Gutes Omen für die Berichtssaison

Notker Blechner

Stand: 08.10.2009, 20:09 Uhr

Die Ungewissheit hat ein Ende. Ab jetzt lassen die Unternehmen wieder Zahlen sprechen. Und die können sich sehen lassen. Zum Auftakt der US-Berichtssaison glänzte Alcoa und beflügelte die Aktienmärkte. Im Rampenlicht standen auch Euro, Gold und Monsieur Trichet.

So etwas nennt man wohl Start nach Maß: Der Aluminium-Hersteller Alcoa hat die Berichtssaison mit starken Zahlen eingeläutet. Überraschend kehrte der Konzern in die Gewinnzone zurück. Damit schürte Alcoa Hoffnungen auf gute Zahlen auch von anderen Unternehmen. "Der Markt ist im Moment bereit, ein paar Vorschusslorbeeren zu vergeben", meinte Aktienstratege Michael Köhler von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Auch der Coca-Cola-Rivale PepsiCo übertraf mit seinen Zahlen die Erwartungen. Der Brause-Konzern steigerte den Nettogewinn um rund zehn Prozent auf 1,72 Milliarden Dollar. Die Krise konnte den Konsumenten den Appetit auf Snacks und den Durst auf Softdrinks nicht nehmen.

Jahreshoch in Sichtweite

Der gute Start der US-Bilanzsaison trieb den Dax um über ein Prozent auf 5.716 Punkten an. Im späten Parketthandel änderte sich wenig. Der L-Dax schloss bei knapp 5.713 Zählern. Damit ist das Jahreshoch von 5.760 Punkten wieder in Sichtweite gerückt. Rückenwind kam von der Wall Street. Dow Jones und der S&P 500 stiegen um knapp ein Prozent

Gute Nachrichten kamen auch von der Konjunkturfront: Die wöchentlichen US-Arbeitslosenhilfe-Erstanträge sanken überraschend deutlich auf 521.000, dem niedrigsten Stand seit neun Monaten. Dies deutet auf eine Stabilisierung des US-Arbeitsmarkts hin. Volkswirte hatten mit 540.000 Anträgen gerechnet.

Venezianischer "EZB-Maskenball"

Zwiespältige Konjunktursignale sendete Jean-Claude-Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), von Venedig aus. Es gebe Anzeichen, "dass der freie Fall der globalen Wirtschaft hinter uns liegt", sagte er nach der EU-Zinsentscheidung in der Lagunenstadt. "Aber die Unsicherheiten bleiben weiterhin hoch, und der Aufschwung bleibt holprig", warnte der Franzose. Die Stabilisierung der Wirtschaft beruhe in weiten Teilen auf staatlichen Konjunkturprogrammen und den Maßnahmen der Notenbanken.

Das Leitzins-Niveau, das bei 1,0 Prozent belassen wurde, hält Trichet weiter für angemessen. Auf eine Zinswende wie in Australien, wo Anfang der Woche erstmals wieder in einem Industrieland die Zinsen erhöht wurden, deutet vorerst nichts hin. Trichet versicherte lediglich gebetsmühlenartig, er werde zu gegebener Zeit wieder an der Zinsschraube drehen, um zu verhindern, dass die Politik des billigen Gelds zu einem Anstieg der Teuerung führt.

Beunruhigt zeigte sich der EZB-Chef derweil über die extremen Wechselkursschwankungen. Sie gefährden laut Trichet die Wirtschafts- und Finanzstabilität. Deshalb werde man die Devisenmärkte genau beobachten und mit den USA eng zusammenarbeiten. Beobachter sahen in den Äußerungen Trichets keine großen Überraschungen. Der Euro gab am Nachmittag zunächst etwas nach. erholte sich dann aber wieder und notiert bei 1,4782 Dollar.

Gold steigt und steigt

Dagegen setzte der Goldpreis seinen Höhenflug fort und kletterte auf ein neues Rekordhoch von über 1.050 Dollar. Händler verwiesen auf den "Alcoa-Effekt". Die guten Zahlen des Aluminium-Herstellers trieben die Rohstoffpreise an. Kamal Nacqvi, Leiter der Rohstoff-Abteilung der Credit Suisse, begründete gegenüber boerse.ARD.de den jüngsten Gold-Höhenflug mit der Dollar-Schwäche, Inflationsängsten und dem technischen Momentum. Zudem zähle Gold zu den am wenigsten besteuerten Geldanlagen.

