Marktbericht 20:09 Uhr

Brexit-Angst schwindet Gutes Ende einer schlechten Börsenwoche

Stand: 17.06.2016, 20:09 Uhr

Wenige Tage vor dem Referendum in Großbritannien ist neue Hoffnung aufgekeimt, dass es nicht zum Brexit kommt. Der Dax machte einen Teil der Wochenverluste wieder wett. Die Wall Street hingegen ging auf Talfahrt.

Ausgerechnet der heimtückische Mord an der führenden Brexit-Gegnerin Jo Cox könnte die Chancen für einen Verbleib Großbritanniens in der EU wieder erhöhen. "Der Tod von Cox hat die hitzige Brexit-Debatte etwas beruhigt, und manche Menschen denken nun nochmal darüber nach, welche Seite sie wirklich unterstützen wollen", sagte ein Analyst von der Investmentbank Cantor Fitzgerald.

Wahrscheinlichkeit für Verbleib in der EU steigt

Tatsächlich scheinen die Brexit-Gegner momentan wieder die Nase vorn zu haben. Laut dem Online-Wettanbieter Betfair stieg die Wahrscheinlichkeit eines Verbleibs von Großbritannien in der EU inzwischen auf 67 Prozent. Vor der Ermordung von Cox lag sie bei nur 60 Prozent.

Dax macht Boden gut

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 6 Monate
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Die nachlassende Brexit-Angst trieb den Dax um fast 0,9 Prozent auf über 9.600 Punkte nach oben. Zeitweise war der deutsche Leitindex gar auf über 9.700 Zähler geklettert. Vor allem Schnäppchenjäger trauten sich zum Wochenschluss wieder an die Aktienmärkte zurück. Damit fiel die Bilanz der Börsenwoche nicht ganz so schlecht aus: Auf Wochensicht büßte der Dax 2,1 Prozent ein.

Keine Trendwende

ARD-Börsenstudio: Dorothee Holz
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Börse 20.15 Uhr

Von einer Trendwende zu sprechen wäre aber verfrüht. Die jüngsten Kursschwankungen an den Börsen dürften bis zur Abstimmung am Donnerstagabend nächster Woche anhalten, meint Experte Gregor Kuhn vom Brokerhaus IG Markets. Zumal am Freitag der deutsche Aktienmarkt stark durch die Terminbörse Eurex beeinflusst wurde. Denn heute war "dreifacher Hexensabbat". Am Terminmarkt wurden Index-Optionen und -Futures sowie Optionen auf einzelne Aktien fällig.

Brexit nur ein "Kindergeburtstag"

Die meisten Anlagestrategen rechnen ohnehin nicht mit einem Brexit. So sehen die Experten der Deutschen-Bank-Tochter Deutsche Asset die Wahrscheinlichkeit eines Brexit nur bei 35 Prozent. Selbst ein Austritt der Briten aus der EU wird als nicht all zu dramatisch eingestuft. Es würden erstmal monatelange Verhandlungen mit Brüssel folgen.

Auch Vermögensverwalter Bert Flossbach hält die Befürchtungen vor einem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU für übertrieben. Der Brexit sei ein Kindergeburtstag verglichen mit anderen Problemen wie die langfristigen Folgen der ultralockeren Geldpolitik und das schwindende Vertrauen in das Geldsystem.

Dow rutscht wieder ab

Anders als in Europa belastete das Brexit-Gespenst die Wall Street. Der Dow lag zwei Stunden vor Handelsschluss 0,3 Prozent im Minus. Am Donnerstag hatte der Standardwerte-Index seine fünftägige Talfahrt gestoppt und war mit einem Plus von 0,5 Prozent aus dem Handel gegangen. Neue gemischte Konjunktursignale kamen am Nachmittag vom Immobilienmarkt. Die Zahl der Wohnbaubeginne fiel weniger stark als erwartet auf 1,164 Millionen Einheiten, die Baugenehmigungen lagen mit 1,138 Millionen Einheiten unter den Prognosen der Volkswirte.

Ölpreise stoppen Talfahrt

Da halfen auch die wieder anziehenden Ölpreise nicht. Die Nordsee-Sorte Brent verteuerte sich bis zum Abend um 1,30 Dollar auf 48,50 Dollar je Barrel. Der Preis für ein Fass der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg um 1,18 Dollar auf 47,39 Dollar. Zuvor waren die Preise sechs Tage in Folge gefallen, die längste Verlustserie am Ölmarkt seit Februar. Ursachen waren ein deutlicher Kursanstieg des Dollar und die Risikoaversion der Anleger wegen eines drohenden Brexit.

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
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79,40
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Öl (WTI): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
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Nur noch eine Zinserhöhung in den USA bis 2018?

Der Dollar gab am Freitag nach, der Euro zog auf 1,1275 Dollar an. Auch das britische Pfund konnte sich wegen der schwindenden Brexit-Angst etwas erholen und verteuerte sich auf 1,4327 Dollar. Das ist der höchste Stand seit einer Woche. Zusätzlich belasteten Aussagen des Fed-Vertreters James Bullard den Dollar. Der regionale Notenbankchef von St. Louis prophezeite bis 2018 nur noch eine (!) Zinsanhebung.

Finanzwerte ganz vorn

Treibende Kraft im Dax waren am Freitag die Finanzwerte, die in den vergangenen Tagen besonders stark unter der Brexit-Angst gelitten hatten. Die Aktien der Deutschen Bank legten um über fünf Prozent zu und führten den Dax an. Die Titel der Commerzbank sprangen um über vier Prozent hoch. Der europäische Banken-Index stieg um drei Prozent.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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10,49
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Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Bleibt Adidas mit dem DFB länger am Ball?

