Finanzmärkte bleiben hochnervös

Detlev Landmesser

Stand: 12.03.2008, 20:25 Uhr

Skeptisch beäugt von vielen Marktteilnehmern setzte der Dax seine Kurserholung zur Wochenmitte fort. An der Wall Street setzten im Verlauf Gewinnmitnahmen ein, während der Dollar weiter abrutschte.

Am Abend notierten die großen US-Indizes bei einem sehr sprunghaften Handel uneinheitlich. Am Dienstag hatten die Märkte wegen einer konzertierten Aktion mehrerer Zentralbanken haussiert.

Der L-Dax schloss bei 6.597,85 Punkten. Zeitweise hatte der Dax bis zu 2,2 Prozent auf die Schnapszahl von 6.666 Punkten zugelegt. Viele Marktteilnehmer äußerten sich skeptisch, ob die Erholung von Dauer ist. "Die Fed hat nur Zeit geliehen. Sie heilt nicht die Störungen im Finanzsystem", betonte etwa Marktanalyst Heino Ruland von FrankfurtFinanz. Schließlich wird die Bereitschaft der Banken zur Kreditvergabe auch durch eine konzertierte Geldschwemme kaum beeinflusst.

Die Fed will gemeinsam mit anderen Zentralbanken 200 Milliarden Dollar bereit stellen, um einen Liquiditätsengpass am Geldmarkt zu verhindern. Bemerkenswert dabei ist insbesondere, dass Banken auch bessere Hypothekenanleihen als Sicherheit für das Zentralbankgeld hinterlegen können. Diese Maßnahme katapultierte die Aktie des angeschlagenen Hypothekenfinanzierers Thornburg Mortgage zeitweise um mehr als 140 Prozent nach oben.

Schwächer zeigte sich die Aktie von UPS. Der US-Logistikkonzern wird seine Ziele für das erste Quartal möglicherweise nicht erreichen. Die wirtschaftlichen Aussichten für die USA seien "im besten Falle unsicher", sagte Finanzvorstand Kurt Kuehn. UPS sei aber zuversichtlich, dass die langfristigen Ziele erfüllt werden.

Euro springt erstmals über 1,55 Dollar

Die Skepsis sowie die Aussicht auf die weitere Dollarschwemme zeigte sich auch am Devisenmarkt, wo der Euro am Abend mit 1,5559 Dollar einen neuen Rekordstand erreichte. EZB-Chef Jean-Claude Trichet zeigte sich alarmiert. Er sei beunruhigt über die exzessiven Bewegungen der Währungen, sagte er nach einem Treffen mit Zentralbankgouverneuren und den Chefs der Währungsbehörden verschiedener arabischer Staaten in Mainz.

Angesichts der Dollar-Schwäche nahm auch der US-Ölpreis seine Rekordfahrt wieder auf. In der Spitze kletterte der Preis für leichtes US-Rohöl zur Auslieferung im April bis auf 110,20 Dollar.

Finanzwerte erholt
Besonders die Finanzwerte, allen voran die Commerzbank und die Deutsche Bank trieben den Dax. Die Commerzbank-Aktie profitierte auch von der Rettung des hochverschuldeten spanischen Immobilienkonzerns Colonial, zu dessen Gläubigern die Commerzbank-Tochter Eurohypo zählt.

Lufthansa voller Zuversicht
Die Deutsche Lufthansa rechnet trotz der Unruhe an den Finanzmärkten nicht mit negativen Auswirkungen auf die Luftfahrt. Europas zweitgrößte Fluggesellschaft kündigte nach einem Rekordgewinn im vorigen Jahr auch für 2008 Zuwächse bei Umsatz und Ergebnis an. Dieser Aufwärtstrend werde auch für 2009 angestrebt. Im vorigen Jahr stieg das operative Ergebnis trotz erheblich gestiegener Treibstoffkosten auf 1,4 Milliarden Euro. Der Dax-Titel legte trotz des Steuerstreits mit Russland um fast fünf Prozent zu.

Hannover Rück stockt Dividende auf
Der weltweit viertgrößte Rückversicherer Hannover Rück will nach einem etwas stärker als erwartet ausgefallenen Gewinnplus die Dividende inklusive einem Bonus von 50 Cent je Aktie von 1,60 auf 2,30 Euro erhöhen. Der Gewinn stieg 2007 auch begünstigt durch Sondereffekte um 43 Prozent auf 733,7 Millionen Euro.

SGL sieht sich weiter im Aufwind
Die ebenfalls im MDax notierte SGL Group hat im abgelaufenen Jahr dank der guten Konjunktur neue Rekordmarken bei Umsatz und Ergebnis erzielt und rechnet auch in diesem Jahr mit weiterem Wachstum. Der Umsatz sei um 15,3 Prozent auf 1,373 Milliarden Euro gestiegen, teilte der Kohlenstoffspezialist mit. Das operative Ergebnis (Ebit) verbesserte sich gegenüber dem um eine Kartellstrafe bereinigten Vorjahreswert um knapp 50 Prozent auf 254,5 Millionen Euro. Damit übertraf SGL die Erwartungen der Analysten leicht.

Ausblick belastet Celesio-Aktie
Die Celesio-Aktie gehörte zu den größten Verlierern im MDax. Im abgelaufenen Jahr erzielte Europas größter Pharmahändler zwar erneut Rekordergebnisse. Für 2008 peilt Celesio aber nur ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) auf etwa Vorjahreshöhe an. Unter dem Strich wird das Unternehmen nach 21 Jahren ununterbrochener Zuwächse 2008 voraussichtlich erstmals einen Gewinnrückgang hinnehmen müssen. Mit einer Trendwende sei erst im kommenden Jahr wieder zu rechnen, sagte Vorstandschef Fritz Oesterle.

Permira trotzt Hugo Boss Millionen ab
Die Vorzugsaktie von Hugo Boss konnte sich nicht im Plus halten. Für die in der Nacht zum Mittwoch vom Aufsichtsrat nach langem Tauziehen beschlossene Sonderausschüttung von 350 Millionen Euro muss der Modehersteller Schulden aufnehmen und hat weniger Geld für den geplanten Zukauf einer Modemarke übrig. Die Sonderdividende soll fünf Euro pro Akite betragen. Mehr als 70 Prozent der Ausschüttungssumme kann der Großaktionär Permira einstreichen. Die Dividende soll um 22 Prozent auf 1,45 Euro für die Stammaktien und 1,46 Euro für die Vorzugsaktien steigen.

Verwirrung um Balda-Paket bei der NordLB
Im SDax brach die Aktie von Balda um mehr als 28 Prozent ein. "Die NordLB hat jetzt zugegeben, dass sie auf Balda-Aktien sitzengeblieben ist. Und ich gehe davon aus, dass sie die Aktien jetzt wieder verkauft", erklärte ein Händler den Kursverlust. Ein NordLB-Sprecher bestätigte, dass die Bank einen Anteil von 15,5 Prozent an Balda erworben hat. Das Paket nehme der Kunde aber nicht ab. Zu dessen Identität wollte sich die Bank nicht äußern. Nach Informationen aus Finanzkreisen handele es sich um die Beteiligungsgesellschaft Vatas, berichtete die Nachrichtenagentur dpa-AFX. Die NordLB sitzt nach eigenen Angaben auch auf Aktien des Pflegeheimbetreibers Curanum und des IT-Unternehmens Euromicron. Beide Aktien reagierten kaum. "Ziel bleibt weiterhin, dass der Kunde die Aktien abnimmt", sagte ein NordLB-Sprecher.

Die Spekulation, dass es sich bei dem zahlungsunwilligen Kunden um Vatas handele, belastete auch die Aktien der Fluggesellschaft Air Berlin und des Internet-Anbieters Freenet. In beiden Unternehmen ist Vatas engagiert. Die Anleger machten sich Sorgen, dass die Beteiligungen möglicherweise liquidiert werden, sagte ein Händler.

LTU bremst Air Berlin
Das Papier von Air Berlin stand aber auch wegen des Gewinneinbruchs im vergangenen Jahr unter Druck. Der Nettogewinn sei nach vorläufigen Zahlen auf elf Millionen Euro von 50,10 Millionen Euro im Vorjahr geschrumpft, teilte das Unternehmen mit. Der Umsatz sei allerdings um 61 Prozent auf 2,54 Milliarden Euro gestiegen. Den Gewinneinbruch begründete Air Berlin mit Verzögerungen bei der Integration des Ferienfliegers LTU und technischen Problemen beim Zusammenführen der EDV-Systeme.

Spekulationen um Thielert-Aktionär
Die Thielert-Aktie musste ebenfalls wieder Federn lassen. Ein Händler verwies auf die vorübergehende Schließung des von der GO Capital Asset Management gesteuerten Global Opportunities Fund als Belastungsfaktor. Es werde spekuliert, dass der Fonds zwangsliquidiert wird. Ein anderer Händler sagte: "Der Fonds hält 25 Prozent an Thielert und hat die Aktie in der Vergangenheit immer wieder durch Käufe gestützt". Sollte die Position an den Markt kommen, werde dies die Aktie deutlich unter Druck setzen.

Tomorrow Focus kommt voran
Das Internetunternehmen Tomorrow Focus hat nach eigenen Angaben 2007 das beste Ergebnis seiner Unternehmensgeschichte erzielt. Das Konzernergebnis vor Steuern erhöhte sich auf elf Millionen Euro nach 6,1 Millionen im Vorjahr. Das Ergebnis pro Aktie verbesserte sich von 0,10 auf 0,15 Euro und erreichte damit ebenfalls den besten Wert seit Gründung des Unternehmens.

Amadeus Fire zahlt mehr Dividende
Die Aktie von Amadeus Fire gewann mehr als acht Prozent. Die Zeitarbeitsfirma hat im vergangenen Jahr trotz stark gestiegener Kosten ihr Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) auf 13,7 Millionen gesteigert, nach 8,7 Millionen im Vorjahr. Aufgrund des guten Geschäfts will das Unternehmen seinen Aktionären eine Dividende von 1,27 Euro je Aktie ausschütten. Dies entspricht einer Steigerung der von 44,3 Prozent. Der Umsatz legte um 33 Prozent auf 92,7 Millionen zu.

Compugroup verdoppelt Gewinn
Das Software-Unternehmen Compugroup hat seinen Jahresüberschuss 2007 auf 22,8 Millionen Euro verdoppelt. Der Umsatz stieg um 29 Prozent auf rund 180 Millionen Euro. Für das laufende Jahr stellte Compugroup einen Umsatz von mindestens 215 Millionen Euro in Aussicht.

Tagestermine am Donnerstag, 18. Oktober

Unternehmen:
SAP: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Thyssenkrupp Elevator: PK zu Launch Event
Hannover Rück: Investorentreffen
Kühne+Nagel: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Novartis: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Nestlé: Neunmonats-Umsatzzahlen, 07:00 Uhr
Tele 2: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Pernod Ricard: Umsatz Q1, 07:30 Uhr
Ericsson: Q3-Zahlen, 07:30 Uhr
Unilever: Q3-Zahlen, 08:00 Uhr
Yara: Q3-Zahlen, 08:00 Uhr
Bank of New York: Q3-Zahlen, 12:30 Uhr
Philip Morris: Q3-Zahlen, 13:00 Uhr
American Express: Q3-Zahlen, nach US-Börsenschluss
PayPal: Q3-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Travelers: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Japan: Außenhandelsbilanz im September, 01:50 Uhr
EU: Rede von Österreichs Notenbank-Gouverneur Nowotny auf der Kleinanleger-Messe "Gewinnmesse" in Wien, 13:00 Uhr
USA: : Wöchentliche Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr
USA: : Industrieindex Philly Fed im Oktober, 14:30 Uhr
USA: : Rede des Präsidenten der Notenbank von St. Louis, Bullard, über die US-Wirtschaft und Geldpolitik im Economic Club von Memphis, 15:15 Uhr
USA: Frühindikatoren für September, 16:00 Uhr

Sonstiges:
EU-Gipfel in Brüssel (bis 19.10.)
Moody's: : Banken-Gipfel zum Thema "How to prepare for the future of banking" in Frankfurt
GDV: Konferenz zur Versicherungsregulierung in Berlin