Finanzkrise meldet sich zurück

Lothar Gries

Stand: 18.08.2008, 20:03 Uhr

Neue Hiobsbotschaften von US-Banken über notwendige Kapitalspritzen in Milliardenhöhe haben die Aktienmärkte am Abend auf Talfahrt geschickt. Zudem sorgt die Furcht vor einer Rezession für Verunsicherung.

Es war wieder einer der großen US-Hypothekenfinanzierer, Freddy Mac, der die Märkte am Abend in Schockstarre versetzte. Bereits im laufenden dritten Quartal und nicht erst im kommenden Jahr benötige man eine Kapitalspritze von 5,5 Milliarden Dollar, hieß es am Abend. Das genügte, um die bis dahin orientierungslosen Märkte auf Talfahrt zu schicken. Während der Dow Jones Index in New York bis um 20 Uhr deutscher Zeit 1,3 Prozent oder 152 Punkte abgeben muss, büßt der Dax 0,7 Prozent ein und sinkt unter die Marke von 6400 Zählern.

Die meisten Anleger hätten die Quartalszahlen durchforstet und begonnen, ihre Portfolios umzuschichten, sagte ein Händler. "Eigentlich weiß niemand, was er machen soll. Also machen die meisten nur das Allernötigste".

Den elektronischen Handel hatte der Leitindex noch mit einem leichten Abschlag von 13 Punkten bei 6432 Zählern beendet. Neben den Finanz- und Autowerten sind es vor allem die Papiere des Einzelhändlers Metro und des Sportartikelherstellers Adidas, die mehr als zwei Prozent abgeben müssen. Grund ist die Furcht vor einem Abgleiten der Wirtschaft in die Rezession.
Auf der Gewinnerseite stehen Linde und ThyssenKrupp ganz oben, müssen aber einen Großteil ihrer Zugewinne bis zum Xetra-Schluss wieder abgeben.

Dabei hatte der Dax sich nach Einbußen von bis zu einem Prozent am Morgen auf 6.374 Zähler am Nachmittag deutlich erholt. Zwischenzeitlich legte er 100 Punkte auf 6.475 Punkte zu. Als Grund für den Stimmungswechsel nennen die Händler negative Vorgaben von der Wall Street. Dort haben neue Hiobsbotschaften von der Finanzkrise für Unmut gesorgt. So glaubt die US-Bank Morgan Stanley, dass die Krise erst im nächsten Jahr oder sogar 2010 beendet werde. Bei Lehman Brothers erwarten einige Analysten für das laufende dritte Geschäftsquartal ein neuerliches Minus von 1,8 Milliarden Dollar (1,2 Milliarden Euro). Zudem hat die US-Notenbank dem Bankensystem heute kurzfristig zusätzlich zehn Milliarden US-Dollar an Liquidität zur Verfügung gestellt. Der Durchschnittszins habe bis zu 2,15 Prozent betragen.

Zweifel an Bankenfusion
Bei den Fusionsgesprächen zwischen der Commerzbank und der Dresdner Bank könnte es noch im August zu einer Entscheidung kommen. Hintergrund sei die Ende August geplante Aufspaltung der Allianz-Tochter Dresdner in das Privat- und Firmenkundengeschäft sowie die Investmentbank Dresdner Kleinwort, berichtet das "Handelsblatt". Ein Deal zwischen Commerzbank und Dresdner Bank werde dadurch zwar nicht unmöglich, aber deutlich schwerer. "Es scheint wieder etwas Bewegung in die Sache gekommen zu sein", sagte ein "Insider" dem Handelsblatt. Commerzbank-Aktien verlieren ein Prozent.

Telekom schließt Callcenter
Die Deutsche Telekom will offenbar fast jedes zweite deutsche Call-Center schließen. Die Telekom bestätigte am Sonntag zwar grundsätzlich Medienberichte, wonach sie Call-Center zusammenlegen will, nannte jedoch keine konkreten Zahlen. Der Konzern erklärte lediglich: "Wir werden in die Modernisierung unserer Service-Center investieren. Konkret heißt das: Wir werden kleinere Standorte in größere, wettbewerbsfähige Standorte in Deutschland überführen." Die T-Aktie verliert 0,5 Prozent.

Stahlkonzerne erfreuen die Anleger
Trotz rückläufiger Konjunktur erwarten die Stahlkonzerne ein anhaltend gutes Geschäftsjahr. Der zweitgrößte deutsche Stahlkonzern Salzgitter deutete gar an, dass die bisherige Prognose von 13 bis 15 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2010 möglicherweise etwas zu niedrig sei. "Wir sind gut unterwegs, und wir werden in diesem Jahr bereits in die Nähe kommen. Insofern geht der Blick hier eher nach oben als nach unten". Die Aktie steigt um mehr als zwei Prozent auf über 100 Euro. Davon profitieren auch die Papiere von Deutschlands größtem Stahlkocher ThyssenKrupp .

BASF will sich von Kunststoff-Geschäft trennen
Der Chemiekonzern BASF will offenbar das Geschäft mit Styrol-Copolymeren verkaufen, teilte BASF am Nachmittag mit. Nach Angaben eines Sprechers hatte der Bereich zuletzt einen Jahresumsatz von knapp 500 Millionen Euro erzielt. Produziert wird im Stammwerk Ludwigshafen und in Schwarzheide bei
Dresden. Die Aktie notiert leicht im Plus.

