Fed, erbarme dich!

Detlev Landmesser

Stand: 04.04.2008, 20:24 Uhr

"Die Fed wird es schon richten", so der derzeit vorherrschende Glaube an der Börse. Miese US-Arbeitsmarktdaten lösten am Freitag nicht etwa eine Panik aus, sondern die Hoffnung auf weitere Zinssenkungen der Notenbank.

"Die Tatsache, dass wir Jobs verloren haben, legt nahe, dass die Fed die Zinsen weiter senken und dies zu einer sehr starken Erholung in der zweiten Jahreshälfte führen wird", fasste ein US-Marktteilnehmer die derzeitigen Hoffnungen zusammen.

Die um 14:30 Uhr veröffentlichten Daten vom US-Arbeitsmarkt hatten unmissverständlich auf eine Rezession hingewiesen. Die Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft schrumpfte im März um 80.000 Stellen, während Volkswirte mit minus 60.000 Stellen gerechnet hatten. Zugleich wurde der Februar-Wert von minus 63.000 auf minus 76.000 revidiert. Die Arbeitslosenquote stieg unerwartet stark von 4,8 auf 5,1 Prozent, den höchsten Stand seit zweieinhalb Jahren.

Das stimulierte prompt die Zinssenkungsfantasien, und die Aktienmärkte nahmen nach einem kurzen Schwächeanfall ihren Erholungskurs wieder auf. Der L-Dax schloss 0,2 Prozent höher bei 6.781,54 Punkten. Die Zinssätze am amerikanischen Geldmarkt implizieren derzeit, dass die US-Notenbank den Leitzins noch einmal um 25 Basispunkte auf dann 2,00 Prozent senken wird.

SAP im Aufwind

Bester Dax-Titel war SAP. Die Marktteilnehmer freuten sich darüber, dass der Softwarekonzern den Ausblick für 2008 und die mittelfristigen Ziele bis 2010 bestätigt hat. "Das ist nach der Enttäuschung bei Oracle positiv", sagte ein Händler. Noch dazu konnten sich Henning Kagermann und Léo Apotheker im Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sehr gut verkaufen.

VW weiter gefragt
Auch die Volkswagen-Aktie legte erneut zu. Hier gab es Gerüchte zu Personalveränderungen. Der bisherige Audi-Topmanager Werner Eichhorn soll neuer Vertriebschef der Marke VW in Deutschland werden. Einen entsprechenden Bericht der "Automobilwoche" bestätigten Konzernkreise am Freitag am Rande der Automesse AMI in Leipzig.

Daimler setzt weniger Mercedes ab
Die Daimler-Aktie rollte dagegen zurück. Dabei hat der Autobauer im März rund vier Prozent mehr Fahrzeuge verkauft als im gleichen Vorjahresmonat. Allerdings ging das Plus voll auf das Konto des Smart, dessen Absatz sich verdreifachte. Die Verkäufe von Mercedes-Benz gingen dagegen um 2,9 Prozent zurück.

Aufregung bei Biosprit-Aktien
Ein Gesprächsthema an der Börse waren Biosprit-Aktien, weil Bundesumweltminister Sigmar Gabriel die umstrittene Biosprit-Verordnung kassierte. Ursprünglich sollte der Anteil von Bioethanolanteil im Benzin ab 2009 von fünf auf zehn Prozent verdoppelt werden. Da dies nun ausbleibt, ist das grundsätzlich schlecht für Ethanol-Hersteller, weil ein Absatzkanal an Attraktivität verliert. Zwar ist das Ganze in den vergangenen Tagen rauf und runter diskutiert worden, an der Börse gab es dennoch einige Bewegung. Die meisten Aktien rutschten ab, wie zum Beispiel Verbio, Crop Energies, Petrotec, BKN Biokraftstoff und Anlagenbauer BDI Biodiesel. Die umgekehrte Richtung schlug EOP Biodiesel ein. Die Aktie schnellte um rund ein Viertel in die Höhe. Der Anbieter hatte betont, dass die neue Entwicklung nur für die Beimischung von Ethanol für Benzin und nicht die Beimischung von Biodiesel zum mineralischen Diesel von Belang sei.

Wieder Gerüchte um MLP
Im MDax trieben vage Übernahmegerüchte die Aktie von MLP an. Das Papier kletterte um fast zwölf Prozent und war damit Index-Spitzenreiter. Ein Sprecher wollte zu den Gerüchten keine Stellung beziehen, verwies aber auf Gründer und Großaktionär Manfred Lautenschläger, der wiederholt erklärt hatte, seine Familie wolle ihren 29-Prozent-Anteil an MLP nicht verkaufen.

KlöCo stärkt US-Geschäft
Zu den stärksten MDax-Titeln gehörte auch Klöckner & Co - die Reaktion auf die geplante Übernahme des US-Wettbewerbers Temtco Steel. Marktteilnehmer äußerten sich positiv. Der Zukauf passe in die auf Endkunden fokussierte Strategie und Akquisitionen in den USA seien wegen des schwachen US-Dollar ohnehin interessant, sagte ein Analyst. Der Zukauf erhöhe den Umsatz gemessen am Vergleichswert 2007 um vier Prozent und sei eine größere Übernahme. Ein weiterer Analyst sieht den Kaufpreis in einer Größenordnung von 130 und 150 Millionen Euro.

News Corp hält 22,7 Prozent an Premiere
Am Abend baute die Premiere-Aktie ihren Tagesgewinn aus. Rupert Murdochs News Corp hat seinen Anteil an dem Bezahlfernsehsender auf 22,7 Prozent gesteigert. News Corp war im Januar bei Premiere eingestiegen und hatte seinen Anteil im Februar auf 19,99 Prozent erhöht. Das hatte Spekulationen über eine vollständige Übernahme von Premiere ausgelöst. Sollte News Corp seinen Anteil auf mehr als 30 Prozent steigern, müsste der Konzern ein Übernahmeangebot unterbreiten. Murdoch setzt schon seit längerem aufs Bezahlfernsehen und hat dort bereits eine starke Position in Großbritannien und Italien.

Freenet-Poker neu belebt
Im TecDax stiegen die Aktien von Freenet und United Internet kräftig. Auch Drillisch kletterte in die Höhe. Die Telekomunternehmen haben ihre Kooperationsgespräche wieder aufgenommen. Freenet betonte jedoch, ungeachtet der neuen Gespräche auch mit Debitel weiter über eine Übernahme zu verhandeln.

UI-Chef Ralph Dommermuth bekräftigte sein Interesse an der DSL-Sparte von Freenet, und schloss auch eine Gesamtübernahme nicht aus - allerdings nur ohne Debitel. "Wir wären höchstens bereit, 20 Prozent Aufschlag auf den Schlusskurs vom Donnerstag zu zahlen - also bis 12,80 Euro je Aktie", sagte er zu boerse.ARD.de.

"Wenn man bedenkt, dass Freenet mit Debitel nun eine Alternative gefunden hat, dann dürften jegliche Vorschläge von United Internet und Drillisch freundlich ausfallen und zu annehmbaren Konditionen für die Freenet-Aktionäre erfolgen", kommentierte Analystin Heike Pauls von der Commerzbank.

United Internet wird 2008 langsamer
United Internet hatte heute zudem zur Bilanzpressekonferenz geladen. Die Eckdaten waren bereits bekannt, daher konzentrierte man sich auf den Ausblick. Wie Firmenchef Ralph Dommermuth sagte, wird man in diesem Jahr nicht an das starke Wachstum des Rekordjahres 2007 anknüpfen können.

Repower-Aktie springt auf 204 Euro
Die Aktie von Repower beschleunigte am Freitag ihren bemerkenswerten Aufstieg und verdrängte Freenet mit einem Plus von 20,7 Prozent von der TecDax-Spitze. Händler verwiesen auf Spekulationen, wonach der indische Großaktionär Suzlon seinen Anteil an dem Windkraftanlagen-Hersteller ausbauen könnte. Suzlon sei sehr an der Technologie von Repower interessiert, kommentierte ein Börsianer. Um diese jedoch auch nutzen zu können, müsse der Großaktionär entweder einen Beherrschungsvertrag mit Repower abschließen oder den restlichen Aktionären eine Abfindung zahlen.

