Fast nur Misstöne

Detlev Landmesser

Stand: 02.10.2008, 20:21 Uhr

Wer auf ein Ende der Turbulenzen gehofft hatte, wurde am Donnerstag Nachmittag bitter enttäuscht. Sorgen um den Zustand der Wirtschaft dies- und jenseits des großen Teichs machten den Erholungskurs des Dax zunichte.

Der L-Dax ging heftige 3,3 Prozent tiefer bei 5.660,28 Punkten aus dem Handel. Zum einen setzte die standhafte Haltung der EZB den Kursen zu. Die Währungshüter hielten auf ihrer heutigen Sitzung an ihrem Leitzins von 4,25 Prozent fest, obwohl sie nach Aussage von EZB-Chef Jean-Claude Trichet über eine Zinssenkung diskutiert hatten. Trichet hob die Konjunkturrisiken klarer als bisher hervor: "Die jüngsten Daten bestätigen deutlich, dass sich die wirtschaftliche Aktivität in der Euro-Zone abschwächt, mit einer schrumpfenden Binnennachfrage und schärferen Finanzierungsbedingungen."

Es war denn auch vor allem die Sorge um die Konjunktur, die den Euro daraufhin stark unter Druck brachte. Die Gemeinschaftswährung brach vorübergehend unter 1,38 Dollar ein, den tiefsten Stand seit September 2007.

Miese US-Daten

Nach miserablen US-Konjunkturdaten fing sich der Kurs ein wenig. So sank der Auftragseingang der US-Industrie im August deutlich stärker als erwartet. Die Zahl der eingegangenen Bestellungen fiel im Vergleich zum Vormonat um vier Prozent nach einem Plus von 0,7 Prozent im Juli. Analysten hatten mit einem Rückgang von 2,5 Prozent gerechnet. Zudem stieg die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in der abgelaufenen Woche überraschend um 1.000 auf 497.000. Das ist der höchste Stand seit fünf Jahren. Volkswirte hatten eigentlich einen Rückgang auf 475.000 Erstanträge erwartet.

Die Wall Street präsentierte sich bis zum Abend sehr schwach. Auch Dow-Schwergewicht General Electric lastete auf den Kursen. Das Papier brach um mehr als neun Prozent ein. Der durch die Finanzkrise unter Druck geratene Mischkonzern besorgt sich über eine bereits angekündigte Kapitalerhöhung 15 Milliarden Dollar frisches Kapital. Für drei Milliarden Dollar kauft sich auch Börsenlegende Warren Buffett ein - allerdings zu Sonderkonditionen.

Natürlich bleibt das US-Rettungspaket das bestimmende Thema. Nach der Verabschiedung durch den Senat hofft die Finanzwelt nun darauf, dass auch das Repräsentantenhaus den nachgebesserten Gesetzentwurf am Freitag im zweiten Anlauf absegnet. Sollte es noch weitere Änderungswünsche geben, müsste der Entwurf danach nochmals durch den Senat.

Hektische Verhandlungen um HRE-Bürgschaft
Zeitweise legte die Aktie der Hypo Real Estate um mehr als 27 Prozent zu. Die Gewinne schmolzen aber bis zum Handelsschluss deutlich zusammen. Grund waren vage Sorgen, dass das Rettungspaket für den angeschlagenen Immobilienfinanzierer doch noch scheitern könnte. Die Banken hätten sich bislang nicht darauf einigen können, wie ihr Anteil von 8,5 Milliarden Euro an der Bürgschaft für den Kredit in Höhe von 35 Milliarden Euro verteilt wird, berichtete "Die Welt Online" unter Berufung auf Finanzkreise. Ziel sei es nun, bis Freitagmorgen einen Kompromiss zu finden.

Die Aktie der Commerzbank setzte ihre Erholung ebenfalls mit einem Plus von mehr als zehn Prozent fort.

Kräftige Zuwächse für die Deutsche Börse
Die Deutsche-Börse-Aktie konnte ihre Tagesgewinne dagegen nicht halten. Dabei hat der Börsenbetreiber im September stark von den Turbulenzen an den Finanzmärkten profitiert. Das elektronische Handelssystem Xetra verbuchte 22,4 Millionen Geschäfte. Das waren 69 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Orderbuchumsatz lag bei 219,7 Milliarden Euro und damit 19 Prozent höher. Auch die Terminmarkttochter Eurex entwickelte sich mit 229,4 Millionen gehandelten Kontrakten prächtig. Das entspricht einer Steigerung von 47 Prozent. "Die Deutsche Börse ist im September eindeutig der Gewinner der eskalierenden Kreditkrise - trotz neuer konkurrierender Handelsplattformen", kommentierte ein Analyst.

Eon einigt sich mit Gazprom
Die Eon-Aktie rutschte ebenfalls mit dem Markt ins Minus. Nach jahrelangen Verhandlungen hat sich der Energiekonzern mit dem russischen Gasmonoplisten Gazprom über eine gemeinsame Ausbeutung des sibirischen Gasfelds Juschno Russkoje geeinigt. Eon werde sich zu knapp einem Viertel an der Betreibergesellschaft des Feldes beteiligen, erklärte der Konzern gegen Mittag. Im Gegenzug verringere Eon zu Gunsten von Gazprom seine Beteiligung an dem russischen Energieriesen um drei Prozentpunkte auf 3,5 Prozent.

Wieder schlechte Auto-Daten
Wie schlecht es derzeit um die amerikanische Wirtschaft steht, zeigte sich auch an den Auto-Absatzzahlen für den September. Dabei traf es die US-Hersteller erneut besonders hart. Doch auch der Nischenanbieter Porsche mit einem Absatzrückgang von 44 Prozent und BMW von 26 Prozent litten ziemlich heftig. BMW-Chef Norbert Reithofer hält weitere Produktionskürzungen für möglich. Außerdem sieht er bis Mitte kommenden Jahres keine Erholung.

Bei Volkswagen fielen die US-Zahlen zwar nicht ganz so schlecht aus. Doch auch hier offenbar laufen die Geschäfte nicht wie gewünscht. Der Konzern denke über ein Sparprogramm nach, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Die Aktie von Infineon setzte ihre Erholung nach dem Kursrutsch von rund 25 Prozent am Montag fort. Außerdem hat JPMorgan das Papier mit einer "Overweight" und einem Kursziel von acht Euro empfohlen.

K+S im Branchensog
Eine Berg- und Talfahrt legte K+S aufs Parkett, und wurde schließlich ans Dax-Ende durchgereicht. Das lag vor allem an einem enttäuschenden Gewinnausweis des US-Konkurrenten Mosaic, der in New York um mehr als ein Viertel einbrach. Dazu kam eine negative Studie von Merrill Lynch zur Düngemittelbranche.

Paukenschlag von Premiere
Eine Überraschung der unerfreulichen Sorte hatte am Abend noch Premiere zu bieten. Der Bezahlfernsehsender teilte ad hoc mit, er rechne in diesem Jahr mit einem Verlust. Außerdem habe Finanzvorstand Alexander Teschner sein Amt mit Zustimmung des Aufsichtsrats mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Im laufenden Jahr sei mit einem Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von minus 40 bis 70 Millionen Euro zu rechnen. Der MDax-Titel wurde bis zum Handelsende vom Handel ausgesetzt. Am Freitag dürften die Anleger das Papier mit zweistelligen Verlusten abstrafen.

Heideldruck auf Rekordtief
Zu den schwächsten MDax-Titeln zählte Heidelberger Druck. Die Aktie notierte so tief wie nie. Der Druckmaschinenhersteller hat im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2008/09 einen Umsatz von 800 bis 820 Millionen Euro erreicht. Das entspricht einem Minus von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und liegt außerdem unter den eigenen Erwartungen. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) soll ohne Restrukturierungskosten bei bis zu minus 20 Millionen Euro liegen. Hinzu kommen Aufwendungen für Einsparungen von bis zu 20 Millionen Euro.

DSL-Verkauf von Freenet kommt voran
Fast sechs Prozent verlor die Freenet Aktie. Zwar neigt sich der Verkaufsprozess für das DSL-Geschäft des Providers offenbar dem Ende zu. Es zeichne sich ab, dass Freenet bis Anfang November den Käufer für die Sparte mit zuletzt 1,1 Millionen Kunden bekanntgeben werde, berichtete die Nachrichtenagentur dpa-AFX unter Berufung auf "Branchenkreise". Allerdings zeigten sich die Marktteilnehmer enttäuscht über den zu erwartenden Erlös. Die Gebote sollen angeblich deutlich unter dem ursprünglich angestrebten Verkaufspreis von rund 600 Millionen Euro liegen. Freenet-Chef Eckhard Spoerr hatte die Breitbandsparte zum Verkauf gestellt, um die durch den Debitel-Kauf gestiegene Schuldenlast zu verringern. Der Bieterkreis hat sich mittlerweile eingegrenzt, wobei derzeit Freenet-Aktionär United Internet als aussichtsreichster Kandidat gilt.

Gewinnwarnung von MPC
Nach einer Handelsaussetzung brach die Aktie von MPC Capital im SDax um mehr als 25 Prozent ein, erholte sich dann aber auf minus neun Prozent. Der Anbieter geschlossener Fonds hatte eine Gewinnwarnung für das Gesamtjahr ausgesprochen. Eine Dividende für 2008 soll es auch nicht geben.

GrenkeLeasing wittert Morgenluft
Die Aktie von GrenkeLeasing gewann 5,8 Prozent. Der Leasinganbieter sieht sich als Gewinner der Finanzkrise. Nach einem Zuwachs des Neugeschäfts in den ersten drei Quartalen um 15,9 Prozent erhöhte das SDax-Unternehmen seine Jahresprognose für das Neugeschäft von "gut zehn" auf "etwa 15" Prozent. Weil es für Unternehmen wegen der Finanzkrise schwieriger sei, an Kredite zu kommen, machten sie zunehmend von alternativen Finanzierungsformen wie etwa Leasing Gebrauch, begründete GrenkeLeasing den Zuwachs.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 20. August

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Sonstiges:
Treffen der Handelsberater von EU und USA zur Beilegung des Handelsstreits.