Griechenland-Lösung macht Anleger glücklich

Stand: 21.07.2011, 20:05 Uhr

Die Börsianer atmen auf: Beim EU-Gipfel haben sich die Staats- und Regierungschefs offenbar auf ein Maßnahmenbündel im Kampf gegen die Schuldenkrise geeinigt. Zudem gab es gute Konjunkturdaten und Quartalszahlen aus den USA. Der Dax setzt seine Erholungstour fort.

Wie das Kaninchen auf die Schlange starrten am Donnerstag die Börsianer nach Brüssel. Und wurden nicht enttäuscht. Das erhoffte Signal sickerte stückchenweise im Laufe des Nachmittags durch. Wie aus dem Entwurf für die Abschlusserklärung des Gipfels hervorgeht, haben sich die Staats- und Regierungschefs der Eurozone auf ein zweites mindestens 120 Milliarden Euro schweres Griechenland-Rettungspaket geeinigt - unter der freiwilligen Beteiligung privater Gläubiger. So kann der Finanzsektor beispielsweise griechische Anleihen in neue Bonds mit längeren Laufzeiten umtauschen.

EZB gibt Widerstand auf

Die Umschuldung Griechenlands ist also kein Tabu mehr. Offenbar hat sich die Europäische Zentralbank (EZB) dem politischen Druck gebeugt und ist bereit, einen teil- oder zeitweisen Zahlungsausfall des hoch verschuldeten Griechenlands in Kauf zu nehmen. Dieser "Zahlungsausfall" soll freilich auf wenige Tage beschränkt und mit öffentlichen Garantien abgesichert werden

Damit Griechenland seine Kredite leichter zurückzahlen kann, sollen die Zinsen von 4,5 Prozent auf 3,5 Prozent gesenkt und die Laufzeiten von 7,5 Jahren auf mindestens 15 Jahren verlängert werden. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Krisenfonds EFSF. Er versorgt Griechenland mit frischem Geld zu niedrigeren Zinsen. Außerdem soll der EFSF vorbeugend bei gefährdeten Euro-Ländern eingreifen und Geld bereitstellen, um eine Ausbreitung der Schuldenkrise auf andere Länder wie Italien und Spanien zu verhindern.

Kursfeuerwerk in Italien und Spanien
Die Einigung in Brüssel beflügelte die Börsen. Der Dax legte nach einer Berg- und Talfahrt knapp ein Prozent auf 7.290 Punkte bis Xetra-Schluss zu. Im späten Parketthandel kletterte der L-Dax gar über die Marke von 7.300 Zählern. Noch kräftigere Kursgewinne verzeichneten die Börsen in Mailand und Madrid. Der spanische Ibex-35-Index zog um knapp drei Prozent, der italienische Mib gar um knapp vier Prozent an. Die Wall Street zeigte sich ebenfalls gut gelaunt. Dow und Nasdaq gewannen gut ein Prozent.

Freudensprung des Euro
Der Euro machte einen Riesensprung auf bis fast 1,44 Dollar. "In Sachen Griechenland passiert endlich etwas", sagte Rainer Sartoris, Volkswirt bei HSBC Trinkaus. Das werde am Devisenmarkt positiv aufgenommen.

Positive Signale von der US-Konjunktur
Zusätzliche positive Impulse für den Aktienmarkt kamen von der US-Konjunktur. Überraschend deutlich hellte sich das Geschäftsklima in der für die USA repräsentativen Region Philadelphia auf. Der viel beachtete Philly-Fed-Index kletterte von minus 7,7 Punkten im Juni auf plus 3,2 Zähler im Juli. Volkswirte hatten nur mit einem Zuwachs auf plus 2,0 Punkte gerechnet. Die Frühindikatoren stiegen im Juni um 0,3 Prozent und somit etwas stärker als erwartet. Volkswirte hatten lediglich ein Plus von 0,2 Prozent vorhergesagt. Allerdings: Im Mai war der Index, der sich aus zehn Frühindikatoren zusammen setzt, noch deutlich kräftiger um 0,8 Prozent gestiegen.

S&P droht den USA
Nicht einmal die Warnung der Ratingagentur S&P konnte die gute Stimmung trüben. S&P drohte am Abend, den USA wegen des anhaltenden Streits um die Anhebung der Schuldengrenze innerhalb der nächsten drei Monaten die Bestnote "AAA" zu entziehen.

