Gerüchteküche treibt die Märkte

Lothar Gries

Stand: 09.07.2007, 20:10 Uhr

Es geht weiter nach oben. Zum Wochenbeginn nahmen die Anleger einen neuen Anlauf zur Erstürmung des Dax-Allzeithochs. Doch wie so oft ging ihnen dabei auf halber Höhe die Puste aus. Aber die Stimmung bleibt gut.

Es waren wieder einmal Übernahmegerüchte und Analystenkommentare, die den deutschen Aktienmarkt am Montag auf Trapp hielten. Die Aktien von BASF erklommen kurzzeitig die Marke von 100 Euro, nachdem der Chemie-Riese wieder einmal als mögliches Übernahmeziel von Hedge-Fonds gehandelt wurde. Auch die Aktien von Infineon und RWE zogen zeitweise bis zu mehr als zwei Prozent an, bröckelten bis Handelsschluss aber wieder ab. Bei Infineon wurde spekuliert, der südkoreanische Halbleiterhersteller Hynix wolle 18,50 Euro je Aktie bieten. Bei RWE wurde der französische Versorger EdF als möglicher Interessent genannt. "Angeblich will EdF 90,28 Euro je Aktie zahlen", sagte ein Händler. Das sorgte für Aufbruchstimmung.

In der zweiten Reihe konnte vor allem der Staatsfinanzierer Depfa von den Gerüchten profitieren. Angeblich ist die belgische Bank dexia an einer Übernahme interessiert und will gut 20 Euro für eine Depfa-Aktie zahlen. Auch die im S-Dax notierte Aktie von Air Berlin konnte von Übernahmefantasien profitieren.

Am Ende des Tages jedoch verließ die Anleger wieder der Mut, viele Kurse mussten ihre Gewinne wieder abgeben. Der Dax hatte sich am Vormittag bis auf wenige Punkte seinem Rekordhoch genähert, ging aber schließlich mit einem leichten Kursplus von 0,36 Prozent auf 8.077 Zählern aus dem Markt. Im späten Handel ging es dann wieder nach oben. Die meisten deutschen Aktien haben im späten Parketthandel ihre Gewinne noch etwas ausbauen können. Der L-Dax ging mit 8.088,40 Punkten aus dem Handel.

Gute Stimmung trotz hoher Ölpreise
Neue Impulse erhoffen sich die Anleger nun von der in den USA anlaufenden Berichtssaison. Den Anfang macht wie immer der US-Aluminiumriese Alcoa, dessen Zahlen nach Börsenschluss in New York erwartet werden. Die Erwartung guter Quartalszahlen in der Berichtssaison haben den US-Börsen am Montag einen freundlichen Wochenauftakt beschert. Der Anstieg des Brent-Ölpreises auf ein neues Elf-Monats-Hoch von 76 Dollar konnte die gute Stimmung nicht trüben. Zudem sorgten positive Analystenkommentare für eine gute Stimmung auf dem Parkett. Allerdings bremsten pessimistische Prognosen einiger Konzerne die Kursanstiege. Der Druckerhersteller Lexmark senkte seine Prognose für das zweite Quartal auf 64 bis 69 US-Cent je Aktie. Zuvor hatte Lexmark einen Gewinn von 82 Cent bis 92 Cent in Aussicht gestellt. Lexmark-Aktien verloren daraufhin bis zu elf Prozent.

Neue Branchenzuversicht für ThyssenKrupp

Zu den größten Dax-Gewinnern zählt die Aktie von ThyssenKrupp. Sowohl die Deutsche Bank als auch Goldman Sachs hatten sich positiv zur Stahlbranche geäußert. Die Deutsche Bank schraubte das Kursziel für den Dax-Titel erneut von 45 auf 54 Euro herauf.

Tuifly in Turbulenzen
Die Tui-Aktie wurde ans Dax-Ende durchgereicht. Europas größter Reiseveranstalter hat offenbar Probleme mit seiner erst Anfang des Jahres geschaffenen Konzern-Fluggesellschaft Tuifly. Wie das "Handelsblatt" berichtet, bleibt die aus dem HLX und Hapagfly entstandene Airline angesichts der Überkapazitäten im deutschen Luftverkehrs-Markt weit hinter den geplanten Ergebnissen zurück. Der Stuhl von Tuifly-Chef Christoph Mueller wackle heftig. "Von der Zielgeraden sind wir ganz schön entfernt", zitierte das Blatt einen nicht genannten Tui-Manager zur Differenz zwischen geplantem und erzieltem Ergebnis.