Stahlwerte im Alcoa-Sog
Im Schlepptau von Alcoa stiegen im Dax vor allem Industrie- und Strahlwerte. Thyssen Krupp legte vier Prozent zu, Salzgitter fast drei Prozent. Bei Salzgitter schmälerten allerdings Aussagen von Vorstandschef Wolfgang Leese das Kursplus. Leese bezeichnete die aktuelle Erholung in der Stahlbranche nur als "Zwischenhoch". Erst 2012 dürfte wieder das Niveau von 2007 erreicht werden.

Industrie- und Autowerte auf der Gewinner-Seite
Nutznießer der Alcoa-Zahlen waren ebenfalls Industriewerte. Papiere von Siemens und BASF waren stark gefragt. Auch die Auto-Aktien präsentierten sich in Hochform. Daimler und BMW legten fast drei Prozent zu. Daimler und MAN kam zugute, dass Andreas Renschler, Chef der Daimler-Lkw-Sparte, die Ansicht vertrat, die Talsohle auf dem amerikanischen Lkw-Markt sei erreicht.

Vor verfrühtem Optimismus in der Autobranche warnte indes VW-Chef Martin Winterkorn. Auf dem Tag der Automobilwirtschaft in Nürtingen prophezeite er "ein sehr schwieriges Jahr 2010, gerade in Deutschland". Der weltweite Absatz werde stagnieren.

Bei VW drohen außerdem Probleme mit institutionellen Investoren. Eine Vertreterin des staatlichen norwegischen Pensionsfonds, der Ende vergangenen Jahres 0,35 Prozent an den Wolfsburgern hielt, warf VW mangelnde Transparenz bei der geplanten Fusion mit Porsche vor. Sie verlangte binnen zwei Wochen die Einleitung einer unabhängigen Untersuchung. Notfalls wolle Norwegen gegen die Fusion zum Schutz von Minderheitsaktionären vorgehen. Auch Deutschlands größte Fondsgesellschaft DWS sieht noch viele offene Fragen und verlangt mehr Transparenz von Management und Aufsichtsrat.

Henkel ganz oben
Am meisten begehrt war am Donnerstag die Aktie von Henkel mit einem Kursplus von fast fünf Prozent - dank der Analysten von Morgan Stanley. Diese hoben nämlich das Kursziel für Henkel von 30,50 Euro auf 35 Euro und die Gewinnschätzungen je Aktie für 2010 um fünf Prozent an.

Analysten treiben SAP an
Positive Analystenkommentare von Schweizer Banken trieben die Aktien von SAP. Die UBS hat das Kursziel von 37,50 Euro auf 42 Euro angehoben und empfiehlt den Titel weiter zum Kauf. Die Credit Suisse hat das Kursziel von 36,50 auf 40 Euro erhöht. Außerdem haben die Eidgenossen die Aktie in die "European Focus List" aufgenommen. SAP gewann 2,8 Prozent.

Deutsche-Bank-Spitze entlastet
Bei der Deutschen Bank wird die Spitzelaffäre keine weiteren Kreise bis in die Führungsriege des Geldinstituts ziehen. Die Staatsanwaltschaft lehnte am Donnerstag die Einleitung von Ermittlungen gegen Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern ab. Vorstandschef Josef Ackermann und Aufsichtsratschef Clemens Börsig brauchen folglich kein Strafverfahren zu befürchten. Die Aktie der Deutschen Bank zog am Nachmittag an und legte fast zwei Prozent zu.

Adidas unter Druck
Größter Verlierer im Dax war die Adidas-Aktie mit einem Minus von fast zwei Prozent. Als Belastung nannten Händler die vorzeitige Aufkündigung einer Wandelanleihe vom Vortag. Der Sportartikelhersteller rechnet, dass angesichts des aktuellen Kurses die Inhaber der Aktien ihr Wandlungsrecht überwiegend ausüben werden. Dies würde den Gewinn je Aktie verwässern und wäre negativ für die Adidas-Kursentwicklung, beklagte LBBW-Analyst Tim Burkhardt.