Morgan Stanley wird gefeiert
Von der Unternehmensfront gab es am Donnerstagnachmittag ebenfalls gute Nachrichten. Die Quartalszahlen übertrafen teilweise die Erwartungen. So überraschte Morgan Stanley positiv. Die US-Großbank machte deutlich weniger Verlust im zweiten Quartal als befürchtet. Der Verlust lag bei 558 Millionen Dollar, was hauptsächlich auf die teure Partnerschaft mit der japanischen Mitsubishi UFJ zurückzuführen war. Die Geschäfte im Investmentbanking florierten indes wie lange nicht mehr. "Morgan Stanley ist die neue Goldman Sachs", meinte ein Analyst. Die Aktie sprang um fünf Prozent nach oben.

Der Pharmakonzern Eli Lilly steigerte den Umsatz überraschend stark um neun Prozent und übertraf die Prognosen. Die Aktie schoss um fast vier Prozent nach oben. AT & T verdiente mit 3,6 Milliarden Dollar ebenfalls mehr als erwartet. Die Aktie legte leicht zu. Der Konzern will die Tochter der Deutschen Telekom, T-Mobile USA, übernehmen. Doch der Deal wackelt. In Washington formiert sich Widerstand.

PepsiCo verwässert die Prognose
Nur PepsiCo tanzte ein bisschen aus der Reihe. Wegen der unsicheren Konjunkturaussichten in den USA schlug der Getränkehersteller vorsichtigere Töne an und erwartet für das Gesamtjahr nur noch einen Gewinnanstieg im hohen einstelligen Prozentbereich, günstige Währungseffekte mit eingerechnet. Bisher war ein Plus von sieben bis acht Prozent ohne Währungseffekten in Aussicht gestellt worden. Die Anleger reagierten ernüchtert. Die Pepsi-Aktien purzelten um über vier Prozent nach unten.

Rote Zahlen bei Nokia
Für Aufmerksamkeit sorgte auch der Handy-Riese Nokia. Zwar rutschte der Branchenprimus in die roten Zahlen, operativ lief es aber besser als gedacht. Nokia erzielte ein Ergebnis von 391 Millionen Euro, der Umsatz schrumpfte um sieben Prozent auf 9,3 Milliarden Euro. Die Restrukturierungsmaßnahmen sollen nun weiter forciert werden. Das honorierten die Anleger. Die Nokia-Aktie zog deutlich an.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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6,61
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-3,24%
Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Gipfel-Einigung treibt Bankenwerte
Die nahende Einigung auf dem Euro-Gipfel in Brüssel beflügelte die Finanzwerte. Die Commerzbank setzte sich mit einem Plus von fast zehn Prozent erneut an die Dax-Spitze. Die Titel der Deutschen Bank stiegen um gut drei Prozent, die Papiere der Aareal Bank im MDax gar um über zehn Prozent - im Sog der Kursgewinne europäischer Banken. Vor allem die Aktien griechischer Banken gingen durch die Decke. Ein Börsianer konnten allerdings nicht viel Positives in dem Gipfel-Entwurf für deutsche Banken entdecken. "Im Moment wird einfach nur die Einigung gefeiert."

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Autoaktien fahren hinterher
Dagegen rutschten die Autoaktien erneut ab. Enttäuschende Quartalszahlen von Scania belasteten MAN und VW. Der schwedische Lastwagenbauer hatte mit seinem Gewinn im zweiten Quartal die Markterwartungen verfehlt. Außerdem warnte Scania vor Engpässen in der Zulieferer-Kette im zweiten Halbjahr. Die Aktien der Schweden brachen an der Stockholmer Börse ein.

Intel zieht Infineon runter
Der düstere Ausblick von Intel belastete deutsche Hightech-Werte, allen voran die Aktien von Infineon. Die Papiere büßten über ein Prozent ein. Intel hat seine Prognose für das Wachstum im PC-Bereich gesenkt.

Tui profitiert von L'Tur
Positive Aussagen von L'Tur-Chef Markus Orth beflügelten die Aktien der Tui im MDax. Sie stiegen um 3,5 Prozent. Orth erklärte, dass der Umsatz der Tui-Tochter schon jetzt deutlich über dem Vorjahreswert liege. L'Tur profitiert vom anhaltenden Last-Minute-Reiseboom.

Neue Gewinnwarnung von Roth & Rau
Im TecDax waren Solarwerte heiß begehrt. An die Spitze setzte sich Roth&Rau mit einem Plus von über vier Prozent. Im späten Parketthandel drehte die Aktie aber klar ins Minus. Grund: Roth& Rau gab eine Gewinnwarnung heraus. Die bisherige Jahresprognose wegen angesichts der schwierigen Marktbedingungen ersatzlos gestrichen. Im ersten Halbjahr kündigte Roth & Rau einen deutlichen operativen Verlust und einen Umsatzrückgang an. Der Schweizer Rivale Meyer Burger hält die Mehrheit an Roth & Rau.

