Historische Umwälzungen

Detlev Landmesser

Stand: 08.01.2009, 20:19 Uhr

Dass die Sorgen um ein Scheitern der Ehe zwischen Commerz- und Dresdner Bank begründet waren, zeigte sich am Donnerstag. Mit einem Paukenschlag rettete jedoch der Bund die Lage.

Die Nachricht, dass der staatliche Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (SoFFin) 25 Prozent plus eine Aktie an der Commerzbank übernimmt, löste eine Kurserholung des gesamten Aktienmarktes aus. Schließlich wurden damit die anhaltenden Sorgen um das Gelingen der Dresdner-Bank-Übernahme vom Tisch gefegt.

Der Dax konnte sein Tagesminus deutlich eindämmen, nachdem er bereits 2,4 Prozent eingebüßt hatte. Der L-Dax schloss 0,95 Prozent tiefer bei 4.878,15 Punkten.

Durch den Staatseinstieg fließen Deutschlands zweitgrößter Privatbank weitere zehn Milliarden Euro an Eigenkapital zu, um die Übernahme der Dresdner Bank aus den Händen der Allianz sowie weitere Belastungen zu finanzieren. Nach Angaben der Allianz wird der Verkauf der Dresdner Bank in den nächsten Tagen vollzogen. Die Commerzbank begrüßte den Staatseinstieg: "Wir sind damit absolut zufrieden und dankbar, dass der Bund ein deutliches Zeichen setzt", erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende Klaus-Peter Müller am Abend.

Vor der rettenden Nachricht hatte bereits ein Pressebericht über einen weiteren Milliardenbedarf der Bank den Dax-Titel belastet. Die Aktie sackte um bis zu 21,3 Prozent auf ein historisches Tief von 4,79 Euro ab. Danach erholte sich das Papier wieder deutlich. Am Vormittag hatte die Commerzbank als erstes deutsches Finanzinstitut eine vom SoFFin garantierte Anleihe im Volumen von fünf Milliarden Euro ausgegeben.

Gewinnwarnung von Wal-Mart

Auch an der Wall Street herrschten bis zum Abend die Minuszeichen vor. Diesmal warnte Wal-Mart vor einem unerwartet schwachen Ergebnis im vierten Quartal. Der weltgrößte Einzelhändler rechnet nun mit einem Quartalsgewinn zwischen 91 und 94 Cent je Aktie. Im November hatte Wal-Mart noch 1,03 bis 1,07 Dollar in Aussicht gestellt. Das belastete die ohnehin schlecht aufgelegte Metro-Aktie zusätzlich.

Miserable Daten aus Euroland
Zuvor wurde die Stimmung der Anleger vom drastischen Einbruch des europäischen Geschäftsklimaindex gedrückt. Er sank auf 67,1 Punkte und damit auf den tiefsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen Anfang 1985.

Dazu kam die Meldung, dass die deutschen Industrieaufträge im November zum Vormonat um 6,0 Prozent eingebrochen sind, ein deutlich drastischerer Rückgang als erwartet. Auch die deutschen Exporte brachen im November so stark ein wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Sie sanken kalender- und saisonbereinigt um 10,6 Prozent im Vergleich zum Vormonat.

Dass sich der Euro am Nachmittag dennoch um mehr als zwei US-Cent nach oben bewegte, dürfte auch an der Sorge um die erwartete Verdopplung des amerikanischen Haushaltsdefizits im laufenden Jahr auf unvorstellbare 1,19 Billionen US-Dollar liegen. Der künftige US-Präsident Barack Obama erklärte am Donnerstag, die Ausweitung des Rekorddefizits müsse in Kauf genommen werden. "Ich glaube nicht, dass es zu spät ist, den Kurs zu ändern. Aber es wird zu spät sein, wenn wir nicht so schnell wie möglich drastische Schritte unternehmen", sagte er in einer wirtschaftspolitischen Grundsatzrede. Zugleich zeichnete Obama ein dramatisches Bild vom Zustand der amerikanischen Wirtschaft.