IKB bald mit neuem Eigentümer
Die Aktie der im SDax notierten IKB zieht um mehr als 17 Prozent an. Grund ist ein Zeitungsbericht, dem zufolge es noch in dieser Woche zu einer Entscheidung über den geplanten Verkauf der Mittelstandsbank kommen könnte. Es gebe im Verkaufsprozess "jetzt noch einmal eine Beschleunigung", heißt es. Im Rennen um die IKB sind dem Artikel zufolge nur noch die beiden US-Finanzinvestoren RHJ und Lone Star, nachdem der von Berlin bevorzugte Interessent SEB aus dem Bieterverfahren ausgestiegen ist.

ING hat bei Interhyp das Sagen
Die niederländische Direktbank ING Direct hat endgültig das Sagen beim Münchner Baufinanzierungsvermittler Interhyp. Nach dem Ablauf der Übernahmeofferte kontrolliert ING 91,21 Prozent der Anteile an Interhyp, wie beide Unternehmen am Montag mitteilten. Damit haben die Holländer rund 380 Millionen Euro für die Akquisition auf den Tisch gelegt. ING hatte je Aktie von Interhyp 64 Euro in bar geboten und sich früh die Unterstützung des Managements gesichert.

Intercell seigert Umsatz
Das österreichische Biotechunternehmen Intercell hat im ersten Halbjahr seinen Umsatz erhöht und seinen Verlust verringert. Die Erlöse stiegen um mehr als das Doppelte auf 17,6 Millionen Euro, der Nettoverlust ging um mehr als 40 Prozent auf 8,6 Millionen Euro zurück. Für 2008 erwartet Intercell ein positives Jahresergebnis, außerdem erwartet das Unternehmen, dass sein Impfstoff gegen Hirnhautentzündung in mehreren Ländern demnächst zugelassen wird. Intercell-Aktien notieren bei ruhigen Umsätzen etwa unverändert.

Bei Nexus klingeln die Kassen
Das Softwareunternehmen Nexus hat im ersten Halbjahr seinen Umsatz und sein Ergebnis deutlich verbessert. Die Erlöse kletterten von etwa 2,5 Millionen auf drei Millionen Euro, das Vorsteuerergebnis stieg um ein Viertel auf knapp 750.000 Euro.

Orad profitiert von Olympia
Der israelische Softwarehersteller Orad hat vor allem dank Aufträgen für die Olympischen Spiele in Peking seinen Umsatz im ersten Halbjahr kräftig erhöht. Die Erlöse stiegen um fast 60 Prozent auf 15,7 Millionen Dollar, das Nettoergebnis stieg um 344 Prozent auf zwei Millionen Dollar. Orad bietet TV-Produktion- und virtuelle Grafiklösungen her. Die Aktie gewinnt heute etwa zwei Prozent.

Qiagen will weiter zukaufen
Das Biotechunternehmen Qiagen will auch in Zukunft andere Unternehmen kaufen. "Selektive Zukäufe dienen bei uns vor allem dazu, uns strategisch weiterzuentwickeln und damit unser internes Wachstum zu beschleunigen", sagte Vorstandschef Peer Schatz in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Vergangenes Jahr hatte Qiagen das US-Unternehmen Digene für 1,6 Milliarden Dollar übernommen. Auch nach dieser Übernahme sieht Vorstandschef Schatz keine finanziellen Restriktionen für weitere Zukäufe. "Unsere Bilanz ist stark genug." Qiagen-Aktien notieren 0,3 Prozent schwächer.

Neu bewertet
Die Deutsche Bank empfiehlt die Aktien des Versorgers Eon zum Kauf und hebt das Kursziel auf 52,20 Euro. Die Aktie gewinnt 0,8 Prozent, bleibt aber knapp zum Ärger der Aktionäre unter der Marke von 40 Euro.
Die Analysten von M.M. Warburg haben am Morgen ihre Bewertung von einigen Aktien angepasst. Sie senkten das Kursziel für Papiere des Autozulieferers Leoni von 47 auf 44 Euro, die Anlageempfehlung bleibt "Kaufen". Leoni-Aktien verlieren gut ein Prozent. Auch die Aktie des Chemieunternehmens Celesio wurde von den Analysten untersucht, die Empfehlung lautet jetzt "Kaufen" statt "Halten". Die Aktie verliert trotzdem 1,3 Prozent.

Im SDax verliert die Aktie von Colonia Real Estate mehr als einen Prozent, nachdem die HSBC ihre Empfehlung nach unten angepasst hat.

Arcandor runtergestuft, Middelhoff bleibt optimistisch
Auch die Papiere des Urlaubs- und Handelskonzerns Arcandor nahmen die Experten von M.M. Warburg unter die Lupe. Sie senkten das Kursziel von 12 auf 6,50 Euro und stuften die Aktie herab auf "Verkaufen". Vergangene Woche hatte Arcandor noch die Prognose gesenkt und damit einen kräftigen Kursrutsch ausgelöst. "Die Börse ist nicht immer rational", versuchte Vorstandschef Thomas Middelhoff eine Entschuldigung. Er sei aber sehr gelassen, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, weil er die operative Entwicklung des Konzerns und damit die wahren Werte kenne. Heute legt die Aktie leicht zu.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"