Geldschwemme beflügelt die Börse

Detlev Landmesser

Stand: 18.03.2008, 20:42 Uhr

Angesichts der Brisanz der Lage war die Kurserholung der Weltbörsen am Dienstag bemerkenswert. Aus den USA blieben neue Hiobsbotschaften aus, und die amerikanischen Währungshüter öffneten die Zinsschleuse erneut.

Um 19:15 Uhr europäischer Zeit teilte die US-Notenbank mit, der Offenmarktausschuss der Federal Reserve habe den Satz für Tagesgeld um 0,75 Punkte auf 2,25 Prozent zurückgenommen. Angesichts der jüngsten Zuspitzung der Finanzkrise waren die meisten Beobachter von einem drastischeren Zinschritt von 100 Basispunkten ausgegangen.

Entsprechend enttäuscht reagierten zunächst die Aktienmärkte, die zuvor kräftig im Plus gelegen hatten. Bald nahmen die US-Indizes ihre Tagesrally aber wieder auf, und notierten am Abend auf Tageshöchstständen.

Der L-Dax schloss gegenüber dem Xetra-Schlussstand kaum verändert bei 6.395,19 Punkten. Der Euro rutschte nach dem Zinsentscheid gegenüber dem Dollar auf Tagestiefststände unter 1,57 Dollar ab.

Auch den ersten großen Termin des Tages hatten die Börsianer gut überstanden. Mit großer Unruhe waren die Quartalszahlen der beiden US-Investmentbanken Goldman Sachs und Lehman Brothers erwartet worden. Beide Geldhäuser verbuchten inmitten der Turbulenzen an der Wall Street zwar Gewinneinbrüche, schnitten aber besser ab als von Analysten erwartet. Die weltgrößte Investmentbank Goldman Sachs verdiente 3,23 Dollar pro Aktie im Vergleich zu 6,67 Dollar ein Jahr zuvor. Bei Lehman Brothers lag der Gewinn bei 81 Cent pro Aktie, nach 1,96 Dollar. Analysten hatten aber nur mit 0,72 Cent gerechnet.

Sagenhafte Rally bei Bear Stearns

Mit einem Kurssprung von über 42 Prozent stach aber die Aktie des Kriseninstituts Bear Stearns die beiden Wettbewerber aus. Offenbar regt sich Widerstand unter Großaktionären gegen den extrem niedrigen Verkaufspreis, den JP Morgan nach dem Blitzkauf am Wochenende zahlen will.

Neue Notoperation bei den "Agencies"?
Die Hoffnung auf einen weiteren Staatseingriff bei den Hypothekenfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac stützte den US-Markt zusätzlich. Das Weiße Haus erwäge eine deutliche Senkung der Mindestkapitalquote, mit der die beiden "Agencies" ihre Geschäfte unterlegen müssen, berichtete das "Wall Street Journal". Warum die Aktionäre dies als Kaufsignal für die beiden Titel nahmen, bleibt ihr Geheimnis. Schließlich ist eine dünnere Kapitaldecke in diesen Zeiten das letzte, was sich Bank-Aktionäre wünschen sollten.

Auch die aktuellen US-Konjunkturdaten konnten die Börsen nicht bremsen. Die US-Erzeugerpreise stiegen im Februar um 0,3 Prozent und damit etwa im Rahmen der Erwartungen. Die Hausbaubeginne und die Baugenehmigungen schwächten sich im Februar ab, was aber niemanden weiter zu beunruhigen schien.

Siemens wieder gut gelitten
Viele Anleger glaubten derweil, bei den meisten Dax-Titeln Kaufkurse vorzufinden. Zu den stärksten Gewinnern gehörte die Siemens-Aktie nach der Gewinnwarnung vom Montag nebst 17-prozentigem Kursrutsch. Das Dax-Schwergewicht gewann 6,6 Prozent hinzu.

