Finanzkrise erreicht neuen Höhepunkt

Detlev Landmesser

Stand: 11.07.2008, 20:23 Uhr

Was geschehen würde, wenn die beiden größten US-Hypothekenfinanzierer kollabieren, sollte man sich besser nicht ausmalen. Die Angst davor sowie ein neuerlicher Ölpreis-Schub schickten den Dax auf ein neues Jahrestief.

Der L-Dax ging mit 6.150,31 Punkten ins Wochenende. Zeitweise war der Leitindex um 2,6 Prozent auf ein neues Jahrestief von 6.139 Punkten eingebrochen. Damit lag der Dax auch unter dem tiefsten Stand des Jahres 2007. Auch die US-Märkte brachen zeitweise um mehr als zwei Prozent ein, bevor sich die Lage etwas entspannte.

Zuvor war der Ölpreis der US-Sorte WTI erstmals über 146 Dollar geschnellt, wofür erneut die Spannungen mit dem Iran angeführt wurden. Die Notiz erreichte zeitweise einen neuen Rekordstand von 147,27 Dollar.

Viel schwerer wog aber die Sorge um Fannie Mae und Freddie Mac. Die Aktien der beiden angeschlagenen US-Hypothekenfinanzierer befanden sich zeitweise im freien Fall. US-Finanzminister Henry Paulson und die Aufsichtsbehörden intensivierten am Freitag ihre Krisengespräche. Im Mittelpunkt stehe eine Unterstützung der beiden Institute "in ihrer gegenwärtigen Form", erklärte Paulson. Zuvor war in den Medien über eine staatliche Übernahme zur Rettung der Immobilien-Finanzierer spekuliert worden. Die beiden Branchenführer stehen hinter mehr als der Hälfte aller Hypotheken in den USA. Ihr Ausfall wäre für das Finanzsystem kaum verkraftbar. Wie es aber tatsächlich um deren aktuelle Lage bestellt ist, darüber kann derzeit nur spekuliert werden.

Euro und Gold beflügelt

Wie auch immer die Lösung ausfällt - sie dürfte auf Kosten des US-Staatshaushalts gehen. Die Aussicht darauf schwächte den Dollar weiter - der Euro schwang sich zeitweise wieder über die Marke von 1,59 Dollar. Die krisenhafte Zuspitzung trieb auch den Goldpreis erstmals seit mehr als drei Monaten wieder über die Marke von 960 Dollar pro Feinunze.

Die aktuellen US-Konjunkturdaten traten demgegenüber in den Hintergrund. Bei der Inflation in den USA zeichnet sich weiter keine Entspannung ab: Die Einfuhrpreise kletterten im Juni um überraschend deutliche 2,6 Prozent. Dagegen schrumpfte das das Handelsbilanzdefizit der USA im Mai entgegen den Erwartungen von Experten auf 59,8 Milliarden Dollar. Auch der Verbrauchervertrauensindex der Uni Michigan fiel mit einem kleinen Zuwachs von 56,4 auf 56,6 Punkte besser als befürchtet aus.

Die eher beruhigenden Zahlen des US-Mischkonzerns General Electric konnten ebenfalls kaum Impulse geben.

Neue Fantasie für die Postbank
In die Konsoliderung der deutschen Bankenlandschaft kam neue Bewegung: Die Deutsche Bank zieht bei der Übernahme der Citibank den Kürzeren, die deutsche Citigroup-Tochter wird von der französischen Credit Mutuel für 4,9 Milliarden Euro geschluckt. Die Deutsche-Bank-Aktie reagierte mit Abschlägen - doch das Postbank-Papier zog um bis zu fünf Prozent an. Schließlich ist die Tochter der Deutschen Post nun das letzte lohnende Übernahmeobjekt im umkämpften deutschen Privatkundenmarkt.

Conti taumelt weiter nach unten
Schwächster Dax-Titel war erneut Continental. Der Kursminus von 7,6 Prozent ging nach Ansicht von Marktteilnehmern zumindest zum Teil auf das Konto der Analysten von Merrill Lynch. Die Experten hatten die Aktie von "buy" auf "neutral" zurück gestuft.

Im Angesicht möglicher Streiks während der Feriensaison am Ende Juli verlor die Lufthansa-Aktie 5,7 Prozent. Zudem musste der Konzern abermals seine Treibstoffzuschäge erhöhen.

