Historisches Quartal endet in Grün

Detlev Landmesser

Stand: 30.09.2008, 20:21 Uhr

Das amerikanische Rettungspaket kommt, daran wollte am Dienstag niemand mehr zweifeln. Kleine Ironie: Auch um das deutsche Rettungspaket für die Hypo Real Estate herrschte an diesem Tag heillose Verwirrung.

Der L-Dax beschloss das dritte Quartal, in dem sich die Bankenwelt veränderte wie nie zuvor, mit einem Tagesplus von 2,1 Prozent bei 5.872,85 Punkten.

Bis zum Abend kletterten die US-Aktienmärkte um bis zu 4,3 Prozent nach oben und erholten sich damit deutlich von ihren heftigen Kurseinbrüchen am Montag. US-Präsident Bush betonte am Dienstag, er sei zuversichtlich, dass das Paket trotz einer ersten Ablehnung durch das US-Repräsentantenhaus noch in dieser Woche verabschiedet werde.

Die Verwirrung der Märkte zeigte sich auch am Devisenmarkt. Wohl auch wegen Repatriierungen amerikanischen Kapitals fiel der Euro im Tagesverlauf von über 1,44 auf unter 1,41 Dollar.

US-Konjunkturdaten stützen

Die neuesten US-Konjunkturdaten trugen zur Rally des Dollar bei. In der Region Chicago hat sich die Stimmung der Einkaufsmanager im September nicht so stark eingetrübt wie von Experten erwartet. Der entsprechende Index sank von 57,9 Punkten im Vormonat auf 56,7 Zähler. Volkswirte hatten mit einem deutlicheren Rückgang auf 53,0 Punkte gerechnet. Zudem hellte sich das Verbrauchervertrauen im September zum dritten Mal in Folge überraschend auf. Der vom Conference Board ermittelte Index stieg von 58,5 auf 59,8 Punkte. Der Marktkonsens war hier von einem Rückgang auf 55,0 Punkte ausgegangen.

Auch der deutsche Arbeitsmarkt zeigt sich von der Krise bisher unbeeindruckt. Wie die Bundesagentur für Arbeit mitteilte, sank die Zahl der Arbeitslosen im September saisonbereinigt um 29.000 auf 3,08 Millionen. Die Nachfrage nach Arbeitskräften liege weiter auf hohem Niveau, erklärte Agentur-Chef Frank-Jürgen Weise.

Staaten retten Staatsfinanzierer
Über eine Kapitalerhöhung bekommt der angeschlagene Staatsfinanzierer Dexia 6,4 Milliarden Euro von den Regierungen von Belgien, Frankreich und Luxemburg. Die Finanzspritze sollte auch die Märkte beruhigen, nachdem die Dexia-Aktie am Montag um fast 30 Prozent eingebrochen war. Vor allem Frankreich hat ein Interesse an einer stabilen Dexia-Bank, weil der Depfa-Konkurrent der Hauptgeldgeber der französischen Kommunen ist.

Widersprüchliche Aussagen zur HRE
Die Aktie der Hypo Real Estate erholte sich kräftig. Nachdem der Dax-Titel am Montag 74 Prozent an Wert verloren hatte, stieg er heute um 17,9 Prozent. Unterdessen hielt die Verwirrung darüber an, wie die von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück angestrebte "geordnete Abwicklung" der Bank aussehen soll. Am Abend betonte BaFin-Chef Jochen Sanio, das Rettungspaket diene nicht der Liquidierung der Bank, während Bundesbank-Präsident Axel Weber erklärte: "Die Hypo Real Estate ist in eine zukunftsfähige Situation geführt worden." Offensichtlich besteht auch bei den handelnden staatlichen Stellen noch erheblicher Abstimmungsbedarf.

Die anderen Banktitel im Dax verloren teilweise kräftig. Die Unsicherheit um das Rettungspaket in den USA drückte die Aktien von Commerzbank, Deutscher Bank und Münchener Rück um bis zu fünf Prozent ins Minus.

Auch die Daimler-Aktie lastete auf dem Index. Besonders eine negative Studie von Merrill Lynch belastete das Schwergewicht. Autobauer seien durch Leasing- und Finanzierungskredite ebenfalls von der Bankenkrise betroffen, schrieben die Analysten.

Siemens gewärtigt hohen Quartalsverlust
Die Investoren nahmen Details zum geplanten Konzernumbau von Siemens recht gelassen auf. Dieser soll bis zu rund drei Milliarden Euro kosten. Der Großteil davon werde im heute abgelaufenen vierten Geschäftsquartal (per Ende September) verbucht, teilte der Dax-Konzern am Nachmittag mit. Damit muss Siemens mit einem hohen Quartalsverlust rechnen. Die beiden größten Belastungsfaktoren sind der laufende Stellenabbau in der Verwaltung und der Verkauf der Telefonanlagensparte SEN an den US-Finanzinvestor Gores.

Arcandor dementiert Cook-Pläne
Die Arcandor-Aktie zeigte sich mit einem Aufschlag von 24,6 Prozent erholt. Der Handels- und Touristikkonzern dementierte einen Medienbericht, wonach er einen "geordneten" Verkauf seiner Touristiktochter Thomas Cook vorbereite. Ein Verkauf der Tochter sei wegen der Milliardenschulden des Konzerns unumgänglich, hatte die "Financial Times Deutschland" geschrieben. Arcandor betonte dagegen, es gebe keine derartigen Pläne.

