Marktbericht 20:15 Uhr

Akropolis in Athen

Dax muss Federn lassen Griechenland vor dem Abgrund

Stand: 12.06.2015, 20:15 Uhr

Politischer als aktuell kann eine Börse wohl kaum sein. Der Grexit-Count-Down hat begonnen und zehrt an den Nerven der Investoren. Gibt es doch noch eine Rettung in letzter Minute? Die Skepsis ist heute gewachsen.

Kurz vor Xetra-Handelsschluss sorgten neue Meldungen aus Athen zumindest dafür, dass der Dax sich noch von seinem Tagestief etwas löste. Athen ist danach bereit, neue Vorschläge vorzulegen und wird sich am morgigen Samstag mit Vertretern der Geldgeber in Brüssel treffen.

Zuvor hatte sich der Ausverkauf auf dem deutschen Aktienmarkt am Nachmittag beschleunigt, einhergehend mit sich häufenden Meldungen, nach denen eine Staatspleite Griechenlands wohl mittlerweile kein Tabuthema mehr in Europas Hauptstädten ist.

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Der Dax schloss letztlich bei 11.196 Punkten, ein Tagesverlust von 1,2 Prozent. "Für Investoren ergibt sich mittlerweile ein recht chaotisches Bild", sagte Sarah Brylewski, Finanzmarkt-Exp ertin des Brokerhauses Ayondo. "Förmlich im Halbstundentakt hat irgendjemand mit irgendeinem Griechen gesprochen und verkündet wechselweise Durchbruch, Abbruch oder Aufschub."

Immer wieder Griechenland

Es war heute eine Berg- und Talfahrt und nichts für schwache Nerven. Der Dax lag zwischenzeitlich bei seinem Tageshoch von 11.365 Punkten sogar leicht im Plus. Danach war es bis auf 11.069 Punkte bergab gegangen. Keine ungewöhnlichen Schwankungen für eine so hochpolitische Börse, die nur ein Thema kannte - kommt der Grexit oder kann er doch noch verhindert werden? Ironischerweise hat sich der Index auf Wochenbasis überhaupt nicht bewegt, trotz der zum Teil heftigen Schwankungen.

Blick auf Santorin, Griechenland

Santorin, Griechenland. | Bildquelle: colourbox.de

Aber selbst wenn es doch noch zu einer Einigung in letzter Minute kommt. Von der Fähigkeit, sich selbstständig am Kapitalmartkt zu refinanzieren, ist Griechenland weiter entfernt denn je. Heißt, dass das krisengeschüttelte Land bis auf weiteres am Tropf internationaler Geldgeber hängen bleibt - und das Thema noch lange nicht von der Agenda verschwunden ist. Denn ökonomisch betrachtet, wirklich wettbewerbsfähig in einer Handelsgemeinschaft mit einer der härtesten Währung der Welt, waren die Griechen eigentlich nie. Lediglich die Tourismus-Branche beschert dem Land nennenswerte Einnahmen.

IWF-Rückzug ein wichtiges Siganal

Den ganzen Tag über war den Marktteilnehmern vor allem der Rückzug der IWF-Verhandlungsdelegation bei den Verhandlungen mit Griechenland vom Vorabend auf den Magen geschlagen. Zwar zeigt sich der Währungsfonds offiziell weiter gesprächsbereit, die gesetzten Zeichen sind aber am Markt eindeutig interpretiert worden: die Einschläge, sprich die Staatspleite Griechenlands, rückt deutlich näher. Die Anleger gingen nach dem IWF-Rückzug lieber in Deckung, kommentiert Analyst Andreas Paciorek vom Brokerhaus CMC Markets. Dies, bevor am Wochenende vielleicht neue Hiobsbotschaften einschlagen, sagte der Experte.

Die Schlinge zieht sich zu

Dass die Zeit knapp wird für Hellas zeigten auch eindeutige Aussagen des Eurogruppenchefs und niederländischen Finanzministers Jeroen Dijsselbloem sowie von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Europa ist offensichtlich nicht bereit, dem Land ohne belastbare Reformvorschläge weiter zu helfen. Nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung bereitet sich Berlin sogar schon auf eine Staatspleite Athens vor. Das Blatt beruft sich dabei auf Insider.

Hörfunk-Moderatorin Ulla Herrmann
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Börse 20.15 Uhr

Für den 18. Juni ist das nächste reguläre Teffen aller Akteure angesetzt. Liegt dann weiterhin keine belastbare Reformliste der Athener Regierung vor, droht die Staatspleite. Bis Monatsende werden 1,6 Milliarden Euro an den IWF fällig - Geld, das Hellas nicht hat.

Wall Street ebenfalls im Minus

Dow Jones (Indikation): Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum Intraday
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Der ungewisse Ausgang im Griechen-Poker belastet derweil auch die New Yorker Börse. Der Leitindex Dow Jones liegt aktuell 0,8 Prozent im Minus, auch die anderen großen Indizes geben nach.

Konjunkturdaten lieferten zum Wochenschluss kaum Impulse. Dies, obwohl sich das von der Universität Michigan erhobene US-Verbrauchervertrauen im Juni deutlich aufgehellt hatte. Angesichts der Unsicherheit wollten viele Anleger vor dem Wochenende keine Risiken eingehen, sagte ein Börsianer mit Blick auf die Verluste am Aktienmarkt. Kommt einem das nicht irgendwie bekannt vor?

Euro erholt

Der Euro hat sich am Nachmittag von seinen Tiefstand bei 1,1154 Dollar deutlich erholt und legte wieder zu. Bei nervösem Handel angesichts der wechselnden Nachrichten um Griechenland steht er bei 1,1265 Dollar am Tageshoch. Bundeskanzlerin Merkel hatte zuvor vor einem zu starken Euro gewarnt und den Kurs damit auf Talfahrt geschickt. Eine zu starke Gemeinschaftswährung würde es Ländern wie Spanien, Portugal und Irland schwer machen, die Früchte ihrer Reformen zu ernten, erklärte die Kanzlerin auf einer Veranstaltung.

Merkel geht trotz der festgefahrenen Verhandlungen mit der griechischen Regierung weiter von einer Einigung aus. "Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg", sagte die Kanzlerin. Aber ist wirklich noch so viel Wille da?

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
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Ein Grexit, so scheint es, kommt dem Euro sogar zugute. Denn trotz der wachsenden Pleitegefahr und der endlosen Diskussion um Griechenland zeigt er eine hohe relative Stärke. Am Rentenmarkt stiegen die Kurse. Bundeswertpapiere waren als sicherer Hafen gesucht. Der Euro-Bund-Future, der zwischenzeitlich sogar leicht ins Minus gerutscht war, weitete seine Gewinne danach aus und stieg um 0,4 Prozent.

Infineon einziger Gewinner im Dax

Fast alle Dax-Werte schlossen im Minus - aber nur fast, denn Chiphersteller Infineon behauptete sich mit einem Zuwachs von immerhin 1,45 Prozent deutlich im Plus. Die Verluste gingen ansonsten quer durch alle Branchen. Größter Verlierer war Adidas, gefolgt von K+S, BASF und Bayer.

Der MDax, der Index der mittelgroßen Werte, bot ein ähnliches Bild. Dort setzt sich der Ausverkauf beim Modeunternehmen Gerry Weber fort. Nur wenige Tage nach der dramatischen Umsatz- und Gewinnwarnung hat Gerry Weber seinen vollständigen Halbjahresbericht vorgelegt. Der Gewinn sank im ersten Halbjahr 2014/15 um ein Drittel auf 21,9 Millionen Euro. Die Aktie war größter Tagesverlierer mit einem Abschlag von 4,48 Prozent.

VW verkauft weniger Autos

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Nach Xetra-Schluss kamen dann noch die lange erwarteten Absatzzahlen für den Mai. Der Wolfsburger Autobauer hat 858.000 Fahrzeuge ausgeliefert, das ist ein Rückgang im Jahresvergleich um 2,6 Prozent. Vor allem die Kernmarke Volkswagen verkauft sich in den Schwellenländern wie Brasilien und Russland nicht mehr so gut. Auch in China gehen die Absätze zurück. Firmenchef Winterkorn berät derzeit mit dem Management, wie der Konzern umgebaut werden kann. Angedacht ist, den regionalen Entscheidungsträgern mehr Verantwortung zu übertragen, um näher am Kunden zu sien.

Lufthansa vor neuer Streikfront

Nach den Piloten gehen jetzt auch die 19.000 Flugbegleiter auf Streikkurs. Die Gewerkschaft Ufo bezeichnete das neue Angebot des Konzerns als Rückschritt. Bis zum 20. Juni werde Ufo nun auf die Ergebnisse der Schlichtung warten. Allerdings äußerte sich Ufo-Chef Nicoley Baublies wenig optimistisch, er erwartet Streiks. Auch bei den Flugbegleitern geht es um Einbußen bei der Altersvorsorge. LH-Aktien hielten sich etwas besser als der Markt.

