Geldpolitik treibt den Dax

Detlev Landmesser

Stand: 16.12.2008, 20:27 Uhr

Zwar konnte der deutsche Aktienmarkt die Zinssenkung der Fed nicht mehr selbst verarbeiten. Doch in Erwartung eines deutlichen Zinsschritts ging es kräftig nach oben.

Der L-Dax ging um 20:00 Uhr mit einem Plus von 1,4 Prozent auf 4.733,84 Punkte aus dem Handel. 20 Minuten später gab die US-Notenbank ihre mit Spannung erwartete Zinsentscheidung bekannt. Der Leitzins wird von zuletzt 1,00 Prozent auf eine fluktuierende Rate von null bis 0,25 Prozent gesenkt.

Die US-Konjunkturdaten des Tages hatten das Bild einer scharfen Rezession bei einer gleichzeitig schwindenden Inflation geschärft. So sackte die Zahl der Hausbaubeginne im November um 18,9 Prozent auf 625.000 ab. Das ist das niedrigste Niveau seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Baugenehmigungen sanken im Monatsvergleich um 15,6 Prozent auf 616.000. Zugleich sanken die Konsumentenpreise im November um 1,7 Prozent. Volkswirte waren dagegen nur von minus 1,3 Prozent ausgegangen.

Das half auch dem Euro: Die Gemeinschaftswährung übersprang die psychologisch wichtige Marke von 1,38 Dollar.

Am Vormittag hatte der Dax noch erleichtert auf die beiden Einkaufsmanagerindizes für die Eurozone reagiert. Sowohl der Teilindex für die Industrie als auch der Service-Index fielen zwar deutlich, allerdings nicht so stark wie befürchtet.

Goldman-Minus geringer als befürchtet

Die Quartalszahlen der ehemaligen Investmentbank Goldman Sachs wurden erleichtert aufgenommen. Zwar rutschte Goldman erstmals seit zehn Jahren tief in die roten Zahlen. Wegen Abschreibungen verbuchte die Bank im vierten Quartal einen Verlust von 2,12 Milliarden Dollar - vor einem Jahr stand noch ein Rekordgewinn von 3,2 Milliarden in den Büchern. Beobachter hatten jedoch mit noch schlechteren Zahlen gerechnet. In New York legte der US-Titel bis zum Abend um mehr als elf Prozent zu.

Autonachfrage im November abgestürzt
Selbst Autotitel konnten sich ins Plus robben. Dabei verhießen die am Morgen veröffentlichten Zahlen des Branchenverbandes ACEA nichts Gutes: Im November sackte die Zahl der Pkw-Neuzulassungen besonders bei BMW ab: Minus 30,9 Prozent. Aber auch bei Daimler (minus 24,2 Prozent) und VW (minus 17,4 Prozent) machte sich der Käuferstreik bemerkbar.

Infineon schlägt Rettungsangebot aus
Lange Zeit war Infineon der stärkste Dax-Titel. Sachsen will der angeschlagenen Speicherchip-Tochter Qimonda mit einem 150-Millionen-Euro-Kredit unter die Arme greifen. Bedingung ist aber, dass sich Infineon mit einem Beitrag in derselben Höhe in bar an der Qimonda-Rettung beteiligt. Diese Bedingung lehnte Infineon allerdings kurz nach Xetra-Schluss ab. Die Verhandlungen mit dem Freistaat sollten jedoch weitergehen.

Kleiner Etappensieg für SAP
Bei SAP honorierten die Anleger einen kleinen Etappensieg der Walldorfer im Rechtsstreit mit dem US-Rivalen Oracle. Ein Gericht im US-Bundesstaat Kalifornien wies zwar die meisten Einwände von SAP zurück, mit denen der Dax-Konzern das Verfahren wegen Datendiebstahls teilweise niederschlagen wollte. Auf Antrag von SAP beschränkten die Richter aber die Zahl der wegen der Verletzung von Urheberrechten klageberechtigten Oracle-Töchter auf eine.

Unkonventionelles Angebot der Telekom
Die T-Aktie stieg etwa im Gleichschritt mit dem Gesamtmarkt. Der Konzern hat sich bereit erklärt, die Wirtschaft mit Milliardeninvestitionen in das Breitbandnetz in Deutschland zu stützen. Im Gegenzug erwartet die Telekom allerdings Zugeständnisse bei der Regulierung im Telekommarkt. Das sagte T-Chef René Obermann der "Welt". Man fordere "leicht erhöhte Vorleistungspreise" vor allem bei Konkurrenten, die die letzten Meter Kupferleitung in die Haushalte von der Telekom mieten.