KlöCo-Chefwechsel früher als geplant
Die Gewinnerliste im MDax führte der Stahlhändler Klöckner & Co an. Die Aktie katapultierte sich um fast zehn Prozent nach oben. Das lag zum einen am "Alcoa-Effekt", zum anderen auch an einer positiven Analysten-Studie. Die Experten von JPMorgan stuften die Aktie des Stahlhändlers nach der abgeschlossenen Kapitalerhöhung hoch und hoben das Kursziel von 22,00 auf 24,00 Euro.

Am Abend gab KlöCo zudem den vorzeitigen Chefwechsel bekannt. Zwei Monate früher als geplant übernimmt zum 1. November der bisherige Finanzvorstand Gisbert Rühl den Chefsessel. Er tritt die Nachfolge von Thomas Ludwig an, der seinen Rückzug mit dem Generationswechsel begründet.

Google beflügelt ProSiebenSat.1
Neben KlöCo ragten die Aktien von ProSiebenSat.1 mit einem Plus von rund sechs Prozent aus der zweiten Börsenliga heraus. Verantwortlich dafür war Google-Chef Eric Schmidt. Er sieht nämlich den Höhepunkt der Werbekrise überschritten. "Wir sehen deutlich Anzeichen für eine Erholung - nicht nur in den USA, auch in Europa", sagte der Chef des Suchmaschinen-Riesen.

Douglas erfüllt Erwartungen
Behauptet präsentierte sich die Douglas-Aktie. Der Einzelhandelskonzern hat den Umsatz im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr 2008/2009 um 2,2 Prozent gesteigert. Douglas geht zudem davon aus, das Ergebnisziel im Geschäftsjahr zu erreichen.

Tui hilft Hapag-Lloyd
Mit einem kleinen Plus ging ebenfalls die Tui-Aktie aus dem Handel. Die Hängepartie um die angeschlagene Großreederei Hapag-Lloyd, an der die Tui mit 43 Prozent beteiligt ist, ist vorerst beendet. Nach der Bewilligung einer milliardenschweren Staatsbürgschaft greift der Touristikkonzern als Haupteigner Hapag-Lloyd kräftig unter die Arme. Zusammen mit der Investorengruppe Albert Ballin stellt die Tui rund 923 Millionen Euro frisches Kapital sowie eigenkapitalähnliche Mittel zur Verfügung. Zudem erwirbt die Tochter Tui Travel für rund 33,5 Millionen Euro wie geplant 9,9 Prozent an der Fluggesellschaft Air Berlin.

Celesio muss Millionen abschreiben
Zwiespältige Botschaften gab es vom Pharma-Großhändler Celesio. Einerseits hob das MDax-Unternehmen die Ebitda-Prognose für 2009 von "leicht über 600 Millionen Euro" auf jetzt 625 Millionen Euro an. Andererseits verkündeten die Stuttgarter eine 274 Millionen Euro teure Firmenwert-Abschreibung wegen Problemen in Italien, Irland und den Niederlanden. Auch die Expansion der Versandapotheke Doc-Morris kommt nicht so gut voran wie geplant. Das Ziel, 500 Partner-Apotheken in Deutschland bis 2011 zu finden, sei nicht mehr zu schaffen. Erst 2015 könnte wohl diese Marke erreicht werden. Derzeit zählt Celesio 150 Doc-Morris-Apotheken. Die Aktie notierte nach einer Berg- und Talfahrt unverändert.

Machtkampf bei Wacker Neuson hält an
Im SDax kommt der Baumaschinenhersteller Wacker Neuson nicht zur Ruhe. Der Machtkampf geht in eine neue Runde: Der geschasste Aufsichtsratschef Hans Neunteufel hat beim Münchner Landgericht eine einstweilige Verfügung gegen seine Abberufung erwirkt. Damit ist Neuteufel nun vorläufig wieder im Amt. Laut Medienberichten hatte ein Streit über die strategische Ausrichtung zur Abberufung Neunteufels geführt. Wacker Neuson droht der erste Jahresverlust in seiner mehr als 160-jährigen Geschichte. Die Aktie gab leicht nach.

Frisches Geld für Deutsche Wohnen
Leicht zulegen konnte im SDax die Aktie der Deutsche Wohnen. Die Immobilienfirma hat ihre Kapitalerhöhung erfolgreich durchgebracht: Die Deutsche Wohnen teilte am Donnerstag mit, netto rund 236,5 Millionen Euro erlöst zu haben. Das frische Kapital soll zur Hälfte zur Reduzierung von Verbindlichkeiten verwendet werden.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"