Auch Finanzwerte wie die Hypo Real Estate die Deutsche Bank und die Postbank machten verlorenes Terrain wieder wett und gewannen zwischen 5,4 und 6,5 Prozent.

VW-Aktie haussiert
Mit zeitweise fast zehn Prozent Plus machte aber vor allem die VW-Aktie Furore. Händler rätselten über den eigentlichen Auslöser für die Rally. Am Nachmittag nannten mehrere den großen Verfall an der Terminbörse als mögliche Ursache, der wegen Ostern ausnahmsweise am Donnerstag stattfindet.

Dazu kamen Details zum guten Abschneiden der Finanzdienstleistungssparte des Autokonzerns. Das Ergebnis vor Steuern sei 2007 um 14,8 Prozent auf 809 Millionen Euro geklettert, teilte die Volkswagen Financial Services AG mit. Die Zahl der Neuverträge sei um 7,8 Prozent auf 1,93 Millionen gestiegen.

BMW plant noch höhere Gewinne
Auch die BMW-Aktie lag gut im Rennen. Vorstandschef Norbert Reithofer will den Gewinn des Münchener Autokonzerns in diesem Jahr trotz der Belastungen durch den schwachen Dollar weiter nach oben schrauben. Das Vorsteuerergebnis, so Reithofer auf der Bilanzpressekonferenz, soll das von 2007 (3,78 Milliarden Euro) übertreffen. Bis 2012 wollen die Münchener eine Umsatzrendite von acht bis zwölf Prozent erreichen.

Metro Dax-Schlusslicht
Mehr als die Jahresergebnisse wirkten am Dienstag die Umbaupläne bei Metro auf den Kurs, der um deutliche 6,7 Prozent nachgab. Marktteilnehmer kritisierten diese als "zu unkonkret". Metro will die Kaufhof-Warenhäuser abstoßen und schließt einen Börsengang für die Elektronikfachmärkte MediaMarkt und Saturn nicht aus. Im abgelaufenen Jahr hat Metro seinen Umsatz um 10,4 Prozent auf 64,3 Milliarden Euro gesteigert. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg um 8,8 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro und übertraf damit die eigene Prognose des Konzerns.

Tui-Zahlen beflügeln nicht
Auch eigentlich gute Zahlen des Reise- und Schifffahrtskonzerns halfen der Tui-Aktie am Dienstag nicht, sie verlor 1,6 Prozent. Am Morgen hatte Tui bekannt gegeben, dass es seinen Umsatz um sieben Prozent auf knapp 22 Milliarden Euro und das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) um 47 Prozent auf 616 Millionen Euro gesteigert hat. Unter dem Strich blieb ein Überschuss von gut 170 Millionen Euro in der Kasse nach einem Vorjahresverlust von 890 Millionen Euro. Am Montag hatte der Aufsichtsrat die Abtrennung der Schifffahrtssparte aus dem Konzernverbund beschlossen.

Altana auch ohne Pharma hervorragend
Altana hat seinen Gewinn im abgelaufenen Geschäftsjahr 2007 mehr als verdoppelt. Der Überschuss hat sich von 56,8 auf 138,4 Millionen Euro hoch geschraubt. Damit übertraf der Spezialchemiekonzern die Schätzungen der Analysten, die im Schnitt von 133,7 Millionen ausgegangen waren. Im Ergebnis sind allerdings auch 55 Millionen Euro aus der Anlage des Veräußerungserlöses für Altana Pharma aus dem Jahr 2006 enthalten.

IVG schlägt Erwartungen
Der Immobilienkonzern IVG hat im vergangenen Jahr bei Umsatz und Gewinn die Erwartungen der Analysten hinter sich gelassen. Der Umsatz legte um 19,3 Prozent auf 532,4 Millionen Euro zu. Beim Überschuss wurde die Marke von 300 Millionen Euro geknackt. Der Hauptversammlung will das MDax-Unternehmen eine Erhöhung der Dividende von 0,50 auf 0,60 Euro pro Aktie vorschlagen.

