Happy-End der trüben Börsenwoche dank Bernanke

Notker Blechner

Stand: 27.08.2010, 20:05 Uhr

US-Notenbankchef Ben Bernanke hat die Börsen vor einem weiteren Kursrutsch bewahrt. Seine Aussage, die lahmende Konjunktur notfalls mit weiteren Geldspritzen zu stützen, hievte die Wall Street und den Dax wieder nach oben. Gemischte US-Konjunkturdaten und Intel hatten zuvor die Stimmung getrübt.

Der letzte Tag der Börsenwoche war nichts für schwache Nerven: Dümpelte am Vormittag noch der Dax müde vor sich hin, kam er am Nachmittag richtig in Fahrt. Und wie! Zunächst trieben die besser als erwartet ausgefallenen Zahlen zum US-Bruttoinlandsprodukt (BIP) den Dax nach oben. Kurze Zeit später kam die kalte Dusche von Intel. Der Chip-Gigant gab eine überraschende Umsatzwarnung für das dritte Quartal heraus. Die Wall Street rutschte kurze Zeit ins Minus und riss den Dax in die Tiefe. Für zusätzliche Ernüchterung sorgte das US-Konsumklima. Es hellte sich weniger stark auf als erhofft. Der von der Uni Michigan ermittelte Verbrauchervertrauens-Index stieg nach endgültigen Berechnungen leicht von 67,8 Punkten im Vormonat auf 68,9 Punkte im August. Volkswirte waren von einem stärkeren Anstieg auf 69.6 Zähler ausgegangen.

Fed-Chef stellt weitere Geldspritzen in Aussicht

Alles deutete auf einen erneut schwachen Börsentag hin, da kam Hilfe von US-Notenbankchef Ben Bernanke. Falls sich das Wachstum signifikant eintrüben sollte, stehe die Fed für weitere konjunkturstützende Maßnahmen bereit, versicherte er. Auch ein Ankauf weiterer Staatsanleihen sei denkbar. Der Dow stieg um über ein Prozent nach oben. Im Sog der starken Wall Street kletterte auch der Dax wieder nach oben und ging mit einem Plus von 0,7 Prozent mit 5.951 Punkten aus dem Xetra-Handel. Im späten Parketthandel ging es weiter aufwärts. Der L-Dax schloss bei 5.957 Zählern. Damit endete die Börsenwoche doch noch relativ glimpflich. Insgesamt büßte der Dax rund 0,9 Prozent ein.

US-Wirtschaftswachstum kühlt sich ab
Für Erleichterung sorgte zudem die zweite Schätzung zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Zwar kühlte sich das Wirtschaftwachstum auf 1,6 Prozent ab, aber weniger stark als befürchtet. Volkswirte hatten lediglich mit einem Plus von 1,4 Prozent gerechnet. Bei der ersten Schätzung hatte das Wachstum der US-Wirtschaft freilich noch bei 2,4 Prozent gelegen.

Der Euro fiel zeitweise auf unter 1,27 Dollar, erholte sich dann aber wieder. Die europäische Gemeinschaftswährung notierte am Abend bei 1,2735 Dollar. "Die Äußerungen Bernankes haben den Euro nur leicht unter Druck gesetzt", erklärte Devisenexperte Karlheinz Stern von der BayernLB. Die Ölpreise legten eine Berg- und Talfahrt ein. Sie gaben zunächst deutlich nach, zogen dann aber nach der Bernanke-Rede kräftig an. Am Abend kostete ein Barrel der US-Referenzsorte WTI 73,91 US-Dollar - 55 Cent mehr als am Vortag.

Ein Tag für defensive Werte
Angesichts der unklaren Konjunkturaussichten setzten Anleger auf Sicherheit. Vor allem defensive Aktien waren gefragt, besonders die Titel der Deutschen Telekom und von Merck. Die zuletzt arg gebeutelten Versorger-Titel Eon und RWE erholten sich ebenfalls. Eon gewann über ein Prozent, RWE 0,8 Prozent. Laut Insiderkreisen hat ein Konsortium aus Bayerngas, Gelsenwasser und Stadtwerken Interesse am Gasnetz von RWE bekundet. Dadurch könnte der Essener Konzern seine durch den Kauf des niederländischen Versorgers Essent gesammelten Schulden abbauen. RWE muss sich auf Druck der EU-Wettbewerbshüter von der Sparte trennen und will sie bis Ende des Jahres verkaufen.

Metro ganz oben in der Käufergunst
Zum Spitzenreiter im Dax stieg am Freitag die Aktie von Metro auf. Metro-Papiere verteuerten sich um fast drei Prozent - im Sog von Carrefour, die an der Börse nach einer Kaufempfehlung ähnlich stark zulegten. Laut einem Zeitungsbericht steigt angeblich die Metro-Tochter Media Markt in das Geschäft mit Video-Downloads in Deutschland ein.

Commerzbank Dax-Schlusslicht
Die rote Laterne im Dax ging an die Commerzbank, die mit einem Minus von zwei Prozent herausragte. Am Markt gab es Presse-Spekulationen, dass die Bank demnächst eine Kapitalerhöhung plane. Fünf Milliarden Euro seien in Planung, um zwei Jahre nach der Teilverstaatlichung wieder in privaten Besitz überzugehen. Die Commerzbank dementierte den Bericht und erklärte, "konkrete Pläne" würden derzeit nicht bestehen. Trotzdem blieben die Anleger skeptisch.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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8,76
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Liechtensteiner im Rennen um BHF Bank vorn
Ein Medienbericht bewegte auch die Deutsche Bank. Laut der "Financial Times Deutschland" hat die liechtensteinische Bank LGT die besten Karten im Rennen um die Deutsche-Bank-Tochter BHF-Bank. Sie konkurriere in der zweiten Runde nur noch mit den US-Finanzinvestoren Apollo und Permira sowie mit der Abu Dhabi Investment Company. Diesen werden nur geringe Chancen eingeräumt, die BHF-Bank zu übernehmen. Die Aktien der Deutschen Bank notierten leicht im Plus.

Infineon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Intel setzt Infineon zu
Unter der Umsatzwarnung von Intel litt zeitweise Infineon. Die Aktien büßten in der Spitze rund fünf Prozent ein, am Ende schlossen sie nur noch rund ein Prozent tiefer. Für Hoffnung sorgte die Nachricht, dass schon am Wochenende der Verkauf der Handychip-Sparte vollzogen werde. Der Chiphersteller Intel will offenbar 1,5 Milliarden Euro Intel zahlen. Intel selbst warnte am Freitagnachmittag vor einem Abflauen des Booms in der Computerbranche. Die Nachfrage der Privatkunden nach PCs sei gesunken. Daher rechnet Intel für das dritte Quartal nur noch mit bestenfalls 11 Milliarden Dollar - statt wie bisher angepeilt 11,2 bis 12 Milliarden Dollar.

A350 belastet erneut EADS
Spekulationen um neuerliche Verzögerungen beim A350 stoppten die Kurserholung von EADS. Die Aktien rutschten um drei Prozent ab und waren größter MDax-Verlierer. Die französische Zeitung "Les Echos" hatte verbreitet, dass die EADS-Tochter Airbus weniger A350-Flugzeuge von 2013 bis 2015 produzieren werde als geplant. EADS kommentierte den Zeitungsbericht nicht, ein Sprecher sagte aber, man habe weiterhin das Ziel, den ersten A350 in drei Jahren auszuliefern. Zudem drohen Stornierungen für den Militärtransporter A400 M. Die FDP-Fraktion im Bundestag hat angeblich vorgeschlagen die Anzahl der von Deutschland bestellten Menge für den Militärtransporter auf 45 bis 49 Stück zu reduzieren.

