Fusionsfreuden statt Hypothekensorgen

Detlev Landmesser

Stand: 19.03.2007, 20:22 Uhr

Vor allem die Touristik-Hochzeit der Tui brachte die Kurse am Montag auf Trab - nicht nur in Deutschland. Von den Sorgen um den US-Immobilienmarkt wollte dagegen niemand mehr etwas wissen.

Der L-Dax schloss 1,4 Prozent höher bei 6.670,38 Punkten. Die großen US-Indizes lagen am Abend ebenfalls komfortabel im Plus. Das lag auch daran, dass zuletzt weitere Hiobsbotschaften vom amerikanischen Hypothekenmarkt ausblieben und derzeit die Meinung vorherrscht, dass es sich bei den Kreditausfällen um ein begrenztes und beherrschbares Problem handelt.

Der Technologiebörse Nasdaq merkte man nur zeitweise die Bremswirkung von Nortel Networks an. Die Aktie des Netzwerkausrüsters verlor rund vier Prozent. Nortel hatte zwar solide Quartalszahlen vorgelegt, mit seinem Umsatzausblick aber enttäuscht.

Tui hui!

Das hat Tui geschickt gemacht: Gleichzeitig mit der Vorlage miserabler Jahreszahlen meldete der Dax-Konzern die Fusion seiner Reisesparte mit dem britischen Reiseveranstalter First Choice. Damit entsteht der größte Reisekonzern der Welt. Mit der Fusion gliedert Tui die Touristiksparte aus. Das fusionierte Unternehmen soll als Tui Travel von London aus geführt und an der Londoner Börse gelistet werden. Die Tui AG wird an dem neuen Unternehmen 51 Prozent halten. Die Tui-Aktie schnellte zeitweise um mehr als 14 Prozent nach oben. 2006 erlitt der Konzern einen Verlust von 846 Millionen Euro, etwas mehr als Analysten erwartet hatten.

Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) teilte am Nachmittag mit, sie prüfe die Bonitätsbewertung für Tui auf eine mögliche Herabstufung. "Wir nehmen an, dass die Transaktion die Abhängigkeit der Gruppe vom stark schwankenden Tourismusgeschäft erhöhen wird, das nach Abschluss der Fusion 75 Prozent zum Gruppenumsatz beitragen wird", erklärte ein S&P-Kreditanalyst dazu.

Frische Spekulation im Bankensektor
Überhaupt waren die Börsen vor allem dank frischer Fusionsfantasien gut aufgelegt. Die Titel der niederländischen Bank ABN Amro profitierten mit mehr als acht Prozent Plus von neuen Übernahmespekulationen. Mehrere Zeitungen hatten berichtet, die britische Barclays Bank verhandele mit ABN Amro über eine Fusion. Dadurch würde ein globaler Branchenriese mit einem Marktwert von etwa 160 Milliarden Dollar entstehen. Mehrere andere Finanzinstitute seien ebenfalls interessiert. Für Dienstag kündigten die Briten eine Erklärung an. Kein Wunder, dass auch der Dauer-Fusions-Kandidat Commerzbank gefragt war.

Postbank meldet Rekordgewinn
Da nahmen sich die knapp drei Prozent Kursplus bei der Postbank fast bescheiden aus. Der scheidende Chef Wulf von Schimmelmann konnte für das abgelaufene Jahr einen Rekordgewinn von 695 Millionen Euro vermelden. Die Bank profitierte dabei unter anderem von Veräußerungsgewinnen. Die Dividende soll unverändert bei 1,25 Euro je Aktie bleiben.

Analystenlob für DaimlerChrysler
Mehr als vier Prozent gewann die DaimlerChrysler-Aktie nach einer Hochstufung. Goldman Sachs hatte das Anlageurteil von "Sell" auf "Neutral" angehoben und das Kursziel von 47 auf 57 Euro erhöht. Nach Berichten des Managements, sich bei Chrysler alle Optionen offen zu halten, sei ein Rückgang des Aktienkurses unwahrscheinlich, schrieben die Analysten.

Deutsche Börse schafft neue Führungsstruktur
Am Nachmittag teilte die Deutsche Börse im Anschluss an eine Aufsichtsratssitzung ihre neue Führungsstruktur mit. Das Unternehmen stelle sich künftig entlang der drei Bereiche Kassamarkt, Terminmarkt sowie Wertpapierabwicklung/-verwahrung auf. Die Aufgaben des Anfang März zurückgetretenen Finanzvorstandes Mathias Hlubek werde Börsenchef Reto Francioni bis zur Neubesetzung übernehmen.

Fortschritt für Eon?
Unter den schwächeren Dax-Titeln rangierte die Eon-Aktie - obwohl die spanische Zeitung "La Garceta de los Negocios" berichtet hatte, dass die Caja Madrid ihren 9,9-prozentigen Anteil am spanischen Energieversorger Endesa an Eon verkaufen wolle. Damit käme Eon der geplanten Übernahme von Endesa einen kleinen Schritt näher.