Neue Order für Ersol
Zu den TecDax-Gewinnern gehörte auch Ersol. Der Solarzellen-Hersteller hat einen langfristigen Liefervertrag mit einem japanischen Waferproduzenten unterschrieben. Die Lieferungen sollen ab 2009 beginnen und Ersol über sechs Jahre eine Produktionsmenge von insgesamt mindestens 90 Megawattpeak (MWp) ermöglichen.

Kontron meldet Auftragsrekord
Die Kontron-Aktie profitierte von einem Auftragsrekord des Minicomputer-Herstellers im März. Mit 310 Millionen Euro hätten die Aufträge ein "all-time-high" erreicht, teilte Kontron mit. Der Anstieg um 42 Millionen Euro gegenüber dem Jahresende 2007 resultiere nahezu zu gleichen Teilen aus organischem Wachstum und aus dem Zukauf von Thales Computer. "Fundamental hat sich aus der Mitteilung von Kontron ansonsten nichts Neues ergeben", sagte ein Händler.

Vatas gibt Air Berlin-Paket ab...
Nach dem (erneut schlecht getimten) Ausstieg bei Freenet hat die Investmentgesellschaft Vatas auch ihre Beteiligung an Air Berlin abgegeben. Die Vatas-Tochter Haarlem One, über die die Aktien gehalten wurden, habe ihren 18,56-prozentigen Anteil veräußert, teilte die Fluggesellschaft am Freitag mit. Möglicher Käufer sei ein "institutioneller Investor". Die im SDax notierte Air Berlin legte mehr als fünf Prozent zu.

... aber an wen?
Am Nachmittag wurde auch klar, wohin das Paket gewandert ist. Nach Angaben aus Finanzkreisen liegt es als Pfand bei der NordLB. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtete indessen auf ihrer Internetseite, der russischstämmige US-Milliardär Leonard Blawatnik wolle das Paket übernehmen.

Die NordLB liegt schon seit geraumer Zeit im Clinch mit Vatas wegen einiger Aktienpakete, die der Investor angeblich geordert hat und nun nicht abnehmen will. Erst diese Woche waren Vermutungen bestätigt worden, nach denen es sich bei dem Auftraggeber tatsächlich um Vatas handelt. In dem nach wie vor rätselhaften Fall handelt es sich um nennenswerte Anteile an Balda, Curanum, Euromicron sowie dem US-Unternehmen RemoteMD.

Medigene vorab gefeiert
Die Aktie von Medigene gewann über sechs Prozent. Ein Krebsmittel des Biotechunternehmens habe sich in einer Studie als außergewöhnlich wirksam erwiesen, berichtete Reuters unter Berufung auf Branchenkreise. Das Mittel Endotag habe das Überleben einer Gruppe von Patienten mit Bauspeicheldrüsenkrebs auf fast ein Jahr verlängert, zitierte die Nachrichtenagentur "eine mit dem Vorgang vertraute Person aus der Branche". Die mittlere Überlebenszeit liegt bislang erfahrungsgemäß bei nur etwa sechs bis sieben Monaten. Medigene wollte dazu keine Stellung nehmen und verwies auf die geplante Veröffentlichung von weiteren Daten zu Endotag am Montag.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 18. Juli

Unternehmen:
NovartisVW: Q2-Zahlen, 6:45 Uhr
Cassiopea: Halbjahreszahlen, 7 Uhr
Software: Q2-Zahlen, 7 Uhr
ASML: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Akzo Nobel: Q2-Zahlen, 7:30 Uhr
Ericsson: Q2-Zahlen, 8 Uhr
Easyjet: Q3-Zahlen, 8 Uhr
Morgan Stanley: Q2-Zahlen, 13 Uhr
Abott Laboratories: Q2-Zahlen, 13:45 Uhr
American Express: Q2-Zahlen, 22 Uhr
Alcoa: Q2-Zahlen, 22:05 Uhr
Ebay: Q2-Zahlen, 22:15 Uhr
IBM: Q2-Zahlen, 22:30 Uhr

Konjunktur:
EU: Verbraucherpreise (endgültig), 06/18, 11 Uhr
USA: Baubeginne- und genehmigungen 06/18, 14:30 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung im Juni, 15:15 Uhr
USA: NAHB-Index Juli, 16:00 Uhr
USA: Rede von Fed-Chef Powell vor dem Bankenausschuss des Senats, 16:00 Uhr