Geordneter Rückzug

von Angela Göpfert

Stand: 17.08.2009, 20:03 Uhr

Die Aktienmärkte weltweit haben die Woche mit herben Kursverlusten begonnen und sich von ihren Jahreshöchstständen weiter entfernt. Marktbeobachter sprachen von einer längst überfälligen Korrektur und Gewinnmitnahmen. Anlass dazu gab es allerdings reichlich.

So sorgten unter anderem Konjunkturdaten aus Japan für Beunruhigung: Die zweitgrößte Volkswirtschaft befreite sich zwar im vergangenen Quartal aus der Rezession. Doch Anleger sorgten sich um die Nachhaltigkeit dieses "Pseudo-Wachstums", das hauptsächlich auf dem massiven weltweiten staatlichen Konsum beruhte.

Platzt jetzt die China-Blase?
Auch der zunehmend labile Zustand des chinesischen Aktienmarkts erstickte die Kauflaune der Anleger weltweit: Der SSE Composite hat sich von seinem Jahreshöchststand bereits wieder 17 Prozent entfernt. Mit dem heutigen Kurssturz von 5,8 Prozent wurde zudem die seit März etablierte Aufwärtstrendlinie gebrochen.

Dagegen ist der Aufwärtstrend im Dax oder auch S&P 500 weiterhin intakt. Allerdings hatten die Börsen in China mit Blick auf die anderen Aktienmärkte weltweit zuletzt eine starke Vorläuferfunktion.

Anleger werden ängstlicher
Zudem wirkten die jüngsten überraschenden Einbrüche bei den US-Einzelhandelsumsätzen, dem US-Verbrauchervertrauen und dem Baltic Dry Index, der die Preise für die Verschiffung von Frachtgütern und damit den Zustand der Weltkonjunktur abbildet, noch nach. Positive Neuigkeiten wie ein überraschend kräftiger Anstieg des New Yorker Konjunkturindex, der erstmals seit April 2008 wieder Wachstum signalisierte, verpufften dagegen.

Die Konsequenz: Kursverluste allerorten. Der Dax ging zu Xetra-Handel zwei Prozent tiefer aus dem Handel bei 5.201 Zählern. Den späten Parketthandel beendete der deutsche Leitindex bei 5.206 Punkten. Zu diesem Zeitpunkt notierten in New York der Leitindex Dow Jones 1,7 Prozent und der marktbreite S&P 500 2,1 Prozent tiefer. An den Volatilitätsindizes VDax und VIX ließ sich zudem die deutlich gestiegene Nervosität der Anleger ablesen. Siehe dazu auch unser Hintergrundstück: Das "Angstbarometer" VIX

Anfang vom Ende der Rally?
Marktbeobachter rechnen dennoch eher mit einer kurzen, scharfen denn mit einer lang andauernden Korrektur oder gar neuen Baisse. Sie verweisen auf die zahlreichen Investoren, welche die jüngste Rally verpasst hatten und nun lauernd an der Seitenlinie stehen und kräftigere Kursrücksetzer zum Einstieg nutzen dürften. Schon die jüngste Rally war vor allem liquiditätsgetrieben.

An der Wall Street standen zum Wochenauftakt vor allem konjunktursensible Titel aus der Finanz- und Rohstoffbranche auf den Verkaufslisten der Anleger. Papiere der Bank of America litten unter Aussagen, wonach im Juli die Kreditkartenausfälle gestiegen seien. Bei Aktien von Newmont Mining sowie von Exxon Mobil und ConocoPhilips machten sich die gesunken Metall- respektive Ölpreise negativ bemerkbar. Der Preis für ein Barrel WTI war im Zuge der neu aufgeflammten Konjunkturskepsis der Anleger unter die Marke von 66 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit Ende Juli gerutscht.

Auch Anteilsscheine von Lowe's gaben kräftig nach. Die zweitgrößte US-Baumarktkette hatte im zweiten Quartal einen Gewinneinbruch von 19 Prozent verbucht und einen enttäuschenden Ausblick geliefert.