Telekom und kein Ende der Dish-Gerüchte

Besser als der Markt hielt sich auch die T-Aktie, die nur leicht verlor. Hartnäckig halten sich Gerüchte, der US-Bezahltfernsehsender wolle sich mit bis zu 15 Milliarden Dollar verschulden, um einen Zusammenschluss mit der US-Tochter T-Mobile US zu finanzieren. Ob es aber überhaupt soweit kommt, ist allerdings weiterhin noch nicht klar. Dish-Chef Charlie Ergen, der früher einmal professioneller Poker-Spieler war, ist dafür bekannt, Deals in letzter Minute platzen zulassen.

Deutsche Bank: Schon wieder eine neue Klage

Dieses Mal geht es um den Vorwurf der Untreue. Ein Sprecher der Frankfurter Staatsanwaltschaft bestätigte, dass Ermittlungen eingeleitet worden seien. Es geht um den Kirch-Vergleich, den Aktionäre kritisieren. Denn die Bank hat sich stets als unschuldig betrachtet. Co-Chef Fitschen habe dann aber offenbar wider besseren Wissens im Februar 2014 mit den Kirch-Erben den 925-Millionen-Euro teuren Vergleich geschlossen.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Zugleich wirft die Bankenaufsicht Bafin nach einem Insiderbericht der Bank gravierende Versäumnisse im Skandal um manipulierte Referenzzinssätze vor. Im Abschlussbericht kritisierte die Behörde demnach organisatorische Mängel und unzureichende Kontrollen. Vorstände seien nicht direkt in den Skandal verwickelt, sie trügen aber die Verantwortung für die strukturellen Mängel. Die Deutsche Bank wollte sich nicht äußern.

Metro favorisiert Hudson`s Bay

Für Galeria Kaufhof zeichnet sich eine Zukunft unter dem Dach der kanadischen Kaufhauskette Hudson`s Bay ab. Der Metro-Vorstand würde das zwischen 2,7 und 2,9 Milliarden Euro liegende Angebot der Kanadier gegenüber dem des österreichischen Investors René Benko und seiner Signa-Gruppe bevorzugen, berichtet der "Spiegel". Das Blatt beruft sich auf das Umfeld von Metro-Chef Olaf Koch. Auch nach Informationen des "Handelsblattes" zeichnet sich ein Erfolg für die kanadische Handelsgruppe ab.

Ceconomy ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Zu Hudson`s Bay gehören unter anderem die bekannten Saks Fifth-Avenue-Filialen in den USA und Kanada, von denen insgesamt 39 betrieben werden. 90 Häuser firmieren unter dem eigenen Namen in Kanada, 50 unter Lord and Taylor wiederum in den USA und Kanada. Weitere Marken sind OFF 5th und Déco Dèciouverte. Die Börsenbewerrtung liegt bei rund 4,5 und der Umsatz bei 8,2 Milliarden Kanadische Dollar (rund 5,8 Milliarden Euro). Der Gewinn betrug im vergangenen Jahr 238 Millionen Kan-Dollar.

Capital Stage baut Position in Italien aus

Der Hamburger Solar- und Windparkbetreiber aus dem SDax hat heute einen Vertrag zum Erwerb von neun italienischen Solarparks mit einer Gesamtkapazität von rund 29,1 MWp unterzeichnet. das Investitionsvolumen beläuft sich auf rund 100 Millionen Euro. Capital Stage setzt darüber hinaus auch seine Kooperation mit der Gothaer Versicherung weiter fort. Acht der neun italienischen Solarparks befinden sich in der Region Marken, ein weiterer Park liegt in der Region Apulien. Die Aktie ist vor allem in diesem Jahr sehr gut gelaufen. Heute ging die weltgrößte Messe Intersolar in München zu Ende. Aus der Branche gab es zuletzt wieder bessere Nachrichten.

Honda muss Gewinn revidieren

Wegen des Airbag-Skandals wird der Jahresabschluss von Honda für das Geschäftsjahr 2014/15 zusätzlich um umgerechnet 324 Millionen Euro belastet. Das Unternehmen erklärte, dies geschehe aufgrund amerikanischer Rechnungslegungsvorschriften. Honda ist stark betroffen vom Airbag-Skandal des Zulieferers Takata. Seit 2008 sind branchenweit insgesamt 53 Millionen Autos zurückgreifen worden, zuletzt 34 Millionen in den USA. Takata-Airbags können während der Fahrt explodieren, die Metallteile zu Verletzungen führen. Sechs Menschen kamen bisher ums Leben, alle in Honda-Autos.

rm

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat