Extreme Zeiten

Detlev Landmesser

Stand: 06.11.2007, 20:16 Uhr

Erneut erlebten die Finanzmärkte einen Tag der Extreme: Euro und Ölpreis erreichten neue Rekorde, in China sorgte eine Neuemission für Aufsehen. Dazu kam eine Flut von Quartalszahlen.

Nach drei Verlusttagen in Folge konnte der Dax wieder etwas Boden gut machen. Der L-Dax schloss 0,74 Prozent höher bei 7.854,92 Punkten. An der Wall Street setzte sich am Abend nach einer Schwächephase wieder eine gefälligere Tendenz durch.

In New York wird natürlich weiter über die Kreditkrise diskutiert. Die Investmentbank JP Morgan warf eine weitere Ziffer in den Ring: Die Abschreibungen auf an Hypotheken gekoppelte Wertpapiere könnten insgesamt bis zu 200 Milliarden Dollar erreichen, meinten die Analysten. Zudem beschäftigte die ungebrochene Ölpreisrally die Gemüter. Mit über 97 Dollar je Barrel kostete der Future für leichtes US-Öl so viel wie nie zuvor.

Auch Euro und Gold setzten ihre Rally fort. Am Nachmittag erklomm die Europawährung mit 1,4571 Dollar einen neuen historischen Höchststand. Der Preis für eine Feinunze Gold erreichte am Abend 824,85 Dollar.

Für Aufsehen sorge auch ein märchenhafter Börsenstart in China. Die Aktie von Chinas größter E-Commerce-Firma Alibaba.com startete an der Börse Hong Kong mit einem Kursgewinn von 165 Prozent gegenüber dem Ausgabepreis. Zum einen wurde damit neue Fantasie entfacht, zum anderen nahmen dies viele Beobachter zum Anlass, um vor einer gewaltigen Spekulationsblase im Reich der Mitte zu warnen.

Coba-Zahlen erleichtert aufgenommen

Die Commerzbank-Aktie sprang nach den Quartalszahlen des Instituts zeitweise an die Dax-Spitze. Zwar musste die Bank mit 291 Millionen Euro deutlich mehr auf ihr Portfolio im US-Subprime-Markt abschreiben als bisher angegeben - zuvor hatte sie noch von 80 Millionen Euro gesprochen. Doch angesichts der jüngsten Milliarden-Schäden bei US-Instituten hatten die Marktteilnehmer insgeheim schon mit deutlich mehr gerechnet. Trotz der Abschreibung konnte die Bank den Überschuss dank steuerlicher Verlustvorträge um fast 60 Prozent auf 339 Millionen steigern und bekräftigte ihre Jahresprognose. Außerdem bestätigte das Institut die Erwartung, dass Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller seinen Posten nach der Hauptversammlung im Mai 2008 an Martin Blessing abgeben wird.

Deutsche Post vor Sondererträgen?
Die "Aktie Gelb" schnitt ebenfalls überdurchschnittlich ab. Nach einem Pressebericht will die Deutsche Post Teile ihres Immobilienbesitzes verkaufen. Das Unternehmen habe die US-Investmentbank Morgan Stanley mit der Suche nach Käufern beauftragt, berichtete die "Financial Times Deutschland". Der Wert des Immobilienpakets belaufe sich auf eine bis 1,5 Milliarden Euro.

Bayer noch ein Stück optimistischer
Der Kursabschlag bei Bayer ist wohl mit Gewinnmitnahmen zu erklären. Denn die Quartalszahlen des Pharma- und Chemiekonzerns fielen erfreulich aus. Die Analystenerwartungen beim Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von rund 920 Millionen Euro konnten um mehr als 30 Millionen Euro übertroffen werden. Außerdem hob Bayer seine Umsatz- und Ergebnisprognose für 2007 leicht an.

BMW enttäuscht
Mit weitem Abstand lag die BMW-Aktie am Dax-Ende. Der Autobauer konnte im Zeitraum von Juli bis September seinen Vorsteuergewinn "nur" um 6,3 Prozent auf 765 Millionen Euro verbessern. Analysten hatten im Schnitt mit über 900 Millionen Euro gerechnet. Dennoch bestätigte BMW die Prognose für das Gesamtjahr, wonach der Gewinn vor Steuern den bereinigten Vorjahreswert von 3,75 Milliarden Euro übertreffen soll.

Telekom vor dickem Deal
Die T-Aktie kletterte wieder über 14 Euro. Die Telekom steht nach Angaben aus Unternehmenskreisen vor dem Verkauf ihrer Tochter Media & Broadcast. Käufer sei der französische Sendenetzbetreiber TDF, hieß es in Medienberichten. Der Verkaufspreis liege zwischen 700 bis 900 Millionen Euro. Die Telekom äußerte sich dazu nicht.

Kuka verblüfft den Markt
An der MDax-Spitze thronte die Kuka-Aktie. Der Augsburger Anlagen- und Roboterbauer hat seine Renditeprognose für das laufende Geschäftsjahr erneut angehoben, nachdem er im dritten Quartal die Analystenprognose deutlich hinter sich gelassen hatte. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg im Vorjahresvergleich von 7,1 auf 20,8 Millionen Euro. Analysten hatten nur mit knapp 15 Millionen Euro gerechnet.

Land unter bei Heideldruck
Die Aktie von Heidelberger Druck wurde ans MDax-Ende durchgereicht. Der weltgrößte Druckmaschinenhersteller hat im zweiten Quartal seines Geschäftsjahres 2007/08 die Erwartungen der Analysten klar verfehlt. Dennoch bestätigte Unternehmen seinen bisherigen Ausblick auf das Geschäftsjahr.

Premiere senkt Umsatzprognose
Premiere hat im dritten Quartal wegen des Rückkaufs der Rechte an der Fußball-Bundesliga zwar weniger verdient als im Vorjahr. Doch Analysten wurden trotzdem positiv überrascht. Dennoch rutschte der MDax-Titel im Verlauf deutlich ab. Der Bezahlfernsehsender hatte nämlich zugleich die Umsatzprognose von 1,04 bis 1,05 Milliarden Euro auf eine Milliarde Euro gesenkt.

Damen lassen Boss-Kassen klingeln
Der Modekonzern Hugo Boss hat dank eines boomenden Geschäfts seiner Damenmode-Sparte Umsatz und Ergebnis in den ersten neun Monaten 2007 deutlich gesteigert. Für das Gesamtjahr bekräftigte das MDax-Mitglied seine Prognose und stellte auch für 2008 Zuwächse bei Umsatz und Ergebnis in Aussicht.

Beiersdorf gewohnt solide
Auch Beiersdorf überzeugte mit seinem Zahlenwerk. Der Hamburger Konsumgüterhersteller hat im dritten Quartal trotz Rückschlägen durch den schwachen Dollar mehr umgesetzt und verdient als vor einem Jahr. In dem traditionell schwächeren Quartal sei der Umsatz von 1,246 auf 1,317 Milliarden Euro gestiegen, teilte das MDax-Unternehmen mit. Der Überschuss verdoppelte sich beinahe von 72 auf 130 Millionen Euro

Pfeiffer Vacuum kann Dollar trotzen
Eine ganze Reihe von Zahlen kamen aus dem TecDax - die meisten davon erfreulich, wie die von Pfeiffer Vacuum. Der Vakuumpumpen-Hersteller wurde zwar ebenfalls vom schwachen Dollar gebremst. Dennoch soll die Marge beim Betriebsergebnis im Gesamtjahr die Prognose übertreffen.

Aixtron springt an TecDax-Spitze
Noch besser erging es der Aktie von Aixtron mit einem Plus von 18,7 Prozent. Der Spezialmaschinenbauer hat nach einem besser als erwartet ausgefallenem Quartal seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr angehoben. Bisher ging Aixtron von 200 Millionen Euro aus. Nun sollen es 215 Millionen Euro werden.

Qiagen rot und dennoch gut
Das deutsch-niederländische Biotech-Unternehmen Qiagen ist wegen hoher Übernahmekosten im dritten Quartal erstmals in der Firmengeschichte in die roten Zahlen gedrückt. Dennoch schloss das TecDax-Unternehmen besser ab als Analysten erwartet hatten. Außerdem erhöhte Qiagen die Gesamtjahresprognose.

Adva wird pessimistisch
Einen kuriosen Kursverlauf legte die Adva-Aktie hin. Der TecDax-Titel konnte seine frühen Verluste in einen Kursgewinn von 13,5 Prozent ummünzen. Das Unternehmen hatte seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr von bisher mindestens 267 Millionen Euro auf 258 bis 263 Millionen Euro gesenkt. Auch beim Ergebnisausblick musste der Netzwerkausrüster zurückrudern. Außerdem wird Finanzvorstand Andreas Rutsch das Unternehmen verlassen, um bei einem Konsumgüterhersteller anzuheuern. Immerhin konnte Adva im dritten Quartal seinen Verlust im Vorjahresvergleich von 4,3 auf 1,2 Millionen Euro reduzieren.

