Fed fängt den Markt auf

Detlev Landmesser

Stand: 22.01.2008, 22:09 Uhr

Die US-Börsen konnten gar nicht anders, als nach der massiven Zinssenkung der Fed ihre Verluste zu begrenzen. Dies- und jenseits des Atlantiks lagen aber die Nerven an diesem Dienstag blank.

Die New Yorker Indizes schafften es zwar zu keinem Zeitpunkt ins Plus, konnten aber in einem äußerst hektischen Handel ihre hohen Abschläge im Tagesverlauf deutlich verringern. Dow Jones und S&P 500 notierten zum Handelsschluss in New York gut ein Prozent tiefer, während der Nasdaq Composite zwei Prozent verlor. Das war vergleichsweise wenig: Angesichts der Vorgaben von den übrigen Weltbörsen waren die Anleger auf das Schlimmste gefasst. Am Montag hatte der US-Handel feiertagsbedingt geruht.

Die US-Notenbank hatte die Märkte mit einer außerplanmäßigen Leitzinssenkung von 75 Basispunkten auf 3,50 Prozent überrascht. Zwar war zuletzt sogar vereinzelt über einen Zinsschritt von 100 Basispunkten spekuliert worden, um einen Crash an der Wall Street in letzter Minute abzuwenden. Doch eine derart massive Senkung der Fed Funds Rate gab es noch nie an einem einzigen Tag.

In der Folge wechselten die Kurse mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit immer wieder ihre Richtung. Der Dax, der am Morgen schon wieder 5,4 Prozent verloren hatte, erholte sich per Saldo ebenfalls. Der L-Dax beendete den Frankfurter Parketthandel 0,7 Prozent höher bei 6.806 Punkten.

"Fed ist sehr, sehr, sehr besorgt"

Der Beschluss sei wegen der zunehmend schlechteren Aussichten für die US-Wirtschaft erfolgt, teilte die Fed mit. In der derzeitigen Marktverfassung traf der Schritt auf ein geteiltes Echo. Marktteilnehmer zeigten sich besorgt, ob der Zinsschritt eine US-Rezession wirklich verhindern könne. In einem waren sich alle einig: "Die Fed ist sehr, sehr, sehr besorgt", wie es John Tierney von der Deutschen Bank zusammenfasste.

Schwache Zahlen der US-Banken Bank of America und Wachovia hatten die Stimmung vor US-Börsenbeginn weiter eingetrübt. Die Aktie von Ambac Financial fiel dagegen mit einem Kursplus von über 30 Prozent auf - das Papier hatte allerdings an den Vortagen über zwei Drittel an Wert eingebüßt. Mit seinem drastischen Quartalsverlust von 3,26 Milliarden Dollar blieb der angeschlagene Anleiheversicherer unter den schlimmsten Befürchtungen.

Banken teils kräftig erholt
Im Dax lag die Aktie der Hypo Real Estate vorn. Commerzbank, Deutsche Bank und Postbank gehörten ebenfalls zu den Gewinnern. Dabei waren gerade Bankwerte zunächst heftig unter Druck geraten. Deutsche Bank und Postbank litten unter einer kritischen Äußerung von Merrill Lynch. Die US-Investmentbank hatte die Deutsche Bank auf ihre "Least preferred list" aufgenommen und die Postbank von der "Most preferred list" gestrichen.

Schlechte Nachrichten für HRE
Sal. Oppenheim äußerte sich zudem kritisch zur Hypo Real Estate (HRE). Die Bank sei nach Schätzungen der Analysten mit rund 20 bis 25 Milliarden Euro in versicherten Krediten engagiert. Da nun gerade die Kreditversicherer von Ratingagenturen abgestuft würden, drohten von dieser Seite erneut Abschreibungen. Die Analysten kürzten den fairen Wert für den Dax-Titel drastisch von 47 auf 25 Euro und senkten die Gewinnschätzung für die kommenden drei Jahre im Schnitt um 19 Prozent.

Noch dazu wurde der Immobilienfinanzierer von einem enttäuschten Anleger verklagt. Der Aktionär werfe dem HRE-Vorstand in der beim Landgericht München eingereichten Klageschrift vor, das Management habe es monatelang versäumt, die Öffentlichkeit über drohende hohe Abschreibungen auf amerikanische Hypotheken-Anleihen zu informieren, berichtete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

"Krisengewinnler" Deutsche Börse
Auch die Aktie der Deutschen Börse AG konnte sich von ihrem anfänglichen Minus erholen. Der Börsenbetreiber hat am Montag in seinem elektronischen Handelssystem Xetra ein Rekordvolumen verzeichnet. Insgesamt seien rund 1,8 Millionen Handelsgeschäfte bewältigt worden, teilte das Unternehmen am Montagabend mit.