Bayer meldet Fortschritte mit Hoffnungsträger
Die Bayer-Aktie musste ihre Kursgewinne vom Vormittag wieder abgeben und notiert im Minus. Dabei hatten zuvor Berichte über Fortschritte bei der Entwicklung eines Mittels zur Behandlung von Thrombose für Auftrieb gesorgt. Das Medikament habe sich in einer Phase-III-Studie wirksamer gezeigt als die Standardarznei Lovenox von Sanofi-Aventis, teilte der Pharmakonzern mit. Bayer erhofft sich von Xarelto, das auch unter dem Wirkstoffnamen Rivaroxaban bekannt ist, einmal einen jährlichen Spitzenumsatz von mehr als zwei Milliarden Euro.


MAN Nutzfahrzeuge brummt
Die MAN-Aktie konnte ihre Anfangsgewinne nicht halten. Dabei will der Münchener Konzern in diesem Jahr sein eigenes Absatzziel bei Nutzfahrzeugen übertreffen. Statt der bisher angepeilten 96.000 dürfte das Unternehmen mindestens 97.000 Lkw und Busse ausliefern, sagte der Chef von MAN Nutzfahrzeuge, Anton Weinmann, am Samstag. In dem ins Stocken geratenen Lastwagen-Poker hoffe MAN auf einen Konsens mit dem schwedischen Konkurrenten Scania bis zum Jahresende, erklärte MAN-Chef Hakan Samuelsson am Samstag außerdem.

Winterkorn kündigt Rekord bei VW-Produktion an
Auch bei Volkswagen geht es voran. "Wir werden in diesem Jahr erstmals die Marke von sechs Millionen produzierter Autos übertreffen", kündigte VW-Chef Martin Winterkorn gegenüber dem "Focus" an. Im vergangenen Jahr waren es rund 5,7 Millionen Fahrzeuge. Allein im Juni sei der Absatz um über acht prozent gestiegen, hieß es aus Unternehmenskreisen. In den ersten fünf Monaten hatten die Wolfsburger weltweit mit 2,53 Millionen Fahrzeugen 7,6 Prozent mehr abgesetzt als im Vorjahreszeitraum: Ziel ist eine Steigerung im Gesamtjahr um zehn Prozent. "So wie es aussieht, schaffen wir das bereits in diesem Jahr", sagte Winterkorn.

MüRü ideenreich
Die Münchener Rück will mit einer Reihe von Versicherungsideen ihre Wachstumsschwäche überwinden. Der zweitgrößte Rückversicherer der Welt möchte etwa Unternehmen gegen Schäden durch Computerviren und Betreiber von Sonnen- oder Windkraftanlagen gegen ungünstiges Wetter absichern. Unterdessen sagte Konzernchef Nikolaus von Bomhard der "Wirtschaftswoche", mit Hedgefonds sei auch über eine Zerschlagung des Unternehmens gesprochen worden. Bomhard lehnt diese aber ab: "Wer, wie wir, mittel- und langfristig Wert schaffen will, für den macht eine kurzfristig orientierte Zerschlagung keinen Sinn." Nach Einschätzung des Top-Managers halten Hedgefonds zehn bis 15 Prozent an der Münchener Rück.

Belgische Dexia schielt auf Depfa
Aktien des Staatsfinanzierers Depfa Bank waren am Montag der mit Abstand größte Kursgewinner im M-Dax, nachdem am Nachmittag Gerüchte aufgekommen waren, das Institut stehe kurz vor einer Übernahme durch den belgischischen Konkurrenten Dexia. Dabei würden Händlern zufolge 20,10 Euro je Depfa-Aktie als Preis geboten. Obwohl keines der beiden Institute die Spekulationen kommentieren wollte, gewannen die Depfa-Papiere mehr als sechs Prozent und übersprangen damit erstmals seit langem die Marke von 14 Euro.

A-Tec und Affi treffen sich
Wenigstens wird wieder miteinander gesprochen. Nach Informationen aus Unternehmenskriesen bemühen sich die Norddeutsche Affinerie und die österreichische A-Tec um eine Beilegung ihres Machtkampfs um die belgische Kupferhütte Cumerio. Dazu hätten sich die Vorstandschefs beider Konzerne am Sonntag getroffen, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters am Montag. Dabei sei allerdings noch keine Einigung erzielt worden. Derzeit blockiert A-Tec die von der NA geplante Übernahme von Cumerio mit einem Anteil von 25 Prozent plus einer Aktie.

IWKA heißt jetzt Kuka
Größter Gewinner im MDax ist die Aktie der ehemaligen IWKA, der die Börsianer offenbar nach der Umbenennung in Kuka neue Sympathie entgegen bringen. Nach der Eintragung ins Handelsregister laute der Name ab heute Kuka AG, teilte der Augsburger Konzern mit.

