Frühjahrsmüdigkeit an der Börse

Notker Blechner

Stand: 05.04.2011, 20:07 Uhr

Eine Milliarden-Übernahme in der Chipbranche hat am Dienstag die Hightech-Aktien angetrieben. Der Dax hingegen trat müde auf der Stelle. Siemens, Portugal und der hohe Ölpreis trübten die Stimmung. Unklare Signale gab es am Abend von der Fed.

Während der Dow Jones ein neues Jahreshoch erreichte, scheint für den Dax die Tür Richtung 7.200 Punkte wie vernagelt zu sein. Seit Anfang der Woche pendelt das deutsche Börsenbarometer auf einem Niveau knapp unter dieser Marke hin- und her. Am Dienstag legte der Dax im Xetra-Handel eine Punktlandung hin und schloss genau auf dem Stand von Montag - bei 7.175 Punkten. Im späten Parketthandel ging es leicht nach oben. Der L-Dax schloss bei 7.192 Zählern.

Dass der Dax den Tag nicht in der Verlustzone beendete, lag an der Wall Street. Die US-Börsen drehten kurz nach Handelseröffnung ins Plus. Vor allem Hightech-Werte waren gefragt. Der Milliarden-Deal in der Chipbranche sorgte für Kauflaune. Für 6,5 Milliarden Dollar will Texas Instruments den Rivalen National Semiconductor übernehmen. Enttäuschende Konjunkturdaten ließen die Anleger kalt. Der ISM-Dienstleistungs-Index fiel von 59,7 Punkten im Februar auf 57,3 Zähler im März. Analysten hatten nur mit einem leichten Rückgang auf 59,5 Punkte gerechnet.

Fed uneinig über Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik
Wenig Erhellendes brachte am Abend auch das Protokoll der jüngsten Sitzung der US-Notenbank Mitte März. Offenbar herrscht innerhalb des geldpolitischen Ausschusses der Fed Uneinigkeit über die weitere Geldpolitik. Einige Mitglieder befürworten eine Fortsetzung der lockeren Geldpolitik über das Jahr 2011 hinaus, eine Minderheit sprach sich dagegen für eine Straffung noch vor Jahresende aus. Die Notenbanker sehen zunehmende Inflationsgefahren. Der Teuerungsschub sei allerdings nur vorübergehend. Ähnlich hatte sich auch Fed-Chef Ben Bernanke am Montagabend geäußert. Eine Abkehr von der Nullzinspolitik in diesem Jahr scheint eher unwahrscheinlich.

Ölpreis auf Zweieinhalbjahres-Hoch
Vor allem der Ölpreis macht Sorgen. Der Preis für die Brent-Sorte kletterte am Dienstag auf 122,46 Dollar und damit auf den höchsten Stand seit zweieinhalb Jahren. Händler verwiesen auf die anhaltenden Kämpfe in Libyen und die politischen Spannungen in Nigeria. Der Ölpreisanstieg heizt die Inflationssorgen und die Spekulation an, dass die EZB am Donnerstag den Leitzins anheben wird.

China dreht erneut an der Zinsschraube
Auch China kämpft mit der wachsenden Inflation. Am Dienstagmittag straffte die Notenbank die Geldpolitik erneut und erhöhte die Leitzinsen das vierte Mal in Folge seit Oktober 2010. Für Kreditlinien mit einjähriger Laufzeit werden künftig 6,31 Prozent Zinsen verlangt. Mit dem Kampf gegen die hohe Teuerungsrate will Peking drohende soziale Unruhen verhindern und die Überhitzung der Wirtschaft stoppen.

