Hängepartie dauert an

Detlev Landmesser

Stand: 23.09.2008, 20:27 Uhr

Nach wie vor sind Einzelheiten des Rettungspakets der US-Regierung ungeklärt, was die Börsen am Dienstag wenig erfreute. Die Wall Street schwächelte am Abend.

Der L-Dax schloss ein Prozent tiefer bei 6.018,83 Punkten. Wichtigstes Ereignis war die Anhörung von US-Notenbankchef Ben Bernanke und Finanzminister Henry Paulson vor dem Bankenausschuss des Senats. Beide warnten vor Verzögerungen bei den Beratungen über den US-Rettungsplan für das Finanzsystem. Bei einer Verzögerung drohten "schwere Konsequenzen" wie weitere Unruhe auf den Finanzmärkten sowie eine Rezession samt dem Verlust von Arbeitsplätzen, erklärte Bernanke.

Derzeit ringen US-Regierung und Demokraten heftig um Details zu dem Paket, das ein Volumen von kaum vorstellbaren 700 Milliarden Dollar haben soll. US-Präsident George W. Bush zeigte sich zuversichtlich, dass sich der Kongress noch in dieser Woche über den Rettungsplan einigt.

Sorge um Kreditderivatemarkt

Auf der Anhörung brachte der Chef der US-Börsenaufsicht SEC ein weiteres Problem zur Sprache, indem er Gesetze zur Regulierung des 58 Billionen Dollar schweren Kreditderivatemarkts forderte, auf dem Kreditrisiken gehandelt werden. "Ich verlange von Ihnen eine Behörde zur Regulierung dieser Produkte, um den Schutz der Investoren zu verbessern und den Betrieb von fairen und ordnungsgemäßen Märkten sicherzustellen", sagte SEC-Chef Christopher Cox.

An der Wall Street wurde die Anhörung gespannt verfolgt, was zu mehreren Richtungsänderungen in der Tendenz führte. Die Einzelheiten des Pakets blieben aber weiterhin unklar. Dass die US-Börsen im Verlauf ins Minus drehten, lag auch an anderen Problemen. So geriet die Aktie von General Electric unter Druck, nachdem die Analysten von Goldman Sachs ihre die Gewinnprognose gesenkt hatten. Der Rückgang der weltweiten Rohstoffpreise belastete Titel wie den Aluminiumriesen Alcoa.

US-Autobauer unter Artenschutz
Neben Banken und Versicherern stehen bei den US-Behörden derzeit die schlingernden Autobauer im Fokus. Nach einem Gesetzesentwurf vom Montag, den der US-Kongress noch in dieser Woche verabschieden könnte, sollen die Autokonzerne zur Umstrukturierung zinsgünstige Kredite in Höhe von 25 Milliarden Dollar bekommen. Zugleich hat die Börsenaufsicht SEC das befristete Verbot von Börsenwetten auf fallende Kurse unter anderem auch auf Aktien der Autobauer General Motors und Ford ausgeweitet.

Käufer für Qimonda?
Lange hielt sich die Infineon-Aktie an der Dax-Spitze. In den Handelssälen ging das Gerücht um, der Chiphersteller habe nun endlich einen Käufer für seine Speicherchip-Tochter Qimonda gefunden. Dafür könnte auch sprechen, dass beide Unternehmen die Teilnahme an einer Investmentkonferenz kurzfristig abgesagt haben.

Ohne konktrete Neuigkeiten löste am Nachmittag die Postbank den Chiptitel von der Dax-Spitze ab.

Gute Nachrichten für Versorger
Auch die Papiere von RWE und Eon schnitten gut ab. Die Versorgertitel profitierten einerseits von einem Medienbericht, wonach in Deutschland ein gemeinsames Stromnetz für alle Anbieter aufgebaut werden soll. Zudem profitiere der Sektor von den weiter steigenden Strompreisen, so ein Analyst. Und nicht zuletzt gelten die Versorger in schwierigen Börsenzeiten als "sichere Häfen".

Offenbar bahnt sich in der Branche eine Mega-Fusion an. Nach monatelangen Verhandlungen steht der französische Energieversorger EDF angeblich kurz davor, eine milliardenschwere Offerte für den britischen Atomkraftbetreiber British Energy vorzulegen. Der Kaufpreis betrage rund zwölf Milliarden Pfund (etwa 15 Milliarden Euro), berichtete Reuters unter Berufung auf "mit der Situation vertrauten Kreisen."

Licht und Schatten im Nfz-Geschäft
Zu Beginn der IAA der Nutzfahrzeuge gab sich Daimler zuversichtlich. Man rechne 2008 weiter mit einem Absatzplus im Nutzfahrzeugsegment, so Spartenchef Andreas Rentschler in Hannover. Für 2009 erwartet der Manager allerdings wieder "schwierige Rahmenbedingungen". Immerhin konnten die deutschen Hersteller ihre Exporte nach neuesten Zahlen im ersten Halbjahr um zwölf Prozent steigern.

Auch Volkswagen kam im Nutzfahrzeug-Geschäft zuletzt voran. Die Sparte hat in den ersten acht Monaten deutlich mehr Transporter, Kleinbusse und Stadtlieferwagen verkauft. Bis Ende August seien weltweit 343.100 Fahrzeuge an Kunden gegangen, 9,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Am Nachmittag rutschte die VW-Aktie allerdings deutlich ins Minus, nur übertroffen von MAN. Insgesamt zeichnete die Nfz-Branche auf der IAA nämlich ein trübes Bild für das kommende Geschäftsjahr.

Mehrere Telekom-Aufsichtsräte bespitzelt
Von der Spitzelaffäre bei der Deutschen Telekom sind mehrere Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat des Konzerns betroffen. Unter anderem wurden Telefondaten von DGB-Chef Michael Sommer und Verdi-Bundesvorstand Lothar Schröder erfasst, wie am Dienstag bekannt wurde. Die Betroffenen wurden von der Telekom selbst informiert. Die Bonner Staatsanwaltschaft wollte sich zu Details nicht äußern.

Unterdessen stellte T-Mobile gemeinsam mit Google das erste Handy auf Basis des Google- Betriebssystems Android vor. T-Mobile USA will das G1 genannte Gerät vom 22. Oktober an für 179 Dollar anbieten. Ab November sollen Großbritannien und ab dem ersten Quartal das europäische Festland folgen.

Nordex wird in Belgien aktiv
Bester TecDax-Titel war Nordex. Der Windkraft-Spezialist hat einen ersten Auftrag aus Belgien an Land gezogen. Bei rund 73 Millionen Euro liegt das Volumen der Order für den Windpark-Betreiber Air Energy. In den kommenden zwei Jahren soll Nordex 22 Windturbinen liefern.

"Tock Tock" bei Manz
Gut aufgelegt war auch die seit Montag im TecDax notierte Aktie von Manz Automation. Der Solarmaschinenbauer wird nach eigenen Angaben umworben, will sich aber nicht kaufen lassen. "Bei uns klopft es auch an", sagte Vorstandschef und Großaktionär Dieter Manz der "Börsen-Zeitung". Er sei mit 46 Jahren aber zu jung, um Kasse zu machen. "Wir lassen es klopfen."

Escada kleidet sich in Rot
Erneut wartete Escada mit einer Gewinnwarnung auf, was die Aktie zum größten SDax-Verlierer machte. Der Modehersteller geht nun davon aus, im Gesamtjahr 2007/08 in der Verlustzone zu bleiben. Das dritte Quartal wurde wegen der schwachen Konjunktur mit Verlusten abgeschlossen, auf Neunmonatssicht liege der Fehlbetrag bei fast 20 Millionen Euro. Der Umsatz im dritten Quartal fiel um 14,3 Prozent auf 134,6 Millionen Euro.

Telegate noch zuversichtlicher
Die Aktie von Telegate zeigte sich deutlich erholt. Die zweitgrößte deutsche Telefonauskunft hat ihre Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr nochmals erhöht. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) soll nun bei 35 bis 40 Millionen Euro liegen. Erst Ende Juli hatte Telegate die Ebitda-Prognose von 30 Millionen Euro auf eine Spanne von 30 bis 35 Millionen Euro erhöht. Das Unternehmen begründete seinen Optimismus vor allem mit einer guten Entwicklung im Kerngeschäft Sprachauskunft.

Millionenauftrag für Vizrt
Der Grafiksoftware-Hersteller Vizrt hat einen Großauftrag aus Großbritannien erhalten. Das Auftragsvolumen für die "MAM"-Software (Media-Asset-Management System) belaufe sich auf eine Million Dollar, so Vizrt am Dienstag per Pflichtmitteilung.

Tagestermine am Dienstag, 13. November

Unternehmen:
Fraport: Verkehrszahlen 10/18, 7:00 Uhr
Grammer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Bauer: Neun-Monats-Zahlen, 7:00 Uhr
1&1 Drillisch: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Cewe Stifung: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Evotec: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr (Call: 14:00 Uhr)
Innogy: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Tom Tailor: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
United Internet: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Ströer: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Areal Bank: Q3-Zahlen, 7:00 Uhr
Hello Fresh: Q3-Zahlen, 7:15 Uhr
Medigene: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
VTG: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
HHLA: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Uniper: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Jenoptik: Neun-Monats-Zahlen, 7:30 Uhr
Nordex: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr
Bayer: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
Bilfinger: Q3-Zahlen, 7:30 Uhr (Call: 10:00 Uhr)
OHB: Neun-Monats-Zahlen, 8:00 Uhr
Vodafone: Halbjahreszahlen, 8:00 Uhr
Home Depot: Q3-Zahlen, 15:00 Uhr
Wüstenrot & Württembergische: Q3-Zahlen
Nemetschek: Kapitalmarkttag

Konjunktur:
Italien: Frist der EU-Kommission zur Überprüfung des Haushaltsentwurfs läuft aus
Deutschland: Verbraucherpreise 10/18 (endgültig), 8:00 Uhr
Deutschland: Insolvenzen 8/18, 8:00 Uhr
Deutschland: Erwerbstätigkeit Q3/18, 8:00 Uhr
Großbritannien: Arbeitslosenzahl 10/18, 10:18
Deutschland: ZEW-Konjunkturerwartungen 10/18, 11:00 Uhr