Rote Laterne für Adva
TecDax-Schlusslicht war die Aktie von Adva mit minus sechs Prozent. Zwar hat der Glasfaserkabel-Spezialist im zweiten Quartal dank eines florierenden Geschäfts mit Netzbetreibern und Firmenkunden seine selbst gesteckten Umsatz- und Gewinnziele übertroffen. Der vorsichtige Ausblick enttäuschte aber die Experten.

Amadeus im Zeitarbeitsboom.
Nach oben ging es dagegen mit dem Kurs von Amadeus Fire. In den ersten sechs Monaten hat der Personaldienstleister seinen Umsatz um 16,4 Prozent auf fast 63 Millionen Euro gesteigert - dank der starken Nachfrage nach Zeitarbeitskräften. Das operative Ergebnis stieg um über ein Drittel auf 9,6 Millionen Euro.

Abfindungsangebot für Repower-Aktionäre
Die Repower-Aktie schoss um 13 Prozent auf 143 Euro hoch, nachdem sie zeitweise vom Handel ausgesetzt war. Hauptaktionär Suzlon will die deutsche Tochter komplett schlucken und bietet im Rahmen eines Squeeze-Outs den restlichen freien Aktionären 142,77 Euro je Aktie.

Wütende Aktionäre auf Pfleiderer-HV
Noch immer nicht die Pleite abgewendet hat der Holzverarbeiter Pfleiderer. Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung war bis zum Abend unsicher, ob die Aktionäre der Rettung des Unternehmens zustimmen. Mehrere Anteilseigner kritisierten das geplante Sanierungskonzept. Demnach soll der Anteil der Aktionäre an Pfleiderer auf 0,8 Prozent sinken. Erst nach einer Kapitalerhöhung sollen sie neue Papiere erwerben können. Pfleiderer soll zunächst durch Banken und Hedgefonds übernommen werden. Die Aktie erholte sich leicht.

Roche bleibt zuversichtlich
Aus Europa meldeten sich mehrere Konzerne mit Zahlen. Der Schweizer Pharmakonzern Roche sieht sich trotz eines Umsatz- und Gewinnrückgangs im ersten Halbjahr und trotz des starken Frankens auf gutem Weg, seine Ziele für 2011 zu erreichen. Konzernchef Severin Schwan erhöht sogar den Ausblick für den Kerngewinn pro Aktie auf rund zehn Prozent in lokalen Währungen. Die Aktie schloss nahezu unverändert.

ABB wächst zweistellig
Prächtig läuft es für den Schweizer Elektrokonzern ABB. Er konnte Umsatz und Gewinn deutlich zweistellig steigern. Die Erwartungen der Analysten wurden leicht übertroffen. Dennoch gab die Aktie über zwei Prozent nach.

Akzo Nobel leidet
Dem Chemiekonzern Akzo Nobel machen die hohen Rohstoffkosten zu schaffen. Zwar steigerte der Konzern im zweiten Quartal dank höherer Preise seinen Umsatz um fünf Prozent auf 4,1 Milliarden Euro. Der Gewinn schrumpfte aber um fast zwei Prozent auf 268 Millionen Euro. "Ich bin nicht zufrieden mit der Entwicklung", sagte Konzernchef Hans Wijers. Die Aktie schloss etwas tiefer.

Ericsson-Aktien brechen ein
Den schwedischen Netzwerkausrüster Ericsson kommt der Stellenabbau in der Heimat teurer zu stehen als geplant. Mit einem operativen Ergebnis von 548 Millionen Euro verfehlte das Unternehmen die Erwartungen. Weil mehr Stellen gestrichen würden, rechnet das Unternehmen im Gesamtjahr jetzt mit Kosten von drei Milliarden Kronen - 50 Prozent mehr als zunächst kalkuliert. Die Aktie brach um zehn Prozent ein.

Tagestermine am Dienstag, 11. Dezember

Unternehmen:
Lufthansa: Verkehrszahlen November
Aurubis: Q4-Zahlen, 7 Uhr
VDMA: Jahres-Pk, 10 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: ZEW-Konjunkturerwartungen, 11 Uhr
USA: Erzeugerpreise, November, 14:30 Uhr


Sonstiges:
Großbritannien: May sagt Parlamentsvotum über Brexit ab und will nachverhandeln