Im eisernen Griff der Krise

Detlev Landmesser

Stand: 16.08.2007, 20:33 Uhr

Nur noch wenige wollen derzeit neue Risiken am US-Kreditmarkt eingehen - die Folge ist eine handfeste Liquiditätskrise, die den Aktienmärkten massiv Kapital entzieht. An der Wall Street fuhren die Kurse Achterbahn.

Zeitweise brachen die großen US-Indizes um mehr als zwei Prozent ein, bis gegen Abend unserer Zeit eine zaghafte Gegenbewegung einsetzte. Der L-Dax war zwischenzeitlich unter 7.200 Punkte gefallen und schloss um 20:00 Uhr 3,2 Prozent tiefer bei 7.214,98 Punkten.

Auch am Donnerstag spielten die Refinanzierungsprobleme der größten privaten US-Hypothekenbank Countrywide Financial eine große Rolle. Die Inanspruchnahme einer Kreditlinie von 11,5 Milliarden Dollar durch Countrywide, die von 40 Großbanken aus aller Welt stammt, demonstrierte die enormen Liquiditätsprobleme im amerikanischen Hypothekenmarkt.

Auch die US-Notenbank trat angesichts der Furcht vor kurzfristigen Liquiditätsengpässen erneut auf den Plan. Sie schoss dem Geldmarkt in zwei Aktionen weitere 17 Milliarden Dollar zu. Am Geldmarkt zögern die Banken derzeit, sich gegenseitig Geld zu leihen, weil unklar ist, welches Institut von den Zahlungsausfällen im US-Hypothekenmarkt betroffen ist. Auch der Rückgang der US-Hausbaubeginne sowie der Baugenehmigungen im Juli auf mehrjährige Tiefststände wies auf die neue Kreditzurückhaltung der Institute hin.

Dazu passte der drastische Einbruch des viel beachteten Konjunkturindex der Notenbank von Philadelphia. Der "Philly-Fed-Index" fiel von 9,2 Punkten im Juni auf 0,0 Punkte, während Analysten von dem Frühindikator gar einen Anstieg erwartet hatten.

Auch Goldpreis fällt

Nicht beruhigend war auch die Bewegung am Devisenmarkt: Der japanische Yen zog gegenüber dem Dollar kräftig an, was auf die Auflösung so genannter Carry Trades schließen lässt. Das heißt, derzeit werden in großem Stil kreditfinanzierte Anlagen etwa vom US-Kapitalmarkt abgezogen. Auch der vermeintlich krisensichere Goldpreis stand mit Kursen unter 650 Dollar unter Druck: Offenbar versuchten sich Investoren wie Hedge Fonds hier die an anderer Stelle benötigte Liquidität zu beschaffen.

CS mag FMC
Im Dax konnte sich kein einziger Titel im Plus halten. Zu den robusteren Dax-Mitgliedern gehörte FMC. Das lag am Analystenlob der Credit Suisse. Die Analysten bestätigten die Titel mit "Outperform" und einem Kursziel von 42,33 Euro. In den vergangenen Monaten hätten Bedenken der Anleger im Zusammenhang mit dem übermäßigen Einsatz des blutbildenden Mittels Epo die Papiere belastet, hieß es in der Studie vom Donnerstag. Der Dialysekonzern setze dieses Medikament aber traditionell zurückhaltend ein.

Deutsche Börse unter Druck
Die Aktie der Deutschen Börse brach um 7,2 Prozent ein, was auch charttechnische Gründe hatte. "Die Aktie hat die 200-Tage-Linie durchbrochen - das ist ein sehr starkes Verkaufssignal", sagte ein Börsianer. Zudem könnten möglicherweise Hedge Fonds, die durch die Subprime-Krise Liquidität benötigen, einige ihrer Positionen auflösen. "Da in der Deutschen Börse zahlreiche Hedge Fonds investiert sind, könnten die Titel dann besonders betroffen sein", sagte der Börsianer.

Spekulationen um HRE und Depfa
Die Kreditkrise bringt naturgemäß auch geplante Übernahmen ins Gerede. So gab es vage Spekulationen über ein mögliches Scheitern der Übernahme des Staatsfinanzierers Depfa Bank durch Hypo Real Estate (HRE). Die HRE dementierte jedoch: "Wir halten unser Angebot unverändert aufrecht", sagte ein HRE-Sprecher am Mittag.

Dicker Ertrag für Aareal
Wären Börsianer nicht so nervös, sie hätten die guten Unternehmensnachrichten gebührend feiern können. Und davon gab es einige: Unter anderem schraubte die Aareal Bank ihre Jahresprognose hoch. Sie verkauft nämlich ihre ImmobilienScout24-Anteile, die rund 357 Millionen Euro einbringen könnten. Die Nachsteuerrendite werde daher deutlich über 20 Prozent liegen, so Aareal. Bislang war der Immobilienfinanzierer lediglich von mehr als 13 Prozent ausgegangen. Die Deutsche Telekom hat übrigens ein Vorkaufsrecht für die ImmobilienScout-Anteile, sich aber noch nicht eindeutig zu ihren Plänen geäußert.

Rhön und Wirecard nicht honoriert
Während die Aareal-Aktie diese Nachricht wenigstens zeitweise in ein Plus umwandeln konnte, verpufften die Prognoseanhebungen von Rhön Klinikum, Wirecard und anderen wirkungslos. Die Aktien rutschten in dem Strudel der negativen Marktstimmung abwärts. Rhön-Klinikum erwartet für das laufende Geschäftsjahr einen Überschuss in Höhe von 110 Millionen Euro nach zuvor 102 Millionen Euro. Grund sind die positiven Auswirkungen der Steuerreform.

Wirecard erhöhte angesichts guter Geschäfte in den ersten sechs Monaten seine Jahresprognose. Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) soll nunmehr um 60 Prozent klettern, bisher war 50 Prozent Plus das Ziel. Der TecDax-Wert geriet dennoch unter Druck, weil der Ausblick ist Börsianern noch nicht optimistisch genug war. Analysten würden dem Unternehmen laut den durchschnittlichen Schätzungen nämlich durchaus 80 Prozent Plus zutrauen.

Sonderlasten für Lanxess
Schlechte Nachrichten kamen von Lanxess. Der Chemiekonzern rutschte wegen eines hohen Sonderaufwands im zweiten Quartal in die roten Zahlen. "Dass Lanxess aufgrund der Abschreibungen in die Verlustzone rutscht, war eigentlich klar", sagte ein Analyst. Die Abschreibungen stammen von dem schrittweisen Verkauf der Kunststoffsparte Lustran an die britische Chemiegesellschaft Ineos.

Verkehrte Welt bei Nordex
Im TecDax erging es der Nordex-Aktie mit einem Minus von über zehn Prozent am schlechtesten. Dabei gab es hier gute Nachrichten. Der Windkraftanlagenbauer hat einen Auftrag für die Lieferung von zwei 25 Megawatt-Windparks in Nordirland bekommen. Das sei grundsätzlich positiv, sagte ein Börsianer. "Doch Nordex ist bei solch negativen Vorgaben regelmäßig besonders schwach."

Auch bei den Solarwerten nahmen die Anleger ihre Gewinne mit. Die Aktien von Solarworld, Q-Cells, Conergy, Ersol und Solon verloren bis zu 9,6 Prozent.

TV-Loonland vorerst gerettet
Einen auffälligen Kursgewinn von über 30 Prozent verbuchte die Aktie von TV-Loonland. Das Medienunternehmen hat sich hinsichtlich seiner Schulden mit seinen Hausbanken geeinigt. Die drohende Pleite ist damit vorerst abgewendet.

Gewinnwarnung lässt BDI abstürzen
Drastisch bergab ging es dagegen mit BDI Biodiesel. Der in Frankfurt notierte österreichische Anlagenbauer hat im ersten Halbjahr deutlich weniger verdient und daraufhin seine Prognose für das Gesamtjahr 2007 erheblich zurückgenommen. Aktuell gehe das Unternehmen von einem Jahresumsatz in Höhe von 75 Millionen Euro bei einer Ebit-Marge von über fünf Prozent aus, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit. Ursprünglich hatte BDI einen positiven Geschäftsverlauf mit einer Ebit-Marge von mindestens zehn Prozent in Aussicht gestellt.

Kampa streicht jede fünfte Stelle
Der Fertighausbauer Kampa baut 200 der insgesamt rund 1.000 Arbeitsplätze ab, teilte das Unternehmen am Nachmittag mit. Die Stellenstreichungen und der Umbau des Unternehmens würden das Ergebnis weiter belasten. Kampa gehe für das laufende Jahr von einem Verlust in zweistelliger Millionenhöhe aus. 2008 peilt das Unternehmen dann ein ausgeglichenes Ergebnis an. Die Marktverfassung bleibe aber auch im kommenden Jahr schwach. Der Branchenverband BDF hatte bereits erklärt, er erwarte für das laufende Jahr nach dem Boomjahr 2006, in dem die Eigenheimzulage auslief, einen Umsatzrückgang von elf Prozent.

OEP kommt bei Süd-Chemie zum Zug
Nachdem der erste Übernahmeversuch gescheitert war, hat sich die US-Investmentgesellschaft One Equity Partners nun doch die Mehrheit an Süd-Chemie gesichert. Eine OEP-Tochter habe den Anteil an dem Unternehmen von bisher rund 39 auf gut 50 Prozent erhöht, eilte OEP mit. Die Amerikaner hatten bereits vor zwei Jahren ein Übernahmeangebot für Süd-Chemie abgegeben, gegen das sich Vorstand und Aufsichtsrat gewehrt hatten. Ein Süd-Chemie-Sprecher bezeichnete die Zusammenarbeit mit der Investmentgesellschaft nun aber als "konstruktiv".

Juragent bricht ein
Dass diese Zeiten nicht die Besten für ein Debüt sind, erfuhr am Donnerstag die Juragent-Aktie, die erstmals im Entry Standard der Frankfurter Börse gelistet wurden. Die Aktie des Prozesskosten-Finanzierers notierte am Abend bei 3,76 Euro, 14,5 Prozent unter dem Anfangskurs von 4,40 Euro. Insgesamt wurden nach Angaben des Unternehmens 2.045.200 Aktien zum Handel zugelassen. Die Aktien werden bereits seit dem Jahr 2000 außerbörslich gehandelt. Mit dem Listing will Juragent die Titel einer breiteren Anlegerschicht zugänglich machen.

Tagestermine am Dienstag, 13. November

Unternehmen:
Fraport: Verkehrszahlen 10/18, 7:00 Uhr
Grammer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Bauer: Neun-Monats-Zahlen, 7:00 Uhr
1&1 Drillisch: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Cewe Stifung: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Evotec: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr (Call: 14:00 Uhr)
Innogy: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Tom Tailor: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
United Internet: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Ströer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Areal Bank: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Hello Fresh: Q3-Zahlen, 7:15 Uhr
Medigene: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
VTG: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
HHLA: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Uniper: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Jenoptik: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Nordex: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Bayer: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
Bilfinger: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
OHB: Neun-Monats-Zahlen, 8:00 Uhr
Vodafone: Halbjahreszahlen, 8:00 Uhr
Home Depot: Q3-Zahlen, 15:00 Uhr
Wüstenrot & Württembergische: Q3-Zahlen
Nemetschek: Kapitalmarkttag

Konjunktur:
Italien: Frist der EU-Kommission zur Überprüfung des Haushaltsentwurfs läuft aus
Deutschland: Verbraucherpreise 10/18 (endgültig), 8:00 Uhr
Deutschland: Insolvenzen 8/18, 8:00 Uhr
Deutschland: Erwerbstätigkeit Q3/18, 8:00 Uhr
Großbritannien: Arbeitslosenzahl 10/18, 10:18
Deutschland: ZEW-Konjunkturerwartungen 10/18, 11:00 Uhr