Projekt-Fantasie für Payom Solar
Die Aktie von Payom Solar legte um mehr als fünf Prozent zu. Der Solaranlagenhersteller will für rund drei Millionen Euro eine Dünnschicht-Photovoltaikanlage mit einer Fläche von 9.000 Quadratmetern aufbauen. Dieses Bauvorhaben sei das "wahrscheinlich größte seiner Art", teilte Payom mit.

Gewinnwarnung von Alphaform
Mit einer Gewinnwarnung wartete Alphaform auf. Die Entwicklungsbudgets der Formel-1-Teams würden zum Teil deutlich reduziert, teilte der Ingenierdienstleister am Nachmittag mit. Als Folge würden geringere Auftragsvolumina an Zulieferer vergeben. Daher erwartet das Unternehmen negative Auswirkungen für die Ergebnisse des 2. Quartals 2008.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 24. September

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Konjunktur:
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