Sorgen um Portugal
Zusätzlich belastete die europäische Schuldenkrise die Stimmung an den Aktienmärkten. Vor allem in Portugal gärt es. Nach S&P und Fitch senkte auch die Ratingagentur Moody's die Bonitätsnote Portugals - von "A3" auf "Baa1". Laut einem Zeitungsbericht drängen die Banken die Regierung des Landes, um internationale Finanzhilfen zu bitten. Sie weigern sich, weitere Staatsanleihen Portugals zu kaufen. Darüber hinaus prüft die spanische Zentralbank Pläne für Kapitalerhöhungen von 13 Banken, hieß es in den Medien.

Chip, chip, hurra
Spitzenreiter im Dax war Infineon mit einem Plus von fast vier Prozent. Ebenso waren die Aktien von Dialog Semiconductor mit Kursgewinnen von 4,5 Prozent im TecDax stark gefragt. Die Chip-Hersteller profitierten von Übernahmefantasien in der Branche nach dem Milliarden-Deal in den USA.

Commerzbank startklar für Kapitalerhöhung
Hinter Infineon rangierte die Commerzbank auf Platz zwei der Dax-Gewinner. Das Geldinstitut will laut Kreisen angeblich am Mittwoch seine Pläne für die Rückzahlung der Staatshilfen präsentieren. Die Commerzbank sei startklar für eine große Kapitalerhöhung, hieß es aus Insiderkreisen. Die Aktionäre sollen auf der Hauptversammlung am 18. Mai grünes Licht für die Maßnahmen geben. Die Commerzbank lehnte einen Kommentar ab.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
49,78
Differenz relativ
-1,33%

Daimler bleibt in der Spur
Vorne mit fuhren auch die Autoaktien im Dax. Daimler legte fast zwei Prozent, BMW rund ein Prozent zu. Der schwäbische Autobauer kündigte für das laufende Jahr einen Rekordabsatz an. Allerdings hat sich das Wachstumstempo verlangsamt. Daimler hat im März nur noch acht Prozent mehr Autos verkauft. In den beiden ersten Monaten waren die Zuwächse noch zweistellig ausgefallen. Zudem musste Daimler 136.000 Fahrzeuge der M-Klasse in den USA wegen Problemen mit dem Tempomat zurückrufen.

Kalte Dusche von Siemens
Für Ernüchterung sorgte dagegen Siemens mit seinem gedämpften Ausblick. Nach einem robusten zweiten Quartal rechnet der Konzern in der zweiten Hälfte des Geschäftsjahrs 2010/11 mit einem schwächeren Wachstum. Wegen des anstehenden Konzernumbaus warf Finanzchef Joe Kaeser die Jahresprognose über den Haufen. Anfang Mai soll es einen neuen Ausblick geben. Bisher war geplant, den Gewinn um mehr als ein Viertel auf 5,3 bis 5,6 Milliarden Euro zu steigern. Der Siemens-Konzern erläuterte am Montagabend auf der Hannover-Messe die Neuordnung seiner Industriesparte und kündigte an, künftig verstärkt auf Service und IT zu setzen. Die Aktie büßte über ein Prozent ein.

New Yorker Börse schlägt zurück
Die Aktien der Deutsche Börse gaben um fast ein Prozent nach. Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg berichtete, dass der Börsenbetreiber eventuell doch mit einem erhöhten Angebot das angekündigte Gegenangebot der Nasdaq OMX und der Rohstoffbörse ICE für die NYSE abwehren will. Ein Händler bezeichnete dies aber als "Wunschdenken". Indes erwägt angeblich die NYSE, selbst ein Übernahmeangebot für die Nasdaq zu machen. Die Übernahmeschlacht wird immer verworrener.

Rückschlag für Bayer
Durchwachsene Studiendaten zum Bayer-Medikament Xarelto drückten die Aktie in den Keller. Mit einem Minus von fast vier Prozent war Bayer der mit Abstand größte Dax-Verlierer. Bei der Wirksamkeit schnitt Xarelto zwar mindestens gleich gut ab wie ein Standardpräparat. Hinsichtlich der Gefahr von Blutungen erwies sich das Mittel aber als weniger sicher. Die Erwartungen der Anleger auf Xarelto waren offenbar zu groß. Nun werde ein Teil der optimistischen Erwartungen ausgepreist, sagte ein Händler. Xarelto gilt als die größte Medikamentenhoffnung von Bayer.

Oman dockt bei Hapag-Lloyd an
Im MDax rangierte die Tui-Aktie ganz vorn - dank Hapag-Lloyd. Das Sultanat Oman will neuer Großaktionär der Containerreederei werden. Finanzkreisen zufolge verhandelt der Hapag-Großaktionär Tui auch mit einem chinesischen Interessenten über den Einstieg. Ein Händler sagte, dass sich damit der geplante Börsengang der Reederei erledigt haben könnte.

Brenntag-Aktie auf Rekordhoch
Ebenfalls stark gefragt waren die Aktien von Brenntag. Sie kletterten mit über 80 Euro auf ihren höchsten Stand seit dem Börsengang vor einem Jahr. Händler verwiesen auf positive Analystenstudien und charttechnische Kaufsignale. Die Deutsche Bank hat ihr Kursziel von 85 auf 100 Euro erhöht. Die RBS hob ihr Kursziel von 69 auf 77 Euro.

Sat.1 verliert Champions League
Im kommenden Jahr wird der Privatsender Sat.1 keine Fußball-Spiele der Champions League übertragen. Das ZDF schnappte dem Privatsender die heiß begehrten Rechte für die Königsklasse weg. Pro Saison dürfen 18 Begegnungen live ausgestrahlt werden. Noch nicht vergeben sind die Rechte für die Europa League, die ebenfalls bis 2012 bei Sat.1 liegen. "Wir werden uns jetzt um andere Spitzenfußball-Rechte bemühen", kündigte ProSieben-Fernsehvorstand Andreas Bartl an. Die ProSiebenSat.1-Aktie büßte rund ein Prozent ein.

Salzgitter auf Kurs
Der Stahlkonzern Salzgitter ist gut ins Jahr gestartet und sieht sich auf Kurs, seine Ziele zu erreichen. Im laufenden Jahr will das Unternehmen den Umsatz um zehn bis 15 Prozent steigern und den Vorsteuerergebnis mehr als verdoppeln. Für das dritte Quartal kündigte Salzgitter-Chef Jörg Fuhrmann auf der Hannover-Messe eine Preiserhöhung bei Walzstahl an. Die Salzgitter-Aktien gewannen knapp ein Prozent.

Windbranche macht viel Wind
Im TecDax glänzten erneut Solarwerte mit Kursgewinnen. Lediglich SMA Solar notierte im Minus. Leichten Gegenwind gab es auch für die Aktien von Nordex. Die Titel fielen leicht. Der Windkraftanlagenbauer hat auf der Hannover Messe seinen überfälligen Einstieg ins lukrative Offshore-Geschäft bekannt gegeben. Die Windbranche hofft auf einen Absatzschub in Deutschland angesichts der Debatte um die Abschaltung der Atomkraftwerke. Die Windenergie könnte die Atomkraft ersetzen, meinte BWE-Präsident Hermann Albers. Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts gebe es ein Potenzial in Deutschland von rund 390 Terawattstunden Strom aus Windkraft.

Leifheit erfreut Anleger
Nach dem Verkauf seiner Badsparte ist der Haushaltswarenhersteller Leifheit wieder auf Wachstumskurs. Das Unternehmen steigerte im verbliebenen Kerngeschäft 2010 den Umsatz um zwei Prozent. Unterm Strich kehrte Leifheit wieder in die schwarzen Zahlen zurück und schaffte einen Gewinn von 5,4 Millionen Euro. Für 2011 und 2012 kündigte Leifheit eine Ergebnissteigerung im zweistelligen Bereich an. Die Leifheit-Aktie sprang um acht Prozent nach oben auf den höchsten Stand seit Mitte 2007.

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat