Im Seitwärtsschritt zum "Hexensabbat"

Notker Blechner

Stand: 16.09.2010, 20:03 Uhr

Es ist wie verhext: Der Dax kommt einfach nicht von der Stelle. Auch am Donnerstag verharrte er bei knapp 6.250 Punkten. Die Konjunktur-Skepsis hielt an. Für Gesprächsstoff sorgte ein "Königlicher", der Hochtief übernehmen will.

Der mächtige spanische Unternehmer Florentino Perez, Chef des Bauimperiums ACS und Boss des Fußballclubs Real Madrid, plant seinen nächsten Coup. Nachdem er für Real die deutschen Jung-Stars Mesut Özil und Sami Khedira erworben hatte, um die "Königlichen" zur Nummer eins in Europa zu machen, will er nun auch im Baugeschäft klotzen und die Mehrheit bei Deutschlands Marktführer Hochtief übernehmen. ACS bietet acht eigene Aktien für fünf Hochtief-Aktien. Die freiwillige Offerte orientiert sich am Durchschnittskurs der vergangenen drei Monate, das gesetzlich vorgeschriebene Minimum.

Hochtief im Übernahmefieber

Analysten rieten Hochtief-Aktionären ab, ihre Anteile an ACS zu verkaufen. Das Angebot sei nicht attraktiv, meinten die Experten der BHF-Bank. Es spiegele allenfalls den Wert der Hochtief-Tochter Leighton wider, hieß es vom Bankhaus Lampe. Die Anleger setzten offenbar auf einen Aufschlag. Die Hochtief-Aktie schloss sechs Prozent höher nach einer regelrechten Achterbahnfahrt. Doch die Spanier denken vorerst nicht daran, mehr Geld auf den Tisch zu legen. Sie streben längerfristig lediglich eine Beteiligung von knapp 50 Prozent an. Derzeit halten sie knapp 30 Prozent. Ein Beherrschungsvertrag sei nicht geplant, Hochtief könne mit einem erheblichen Streubesitz an der Börse notiert bleiben, hieß es aus Madrid.

Vorsicht vor dem Verfallstag

Der Bau-Deal zählte zu den wenigen Aufregern an einem recht ruhigen Börsen-Donnerstag. Der Dax büßte im Sog der etwas schwächeren Wall Street 0,2 Prozent ein und notierte zum Xetra-Schluss bei knapp 6.250 Punkten. Im späten Parketthandel tat sich kaum noch etwas. Der L-Dax schloss zwei Punkte tiefer bei 6.248 Zählern. Damit bleibt der Dax wie festgenagelt in der Zone zwischen 6.200 und 6.300 Punkten. Seit einer Woche dümpelt das deutsche Börsenbarometer auf diesem Niveau.

Anleger wagten sich einen Tag vor dem Hexensabbat kaum aus der Deckung. Am Freitag, dem großen Verfallstag an den Terminmärkten, laufen Terminkontrakte unter anderem auf Aktien und -indizes aus.

Philly-Fed schwächer als erwartet
Die neuesten Konjunkturdaten aus den USA fielen durchwachsen aus und konnten die Stimmung der Anleger nicht heben. So erholte sich im September der Philly-Fed-Index, der das Geschäftsklima in der Region Philadelphia misst, nicht so stark wie erhofft. Mit minus 0,7 Punkten blieb er im Negativ-Bereich. Volkswirte hatten mit einem Anstieg auf 2,0 Punkte gerechnet. Ein Wert unter null Punkten deutet auf einen Rückgang der Wirtschaftsaktivität hin.

Neue "Double Dip"-Ängste schürten auch die Einzelhandelsumsätze in Großbritannien, die im August überraschend sanken. Für einen kleinen Lichtblick sorgten dagegen die Arbeitsmarktdaten aus den USA. Demnach sank die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe überraschend um 3.000 auf 450.000. Erwartet worden war ein leichter Anstieg auf 460.000 Anträge. Dennoch befinde sich diese Zahl immer noch auf hohem Niveau, meinten Börsianer kritisch. Die übrigen Konjunkturdaten blieben im Rahmen der Erwartungen: Die Erzeugerpreise stiegen um 0,4 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Volkswirte hatten mit einem Plus von 0,3 Prozent gerechnet. Das US-Leistungsbilanzdefizit weitete sich auf 123,3 Milliarden Dollar aus. Experten hatten ein noch leicht höheres Defizit prophezeit.

Euro steigt, Gold steigt, Ölpreis fällt
Der Euro setzte seinen Erholungskurs fort und kletterte erstmals seit einem Monat wieder über die Marke von 1,31 Dollar. Die erfolgreiche Auktion spanischer zehnjähriger Staatsanleihen im Volumen von vier Milliarden Euro trug dazu maßgeblich bei. Dagegen stieß die Emission französischer Staatsanleihen auf nur mäßiges Interesse. Unter Druck kam dagegen der Schweizer Franken nach der Zinsentscheidung. Die Schweizer Notenbank beließ den Leitzins bei 0,25 Prozent trotz des Aufschwungs in der heimischen Wirtschaft.

Der Goldpreis stieg auf ein neues Rekordhoch von fast 1.278 Dollar. Als Grund nannte Commerzbank-Experte Eugen Weinberg die Dollar-Schwäche. Der Ölpreis der Sorte WTI fiel derweil weiter nach unten und notierte am Abend unter 75 Dollar.

Siemens: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
101,36
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+0,82%

Kaufempfehlungen für Siemens
Größere Kursverluste im Dax verhinderte Siemens. Das Dax-Schwergewicht legte knapp drei Prozent zu und war mit Abstand größter Kursgewinner im deutschen Leitindex. Siemens profitierte von Hochstufungen und Kaufempfehlungen durch Morgan Stanley und Goldman Sachs. Zudem zog ein Konsortium mit Beteiligung von Siemens einen Auftrag in Oman an Land.

Deutsche Post: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
28,46
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-0,35%

Fedex und mögliche Portosenkung belasten die Post
Deutlich unter Druck geriet dagegen die Aktie der Deutschen Post. Sie verlor knapp zwei Prozent. Einem Pressebericht zufolge können Postkunden im kommenden Jahr mit niedrigeren Portopreisen rechnen, so dass der Deutschen Post ein weiterer Rückgang der Einnahmen aus dem Briefgeschäft droht. Dabei hat die Post erst kürzlich eine Portoerhöhung gefordert, um dem Wettbewerb von anderen Unternehmen mit niedrigeren Lohnkosten zu begegnen.

Auch die Fedex-Zahlen konnten der Post keinen Schub geben. Der US-Paketdienst hob bereits zum zweiten Mal die Prognose für das Geschäftsjahr 2011 an. Statt 4,60 bis 5,20 Dollar rechnet Fedex nun mit einem Gewinn von 4,80 bis 5,25 Dollar je Aktie. Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahrs blieb Fedex aber leicht hinter den Erwartungen zurück. Der Gewinn stieg zwar um das Doppelte auf 1,20 Dollar je Aktie, blieb damit um einen Cent unter den Prognosen. Der Umsatz legte um 18 Prozent auf 9,46 Milliarden Dollar zu. Die Fedex-Aktie gab um fast vier Prozent nach.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
147,64
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Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Autoaktien zwischen hü und hott
Uneinheitlich tendierten die Autoaktien. Während BMW leicht zulegte, verlor VW fast ein Prozent. VW dämpfte die Erwartungen für das laufende Quartal. Den Rückenwind aus dem ersten Halbjahr "werden wir wohl nicht ganz mitnehmen können", sagte VW-Finanzchef Hans Dieter Pötsch im Deutschen Anleger Fernsehen. BMW-Finanzchef Friedrich Eichiner zeigte sich bei einer Analystenkonferenz in Peking dagegen optimistischer für die nahe Zukunft als zuletzt. Die über die Ferienzeit übliche Absatzschwäche werde geringer ausfallen als angekündigt, erklärte er. "Wir erwarten, dass unser Absatz unserem Ergebnis im dritten Quartal Schub verleiht."

Als Bremse erwiesen sich schwache Zulassungszahlen in Europa und ein skeptischer Branchen-Ausblick der Bank HSBC Trinkaus. Die Experten bewerten die langfristigen Aussichten für die Branche skeptischer. Höhere Steuern und größere Sparsamkeit der Verbraucher dürften den Absatz bremsen.

Kaum Einfluss auf die Kurse hatten die Ermittlungen der britischen Kartellbehörde gegen Nutzfahrzeughersteller wegen angeblicher Preisabsprachen. Dabei wurden auch Büros von Daimler in England durchsucht. Die Daimler-Aktie verlor nur leicht.

Porsche macht Tempo bei Kapitalerhöhung
Am Abend wurde bekannt, dass Porsche seine Hauptversammlung auf den 30. November vorverlegt. Üblicherweise fanden die Aktionärstreffen von Porsche immer Ende Januar statt. Auf der HV will der Stuttgarter Autobauer die Zustimmung der Aktionäre für die geplante Kapitalerhöhung einholen. Sie soll mindestens 2,5 Milliarden Euro in die Kasse spülen und beim Schuldenabbau helfen. Im Anschluss an die Kapitalerhöhung soll die Verschmelzung von Porsche und VW erfolgen.

Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
16,52
Differenz relativ
-0,87%

ThyssenKrupp wird griechische Tochter los
Vor einem Happy-End im griechischen Drama steht ThyssenKrupp. Der Essener Konzern kann seine verlustreiche griechische Werftentochter HSY endlich verkaufen. Das griechische Verteidigungsministerium teilte am Abend die Übernahme von HSY durch den Schiffbaukonzern Abu Dhabi Mar mit. Eigentlich hatte Thyssenkrupp schon im März mit der Regierung in Athen und Abu Dhabi Mar eine Einigung erzielten, doch Differenzen mit Athen blockierten den Abschluss des Deals.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
8,61
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-1,43%

Deutsche Bank mit Malus
Dax-Schlusslicht war die Deutsche Bank mit einem Minus von drei Prozent. Nach Ansicht von Börsianern litten die Titel des Geldinstituts immer noch unter der geplanten milliardenschweren Kapitalerhöhung. Die Deutsche Bank wollte am Donnerstag den Rückkauf eigener Aktien abschließen.

Grünes Licht für Mega-Projekt von Solar Millennium
Für Furore in der zweiten Reihe sorgte Solar Millennium. Die Aktie schoss um über 20 Prozent nach oben. Grund: Die Erlanger Entwicklungsfirma hat in den USA die Baugenehmigung für das größte Solarkraftwerk der Welt bekommen. Das mit dem US-Ölkonzern Chevron geplante Kraftwerk soll ab 2013 die Kalifornier mit Strom versorgen. Das Projekt ist sechs Milliarden Dollar schwer.

SMA Solar: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
18,02
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-0,11%

SMA Solar wird abgestraft
Während die meisten Solarwerte im TecDax, allen voran Q-Cells, zulegten, ging es mit den Titeln von Aktien von SMA Solar weiter nach unten. Die Enttäuschung über den vorsichtigen Ausblick für 2011 halte an, sagte ein Börsianer. Für 2011 hatte der Vorstand des Solarstromwechselrichter-Herstellers am Vortag ein Umsatzziel auf Niveau des laufenden Jahres und ein reduziertes Margenziel vorgegeben.

Fünf Prozent Nachlass auf Praktiker
Im MDax führte Hochtief nach der angekündigten Übernahme durch ACS klar die Liste der Gewinner an. Top-Verlierer war Praktiker. Die Aktien büßten über fünf Prozent ein. Nach dem gestrigen überraschenden Abgang des Finanzvorstands häuften sich die kritischen Analysten-Kommentare. Die Commerzbank stufte die Papiere ab, Unicredit beließ die Aktie auf "sell".

Briten greifen nach Anzag
Um mehr als sechs Prozent nach oben ging es mit der Aktie von Andreae Noris Zahn. (Anzag). Grund ist ein Pressebericht, wonach der britische Pharmagroßhändler Alliance Boots die Mehrheit an dem börsennotierten deutschen Konkurrenten anstrebt. Alliance Boots verhandele angeblich mit den deutschen Konkurrenten Celesio und Phoenix, die jeweils 12,5 Prozent an Anzag halten, berichtete das "Handelsblatt". Gemeinsam mit dem eigenen Anteil von 29,99 Prozent würde Alliance Boots dann die Mehrheit an Anzag halten.

Wacker Neuson: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
18,02
Differenz relativ
-0,39%

Wacker Neuson cheflos
Der im SDax notierte Baumaschinenhersteller Wacker Neuson muss sich schneller als geplant einen neuen Vorstandschef suchen. Der bisherige Amtsinhaber Georg Sick hat das Unternehmen überraschend vorzeitig verlassen. Der Manager hatte seinen Abgang verschoben und mit dem Aufsichtsrat abgesprochen, für die Übergangszeit bis Jahresende im Amt zu bleiben. Dass Sick früher geht, lastete auf der Aktie. Sie gab zwei Prozent nach.

Fiat wird aufgespalten
Aus dem Ausland gab es nur wenige Unternehmensnachrichten. In Italien segneten die Aktionäre von Fiat die Aufspaltung des Autobauers ab. Künftig soll es zwei getrennte Bereiche geben: die Automobil- und die Industriesparte. Beide sollen von 2011 an als eigenständige Gesellschaften an der Mailänder Börse gelistet werden.

Tagestermine am Donnerstag, 15. November

Unternehmen:
K+S: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Sixt: Q3-Zahlen (endg.), 07:30 Uhr
Henkel: Q3-Zahlen, 07:30 Uhr
Bouygues: Q3-Zahlen, 07:30 Uhr
Ferratum: Neunmonatszahlen, 07:30 Uhr
LPKF: Neunmonatszahlen (endg.), 08:00 Uhr
Singulus: Neunmonatszahlen (endg.), 08:15 Uhr
Walmart: Q3-Zahlen, 13:00 Uhr
Vallourec: Q3-Zahlen, 17:45 Uhr
Vivendi: Q3-Zahlen, 18:00 Uhr
Mayr-Melnhof: Q3-Zahlen
Applied Materials: Q4-Zahlen
Nvidia: Q3-Zahlen
Sonos: Q3-Zahlen
Acea: Kfz-Neuzulassungen 10/18, 08:00 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Beschäftigte Verarb. Gewerbe 09/18, 08:00 Uhr
EU: Handelsbilanz 09/18, 11:00 Uhr
USA: Empire State Index 11/18, 14:30 Uhr
USA: Im- und Exportpreise 10/18, 14:30 Uhr
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Lagerbestände 09/18, 16:00 Uhr
USA: Ölbericht (Woche) Industrieproduktion Euro-Zone im September, 11:00 Uhr