Arcandor-Aktie weiter erholt
Im MDax sorgte eine minimale Kursziel-Erhöhung für die Arcandor-Aktie für einen Kursausschlag von 8,6 Prozent. Die Unicredit hatte ihr Ziel von 1,30 Euro auf 1,40 Euro nach oben korrigiert. Allerdings wird die Kaufhaus-Aktie zurzeit mit 2,67 Euro gehandelt.

Rückschlag für Celesio
Auf der anderen Seite der Kursskala im MDax ragte der Titel des Pharmahändlers Celesio mit Verlusten von mehr als 15 Prozent heraus. Im Streit um den niederländischen Pharmavertrieb Doc Morris, der mehrheitlich Celesio gehört, vertrat der Generalanwalt beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) die Position, dass Apotheken nur von zugelassenen Apothekern geführt werden dürfen. "Ein schwerer Rückschlag für Celesios Plan zum Aufbau einer Apothekenkette in Deutschland", kommentierte DZ-Bank-Analyst Elmar Kraus.

Affinerie gibt sich neuen Namen
Die Norddeutsche Affinerie gibt sich nach ihrer Fusion mit dem belgischen Kupferunternehmen Cumerio einen neuen Namen. Das vergrößerte Unternehmen soll Aurubis heißen, teilte die Affinerie am Dienstag mit. Der Name ist aus den lateinischen Worten für "rotes Gold" abgeleitet. Da die Umbenennung erst nach der Hauptversammlung im Februar gültig ist, wird die Aktie an der Börse bis dahin unter Norddeutsche Affinerie geführt. Der MDax-Konzern ist Europas größter Kupferproduzent.

IVG verschafft sich Luft
Die IVG-Aktie rückte um 3,1 Prozent vor. Der Immobilienkonzern hat ein zehnstöckiges Bürogebäude im Londoner Bankenviertel für 140 Millionen Euro verkauft. IVG hatte die Immobilie vor sechs Jahren erworben und aufwändig erweitert. Zuletzt hatten Abwertungen seiner Büroimmobilien dem MDax-Konzern die Bilanz verhagelt. Der neue IVG-Vorstand Gerhard Niesslein hatte infrage gestellt, ob in diesem Jahr wie geplant Immobilien im Wert von 550 Millionen Euro zum Schuldenabbau veräußert werden könnten, und dem Konzern ein striktes Sparprogramm verordnet. Derzeit stehen Gespräche mit den Banken über die Verlängerung von Kreditlinien an.

HeidelCement hofft auf Merckle-Rettung
Deutlich im Plus wurde die Aktie von Heidelberg Cement gehandelt. Grund war ein Zeitungsbericht, nach dem der mit einem Liquiditätsengpass ringende Großaktionär Adolf Merckle möglicherweise einen Überbrückungskredit von Banken erhält.

Symrise-Chef will Vertrag nicht verlängern
Symrise muss sich im kommenden Jahr einen neuen Vorstandschef suchen. Gerold Linzbach werde seinen am 22. Oktober 2009 auslaufenden Vertrag nicht verlängern, teilte der Duft- und Aromenhersteller am Nachmittag mit. "Meine Entscheidung, Symrise zu verlassen, beruht auf rein persönlichen Gründen", sagte Linzbach. Er wolle das Geschäft so lange weiter führen, bis ein Nachfolger gefunden sei.

Repowers Aktionärsstruktur geklärt
Die Repower-Aktie führte die Gewinnerliste im TecDax mit einem Zuwachs von 13,2 Prozent an. Der Großaktionär Suzlon hat sich über die Modalitäten des Kaufs eines 22,4-prozentigen Anteils von der portugiesischen Martifer geeinigt. Danach zahlt der indische Konzern den Portugiesen in drei Tranchen insgesamt 270 Millionen. Suzlon kontrolliert bereits durch eine Stimmrechtsvereinbarung mit Martifer mehr als 90 Prozent an Repower.

Software AG will in der Krise wachsen
Die Aktie der Software AG konnte ihre frühen Gewinne nicht halten. Der zweitgrößte deutsche Software-Konzern zeigt sich trotz der Finanzkrise optimistisch. Nach Aussage von Vorstandschef Karl-Heinz Streibich strebt das TecDax-Unternehmen mittelfristig ein Wachstum von vier bis acht Prozent jährlich an. "Letztlich hat die Finanzkrise auch Wachstumschancen", so Streibich gegenüber der "Frankfurter Rundschau".

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat