Hoffnung ist Trumpf

Detlev Landmesser

Stand: 08.04.2009, 20:47 Uhr

Wer wagt da noch eine Prognose? Auch am Mittwoch wechselten die Börsen mehrmals ihre Vorzeichen. Es steht zwar eine trübe Bilanzsaison bevor, doch die Hoffnung auf bessere Zeiten setzte sich durch.

Der L-Dax schloss mit 4.373,53 Punkten noch etwas höher als der Xetra-Dax. An der Wall Street verlief der Handel bis zum Abend ähnlich nervös, doch ebenfalls mit positiven Vorzeichen.

Am Abend wurde das Sitzungsprotokoll der Fed vom 18. März veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass die US-Notenbank weiterhin damit rechnet, dass die wirtschaftliche im nächsten Jahr beginnt. In der zweiten Hälfte 2009 werde der Abschwung voraussichtlich zum Stillstand kommen und sich im kommenden Jahr dann allmählich wieder Wachstum einstellen, heißt es in dem Papier.

Hoffen auf den Staat zieht immer wieder

Die amerikanischen Börsen profitierten aber vor allem von einer möglichen Ausweitung des Rettungspakets der US-Regierung auf einige Lebensversicherer. Ein Sprecher des Finanzministeriums erklärte, mehrere der Häuser wie Prudential Financial und Hartford Financial kämen für Finanzspritzen in Betracht. Die Aktie von Hartford, an dem die Allianz beteiligt ist, schoss daraufhin um rund 20 Prozent in die Höhe. Zudem half eine geplante Übernahme in der krisengeplagten Baubranche.

Alcoa wird durchgewunken
Damit trat die Sorge vor einer schwachen Berichtssaison in den Hintergrund. Trotz der enttäuschenden Bilanz von Alcoa hielt sich die Aktie des Dow-Jones-Konzerns recht gut. Der weltgrößte Aluminiumkonzern, der traditionell in den USA die Bilanzsaison einläutet, hatte den zweiten Quartalsverlust in Folge ausgewiesen.

Auch in Deutschland wurde eine eigentlich trübe Zahl ins Positive gewendet. Die deutschen Industrieaufträge schrumpften im Februar gegenüber dem Vormonat um weitere 3,5 Prozent, womit sich der Einbruch aber wenigstens verlangsamte. Der Wert für den Januar wurde von zunächst minus 8,0 auf minus 6,7 Prozent revidiert.

Henkel meldet Ergebniseinbruch
Am Abend musste die Henkel-Vorzugsaktie ihren Tagesgewinn preisgeben, nachdem der Konsumgüterhersteller überraschend Eckdaten zum ersten Quartal veröffentlicht hatte. Das operative Ergebnis (Ebit) brach im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 320 auf 215 Millionen Euro. Der Umsatz ging bereinigt um die Akquisition des Klebstoffgeschäfts von National Starch um sieben Prozent zurück. Inklusive des Zukaufs ergab sich ein Plus von drei Prozent auf 3,25 Milliarden Euro.

Goldman mag Daimler
Die Daimler-Aktie trug knapp 17 Indexpunkte zum Dax-Anstieg bei. Das Index-Schwergewicht gewann am Tag der Hauptversammlung 7,9 Prozent. Dabei halfen weniger die durchwachsenen Nachrichten vom Aktionärstreffen in Berlin. Denn der Stuttgarter Konzern erwartet, dass sich die Automobilmärkte frühestens in der zweiten Jahreshälfte erholen. Grund für den Anstieg war vor allem eine Kaufempfehlung von Goldman Sachs. Die Analysten erhöhten ihre Einstufung von "Neutral" auf "Buy".

Ähnliches gilt für die BMW-Aktie, die von den Goldman-Experten auf deren pan-europäische Kaufliste gesetzt wurde.

Dramatische Töne von Arcandor
Mit Abstand schwächster MDax-Titel war Arcandor. Der Handels- und Touristikkonzern ringt offenbar ums Überleben. "Was wir jetzt unbedingt brauchen, ist Profitabilität", erklärte der neue Vorstandschef Karl-Gerhard Eick dem Mitarbeitermagazin "Maz", wie die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" berichtete. "Ohne die Unterstützung der Finanzwelt, der Banken, wird dieses Unternehmen nicht bestehen können", ergänzte er. "Zum Glück ist einer der Großaktionäre bereits eine Bank", lautete der süffisante Kommentar eines Marktbeobachters mit Blick auf den Anteilseigner Sal. Oppenheim.

Hochtief-Entscheidung wird honoriert
Die Hochtief-Aktie baute am Abend ihren Tagesgewinn aus. Der größte deutsche Baukonzern bestätigte den Ausstieg aus dem Konsortium zum Ausbau und Betrieb der Autobahn 5 bei Offenburg. Ebenfalls positiv hatte die Börse zuvor einen weiteren Großauftrag für die australische Tochter Leighton aufgenommen.

