Hypothekenkrise und kein Ende

Detlev Landmesser

Stand: 03.08.2007, 20:23 Uhr

Zum Wochenausklang hatte die deutsche Finanzbranche alle Mühe, das Vertrauen der Anleger wieder zu gewinnen. Vage Gerüchte genügten, um einzelne Titel in arge Bedrängnis zu bringen.

Der L-Dax ging 1,3 Prozent tiefer mit 7.439,66 Punkten ins Wochenende. Auch die Wall Street stand bis zum Abend unter dem Eindruck der US-Hypothekenkrise. Die Ratingagentur Standard & Poor's senkte etwa ihren Bonitäts-Ausblick für die Investmentbank Bear Stearns auf negativ. "Bear Stearns galt als die beste Bank in der Hypotheken-Welt", sagte ein Börsianer an der Wall Street. "Wenn die Besten Probleme haben, wie sieht es dann mit allen anderen aus? Es gibt noch vieles, das wir nicht wissen."

US-Beschäftigung steigt geringer als erwartet

Der Dax war schon wieder auf Erholungskurs, als um 14:30 Uhr die US-Arbeitsmarktdaten für den Juli hereinschneiten: Mit 92.000 Stellen lag der Beschäftigungszuwachs außerhalb der Landwirtschaft deutlich unter den Erwartungen von etwa 130.000, zudem wurde der Anstieg der Beschäftigtenzahl im Juni von 132.000 auf 126.000 nach unten revidiert.

Das belastete auch die Wall Street, während der Euro gegenüber dem Dollar weiter zulegen konnte. Erfreuliche Quartalzahlen von Procter & Gamble wurden mit Gewinnmitnahmen bei dem US- Konsumgütergiganten quittiert.

HRE und Depfa unter Generalverdacht
Vage Gerüchte hatten genügt, um das Dax-Mitglied Hypo Real Estate sowie sein Übernahmeziel Depfa aus dem MDax unter Druck zu bringen.

Die HRE-Aktie brach zeitweise um mehr als sieben Prozent ein, nachdem es geheißen hatte, dass auch der Dax-Konzern von der Subprime-Krise betroffen sein könnte. Dazu kamen Gerüchte, die Depfa habe möglicherweise Probleme mit ihrem Portfolio. Beide Institute erklärten, von der US-Hypothekenkrise nicht betroffen zu sein, was den Aktien aber nur vorübergehend half. Kurz vor Xetra-Schluss meldete die HRE noch den Verkauf eines "nicht-strategischen" Baufinanzierungsportfolios an die ING-DiBa. Der Verkauf der Kredite sei Teil der bereits angekündigten Maßnahmen zur Konzentration auf das Kerngeschäft. "Die positiven finanziellen Auswirkungen des Portfolioverkaufs übersteigen die in der Ursprungsplanung für das Jahr 2007 enthaltenen Annahmen", teilte die HRE weiter mit. Das half dem Dax-Titel im späten Geschäft wieder etwas nach oben.

Auch die Aktie der Commerzbank hatte ihre Last mit der US-Krise. Die Bank bestätigte am Nachmittag frühere Aussagen, mit insgesamt 1,2 Milliarden Euro im US-Markt für zweitklassige Kredite investiert zu sein. Gerüchte, auch die Tochter Essen Hyp sei im Subprime-Markt engagiert, wies die Bank dagegen zurück.

Hat der IKB-Vorstand gelogen?
Bei der IKB dürfte das Hypotheken-Desaster indessen juristische Folgen haben. Schließlich hatte sich die Erklärung der Bank, nicht nennenswert von der US-Hypothekenkrise betroffen zu sein, als grundfalsch herausgestellt. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtete unter Berufung auf informierte Kreise, dass der IKB-Aufsichtsrat prüfe, ob Anzeige gegen den IKB-Vorstand erstattet werde. Das Management habe die Finanzlage des Instituts entweder völlig falsch eingeschätzt oder gelogen. Unterdessen ist auch eine Aktionärsklage auf dem Weg.

Daimler ohne Chrysler
Kurz vor Xetra-Schluss meldete DaimlerChrysler Vollzug: Das Ende der transatlantischen Allianz von Daimler und Chrysler ist endgültig besiegelt. Der Verkauf von 80,1 Prozent der Anteile von Chrysler an den Finanzinvestor Cerberus sei unter Dach und Fach. Angesichts der Krise am US-Kreditmarkt war in den vergangenen Tagen über Schwierigkeiten bei der Finanzierung des Milliardendeals berichtet worden. Künftig soll der Konzern "Daimler AG" heißen.

Die Stuttgarter haben Chrysler übrigens bis zu 1,5 Milliarden Dollar als Kredit versprochen, damit der US-Autobauer seine Verbindlichkeiten bedienen kann. Das Darlehen mit einer Laufzeit von sieben Jahren, das marktüblich verzinst werde, solle Chrysler einen "guten Start als erfolgreiches, selbstständiges Automobilunternehmen" ermöglichen, erklärte Daimler.

Allianz wiegelt ab
Das Thema des Tages brachte auch die Allianz-Aktie um ihren Tagesgewinn. Am Morgen konnten noch die guten Quartalszahlen die Börsianer begeistern. Doch dann sprach der Versicherer von einem "kleinen" Engagement im Subprime-Markt. Finanzchef Helmut Perlet beschwichtigte aber: "Wir haben keine Anhaltspunkte für eine besorgniserregende Entwicklung." Die Allianz sei in den kritischen Märkten mit 1,7 Milliarden Euro engagiert. Insgesamt hat der Münchner Finanzkonzern Kapitalanlagen von mehr als 1.000 Milliarden Euro. Doch Anlegern reichten solche Aussagen, um sich vorsichtshalber zurückzuziehen: "Alles, was mit Subprime zu tun hat, wird heute niedergebügelt", kommentierte ein Händler.

Überraschungsbrief von der Post
Die "Aktie Gelb" konnte dagegen einen Teil ihres Tagesgewinns retten. Der Logistikkonzern hat das operative Ergebnis (Ebit) im zweiten Jahresviertel um fast zehn Prozent auf 703 Millionen Euro und den Umsatz um 6,5 Prozent auf 15,436 Milliarden gesteigert. Die Analysten waren im Vorfeld zurückhaltender gewesen. Die von Reuters befragten Experten hatten einen Umsatz von 15,313 Milliarden Euro und ein Ebit von 692 Millionen Euro prognostiziert.

Hannover Rück: US-Krise trifft uns kaum
Die Hannover Rück nutzte bei Veröffentlichung ihrer Quartalszahlen die Gelegenheit, sich ebenfalls zur Immobilienkrise in den USA zu äußern. Man sei kaum betroffen: "Wir haben dort keine wesentliche Exponierung", sagte Hannover-Rück-Finanzvorstand Elke König. Im schlimmsten Fall seien bei der Hannover Rück dafür Abschreibungen in Höhe von bis zu zehn Millionen Euro möglich. Das Portfolio sei sehr konservativ ausgelegt.

Der Rückversicherer hat im ersten Halbjahr trotz des Wintersturms "Kyrill" und der Überschwemmungen in Großbritannien mehr verdient als im Vorjahreszeitraum. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg um rund 16 Prozent auf 467,7 Millionen Euro. Ein Händler bezeichnete die Zahlen als gut. Die Combined Ratio habe indes erneut unter den Erwartungen gelegen und sei eine "fortlaufende Enttäuschung", so der Börsianer.

Stada kauft in Russland zu...
Im MDax legte die Stada-Aktie leicht zu, nachdem der Arzneimittelhersteller die Übernahme der russischen Pharmagruppe Makiz gemeldet hatte. Der Kaufpreis soll zwischen 125 Millionen und 135 Millionen Euro liegen.

... und Fraport in Peru
Auch Fraport meldete einen Zukauf: Der Flughafenbetreiber hat den Anteil am Flughafen Lima von 42,75 auf 100 Prozent aufgestockt. Angaben zum Kaufpreis wurden nicht gemacht. Knapp 40 Prozent der Anteile sollen später an peruanische Investoren und einen Fonds der Weltbank weiterverkauft werden. Der Flughafen in Lima zählte vergangenes Jahr rund sechs Millionen Passagiere, im ersten Halbjahr 2007 gab es ein Plus von 25 Prozent.

Aareal stockt bei ImmobilienScout auf
Schließlich wurde bekannt, dass der Immobilienfinanzierer Aareal Bank seinen Anteil an ImmobilienScout24 auf rund 66 Prozent erhöht hat. Ende April war Aareal mit zunächst 54,2 Prozent zum größten Anteilseigner des Online-Immobilien-Suchdienstes aufgestiegen. Danach habe die Bank weitere Anteile von Kleinaktionären hinzugekauft, sagte ein Sprecher zu dpa-AFX. Zweitgrößter Anteilseigner ist die Deutsche Telekom mit 33,1 Prozent.

Bietet Carl Zeiss für Wavelight?
Bei Wavelight hoffen Anleger auf eine Übernahmeschlacht. Denn das TecDax-Unternehmen Carl Zeiss Meditec stieg bei dem Laserhersteller mit fünf Prozent ein und kündigte an, gegebenenfalls ein Übernahmeangebot zu machen. Damit käme man dem US-Konzern Alcon in die Quere, der Wavelight für zehn Euro je Inhaberaktie übernehmen will. Analystin Silke Stegemann von der LBBW könnte sich Wavelight gut als Ergänzung für Carl Zeiss vorstellen. Derzeit sei die Kriegskasse von Carl Zeiss gut gefüllt.

Großauftrag für Solon
Im TecDax gehörte Solon zu den größten Gewinnern. Die Solarfirma soll Systeme für mehrere Großkraftwerke in Spanien liefern. Die Vereinbarung mit einem europäischen Finanzinvestor hat ein Volumen von 36 Megawatt. Zu finanziellen Details machte Solon keine Angaben.

Fuchs weiter auf Wachstumskurs
Fuchs Petrolub hat wieder einmal Erfreuliches geliefert: Der im SDax notierte Schmierstoffhersteller meldete für das erste Halbjahr Umsatz- und Gewinnzuwächse. Im Gesamtjahr soll der Gewinn vor Zinsen und Steuern um mindestens zehn Prozent steigen. Beim Umsatz erwartet das Unternehmen im zweiten Halbjahr eine Wachstumsrate wie im ersten.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 20. August

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Sonstiges:
Treffen der Handelsberater von EU und USA zur Beilegung des Handelsstreits.