Auch der amerikanische Flugzeughersteller Boeing hat Probleme und die für das vierte Quartal geplante Erstauslieferung seines neuen Flugzeuges Dreamliner erneut verschoben. Wegen Schwierigkeiten bei der Verfügbarkeit von Triebwerken werde man das erste Flugzeug nun frühestens im kommenden Jahr ausliefern. Die Verzögerung habe aber, teilte die Firma weiter mit, keine Auswirkung auf die Finanzziele von Boeing.

SMA Solar von Gerüchten und Analysten getrieben
Im TecDax legte die Aktie der Solarfirma SMA Solar zeitweise um rund sechs Prozent zu, am Ende schloss sie drei Prozent höher. Händler sprachen von Gerüchten, dass First Solar Interesse an SMA Solar habe. Angeblich wolle First Solar 110 Dollar je SMA-Solar-Aktie zahlen. SMA äußerte sich nicht zu den Spekulationen. Außerdem profitierte SMA von einer Studie von Merrill Lynch, in der der Solartitel auf die "Most Preffered Stocks List" gesetzt wurde.

Solon-Finanzchefin tritt ab

Dagegen büßte die Aktie von Solon rund drei Prozent ein. Die Finanzchefin Simone Prüfer hat überraschend angekündigt, den krisengeschüttelten Solarmodul-Hersteller zum Monatsende zu verlassen. Das verunsicherte die Anleger.

Arques-Chef geht
Noch turbulenter scheint es derzeit bei Arques zuzugehen. Einen Tag nachdem die frühere Führungsspitze bei der Beteiligungsfirma wieder das Ruder übernommen hat, erklärte der Vorstandschef Hans Gisbert Ulmke seinen Rücktritt. Die Aktionäre unter Führung von Ex-Chef Peter Löw hatten auf der gestrigen Hauptversammlung Teile des Vorstands entmachtet und Aufsichtsratschef Georg Obermeier abgewählt. Die Arques-Aktie schloss rund fünf Prozent höher.

United Internet: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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United Internet im Soll
Der Internetdienstleister United Internet ist im ersten Halbjahr planmäßig gewachsen und hat seine Jahresprognose bekräftigt. Der Umsatz kletterte um 14,1 Prozent auf 930,8 Millionen Euro, das operative Ergebnis verbesserte sich leicht auf 182 Millionen Euro. Aufgrund hoher Investitionen in De-Mail und Cloud-Computing-Angebote schrumpfte der Gewinn um sieben Prozent auf rund 77 Millionen Euro. Im DSL-Geschäft konnte United Internet die Erlöse um ein Fünftel steigern, weil bei den Komplettverträgen fast 200.000 neue Kunden angelockt wurden. Der Einstieg ins Mobilfunkgeschäft verlief dagegen schwach. Die Anleger honorierten die Zahlen und den bestätigten Ausblick: die Aktie sprang um sieben Prozent nach oben.

Aus den hinteren Reihen
Außerhalb der Indizes erreichten die Anleger noch einige Bilanzen. Der Technologiekonzern Dr. Hönle legte Zahlen vor, für die ersten neun Monate des laufenden Geschäftsjahres. Man habe, gestützt auf die Erholung der Weltwirtschaft, ein operatives Ergebnis von 3,8 Millionen Euro sowie einen Umsatzanstieg um 16 Prozent auf 39 Millionen Euro erzielt, teilte Dr. Hönle mit. Die Investor Relations Firma Equitystory hat das zweite Quartal ebenfalls mit einem Umsatz- und Ergebnisplus abgeschlossen. Die Erlöse stiegen auf knapp 2,4 Millionen Euro, plus 18 Prozent. Das Ebit legte sogar um 81 Prozent auf 542.000 Euro zu.