Tui favorisiert Hapag-Lloyd-Verkauf
Auf seiner gestrigen Sitzung hat der Tui-Aufsichtsrat die Angriffe des Großaktionärs John Fredriksen zurückgewiesen und sich hinter Vorstandschef Michael Frenzel gestellt. Der Reise- und Schifffahrtskonzern will seine Reederei-Tochter Hapag-Lloyd lieber verkaufen oder an die Börse bringen als sie in einem "Spin-off" abzuspalten. Dieser würde nach Ansicht von Tui "Werte vernichten und läge damit nicht im Interesse der Aktionäre".

Salzgitter steigt bei Affinerie ein
Die Aktie der Norddeutschen Affinerie drehte im Verlauf deutlich ins Plus. Die Gerüchte, dass Salzgitter den Anteil von A-Tec übernommen hat, haben sich zumindest zum Teil bestätigt. Der Stahlkonzern hat nach Informationen von Reuters zunächst einen Anteil von weniger als fünf Prozent an der NA von A-Tec übernommen, und will angeblich weiter zukaufen. Über weitere fünf Prozent spreche Salzgitter mit der HSH Nordbank. Auch die Stadt Hamburg sowie ein kleinerer Investor wollen sich über kurz oder lang von ihren NA-Anteilen trennen. Die Hansestadt hält fünf Prozent an dem Kupferkonzern.

EADS im Dollar-Tiefflug
Über zehn Prozent gab die EADS-Aktie ab. Beim Airbus-Mutterkonzern wackelt offenbar die Gesamtjahres-Prognose. Schuld daran ist nach Angaben von Finanzvorstand Hans-Peter Ring aber nicht der fragliche US-Tankflugzeug-Auftrag, sondern der schwache Dollar. Ring sagte der "Börsen-Zeitung", er könne eine Korrektur des Gewinnziels 2008 nicht ausschließen. Das bisherige Ziel eines operativen Ergebnisses von 1,8 Milliarden Euro bestätigte er aber dennoch.

Heideldruck verliert weiter
Die Aktie von Heidelberger Druck war zweitschwächster Titel im MDax. Am Tag nach Bekanntgabe schwacher Quartalszahlen senkte eine Reihe von Analysten ihr Kursziel für den Titel. So etwa die Schweizer UBS, die die Aktie nur noch "untergewichtet" und statt 12,00 nur noch 9,50 Euro als Ziel sieht.

Fraport: Weniger Passagiere, mehr Fracht
Fraport musste im vergangenen Monat in Frankfurt einen leichten Passagierrückgang hinnehmen. Nach den Verkehrszahlen, die der Flughafenbetreiber am Morgen veröffentlichte, war die Passagierzahl um 0,5 Prozent auf 4,8 Millionen rückläufig. Der Frachtumschlag legte im Juni allerdings um 0,9 Prozent auf 178.000 Tonnen zu. Im Gesamtkonzern verbuchte Fraport einen Passagierzuwachs von zwei Prozent auf 7,6 Millionen Fluggäste.

UI und Drillisch geben Freenet Zunder
Im Rennen um die Kontrolle von Freenet wird der Mobilfunk- und DSL-Anbieter seine ungeliebten Großaktionäre nicht los. Wie erwartet, haben United Internet und ihren Anteil an dem Konkurrenten aufgestockt. Mit 25,91 Prozent der Stimmrechte seien die Partner wieder zum größten Aktionär aufgestiegen, teilte Drillisch am Freitag mit. Durch eine Kapitalerhöhung im Zusammenhang mit der Übernahme von Debitel durch Freenet war der Anteil verwässert worden.

Air Berlin muss Condor-Pläne aufgeben
Mit Erleichterung nahmen die Anleger auf, dass Air Berlin am Freitag die Übernahme der Thomas-Cook-Tochter Condor abgeblasen hat. Der Antrag an das Bundeskartellamt sei zurück gezogen worden, teilte die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft mit. Die Aktie von Air Berlin sprang zunächst um fast zwölf Prozent ins Plus, rutschte dann aber mit dem Gesamtmarkt doch wieder ins Minus. Am Abend wurde bekannt, dass die Deutsche Bank ihren Anteil mittlerweile von zuletzt 5,8 auf unter drei Prozent gesenkt hat.

Kapitalspritze für IKB blockiert
Mit einem Befangenheitsantrag haben Kläger eine milliardenschwere Kapitalerhöhung für die krisengeschüttelte Mittelstandsbank IKB vorerst blockiert. Mehrere Kläger haben den entsprechenden HV-Beschluss angefochten. Der Registerrichter des Düsseldorfer Amtsgerichts wollte eigentlich am Freitag entscheiden, ob die Kapitalerhöhung ins Handelsregister eingetragen und damit wirksam wird. "Durch den Befangenheitsantrag war eine Entscheidung in der Sache heute nicht mehr möglich", sagte ein Sprecher des Amtsgerichts.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"