Freitagskrimi an der Börse

Detlev Landmesser

Stand: 17.08.2007, 20:23 Uhr

Kein Tag für schwache Nerven: Ein unerwarteter Eingriff der amerikanischen Notenbank katapultierte die Aktienkurse am Nachmittag steil nach oben. Die Zinssenkung der Fed unterstrich aber auch den Ernst der Lage.

Um 14:15 Uhr teilte die Fed überraschend mit, der Diskontsatz werde um einen halben Prozentpunkt auf 5,75 Prozent herabgesetzt. Aus dem Stand schossen die Aktienkurse nach oben, was den Dax bis zu 3,1 Prozent höher notieren ließ. Danach beruhigten sich die Gemüter wieder - der L-Dax ging 2,55 Prozent höher bei 7.399,16 Punkten aus dem Parketthandel.

Die Wall Street tendierte ebenfalls deutlich im Plus. Zur Stunde ringt der Dow-Jones-Index mit der psychologisch wichtigen Marke von 13.000 Punkten.

Die Fed bezeichnete die Zinssenkung als vorübergehende Maßnahme und begründete sie mit "deutlich gestiegenen" Risiken für das Wirtschaftswachstum wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten. Der Diskontsatz ist ein Zinssatz, zu dem sich die Banken bei der Zentralbank unmittelbar Geld leihen können. Der am meisten beachtete Leitzins, der zentrale Zielsatz für Tagesgeld, wurde dagegen unverändert bei 5,25 Prozent belassen. Mit dem Schritt ist aber auch eine Senkung der Fed Funds Rate im September wahrscheinlicher geworden.

Die heftige Erholung wurde vor allem von den Finanztiteln angeführt, die in den vergangenen Tagen besonders unter der Kreditkrise zu leiden hatten. Zum Xetra-Schluss notierten alle vier im Dax geführten Banken mindestens 3,5 Prozent höher.

Zwiespältiges Signal

Mit dem Zinsschritt will die amerikanische Zentralbank den Finanzmärkten signalisieren, dass sie jederzeit bereit steht, drohende Liquiditätsengpässe zu beseitigen und damit der neuen Kreditzurückhaltung der Finanzinstitute entgegenzuwirken.

Das Signal ist allerdings durchaus zwiespältig - die Fed offenbart damit, wie ernst sie die möglichen Folgen der Kreditkrise auf die Realwirtschaft einschätzt. Das könnte den Börsen durchaus noch zusetzen.

Derzeit zögern die Banken mit der Vergabe neuer Kredite, um nicht weitere Risiken in ihre Bücher nehmen zu müssen. Gleichzeitig sind Investoren nur noch sehr eingeschränkt bereit, risikobehaftete Kreditpapiere zu kaufen. Am Donnerstag hatte aus diesem Grund eine der größten Hypothekenbanken der USA ihren Betrieb eingestellt. Man finde keine Finanzinvestoren mehr als Käufer für Hypothekenkredite, teilte die Bank First Magnus mit.

US-Konsumklima deutlich eingetrübt
Am Freitag gab es einen weiteren Beleg dafür, dass die Realwirtschaft von der Kreditklemme nicht unberührt bleiben wird: Nach der ersten Umfrage der Uni Michigan hat sich das Konsumklima in den USA stärker als erwartet eingetrübt. Der Verbrauchervertrauens-Index sei von 90,4 Punkten im Vormonat auf 83,3 Punkte gefallen, teilten die Wissenschaftler mit. Volkswirte hatten zuvor mit 87,5 Punkten gerechnet.

Die asiatischen Börsen hatten noch ganz im Zeichen der Krise gestanden. In Tokio hatte der Nikkei-Index 5,4 Prozent verloren - der größte Verlust seit sechs Jahren. Am meisten gaben die Exportwerte ab, nachdem der japanische Yen sich wegen der massiven Auflösung von Carry Trades gegenüber dem Dollar sehr stark verteuert hatte.

"Krisengewinnler" Deutsche Börse
Schon vor dem Fed-Eingriff gehörte die Aktie der Deutschen Börse zu den größten Dax-Gewinnern. Der Kursverfall an den Aktienmärkten habe dem Handelsplatzbetreiber im August einen veritablen Umsatzschub beschert, schrieb die "Berliner Zeitung". An der Terminbörse Eurex seien im August bisher rund acht Millionen Kontrakte täglich ausgeführt wurden. Der übliche Tagesdurchschnitt liege bei lediglich 7,68 Millionen.

Adidas dürfte DFB-Ausrüster bleiben
Adidas wird voraussichtlich auch zukünftig die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ausrüsten - wenn auch für ein deutlich höheres Entgelt. Es gebe "aussichtsreiche Gespräche", den Rechtsstreit per Vergleich zu beenden, teilten Adidas und der DFB am Donnerstagabend mit. Sowohl Adidas als auch der US-Konkurrent Nike hatten sich beim DFB als Ausrüster beworben. Nike hätte für einen ab 2010 laufenden Acht-Jahres-Vertrag insgesamt 500 Millionen Euro geboten, Adidas stockte sein Angebot von derzeit jährlich elf Millionen Euro auf das Doppelte auf. Die "Bild"-Zeitung schrieb ohne Angabe von Quellen, dass der Konzern sogar mehr als 22 Millionen Euro zu zahlen bereit sei.

KlöCo stärkt sich in Bulgarien
Der Stahl- und Metallhändler Klöckner & Co setzt seine Einkaufstour fort. Der Anteil an dem bulgarischen Wettbewerber Metalsnab Holding sei um 70 Prozentpunkte auf 77,3 Prozent aufgestockt worden, teilte das MDax-Unternehmen am Nachmittag mit. Damit erhalte Klöckner in Bulgarien eine herausragende Marktposition auf dem Gebiet der Stahl- und Metalldistribution. Metalsnab erzielte nach Angaben von Klöckner 2006 mit rund 250 Mitarbeitern einen Umsatz von 36 Millionen Euro.

NA kommt in Sachen Cumerio voran
Auch die Norddeutsche Affinerie meldete eine Aufstockung: Der Anteil am belgischen Kupferkonzern Cumerio betrage nun 20 Prozent. "Die NA vollzieht damit einen weiteren wichtigen Schritt zur Übernahme von Cumerio", erklärte NA-Chef Werner Marnette. Die NA will Cumerio übernehmen und wurde dabei von der Industrieholding A-Tec aus Österreich behindert, die sich ebenfalls an Cumerio beteiligte. Seit kurzem verhandelt die NA mit A-Tec über den Kauf von dessen Cumerio-Paket.

Abfuhr für Fraport
Beim leidigen Thema Manila musste Fraport erneut einen Rückschlag einstecken. Ein bei der Weltbank angestrengtes Schiedsverfahren um die Investitionen am Flughafen Manila ist gescheitert. Die Weltbank sehe sich für die Entschädigungsklage nicht zuständig, teilte Fraport mit. Im März 2003 hatte der Flughafenbetreiber ein 350 Millionen Euro teures Projekt in Manila als Totalverlust abgeschrieben. Seither versucht Fraport, zumindest eine Entschädigung für seine Investitionen zu erhalten.

EMS New Media verbrennt die Hälfte
Von EMS New Media kam eine Hiobsbotschaft: Die im Geregelten Markt notierte Filmfirma korrigierte ihre Prognose nach unten und gab zugleich bekannt, dass mehr als die Hälfte des Grundkapitals aufgezehrt sei. Hauptursache für den höher als erwarteten Verlust sei der schleppende Geschäftsverlauf im ersten Halbjahr. Das geplante zweistellige Wachstum in diesem Jahr werde nicht mehr erreicht. Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung will die Firma über die bereits laufende Sanierung informieren. Die Aktie stürzte auf Xetra-Basis um fast 40 Prozent ab.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr