Himmelfahrtsparty an der Börse ohne Euro

Notker Blechner

Stand: 13.05.2010, 20:02 Uhr

Während sich an der Wall Street Skepsis breitmacht, herrscht an der Frankfurter Börse weiter Kauflaune. Der Dax setzte auch am umsatzarmen Himmelfahrts-Feiertag seinen Höhenflug fort. Dickschiffe wie Daimler und Siemens trieben den Leitindex an. Für Gesprächsstoff sorgte auch SAP.

Trotz des fehlenden Rückenwinds der US-Börsen ging die Erholungsrally am deutschen Markt ungebremst weiter. Der Dax schraubte sich um über ein Prozent auf 6.252 Punkte nach oben. Der LDax schloss etwas niedriger bei 6.247 Zählern. Damit ist ein neues 18-Monats-Hoch wieder in Sichtweite. Seit der Verkündung des 750 Milliarden Euro schweren EU-Rettungsschirms für strauchelnde Mitgliedsländer am Wochenende hat das deutsche Börsenbarometer über neun Prozent zugelegt. Es ist die größte Rally seit den Turbulenzen nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers im Herbst 2008.

Gegenwind aus den USA

Auch von den trüben Arbeitsmarktdaten aus den USA ließen sich die Börsianer am deutschen Aktienmarkt die Stimmung nicht verderben. Die Zahl der US-Arbeitslosenanträge ging unerwartet langsam zurück. Die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe fielen um 4.000 auf 444.000. Prognostiziert worden war ein Rückgang auf 440.000 Anträge. Gleichzeitig legte die Zahl der Menschen, die weiterhin Unterstützung erhalten, überraschend zu. Die Einfuhrpreise im April stiegen um 0,9 Prozent, Analysten hatten mit 0,8 Prozent gerechnet.

Die Nervosität der Börsianer nahm weiter ab. Der VDax, der die Volatilität auf Basis der Verkaufs- und Kaufoptionen auf die 30 Dax-Werte berechnet, sackte um bis zu zehn Prozent auf 22,93 Punkte ab. Allerdings waren die Umsätze am Feiertag extrem dünn, viele Marktteilnehmer waren abwesend. Händler sprachen denn auch von eher zufälligen Kursverläufen.

Portugal lässt Anleger hoffen
Ein neuer Sparplan Portugals linderte die Furcht vieler Anleger vor einer Ausweitung der Schuldenkrise. Portugals Ministerpräsident Jose Socrates kündigte am Donnerstag eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von 20 auf 21 Prozent und eine neue Einkommenssteuer an, um das Staatsdefizit zu reduzieren. Außerdem sollen Großkonzerne und Bankengewinne mit 2,5 Prozent zusätzlich besteuert werden. Am Mittwoch hatte Spanien bereits ein 15 Milliarden Euro schweres Sparprogramm verkündet.

Dem Euro half das kaum. Er fiel unter die Marke von 1,26 Dollar. Gegenüber dem Schweizer Franken notierte der Euro gar auf einem neuen Rekordtief von 1,4011 Franken. Da konnten auch die Beschwichtigungen der Europäischen Zentralbank (EZB) in Sachen Inflation nicht beruhigen. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und Chefvolkswirt Jürgen Stark betonten, ihr Eingreifen in der Schuldenkrise werde die Inflation nicht in die Höhe treiben. Stark verteidigte gegenüber tagesschau.de den Kauf von Staatsanleihen als "temporäre Notfallmaßnahme".

Ackermann warnt vor "Kernschmelze"

Am Abend goss Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann Öl ins "griechische Feuer". In der ZDF-Sendung "Maybrit Illner" zweifelte er daran, ob Griechenland über die Zeit wirklich seine Schulden zurückzuzahlen könne. Ackermann forderte, Griechenland müsse stabilisiert werden. Wenn das Land fiele, würde das "mit großer Sicherheit auch auf die anderen Länder" übergreifen und könnte zu einer Art "Kernschmelze" führen. "Falls es am Schluss doch nicht reicht, kann man immer noch über Umschuldungen nachdenken."

Derweil bewegte sich der Goldpreis nahe dem gestern erreichten Rekordhoch von 1.248 Dollar oder 988,31 Euro. Am Abend kostete eine Feinunze des gelben Edelmetalls rund 1.237 Dollar. Der Ölpreis setzte seine Talfahrt fort. Ein Barrel der US-Referenzsorte WTI kostete am Donnerstag nur noch 74,34 Dollar - 1,31 Dollar weniger als am Vortag. Als Gründe nannten Händler den Kursrückgang des Euro zum Dollar und die zuletzt gestiegenen Rohöl-Lagerbestände.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
56,65
Differenz relativ
+0,59%
Siemens: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
109,76
Differenz relativ
+0,49%

Schwergewichte treiben Dax an
Treibende Kraft im Dax waren die Schwergewichte Daimler, Siemens und Allianz. Mit einem Plus von fast vier Prozent führte Daimler die Gewinner-Liste an. Allianz-Papiere legten um zwei Prozent zu. Der Konzern profitierte von Analysten-Hochstufungen. Die UBS erhöhte ihr Kursziel von 100 auf 105 Euro, Natixis schraubte das Kursziel auf 108 Euro nach oben.