Zwei Gebote für Hapag Lloyd
Zu den Gewinnern im MDax zählte auch Tui. Der Konzern hat zwei Angebote für seine zum Verkauf stehende Reedereitochter Hapag Lloyd erhalten. Etwa vier Milliarden Euro bietet das Hamburger Konsortium, die Reederei Neptune Orient Lines (NOL) legte nach Medieninformationen eine Offerte von etwa 3,5 Milliarden vor. "Vier Milliarden war die Markterwartung für Hapag-Lloyd", sagte ein Händler. "Dass Hamburg aber NOL ausgestochen haben soll, ist eine kleine Überraschung."

Zoff um Freenet-Spitze
Die Freenet-Aktie setzte ihren Abwärtstrend am Dienstag zunächst fort, rettete sich dann aber leicht ins Plus. Debitel-Chef Oliver Steil zieht anders als geplant nicht in den Vorstand des TecDax-Unternehmens ein. Hintergrund sind offenbar Differenzen über die Aufgabenverteilung mit Freenet-Chef Eckhard Spoerr und die Unternehmensstrategie. Steil gilt als Vertrauter des Finanzinvestors Permira, der mit der Veräußerung von Debitel an Freenet zum Großaktionär des Telekomanbieters wurde. Am Abend meldete Freenet den Einzug des Debitel-Managers Joachim Preisig in den Vorstand, der sich damit auf fünf Personen vergrößert. Preisig soll die Integration von Debitel in den Unternehmensverbund leiten.

Strategieschwenk bei Balda
Die Aktie von Balda verlor 5,4 Prozent. Der Handy-Zulieferer beschafft sich mit dem Verkauf von zwölf Prozent der Anteile an dem chinesischen Touchscreen-Hersteller TPK neues Geld. Damit sinkt der Balda-Anteil an TPK auf 38 Prozent, zudem im Zuge einer Kapitalerhöhung von TPK auf schließlich 33,5 Prozent. Anders als bisher geplant will sich das Unternehmen künftig wieder auf Kunststoffkomponenten und Elektronik für Mobiltelefone konzentrieren. Die Banken hätten ein Stillhalteabkommen mit Balda verlängert, teilte das Unternehmen weiter mit. Eine Vereinbarung zur Umfinanzierung werde bis November erwartet.

Mobotix kommt voran
Der Anbieter von Video-Sicherheitssystemen, Mobotix, hat das vergangene Geschäftsjahr mit deutlichen Zuwächsen abgeschlossen. Die Erlöse stiegen um etwa die Hälfte auf 35,3 Millionen Euro, das Ebit kletterte um 79 Prozent auf sieben Millionen Euro. Mobotix will eine Dividende von 0,5 Euro je Aktie an die Anteilseigner ausschütten. Die Aktie legte leicht zu.

Hornbach sieht sich auf Kurs
Knapp zwei Prozent gewann die Aktie der Hornbach-Holding. Die Betreiberin von Bau- und Gartenmärkten hat im ersten Halbjahr ihres Geschäftsjahres Umsatz und Gewinn gesteigert. Der Umsatz des Dachkonzerns stieg um 6,7 Prozent auf 1,53 Milliarden Euro, das Ebit stieg proportional stärker von 86 Millionen auf 142 Millionen Euro. Hornbach zeigte sich mit dem Ergebnis "mehr als zufrieden".

Stratec rudert deutlich zurück
Die Aktie von Stratec Biomedical musste kräftig Federn lassen. Der schwäbische Anbieter von Medizintechnik rückte am Nachmittag nach der "verbindlichen Abnahmevorschau eines wichtigen Kunden für das vierte Quartal" von seinen Jahreszielen ab. Statt bisher 78 bis 82 Millionen erwartet das Unternehmen für 2008 nur noch einen Umsatz von "mehr als 60 Millionen Euro". Das Ergebnis vor Steuern soll bei mehr als 11,5 Millionen liegen. Bisher hatte Stratec 16,2 bis 18,2 Millionen Euro in Aussicht gestellt.

Tagestermine am Dienstag, 13. November

Unternehmen:
Fraport: Verkehrszahlen 10/18, 7:00 Uhr
Grammer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Bauer: Neun-Monats-Zahlen, 7:00 Uhr
1&1 Drillisch: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Cewe Stifung: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Evotec: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr (Call: 14:00 Uhr)
Innogy: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Tom Tailor: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
United Internet: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Ströer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Areal Bank: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Hello Fresh: Q3-Zahlen, 7:15 Uhr
Medigene: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
VTG: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
HHLA: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Uniper: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Jenoptik: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Nordex: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Bayer: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
Bilfinger: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
OHB: Neun-Monats-Zahlen, 8:00 Uhr
Vodafone: Halbjahreszahlen, 8:00 Uhr
Home Depot: Q3-Zahlen, 15:00 Uhr
Wüstenrot & Württembergische: Q3-Zahlen
Nemetschek: Kapitalmarkttag

Konjunktur:
Italien: Frist der EU-Kommission zur Überprüfung des Haushaltsentwurfs läuft aus
Deutschland: Verbraucherpreise 10/18 (endgültig), 8:00 Uhr
Deutschland: Insolvenzen 8/18, 8:00 Uhr
Deutschland: Erwerbstätigkeit Q3/18, 8:00 Uhr
Großbritannien: Arbeitslosenzahl 10/18, 10:18
Deutschland: ZEW-Konjunkturerwartungen 10/18, 11:00 Uhr