Gute Verkehrszahlen von Air Berlin
Eine ganze Reihe von Neuigkeiten bewegt die Aktie von Air Berlin im SDax. Laut dem "Spiegel" soll die Deutsche Bank ihren Anteil an der Billigfluglinie von zuletzt 10,8 auf rund 13 Prozent aufgestockt haben, was neue Übernahmefantasien nährt. Am Vormittag veröffentlichte Air Berlin zudem die Verkehrszahlen für den Juni. Die Passagierzahl stieg im Jahresvergleich um 13,9 Prozent auf 2,17 Millionen, wobei sich die Auslastung der Maschinen um 0,5 Prozentpunkte auf 80,3 Prozent verbessert habe.

Schließlich hat Air Berlin pünktlich zur Weltpremiere des "787 Dreamliner" beim US-Hersteller Boeing 25 Maschinen des neuen Langstreckenfliegers zu einem Listenpreis von insgesamt vier Milliarden Dollar bestellt. "Air Berlin hat bei der Bestellung einen erheblichen Preisnachlass erzielt", teilte der Billigflieger dazu am Sonntag mit. Die Maschinen sollen zwischen 2013 und 2017 geliefert werden.

WestLB mag Medion
Auch die Medion-Aktie bleibt gefragt. Die WestLB erhöhte das Kursziel für den Titel des Elektronikhändlers von 13,20 auf 16,00 Euro und bestätigte ihre Kaufempfehlung.

Übernahmeangebot für Primacom
Über sieben Prozent geht es mit der Aktie von Primacom nach oben. Im Ringen um den Mainzer Kabelnetzbetreiber ist jetzt die Luxemburger Holding Escaline aus der Deckung gekommen. Über ihre Tochtergesellschaft Omega bietet Escaline den Primacom-Aktionären 10,00 Euro pro Aktie, kündigte das Unternehmen am Samstag an. Escaline will Primacom mit ihrer Augsburger Tochter Orion Cable zusammenführen, die bereits 25,3 Prozent an Primacom hält.

Im Mai hatte Orion den Kürzeren gezogen, als der ehemalige Primacom-Manager Wolfgang Preuß seinen 14,28-prozentigen Anteil an der Firma für 12,00 Euro je Aktie an Kabel Deutschland verkaufte, was Orion als überteuert bezeichnet hatte. Das Bundeskartellamt erklärte den Verkauf allerdings vorerst für unwirksam, da die Behörde die Transaktion nicht genehmigt hatte. Derzeit läuft die Prüfung des Geschäfts.

Atoss Software steigert Umsatz
Einen Sprung von über neun Prozent verzeichneten am Nachmittag die Aktien von Atoss Software. Das Unternehmen hat im ersten Halbjahr 2007 den Umsatz um zwölf Prozent auf 11,7 Millionen Euro gesteigert. Besonders erfreulich war das weiterhin starke Wachstum im Bereich Softwarelizenzen: Hier lagen die Umsätze im ersten Halbjahr bei 2,5. Millionen Euro und damit um 19 Prozent über dem Vorjahr.

Zapf vorerst gerettet
Die Aktie von Zapf Creation konnte den starken Zuwachs vom Vormittag nicht halten, notierte mit gut fünf Prozent aber immer noch deutlich im Plus. Der Chef des Zapf-Großaktionärs will die Schulden des kriselnden Puppenherstellers übergangsweise übernehmen und der Firma damit aus der Klemme helfen.

Net Mobile kauft zu
Kursgewinne von zeitweise mehr als zehn Prozent bei deutlich erhöhten Umsätzen verzeichnet der Anbieter von mobilen Entertainmentdiensten net mobile. Die Firma meldet den Erwerb einer strategischen
Beteiligung in Höhe von 18 Prozent an der 8 Elements Ltd., Hong Kong,
mit Option auf Übernahme weitere Anteile. Die Partnerschaft mit 8 Elements eröffnet net mobile auf Anhieb Zugang zu 30 potenziellen Kunden aus dem Carrier- und Medien-Segment und stärkt damit die Position auf einem der weltweit größten Wachstumsmärkte für mobile Entertainment-Dienste.

Kremlin erhöht Dividende
Die Hamburger Kremlin AG hat den Vorschlag eines Aktionärs angenommen, eine Dividende von 50 Cent statt der vorgeschlagenen 30 Cent zu zahlen. Damit erhöht sich die Ausschüttungssumme von 600.000 Euro auf eine Million. Sie soll aus dem mit 10,2 Millionen Euro angegebenen Eigenkapital der Gesellschaft geleistet werden.

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat