HRE-Rettung pulverisiert das Vertrauen

Stand: 06.10.2008, 19:53 Uhr

Die Lösung der HRE-Krise produzierte am Montag eine Vertrauenskrise. Milliarden Dollar frisches Fed-Geld und die eilfertigen Erklärungen der EU-Regierungen, die Sparguthaben ihrer Bürger zu garantieren, halfen nichts. Die Kurse rutschten, der Dax verlor mehr als 400 Punkte.

Wie wäre es den Aktienmärkten ergangen, wenn es Bundesregierung und Banken nicht gelungen wäre, am Wochenende die Hypo Real Estate zu retten? Vermutlich wären die Kursverluste noch etwas drastischer ausgefallen. Was aber kaum vorstellbar ist. Dass die Hypo Real Estate aber überhaupt ein zweites Mal vor ihrer Pleite gerettet werden musste, beschwor am Montag an den Aktienmärkte eine tiefe Furcht vor weiteren Bankenpleiten und Milliardenlöchern.

Selbst die gemeinsamen Erklärung der 27 EU-Länder, alles nötige für die Stabilisierung der Finanzmärkte zu unternehmen, und die Tatsache, dass die amerikanische Notenbank die Finanzmärkte mit etlichen Milliarden Dollar überschwemmte, konnten nicht verhindern, dass den Anlegern am Montag das Vertrauen in die Märkte schlicht abhanden gekommen war.

Die Verluste an den Börsen waren weltweit beachtlich. Der Dax verlor im Tagesverlauf 7,1 Prozent und 410 Punkte auf 5.387 Zähler. Der MDax verlor 8,7 Prozent auf 6.132 Punkte. Der TecDax rauschte um 11,3 Prozent auf 604 Punkte abwärts. In Brasilien wurde der Handel ausgesetzt, nachdem der Leitindex Bovespa mehr als 15 Prozent verlor.

Den letzten Anstoß zu den dann völlig hemmungslosen Verkäufen am Nachmittag brachten die Kursverluste an der Wall Street. Der Dow Jones begann kurz nach Handelsstart einen bemerkenswerten Kurssturz, der den amerikanischen Leitindex zum ersten Mal seit Oktober 2004 unter die Marke von 10.000 Punkten führte.

"Wir werden gerade Zeuge einer totalen globalen Krise" sagte ein Händler angesichts eines Kursverlustes von mehr als sechs Prozent beim Dow Jones und S&P und mehr als sieben Prozent beim Nasdaq Composite. Der Dax verlor im späten Handel angesichts der Kursverluste in den USA weiter, der LDax schloss bei 5.354 Zählern.

Verluste bei Banken und Versicherern
Aktien von Banken und Versicherern waren am Montag die größten Verlierer am Aktienmarkt. Die Papiere der Hypo Real Estate waren am stärksten betroffen, sie verloren 37,4 Prozent, Aktien der Commerzbank gaben 16,1 Prozent ab, die Papiere der Deutschen Bank rutschten um 9,7 Prozent ab. Die im MDax notierte Aareal Bank verlor 21,9 Prozent.

SAP von Krise doch betroffen
Der Softwarehersteller SAP veröffentlichte am späten Nachmittag vorläufige Umsatzzahlen zum dritten Quartal. Unmittelbar vor dem Ende des dritten Quartals habe der Konzern die "Entwicklung an den Finanzmärkten" zu spüren bekommen, teilte das Unternehmen mit. Dies habe zu einem "abrupten und unerwarteten Abschwung unseres Geschäftes" geführt. Die jüngsten Geschäftszahlen lagen daher unter den Erwartungen von SAP, die Aktie verlor im späten Handel noch einmal deutlich und schloss 16,4 Prozent schwächer.

Konjunkturanfällige Aktien unter Druck
Überdurchschnittlich verloren die in Dax und MDax notierten Stahlaktien. Angesichts fallender Stahlpreise hatte die UBS die Gewinnerwartungen von ThyssenKrupp, Salzgitter und Klöckner&Co. deutlich gesenkt. ThyssenKrupp-Papiere verloren 11,7 Prozent, Salzgitter-Aktien gaben 16,9 Prozent ab, und Klöckner&Co. verbilligten sich um 14,6 Prozent.

Aktien des Düngemittelherstellers K+S stürzten um 12,4 Prozent ab. Die WestLB senkte das Kursziel wegen des Preisrückgangs bei Kalidünger von 100 auf 41 Euro und passte das Rating von "Buy" auf "Reduce" an. Unter den großen Verlierern im Dax findet sich auch die Aktie des Industriekonzerns Siemens, die 9,3 Prozent verlor. "Wenn die Banken die Kredite einschränken müssen, dann leidet darunter die Industrie", sagte ein Händler.