Rheinmetall bekräftigt Ausblick
Im MDax erholten sich gleich sechs Titel um mehr als zehn Prozent. Einer davon war die Aktie von Rheinmetall, nachdem der Industriekonzern seine Geschäftsprognosen für 2007 und 2008 bekräftigt hatte.

OEP steigt bei Pfleiderer ein
Die Aktie von Pfleiderer legte ihre eigene Berg- und Talfahrt hin. Vorübergehend sprang der MDax-Titel ins Plus, nachdem bekannt geworden war, dass der US-Finanzinvestor One Equity Partners (OEP) bei dem Möbel- und Bauzulieferer mit 15,02 Prozent eingestiegen ist. Der Einstieg sei zwar grundsätzlich positiv, es fehle jedoch an Übernahmefantasie, sagte ein Börsianer. "Die spekulative Luft geht daher schon wieder raus."

EADS-Hubschrauber gefragt
Die EADS-Aktie drehte im Verlauf deutlich ins Plus. Im vergangenen Jahr seien Bestellungen für 802 Hubschrauber im Wert von 6,58 Milliarden Euro eingegangen, teilte die Hubschrauber-Sparte mit. Der Auftragsbestand sei damit auf den Rekordwert von 13 Milliarden Euro gestiegen. Das entspricht drei Jahresumsätzen: Die Erlöse stiegen 2007 um 9,7 Prozent auf 4,17 Milliarden Euro.

Ferner teilte EADS am Nachmittag mit, dass Finanzchef Hans Peter Ring seine Arbeit künftig auf die Konzernmutter konzentrieren werde. Ring übergibt den Finanzvorstandstposten bei der EADS-Tochter Airbus an seinen Stellvertreter Harald Wilhelm.

AWD-Verwaltung unterstützt Angebot
Die AWD-Aktie notierte kaum verändert. Vorstand und Aufsichtsrat des Finanzdienstleisters haben ihren Aktionären empfohlen, das Übernahmeangebot des schweizerischen Versicherers Swiss Life anzunehmen. Sie seien der Auffassung, dass die strategische Partnerschaft "im besten Interesse der Gesellschaft" sei. Swiss Life bietet 30 Euro je AWD-Aktie. Die Annahmefrist endet am 22. Februar.

Drillisch sichert sich Sperrminorität bei Freenet
Im späten Frankfurter Handel verringerte die Freenet-Aktie ihren Tagesverlust. Nachdem United Internet offenbar sein Interesse verloren hat, handelte der Mobilfunkanbieter Drillisch. Dieser meldete am Abend, seinen Anteil an Freenet auf 25,24 Prozent aufgestockt zu haben.

Solarwerte haussieren
Kräftig erholt zeigten sich die Solartitel im TecDax. Die Aktie von Centrotherm Photovoltaics legte um rekordverdächtige 26,7 Prozent zu, gefolgt von Solon mit 14,2 Prozent Plus.

IDS Scheer enttäuscht
Größter TecDax-Verlierer war IDS Scheer. Die Bilanz 2007 sah der Markt eher am unteren Ende der Erwartungen. "Der Umsatz fiel grob wie erwartet aus, das Ergebnis (Ebita) ist einen Tick schlechter", sagte ein Analyst. Zudem habe IDS keinen Ausblick für 2008 gegeben. "Ich kann in diesen Zahlen keinen positiven Impuls für die Aktie erkennen, zudem sieht das charttechnische Bild schlecht aus."

Azego doch insolvent
Um 37 Prozent bergab ging es wieder mit der Azego-Aktie, nachdem das Unternehmen erneut einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wegen Zahlungsunfähigkeit gestellt hatte. Erst vergangene Woche hatte der angeschlagene Chipbroker einen entsprechenden Antrag wieder zurückgezogen, nachdem sich Interessenten gemeldet hatten. "Obwohl verschiedene aussichtsreiche Optionen erörtert wurden, konnte nicht - wie beabsichtigt - die bestehende Zahlungsunfähigkeit dauerhaft beseitigt werden", begründete Azego den neuerlichen Antrag.

Tagestermine am Donnerstag, 22. November

Unternehmen:
RemyCointreau: Halbjahreszahlen, 7.30 Uhr
Jost Werke: Neun-Monats-Zahlen
Siemens Healthineers: Geschäftsbericht.

Konjunktur:
Japan: Verbraucherpreise 10/18, 00:30 Uhr
EU: Acea, Nutzfahrzeugzulasssungen 10/18, 8:00 Uhr
EU: EZB-Sitzungsprotokoll v. 25.10.2018
EU: Verbrauchervertrauen 11/18 (vorab), 16:00 Uhr.

Sonstiges:
USA: Feiertag (Thanksgiving), Börse geschlossen.