Schwarzer Tag für Biodieselhersteller
Für einen regelrechten Ausverkauf bei den Biodieselherstellern sorgte eine massive Gewinnwarnung von Verbio: Nach einem Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 55,5 Millionen im vergangenen Jahr werde das Ebit 2007 nur im einstelligen Millionenbereich liegen, teilte die Firma mit. Belastend wirkten sich die hohen Preise von Getreide, welches zur Herstellung von Biodiesel benötigt wird, sowie die "zögerliche Erfüllung der Beimischungspflicht" aus. Die Aktie stürzte zeitweise um mehr als 40 Prozent ab und riss die gesamte Branche mit sich. Petrotec verloren zeitweise über 20, Biopetrol über 19 und Cropenergies über acht Prozent, bevor sie sich wieder etwas erholten.

Hedge-Fonds-Spielplatz Techem
Der US-Fonds Elliott hat seine Position bei Techem von 5,6 auf 15 Prozent ausgebaut, sagte Techem-Chef Horst Enzelmüller der "Wirtschaftswoche". Im von Investoren heiß umkämpften Eschborner Energiedienstleister halten inzwischen 20 Hedge-Fonds 35 bis 40 Prozent der Aktien.

Symrise neu im MDax
Das MDax-Debüt ist dem Aromastoffhersteller Symrise geglückt. Die Aktie gewann auf Xetra fast drei Prozent. Das Unternehmen hat Schwarz Pharma ersetzt, das nach der Mehrheitsübernahme durch den belgischen Medikamentenhersteller UCB den Index verlassen musste.

Neuer Ärger bei EADS
Die EADS-Aktie notierte am MDax-Ende. Bei dem europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern reißen die Probleme in der Flugzeugproduktion offenbar nicht ab. Jetzt scheint auch der Militärtransporter A400M betroffen zu sein. "Euro am Sonntag" hatte berichtet, dass sich die technische Abstimmung von Flügeln, Propeller und Triebwerk als unerwartet schwierig erweise.

DBAG bleibt zuversichtlich
Die im SDax notierte Deutsche Beteiligungs AG ist nach einem Gewinnsprung im ersten Quartal zuversichtlich, im laufenden Geschäftsjahr (bis Ende Oktober) das Ergebnis weiter erhöhen zu können. Im ersten Quartal erwirtschaftete die auf mittelständische Firmen spezialisierte Beteiligungsgesellschaft einen Nettogewinn von 28,2 Millionen Euro, vor Jahresfrist waren es noch 8,2 Millionen.

Evotec und Boehringer kooperieren
Das Biotechunternehmen Evotec wurde heute aus dem TecDax verbannt (und durch BB Medtech ersetzt). Rechtzeitig zum Rauswurf gab das Unternehmen eine neue Kooperationsvereinbarung bekannt. Gemeinsam mit Boehringer Ingelheim will Evotec neue Medikamente zur Bekämpfung von Alzheimer erforschen. Der Vertrag enthalte eine Option, bei deren Ausübung Evotec Meilensteinzahlungen bis zu 20 Millionen Euro winkten sowie eine Beteiligung am Umsatz künftiger Medikamente.

Einhell meldet Rekordergebnisse
Der Werkzeug- und Gartengerätehersteller Einhell meldete ordentliche Zuwächse im vergangenen Jahr. Nach vorläufigen Zahlen setzte der Konzern mit 411,8 Millionen Euro 6,4 Prozent mehr um als 2005. Den Gewinn vor Steuern steigerte Einhell um 6,7 Prozent auf 23,8 Millionen Euro. Damit seien neue Rekordmarken erreicht worden, teilte das bayerische Unternehmen mit.

Rückschlag für CPU
CPU Softwarehouse wies dagegen 2006 nach vorläufigen Berechnungen einen Rückgang bei Umsatz und Ertrag aus. Der Umsatz habe mit knapp 6,0 Millionen Euro rund sieben Prozent unter dem Vorjahr gelegen, während sich das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von minus 0,2 auf minus 1,6 Millionen ausweitete. "Hauptursache waren die aufgrund der angekündigten Unternehmensneubewertung notwendigen Firmenwertabschreibungen von rund 1,3 Millionen Euro", teilte der Softwareanbieter mit. Für das laufende Geschäftsjahr 2007 plant das Unternehmen, die Gewinnschwelle zu erreichen.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 20. August

Konjunktur
Deutschland: Erzeugerpreise 07/18, 8 Uhr
Deutschland: Monatsbericht der Bundesbank 08/08, 12:00 Uhr

Sonstiges:
Treffen der Handelsberater von EU und USA zur Beilegung des Handelsstreits.