Nordex mit US-Großauftrag
Der Windkraftanlagenbauer Nordex wartete erneut mit einem Großauftrag auf. Das Unternehmen wird 60 Turbinen in die USA liefern. Auftraggeber ist BP Alternative Energy North America.

Heftige Kursreaktion bei GPC
Mit Aufschlägen von zeitweise mehr als 35 Prozent fiel die Aktie von GPC Biotech auf. Das schwer angeschlagene Biotech-Unternehmen hat nach eigenen Angaben den Rechtsstreit mit dem amerikanischen Partner Spectrum Pharmaceuticals im Zusammenhang mit seinem Krebsmittelkandidaten Satraplatin gewonnen. Ein US-Schiedsgericht habe alle Forderungen von Spectrum abgewiesen. Dennoch muss GPC die Verfahrenskosten selber tragen.

Singulus im Rückwärtsgang
Rund 2,2 Prozent verlor die Singulus-Aktie. Der Spezialmaschinenbauer hat schon einmal bessere Zeiten gesehen. Nach einem deutlichen Umsatz- und Gewinnrückgang im dritten Quartal dürften auch die Gesamtjahreszahlen bescheiden ausfallen. Beim Umsatz peilt Singulus 215 bis 235 Millionen Euro an - nach 280 Millionen Euro vor einem Jahr.

Wirecard sammelt 23 Millionen ein
Die Aktie von Wirecard egalisierte ihren Tagesverlust, nachdem der Zahlungsabwickler eine Kapitalerhöhung erfolgreich abgewickelt hatte. Am Kapitalmarkt seien zwei Millionen Aktien zu einem Preis von je 11,65 Euro platziert worden, teilte das TecDax-Unternehmen am Nachmittag mit. Damit flossen dem Wirecard mehr als 23 Millionen Euro zu.

Loewe erhöht Prognose
Bei Loewe läuft es besser als gedacht: Deutschlands größter Fernsehgeräte-Hersteller Loewe hat die Gewinnprognose für das laufende Jahr angehoben. Das Ebit soll nun 20 Millionen Euro erreichen. Bisher ging das Unternehmen von 16 und 18 Millionen Euro aus. In den ersten neun Monaten konnte Loewe sein Ebit bei einem stagnierenden Umsatz um 41 Prozent auf 13 Millionen Euro verbessern.

Global Oil & Gas startet ordentlich
Die Aktie des Öl-Explorationsunternehmens Global Oil & Gas startete mit 13,99 Euro in den Freiverkehr, und beschloss den Xetra-Handel bei 14,19 Euro. Damit notierte der Titel deutlich über dem Emissionspreis, der mit 13,00 Euro am unteren Ende der Preisspanne von 13 bis 17 Euro gelegen hatte. Die Papiere werden im Open Market der Frankfurter Wertpapierbörse gehandelt, nachdem die Deutsche Börse eine Notierung im Entry Standard verhindert hatte.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 18. Juli

Unternehmen:
NovartisVW: Q2-Zahlen, 6:45 Uhr
Cassiopea: Halbjahreszahlen, 7 Uhr
Software: Q2-Zahlen, 7 Uhr
ASML: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Akzo Nobel: Q2-Zahlen, 7:30 Uhr
Ericsson: Q2-Zahlen, 8 Uhr
Easyjet: Q3-Zahlen, 8 Uhr
Morgan Stanley: Q2-Zahlen, 13 Uhr
Abott Laboratories: Q2-Zahlen, 13:45 Uhr
American Express: Q2-Zahlen, 22 Uhr
Alcoa: Q2-Zahlen, 22:05 Uhr
Ebay: Q2-Zahlen, 22:15 Uhr
IBM: Q2-Zahlen, 22:30 Uhr

Konjunktur:
EU: Verbraucherpreise (endgültig), 06/18, 11 Uhr
USA: Baubeginne- und genehmigungen 06/18, 14:30 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung im Juni, 15:15 Uhr
USA: NAHB-Index Juli, 16:00 Uhr
USA: Rede von Fed-Chef Powell vor dem Bankenausschuss des Senats, 16:00 Uhr