Infineon fällt wieder zurück
Nach den Gewinnen des Vortages rutschte die Infineon-Aktie um 10,5 Prozent ab. Nun schlug doch die der Umsatzwarnung des weltgrößten Chipherstellers Intel vom Mittwoch durch.

Daimler-Absatzminus durch Smart gemildert
Die Details zu den Absatzeinbußen von Mercedes-Benz im abgelaufenen Jahr nahmen die Anleger relativ gelassen hin. Daimler teilte mit, die Marken Mercedes-Benz, Smart, AMG und Maybach hätten 2008 weltweit 1,26 Millionen Pkw ausgeliefert. Das sind 2,3 Prozent weniger Fahrzeuge als im Rekordjahr 2007. Der kräftige Absatzschwund bei den hochpreisigen Wagen von Mercedes-Benz (minus 5,4 Prozent) wurde jedoch vom Kleinwagen Smart gebremst. Von dem Zweisitzer verkaufte der Stuttgarter Konzern weltweit 134.800 Fahrzeuge, 34 Prozent mehr als 2007.

Praktiker-Umsatz enttäuscht
Die Baumarktkette Praktiker hat im Geschäftsjahr 2008 weniger umgesetzt als im Vorjahr. Die Erlöse gingen um ein Prozent auf rund 3,91 Milliarden Euro zurück, teilte das MDax-Unternehmen mit. Flächenbereinigt war der Rückgang mit sechs Prozent noch stärker. Die Umsätze im vierten Quartal sanken um 1,2 Prozent. Anleger reagierten entsetzt auf die Zahlen, die Aktie verlor in der Spitze 17,8 Prozent.

Conti-Übernahme vollzogen
Die Conti-Aktie eroberte mit einem Plus von bis zu 12,9 Prozent die MDax-Spitze. Die Schaeffler-Gruppe hat die ihr im Zuge des Übernahmeangebots angedienten Conti-Aktien heute fristgerecht bezahlt. Der Wälzlagerhersteller hält nun 49,90 Prozent an Conti. Eine Investorenvereinbarung begrenzt den Schaeffler-Anteil bis August 2012 auf unter 50 Prozent, weshalb Schaeffler die überschüssigen angedienten rund 40 Prozent der Conti-Aktien an seine Banken weitergereicht hat. Insgesamt kostet der Einstieg das Familienunternehmen rund zehn Milliarden Euro. Wie die dafür aufgenommenen Kredite zurückbezahlt werden sollen, ist unklar.

Premiere-Aktien kosten 3,76 Euro
Am Abend teilte der angeschlagene Pay-TV-Sender Premiere mit, dass die neuen Aktien der im Dezember angekündigten Kapitalerhöhung für 3,76 Euro pro Stück kosten sollen. Dadurch sollen dem MDax-Unternehmen mindestens 25 Millionen Euro zufließen.

Air Berlin verliert Großaktionär
Die Aktie von Air Berlin notierte 2,6 Prozent tiefer. Der russischstämmige US-Milliardär Leonard Blawatnik hat sich von seiner 18,94-prozentigen Beteiligung an der Fluggesellschaft getrennt. Wer das Paket zu welchem Preis erworben hat, blieb zunächst unklar. Der Ausstieg Blawatniks dürfte damit zusammenhängen, dass dem Industriellen der Petrochemiekonzern Lyondell Basell gehört. Dieser hatte am Dienstag für seine US-Tochter Insolvenz anmelden müssen.

Online-Broker schlagen sich gut
Die Aktie der Commerzbank-Tochter Comdirect hielt sich fast auf Vortagesniveau. Der Online-Broker konnte die Zahl der Orders im Dezember um 30.000 auf 822.000 steigern. Auch der auf häufig handelnde Privatanleger spezialisierte Onlinebroker Sino hat im Dezember knapp 20 Prozent mehr Orders ausgeführt als im Vorjahresmonat. Damit sei auch der Gewinn des gesamten ersten Quartals des Geschäftsjahres 2008/09 hervorragend, so das Unternehmen.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"