Allianz investiert Milliarden in den USA
Der Versicherungskonzern Allianz steigt mit 1,84 Milliarden Euro beim US-Versicherer Hartford Financial Services ein. Allianz-Chef Michael Diekmann sagte, er glaube an die Stärke der US-Wirtschaft und die dortige Versicherungsbranche. "Wir erwarten eine vorteilhafte Rendite auf unser Investment.", sagte er. Auch Hartford begrüßte den Einstieg der Allianz. Hartford-Chef Ramani Ayer sagte, das Geld werde helfen, durch die derzeit schwierigen Zeiten zu kommen. Die Allianz-Aktie rauschte im Sog der allgemeinen Marktstimmung abwärts und schloss mit einem Minus von 9,7 Prozent.

Premiere verliert 30 Prozent
Aktien des Bezahlsenders Premiere verloren weitere 29,4 Prozent. Nachdem der Konzern Ende vergangener Woche seine Prognose gesenkt und eine Million Karteileichen aus seiner Kundenliste entfernt hat, ist das Anlegervertrauen nachhaltig erschüttert. Nun sei mit Klagen von Klagen von Kleinanlegern zu rechnen, berichtet das Handelsblatt. Aktien des Fernsehsenders ProSiebenSat.1, ebenfalls im MDax notiert, fielen um 17 Prozent.

Großauftrag für MAN
MAN-Aktien verloren 7,6 Prozent. Die Dieselmotoren-Tochter des Konzerns berichtete, dass sie den größten Auftrag ihrer Unternehmensgeschichte erhalten habe. Für 1,3 Milliarden Euro wird der Konzern Dieselkraftwerke an den französischen Versorger EdF liefern.

Nordex warnte und verlor
Der Windkraftkonzern Nordex spürt die Folgen der Finanzkrise. "Wenn sich die Finanzmarktkrise im gesamten Jahr 2009 nicht beheben lassen sollte, könnte das Risiko auch auf einige unserer Projekte durchschlagen", sagte Vorstandschef Thomas Richterich der Nachrichtenagentur Reuters. Das hieße, so Richterich, dass Nordex dann nicht so stark wachsen könne wie geplant. Bisher gebe es dafür allerdings keine Anzeichen. Derzeit erwartet Nordex "ordentliche" Zuwächse bei Umsatz und Gewinn. Die Aktie verlor fast 20 Prozent.

Eli Lilly will Imclone übernehmen
Der amerikanische Pharmakonzern Eili Lilly will für 6,5 Milliarden Dollar die US-Biotechfirma Imclone übernehmen. Eli Lilly übertrifft mit diesem Angebot eine bereits verbesserte Offerte des US-Rivalen Bristol-Myers Squibb, der Imclone für 5,4 Milliarden Dollar kaufen wollte. Imclone empfahl seinen Aktionären ausdrücklich, das Eli Lilly-Angebot anzunehmen.

Bayer beginnt Phase III-Studie
Der Pharma- und Chemiekonzern Bayer will noch im laufenden Jahr mit der klinischen Studie der Phase drei für sein Medikament Riociguat beginnen. Das Mittel zur Behandlung von Lungenhochdruck habe sehr vielversprechende Phase II-Studien abgeschlossen, so Bayer. Die Aktie verlor vergleichsweise harmlose 3,8 Prozent.

Kontron kauft Intel-Sperte
Der Minicomputerhersteller Kontron hat den Geschäftszweig "Communication Rackmount Server" des Halbleitergiganten Intel übernommen. "Der Kontron Vorstand erwartet für 2009 einen Umsatzbeitrag aus dem neu erworbenen Geschäftszweig von mehr als 40 Millionen Dollar", teilte das TecDax-Mitglied mit. Die Aktie gab um 2,6 Prozent nach.

Geht die Bahn an die Börse?
Die Deutsche Bahn hat ihren für Ende Oktober geplanten Börsengang mit einem (kleinen) Fragezeichen versehen. Bisher gebe es keine Anzeichen dafür, dass die Investoren abspringen würden, sagte ein Bahn-Sprecher. Aber am Ende entscheide doch der Markt, fügte der Sprecher hinzu. Zuvor hatte Finanzminister Peer Steinbrück gesagt, man werde "irgendwann überlegen müssen, ob das jetzt der richtige Zeitpunkt sei".

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"