SAP

SAP: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
101,22
Differenz relativ
-0,90%

SAP-Coup zu teuer?
Für Gesprächsstoff auf dem Parkett sorgte aber vor allem die Übernahme der US-Firma Sybase durch SAP. Analysten werteten den Schritt im Kampf gegen den Erzfeind Oracle grundsätzlich positiv. SAP sichere sich den Zugang zu Mobilfunk-Kunden. Manch einer befürchtet jedoch, SAP könne mit 5,8 Milliarden Dollar zu viel für Sybase bezahlen. Der Markt werde Zeit brauchen, die Logik dieser überraschenden Übernahme nachzuvollziehen, hieß es von Goldman Sachs. Während die Sybase-Aktie mit einem Kursaufschlag von mehr als 50 Prozent haussierte, rutschte die SAP-Aktie um rund ein Prozent ab und gehörte zu den größten Dax-Verlierern.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
10,27
Differenz relativ
+0,45%

Deutsche Bank droht Ärger in den USA
Noch größer waren die Kursverluste bei der Aktie der Deutschen Bank. Sie büßte 1,5 Prozent ein. Laut US-Medienberichten soll die New Yorker Staatsanwaltschaft wegen Betrugsvorwürfen Untersuchungen gegen den deutschen Branchenprimus und sieben andere Banken eingeleitet haben. Zudem soll das Frankfurter Institut Rating-Agenturen durch falsche Informationen zu einer Besserbewertung ihrer Hypothekenpapiere bewegt haben. Goldman Sachs steht schon länger im Fadenkreuz der US-Börsenaufsicht SEC.

UBS verschmäht Stahlwerte

Stark unter Druck befanden sich die Stahlwerte. ThyssenKrupp war mit einem Minus von 1,6 Prozent Dax-Schlusslicht. Salzgitter-Papiere gaben knapp ein Prozent nach. Schuld daran war vor allem die UBS, die ihre Empfehlungen für zahlreiche Stahlwerte senkte. Die Schweizer Bank gab ihre Kaufempfehlung für ThyssenKrupp auf und bewertet die Titel jetzt nur noch mit "Neutral". Die Salzgitter-Aktie empfahl die UBS zum Verkauf.

VW gibt Seat letzte Chance

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
153,54
Differenz relativ
+1,61%

Von VW gab es Neues vom Sorgenkind Seat. Der Konzern hat einen Sanierungsplan beschlossen, der Seat binnen fünf Jahren in die Gewinnzone führen soll. Der Plan sieht Investitionen in neue Modelle vor. "Das ist der letzte Versuch für die Marke", sagte Seat-Chef James Muir am Mittwochabend vor Journalisten in Hamburg.

Analysten bewegen Kurse
Im MDax sorgten größtenteils Analystenkommentare für Bewegung. Morgan Stanley hob das Kursziel für Aktien von ProSiebenSat.1 von 14,00 auf 18,50 Euro an und bestätigte die Einstufung mit "Overweight". ProSiebenSat.1 sei der am niedrigsten bewertete und damit attraktivste Fernsehkonzern. Die Aktie stieg um fast vier Prozent.

Rational-Titel setzten ihren Höhenflug fort und kletterten um 2,5 Prozent auf fast 123 Euro. Nach den gestern veröffentlichten soliden Quartalszahlen hat Goldman Sachs das Kursziel für Rational von 142 auf 147 Euro erhöht, das Rating "Neutral" wurde beibehalten.

Wacker Neuson hochgestuft
Im SDax eroberte die Aktie des Baumaschinen-Herstellers Wacker Neuson nach einer Hochstufung durch die Deutsche Bank von "Hold" auf "Buy" die Spitzenposition. Am Mittwoch hatte Wacker Neuson überzeugende Quartalszahlen vorgelegt.

Sony verspricht Wende
Aus dem Ausland meldete sich Sony mit Zahlen und einem konservativen Ausblick. Der japanische Elektronikkonzern blieb im abgelaufenen Geschäftsjahr 2009/10 in den roten Zahlen, kündigte aber für das laufende Geschäftsjahr wieder einen Gewinn von 1,35 Milliarden Euro an. Mit dieser Prognose blieb Sony aber hinter den Analysten-Erwartungen zurück. Die Aktie legte zeitweise zu, schloss an der Frankfurter Börse dann aber nahezu unverändert.

Cisco warnt
Unter Druck geriet die Aktie des weltgrößten Netzwerksausrüsters Cisco. Trotz eines überraschend starken Gewinnsprungs um mehr als zwei Drittel auf 2,2 Milliarden Dollar im vergangenen Quartal warnte Cisco-Chef John Chambers vor zu viel Euphorie. Übersetzt klang das so: "Da die Konjunkturerholung unsicher ist, raten wir den Investoren, zunächst weitere Wirtschaftsdaten abzuwarten, bevor sie zu optimistisch werden."

Griechen-Krise trifft Crédit Agricole
Ebenfalls in Ungnade fiel die Aktie von Crédit Agricole. Die französische Großbank hat im ersten Quartal zwar ihren Überschuss auf 470 Millionen Euro mehr als verdoppelt, Analysten hatten dem Institut allerdings weit mehr zugetraut. Zudem musste die Bank wegen der sich zuspitzenden Schuldenkrise in Griechenland ihre Risikovorsorge erhöhen. CA ist dort mit ihrer Tochter Emporiki aktiv.

Telefonica patzt
Selbst Telefonica tanzte aus der Reihe. Die Aktie büßte rund drei Prozent ein. Den Börsianern war der zweiprozentige Anstieg des Nettogewinns auf 1,66 Milliarden Euro zu wenig. Sie hatten sich mehr vom spanischen Telefon-Riesen versprochen. In Deutschland konnte die Telefonica-Tochter O2 dank der Hansenet-Übernahme das operative Ergebnis und den Umsatz kräftig steigern. Offen bleibt, ob Telefonica es schafft, sich für 5,7 Milliarden Euro den größten brasilianischen Mobilfunk-Anbnieter Vivo ganz einzuverleiben. Portugal Telecom, der mit Telefonica das Gemeinschaftsunternehmen betreibt, will seine Anteile nicht abgeben.

Kurssprung von BT
In Großbritannien sorgte BT für Furore. Die größte britische Telefongesellschaft konnte mit Hilfe eines drastischen Sparprogramms und Stellenstreichungen ihren Gewinn im abgelaufenen Quartal um 16 Prozent steigern und die Erwartungen der Analysten übertreffen. Die BT-Aktie schoss um zwölf Prozent in die Höhe.

Thomas Cook leidet unter Aschewolke
Der britische Reisekonzern Thomas Cook hat im Winterhalbjahr einen Umsatzrückgang hinnehmen müssen und höhere operative Verluste geschrieben. Trotzdem zeigte sich Vorstandschef Manny Fontenla-Novoa zuversichtlich, die Jahresziele zu erfüllen. "Der Markt wird stärker und stärker. Im Moment verzeichnen wir mehr Buchungen als wir Kapazitäten haben." Die Auswirkungen der Aschewolke nach dem Vulkanausbruch in Island seien allerdings ausgeklammert. Die Flugausfälle werden im dritten Quartal die Bilanz mit rund 82 Millionen Euro belasten. Die Cook-Aktie stieg um zwei Prozent.

Noch mehr von der Insel
Ebenfalls nach oben um über vier Prozent ging es mit der Aktie von Sainsbury. Der britische Einzelhändler konnte den Halbjahres-Gewinn um 18 Prozent steigern. Dagegen brach der Kurs eines anderen britischen Unternehmens ein. Die Aktien des Nachtklub-Betreibers Luminar stürzten um fast 30 Prozent ab. Luminar verdiente im abgelaufenen Geschäftsjahr deutlich weniger.

Mammutprozess gegen Toyota
In Santa Ana in Kalifornien begann am Abend MEZ der langwierige Prozess gegen den japanischen Autobauer Toyota. 200 Klagen von Autobesitzern, Unfallopfern, Aktionären und Händlern sind zu einer Sammelklage gebündelt worden. Toyota muss erklären, warum der Rückruf von acht Millionen Autos erst im Januar 2010 erfolgte. Klemmende Gaspedale führten in den USA zu 52 Verkehrstoten.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 20. September

Unternehmen:
Rocket Internet: Q2-Zahlen, 08:00 Uhr
Schaeffler: Kapitalmarkttag
Nfon: Q2-Zahlen
Ryanair: HV in Dublin
GlaxoSmithKline: HV
Micron Technology: Q4-Zahlen, nach US-Börsenschluss

Konjunktur:
Deutschland: Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums, 08:00 Uhr
Schweiz: Zinsentscheid und geldpolitische Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank (SNB), 09:30 Uhr
USA: Wöchentliche Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr
USA: Industrie-Index Philly Fed für September, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren für August, 16:00 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser für August, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen Euro-Zone, September, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Salzburg: Informeller EU-Gipfel
Hannover: Eröffnung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September), mit Bundesverkehrsminister Scheuer
Frankfurt: 4. Konferenz für Finanztechnologie "Fintech-Revolution"