Die Aktie von Adidas stieg um rund 1,5 Prozent. Der Sportartikler bleibt weitere vier Jahre Sponsor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, wie "Sport Bild" berichtet. Der Konzern und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hätten ihren Vertrag über 2018 hinaus bis 2022 verlängert, hieß es. Adidas solle dem DFB dafür jährlich zwischen 65 und 70 Millionen Euro zahlen - mehr als das Doppelte der bisherigen Jahressumme von rund 25 Millionen Euro. Der DFB dementierte den Bericht.

Siemens wird weltgrößter Windanlagenbauer

Im Rampenlicht stand auch Siemens. Der Dax-Konzern sicherte sich nach monatelangem Ringen die Mehrheit an der spanischen Gamesa und errichtet damit das weltgrößte Windkraftunternehmen - vor Vestas. Siemens-Aktien stiegen um 1,5 Prozent. Gamesa legten mehr als fünf Prozent zu.

Piech-Porsche-Clan beendet Streit um VW-Dividende

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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155,50
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+1,97%

Um rund ein Prozent nach vorne rollten die VW-Aktien. Kurz vor der Hauptversammlung haben die Familien Porsche und Piech den Dividenden-Streit beigelegt. Zudem hat sich bei der VW-Kernmarke der Abwärtstrend bei den Verkäufen verlangsamt. Im Mai setzten die Wolfsburger 495.000 Fahrzeuge seiner Hauptmarke VW ab. Das entspricht einem Rückgang von 0,7 Prozent.

Kauft Telekom HEG?

Zu den wenigen Dax-Verlierern zählten die T-Aktien. Die Deutsche Telekom erwägt angeblich den Kauf des Hostinganbieters Host Europe Group (HEG). Die Bonner könnten sich für einen solchen Deal mit Finanzinvestoren zusammentun, meldete die Nachrichtenagentur Bloomberg am Freitag unter Berufung auf einen Insider. Der englische Anbieter von Speicherplatz für Webseiten und Daten sowie von Internetadressen könnte demnach bis zu rund 1,7 Milliarden Euro wert sein. Auch United Internet soll Interesse an HEG haben.

Berenberg empfiehlt Norma

In der zweiten Reihe bewegten Analystenkommentare die Kurse. So trieb eine Kaufempfehlung der Berenberg Bank die Aktien von Norma an. Mit einem Plus von 6,5 Prozent waren die Titel des Autozulieferers MDax-Spitzenreiter. Nach dem Kursrückgang im bisherigen Jahresverlauf sei das Chance/Risiko-Profil des Autozulieferers wieder attraktiver, schrieb der zuständige Analyst.

Milliardär schielt auf SGL

Die Aktien von SGL sprangen zeitweise um über neun Prozent nach oben. Der russische Milliardär Viktor Vekselberg hat Insidern zufolge ein Auge auf das defizitäre Grafitelektroden-Geschäft von SGL geworfen. Vekselbergs vor allem in der Schweiz aktive Holding Renova dürfte für die zum Verkauf stehende Sparte von SGL bieten. Als möglicher Interessent für die Graphitelektroden-Sparte gilt auch ChemChina.

Positive Fallstudie beflügelt Morphosys

Aus dem TecDax ragte Morphosys positiv mit einem Plus von 3,4 Prozent heraus. Das Biotech-Unternehmen konnte von einem Forschungserfolg berichten. Dabei geht es um eine Studie der klinischen Phase 2a, in der die Behandlung von verschiedenen Krebs-Subtypen des Non-Hodgkin-Lymphom (NHL) mit dem Wirkstoffkandidaten MOR208 erforscht werden soll. Bei der Studie sprachen 36 Prozent der Patienten positiv auf das Mittel an.

Zwei Übernahmen im Blick

Für zwei kleinere deutsche Unternehmen gibt es Übernahmeangebote. Für Kromi Logistik werden 12,00 Euro je Aktie geboten. Für das Münchener Immobilienunternehmen Isaria Wohnbau gibt es ein Angebot für 4,50 Euro vom Private-Equity-Investor Lone Star. Die Aktien beider Unternehmen legten deutlich zu.

Apple droht in China Verkaufsverbot des iPhone6

Unter Druck stand an der Wall Street Apple. Die Aktien lagen zwei Sstunden vor Handelsschluss über zwei Prozent im Minus. Laut Medienberichten wollen die chinesischen Behörden den Verkauf des iPhone6 und iphone6Plus verbieten. Sie sollen angeblich Patente eines chinesischen Rivalen verletzen. Apple wehrt sich und hat Berufung gegen die chinesische Entscheidung eingelegt.

Revolon schluckt Elizabeth Arden

Die geplante Übernahme durch den Konkurrenten Revolon bescherte Elizabeth Arden einen spektakulären Kurssprung. Die Aktien des Kosmetik-Konzerns kletterten um fast 50 Prozent nach oben.

nb

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Freitag, 21. September

Unternehmen:
Vossloh: Kapitalmarkttag

Konjunktur:
Frankreich: BIP, Q2 detailliert, 8:45 Uhr
London: Markit Einkaufsmanagerindex Euro-Zone (Industrie, Service, Composite) für September, vorläufig, 09:30 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt: Bundesbank-Konferenz mit Blackrock-Vizechef Hildebrand und Deutsche-Börse-CEO Weimer