RWE ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
19,52
Differenz relativ
-0,38%

RWE auf Einkaufstour
Nach Xetraschluss teilte der im Dax notierte Energiekonzern RWE mit, er wolle seinen Marktanteil in Polen mit einer Übernahme der Mehrheit am drittgrößten Versorger des Landes ausbauen. "Wir haben ein nicht bindendes Angebot für 67,05 Prozent von Enea abgegeben", sagte eine Konzernsprecherin. Bedingung sei ein positives Ergebnis bei der Prüfung der Bücher des Versorgers. Die polnische Regierung erklärte, mit RWE exklusive Verhandlungen zu führen. Die RWE-Aktie reagierte auf diese Nachricht im späten Parketthandel jedoch kaum.

Fresenius-Familie hochgestuft
Unter den wenigen Gewinnern im Dax war die Fresenius-Aktie, auch die Aktie des Tochterkonzerns Fresenius Medical Care hielt sich besser als der Markt: Die Ratingagentur Fitch hatte ihren Ausblick für die Verbindlichkeiten von Fresenius und FMC hochgestuft.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
147,72
Differenz relativ
-1,32%

VW-Drama geht in die Verlängerung
Dagegen tat sich erneut die VW-Stammaktie als mit Abstand schlechtester Dax-Titel negativ hervor. Mit einem Minus von 9,9 Prozent auf 171 Euro bewegte sich der Titel weiter in Richtung einer fairen Bewertung. Denn offenbar hat Katar bei der Übernahme der Optionen von Porsche nur 130 Euro je VW-Aktie angesetzt. "Und dann sagt man sich, die haben das ja 1.000-fach kontrolliert - offenbar ist die Aktie nicht mehr wert", meinte ein Aktienhändler.

Stämme und Vorzüge des Autobauers haben binnen zwei Handelstagen in der Spitze mehr als 17 Milliarden Euro an Börsenwert verloren. Dies entspricht fast der gesamten Marktkapitalisierung von BMW.

Allianz: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
176,84
Differenz relativ
+0,36%

Allianz bricht Deutschlandgeschäft weg
Auch die Allianz-Aktie verbuchte weit überproportionale Verluste. Der Versicherungskonzern hat in seinem deutschen Versicherungsgeschäft im ersten Halbjahr rund zwei Drittel weniger verdient - vor allem wegen geringerer Erlöse aus Wertpapierverkäufen. Der Dax-Konzern stellt sich nun auf anhaltenden Gegenwind ein.

Hannover-Rück-Aktien bringen es nicht mehr?
Noch stärker verloren Papiere der Hannover Rück. Die Analysten der Citigroup hatten ihre Empfehlung von "Buy" auf "Hold" gesenkt, weitere Kursgewinne der Aktien seien unwahrscheinlich, nachdem diese seit Ende Oktober ihren Wert mehr als verdoppelt haben.

Solarbranche vor Pleitewelle?
Im TecDax zog ein Medienbericht über eine drohende Pleitewelle in der jungen deutschen Solarindustrie die Solartitel nach unten. Laut der "Financial Times Deutschland" warnen Experten, dass sich wegen des starken Preisdrucks insbesondere chinesischer Firmen die Massenproduktion von Solarzellen und -modulen in Deutschland nicht halten könne.

Größter Verlierer war die Aktie von Roth & Rau, auf ihr lastete zusätzlich eine negative Studie von Merrill Lynch. Aber auch Aktien von Centrotherm, Q-Cells und Solon büßten kräftig ein. Solon legen morgen Zahlen vor. Der Solarmodulhersteller dürfte auch im zweiten Quartal tiefrote Zahlen geschrieben haben.

Software AG will IDS Scheer von der Börse nehmen
Heute hat auch die Angebotsfrist für IDS-Aktionäre begonnen: Sie können noch bis zum 7. Oktober ihre Anteilsscheine zu 15,00 Euro an die Software AG abgeben. Die Software AG strebt im Rahmen der Übernahme bei IDS einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag an. Sollte sie auf 95 Prozent der IDS-Anteile kommen, ist ein Zwangsausschluss (Squeeze-out) der restlichen Anteilseigner geplant.

Personal-Karussell dreht sich bei Singulus
Nach Xetra-Schluss teilte der TecDax-Konzern Singulus überraschend mit, Vorstandschef Stefan Baustert nehme Ende August seinen Hut. Der Vorstandsvorsitzende scheide im Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat aus. Bis zum 1. April 2010 übernimmt der derzeitige Aufsichtsratschef Roland Lacher die Führung des Herstellers von CD- und DVD-Produktionsanlagen. Dann folgt ihm der Kion-Manager Stefan Rinck. Ziel der Personalveränderungen sei es, Singulus wieder auf einen Wachstumskurs zurückzuführen.

Analysten schieben Hochtief, Douglas und Celesio an
Im MDax zählte die Hochtief-Aktie zu den wenigen Gewinnern, sie profitierte von zahlreichen positiven Analystenkommentaren. Sowohl Merrill Lynch als auch Independent Research hatten ihre Kursziele für den Titel angehoben. Die Analysten der Commerzbank empfahlen den Titel weiterhin zum Kauf. Sie lobten den unerwartet guten Ausblick der Tochter Leighton sowie den möglichen Börsengang des Hochtief-Konzessionsgeschäfts.

Auch Titel von Douglas und Celesio hielten sich dank positiver Analystenkommentare besser als der Markt.

IVG, Demag und Gildemeister eher unbeliebt
Am Indexende setzten Aktien von IVG Immobilien ihren Absturz nach den desaströsen Quartalszahlen vom Freitag fort. Auch Titel von Demag Cranes büßten ordentlich an Wert ein. Konzernchef Aloysius Rauen rechnet laut einem Interview mit dem Magazin "Euro" nicht mit einer kurzfristigen Erholung des Geschäftes. Händler sprachen auch von Gewinnmitnahmen.

Gildemeister-Aktien zählten ebenfalls nicht zu den Favoriten der Anleger. Kein Wunder, hat die Staatsanwaltschaft Bielefeld doch ihre Ermittlungen auf weitere Manager des Konzerns ausgeweitet. Die Behörde ermittelt bereits seit knapp zwei Jahren gegen den Vorstandschef Rüdiger Kapitza wegen des Verdachts der Untreue, Bestechlichkeit, Bestechung und Steuerhinterziehung.

KBA und Dürr stemmen sich gegen den Trend
An der SDax-Spitze thronte die Aktie von Koenig & Bauer. Die NordLB hat den Titel hochgestuft von "Verkaufen" auf "Halten" und das Kursziel von 8,00 auf 10,00 Euro erhöht.

Auch die Dürr-Aktie konnte gegen den Trend zulegen. Bei dem Anlagenbauer zieht sich die Gründerfamilie weiter zurück. Nach Angaben vom Montag verkaufte die Heinz Dürr GmbH acht Prozent ihrer Beteiligung an den bekannten Fuldaer Unternehmer Lutz Helmig, der damit nun auf eine Sperrminorität kommt. Helmig hatte sich unter anderem durch den Verkauf der dba an Air Berlin und des Klinik-Konzerns Helios an Fresenius hervorgetan.

Neues aus der Pharmabranche
Im europäischen Ausland taten sich zwei Pharmatitel mit positiven Unternehmensnachrichten hervor. So hatte das Wiener Impfstoffunternehmen Intercell dank erster Umsätze mit einem Impfstoff gegen eine Tropenkrankheit seine Verluste im zweiten Quartal um 29 Prozent abbauen können. Intercell geht nun von einem Gewinn für das Gesamtjahr aus.

Der Schweizer Pharmakonzern Novartis erfreute mit der Nachricht, die US-Gesundheitsbehörde FDA habe das Medikament Extavia zur Behandlung von Multipler Sklerose (MS) zugelassen.

Tagestermine am Freitag, 14. Dezember

Unternehmen:
Stabilus: Jahreszahlen (endg.), 07:00 Uhr
Isra Vision: Jahreszahlen, 08:00 Uhr
KWS Saat: Hauptversammlung, 11:00 Uhr
Dr. Hoenle: Jahreszahlen

Konjunktur:
Japan: Tankan-Report Q4/18, 00:50 Uhr China: Einzelhandelsumsatz 11/18, 3:00 Uhr
China: Industrieproduktion 11/18, 3:00 Uhr
Deutschland: PMI Verarbeitendes Gewerbe und Dienste 12/18 (vorl.), 9:30 Uhr
EU: PMI Verarbeitendes Gewerbe und Dienste 12/18 (vorl.), 9:30 Uhr
USA: Einzelhandelsumsatz 11/18, 14:30 Uhr
USA: Industrieproduktion 11/18, 15:15 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung 11/18, 15:15 Uhr
USA: Markit PMI Verarbeitendes Gewerbe und Dienste 12/18 (vorl.), 15:45 Uhr
USA: Lagerbestände 10/18, 16:00 Uhr