Wacker-Ausblick gefällt
Deutlich besser als der MDax schlug sich die Aktie von Wacker Chemie. Der Spezialchemiekonzern hat 2007 seinen Überschuss um gut ein Drittel auf 422 Millionen Euro gesteigert. Für das laufende Jahr sieht das Unternehmen "gute Chancen", den Umsatz um zehn Prozent zu erhöhen. Beim Ergebnis hatten Analysten allerdings im Schnitt 435 Millionen erwartet. Das Management schlägt eine Dividende von 2,25 Euro und einen Bonus von 0,75 Euro pro Aktie vor.

Kuka erhöht Dividende und kauft Aktien zurück
Mit gleich zwei Maßnahmen kommt Kuka seinen Aktionären entgegen: Der Augsburger Roboterhersteller will seine Dividende von zuletzt 0,66 auf 1,00 Euro aufstocken, und zudem bis zu zehn Prozent seiner Aktien über die Börse zurückkaufen. Der Rückerwerb der 2,66 Millionen Papiere solle am 25. März beginnen und bis spätestens zum 29. August abgeschlossen sein.

Versatel gefragt
Im TecDax glänzte die Versatel-Aktie mit einem Plus von über 15 Prozent. Händler verwiesen insbesondere auf charttechnische Gründe. Bei 20,60 Euro sei die Aktie nach oben ausgebrochen und habe neue Käufe ausgelöst. Die endgültigen Zahlen des Telekommunikations-Anbieters sind nach Einschätzung der WestLB nicht signifikant von den vorläufigen Eckdaten abgewichen.

Wechselbad für Adva-Aktionäre
Erst um sieben Prozent nach oben, dann fast sieben Prozent abwärts: Die Anleger wussten offenbar nicht so recht, wie sie die Zahlen von Adva werten sollten. Der Glasfaserspezialist ist im Gesamtjahr trotz eines operativen Verlustes im vierten Quartal überraschend in der Gewinnzone geblieben. Das TecDax-Unternehmen verbuchte allerdings einen Rückgang beim Pro-Forma-Ergebnis von 13,1 auf 1,8 Millionen Euro. Der Umsatz legte wegen einer größeren Übernahme um 30,5 Prozent auf 251,5 Millionen Euro zu.

Balda kräftig erholt
Die krisengeschüttelte Balda-Aktie legte mehr als 19 Prozent zu. Der Hedgefonds und Großaktionär Audley Capital sprach sich für ein bleibendes Engagement bei dem Handy-Zulieferer aus. Händler bewerteten dies positiv.

Graphit Kropfmühl gewinnt 61 Prozent
Unter den kleineren Titeln fiel insbesondere Graphit Kropfmühl auf. Der Spezialist für Graphit- und Silizium-Produkte wird von der niederländischen Investmentgesellschaft AMG übernommen. AMG bietet 18,25 Euro pro Aktie. Das ist ein Aufschlag von rund 50 Prozent auf den Montags-Schlusskurs des im Prime Standard notierten Unternehmens.

Bijou Brigitte kauft sich selber
Die Aktie von Bijou Brigitte rückte in Frankfurt um gut drei Prozent vor. Das Unternehmen kündigte an, ab sofort bis Ende des Jahres eigene Aktien im Gegenwert von bis zu zehn Millionen Euro über die Börse zurückzukaufen. Damit werde die Ermächtigung der Hauptversammlung vom 18. Juli 2007 umgesetzt.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Dienstag, 24. September

Unternehmen:
Manchester United: Q4-Zahlen, 8:00 Uhr
Total: Strategie-Update, 8:00 Uhr
Roche: Business-Update, 17:00 Uhr
Nike: Q4-Zahlen, 22:15 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Großhandelspreise 8/18, 8:00 Uhr
USA: FHFA-Index 7/18, 15:00 Uhr
USA: Verbrauchervertrauen 09/18, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Hong Kong/Korea: Feiertag, Börsen geschlossen