Premiere ex Bezugsrecht
Die Aktie des Bezahlfernsehsenders Premiere lag an der MDax-Spitze. Bereinigt um den Wert des Bezugsrechts im Rahmen der am Mittwoch angelaufenen Kapitalerhöhungsmaßnahmen ist das Plus sogar noch größer. Das Unternehmen gibt für eine alte drei neue Aktien aus. Der Bezugspreis beträgt 1,12 Euro.

HRE-Poker vor der Entscheidung
Wer ist klüger, die Spekulanten, die auf eine über dem aktuellen Kurs liegende Abfindung hoffen, oder der Staat? Das muss sich erst noch entscheiden - der Bund ist nun jedenfalls am Zug. Morgen tritt das neue Banken-Enteignungsgesetz in Kraft, womit ein Übernahmeangebot des staatlichen Banken-Rettungsfonds SoFFin möglich wäre. Dieses wird mindestens in Höhe des gewichteten Durchschnitts-Börsenkurses der letzten zwei Wochen vor Bekanntwerden der Absicht des Übernahmeangebots liegen - ausgenommen die erste Februarhälfte. Die "Financial Times" hatte am Wochenende von 1,26 Euro berichtet.

Q-Cells stärkt China-Engagement
Im TecDax drehte die Q-Cells-Aktie leicht ins Plus. Das Solarunternehmen gründet mit dem chinesischen Waferproduzenten LDK Solar ein Gemeinschaftsunternehmen. Dieses soll große Solarparks in Europa und China errichten. Die ersten gemeinsamen Projekte seien bereits in der Planung, teilten die Firmen mit. Das Joint Venture soll zu 100 Prozent auf Solarzellen von Q-Cells und Wafer von LDK-Solar zurückgreifen.

Wirecard bietet kleine Dividende
Die Wirecard-Aktie eroberte die TecDax-Spitze. Der Zahlungsverkehrsabwickler will für 2008 erstmals eine kleine Dividende zahlen. Die Ausschüttung soll bei acht Cent je Aktie liegen. Auch für dieses Jahr ist das Unternehmen optimistisch. "Das erste Quartal hat sich planvoll und gut entwickelt und wir sind sehr gut auf dem Weg, das für das gesamte Jahr anvisierte zweistellige Wachstum zu erzielen", sagte Vorstandschef Markus Braun.

Solon-Beteiligung insolvent
Die Aktie von Solon hatte dagegen einen schweren Stand. Der Solarmodulhersteller ist zu rund einem Drittel an dem französischen Siliziumhersteller Silicium de Provence beteiligt, der Insolvenz angemeldet hat. Solon rechnet nun mit einer möglichen Wertberichtigung von 40 Millionen Euro.

Comdirect kurz vor Ebase-Kauf
Am Abend teilte der Direktbroker Comdirect mit, die Münchner European Bank for Fund Services (Ebase) übernehmen zu wollen. Der Kaufvertrag solle noch am Mittwoch unterzeichnet werden. Ebase, das ebenfalls zum Commerzbank-Konzern gehört, bietet Versicherern, Anlagegesellschaften und Vermögensverwaltern eine Plattform für die Verwaltung von Investmentfondsanteilen. Ende 2008 betreute das Institut eine Million Depots mit einem Volumen von zwölf Milliarden Euro. Der Zukauf muss noch von den zuständigen Behörden genehmigt werden.

Atoss meldet neuen Rekord
Die Atoss-Aktie beschleunigte ihren jüngsten Anstieg. Das Softwareunternehmen hat im ersten Quartal seinen Umsatz um elf Prozent auf 7,1 Millionen Euro verbessert. Das ist nach eigenen Angaben ein neuer Umsatzrekord für ein einzelnes Quartal in der Unternehmensgeschichte.

Funkwerk hält Umsatz stabil
Der Telekommunikationstechnik-Hersteller Funkwerk hat trotz Absatzproblemen bei Mobilfunkanlagen für Autos stabile Ergebnisse vorgelegt. Der Umsatz lag 2008 mit 290,2 Millionen Euro auf dem Vorjahresniveau. Dabei stieg der Gewinn von 6,5 auf 8,2 Millionen Euro. Eine Prognose für dieses Jahr blieb das Management angesichts der unsicheren Konjunkturaussichten aber noch schuldig.

Berg wechselt wegen Vekselberg
Der russische Milliardär Viktor Vekselberg hat den Machtkampf um die Führung des Schweizer Maschinenbauers Sulzer gewonnen. Die Generalversammlung wählte den Verwaltungsratspräsidenten Ulf Berg ab. Damit hat Vekselberg die größte Hürde aus dem Weg geräumt, um den von ihm favorisierten ehemaligen Hoechst-Chef Jürgen Dormann an die Spitze des Konzerns zu hieven. Es blieb aber weiter unklar, was Vekselberg, der 31 Prozent an Sulzer hält, mit dem profitablen Maschinenbauer vorhat.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"