Aus der Schweiz berichtete der Batteriehersteller IQ Power. Die Firma meldete einen Umsatz von drei Millionen Euro im ersten Halbjahr - bei einem Verlust von 2,4 Millionen Euro. Für das vierte Quartal erwartet IQ Power aber schwarze Zahlen. Die Pennystock-Aktie gab nach. Die Forfaitierungsgesellschaft Deutsche Forfait erwartet ebenfalls bessere Geschäfte im zweiten Halbjahr. Angesichts einer guten Geschäftsentwicklung im ersten Halbjahr prognostizierte die Firma ein Konzernergebnis von 4,2 Millionen Euro bis Jahresende.

Neue Runde im Kampf um 3Par

In den USA geht der Bieterkampf um 3Par weiter und ähnelt inzwischen einer Ebay-Auktion. Fast im Stundentakt überbieten sich die beiden Interessenten. Nachdem Hewlett-Packard am Donnerstagabend die Offerte aufgestockt hatte, legte Dell nach und bot ebenfalls 27 Dollar je Aktie für den Speicherspezialisten. Am Freitagnachmittag konterte dann erneut HP: Der Computrerhersteller legte mit einer neuen Offerte von zwei Milliarden Dollar oder 30 Dollar je Aktie nach. Die Aktie von 3 Par schoss um über 20 Prozent auf 32,27 Dollar. Die HP-Aktie gab nach, während Dell-Titel stiegen. Man darf gespannt sein, ob Dell zurückschlägt.

Milliardengewinn der Intesa SanPaolo

Aus Italien meldete sich die größte Privatkundenbank mit Zahlen. Und die können sich sehen lassen. Intesa Sanpaolo hat im zweiten Quartal den Gewinn auf eine Milliarde Euro verdoppelt. Dabei profitierten die Italiener freilich von den Erlösen aus dem Verkauf des Wertpüapier-.Geschäfts an die US-Bank Stae Street. Die Aktie legte leicht zu.

Tiffany glänzt wieder
Luxus läuft wieder. Der Edeljuwelier Tiffany verdiente im zweiten Quartal fast schon wieder so viel wie vor der Wirtschaftskrise. Der Gewinn stieg um 19 Prozent auf 67,7 Millionen Dollar. Der Umsatz erhöhte sich um neun Prozent auf 669 Millionen Dollar. Vor allem Asiaten und Europäer kauften die funkelnden Kostbarkeiten. Angesichts der guten Entwicklung hob Tiffany die Jahresprognose an und will nun statt 2,60 Doillar bis zu 2,65 Dollar je Aktie verdienen. Die Aktie gab trotzdem nach.

Tagestermine am Dienstag, 13. November

Unternehmen:
Fraport: Verkehrszahlen 10/18, 7:00 Uhr
Grammer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Bauer: Neun-Monats-Zahlen, 7:00 Uhr
1&1 Drillisch: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Cewe Stifung: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Evotec: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr (Call: 14:00 Uhr)
Innogy: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Tom Tailor: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
United Internet: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Ströer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Areal Bank: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Hello Fresh: Q3-Zahlen, 7:15 Uhr
Medigene: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
VTG: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
HHLA: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Uniper: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Jenoptik: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Nordex: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Bayer: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
Bilfinger: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
OHB: Neun-Monats-Zahlen, 8:00 Uhr
Vodafone: Halbjahreszahlen, 8:00 Uhr
Home Depot: Q3-Zahlen, 15:00 Uhr
Wüstenrot & Württembergische: Q3-Zahlen
Nemetschek: Kapitalmarkttag

Konjunktur:
Italien: Frist der EU-Kommission zur Überprüfung des Haushaltsentwurfs läuft aus
Deutschland: Verbraucherpreise 10/18 (endgültig), 8:00 Uhr
Deutschland: Insolvenzen 8/18, 8:00 Uhr
Deutschland: Erwerbstätigkeit Q3/18, 8:00 Uhr
Großbritannien: Arbeitslosenzahl 10/18, 10:18
Deutschland: ZEW-Konjunkturerwartungen 10/18, 11:00 Uhr