Europa wieder im Blick

Robert Minde

Stand: 30.01.2012, 20:01 Uhr

Ohne eine Einigung in Europa kann die Stimmung schnell kippen. Das hat der Börsentag heute wie schon so oft in der Vergangenheit gezeigt. Der Dax beendet seinen jüngsten Höhenflug und gibt einen Teil der jüngsten Gewinne wieder ab. Alles blickt mal wieder nach Brüssel.

Wo die europäischen Politiker zur Stunde erneut versuchen, einen tragfähigen Modus zu finden, wie der Schuldenkrise auch längerfristig beizukommen ist. Dieses Suchen haben die Anleger zum Beginn der neue Woche mit Sorgen verfolgt und daher den Dax 1,04 Prozent auf 6.444 Punkte ins Minus gedrückt. Das Tageshoch lag bei 6.491, das Tief bei 6.414 Zählern. Nachbörslich stieg der Dax noch etwas an, der L/E-Dax beendete den Handel bei 6.451 Punkten.

"Zum Start in die neue Woche sieht die Stimmung nicht mehr ganz so rosig aus wie zuletzt", sagte Händlerin Anita Paluch von Gekko Global Markets, zumal auch die US-Börsen unter dem Druck der Euro-Krise den Rückwärtsgang eingelegt haben.

Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
19,33
Differenz relativ
-1,78%
Merck KGaA: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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90,02
Differenz relativ
+0,02%

Finanzwerte unter Druck
Unter den Einzelwerten waren Finanzwerte naturgemäß besonders unter Druck. Die Commerzbank war Tagesverlierer mit einem Minus von vier Prozent. Auch Deutsche Bank-Aktien standen unter Abgabedruck. Lange Zeit war zuvor ThyssenKrupp größter Verlierer, konnte aber im späten Geschäft die Verluste etwas eindämmen. Grund für die dennoch schwache Tagestendenz: Gegen den geplanten Verkauf der Edelstahlsparte an die finnische Outokumpu macht die Gewerkschaft IG Metall massiv mobil und droht damit, das Geschäft im Aufsichtstrat scheitern zu lassen.

Zudem warnte Klöckner & Co.-Chef Gisbert Rühl vor einer insgesamt schwierigen Stahlkonjunktur. Die Klöckner-Aktie war im MDax ebenfalls Tagesverlier mit einem Minus von 7,3 Prozent. Gewinner gab es nur wenige im Dax, darunter Merck, aber auch Volkswagen und BMW. RWE profitierte von einem positiven Analystenkommentar.

Rentenmarkt fest
Kursgewinne gab es hingegen am deutschen rentenmarkt. Auch dort bestimme die Schuldenkrise das Geschehen, kommentierte Rentenanalyst Ralf Umlauf von der Landesbank Hessen-Thüringen. Dabei stellt seiner Meinung nach eine strikte Schuldenbremse den Kern einer Konsolidierung der europäischen Haushalte dar.

Deutsche Staatspapiere waren, wie immer wenn es neue ängste um Europa gibt, stark gesucht. Der Bund-Future legte 0,6 Prozent zu, die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen sank auf 1,79 Prozent und liegt damit weiter unter Inflationsrate von zwei Prozent. Die Realzinsen bleiben also weiter negativ.

Aber es gab auch Hoffnung, denn eine Auktion zehnjähriger italienischer Staatsanleihen am Markt wurde gut aufgenommen. Die Rendite fiel von 6,20 auf 6,14 Prozent. "Auf den ersten Blick sieht das nicht schlecht aus, zumal wenn man das wieder schwieriger gewordene Umfeld beachtet. Die Auktion scheint reibungs- und problemlos verlaufen zu sein", erklärte Umlaufs Kollegin Viola Stork. Neu Sorgen gab es hingegen um Portugal, dessen Risikoaufschläge stark anzogen.

Der Euro bröckelt
Auch der Euro leidet wegen der Eurokrise unter der Eurokrise. Die Gemeinschaftswährung fiel auf Kurse nur noch knapp über 1,31 Dollar und war damit über eine Cent schwächer als gestern. Es herrsche der Eindruck vor, "dass die Euro-Politiker von einem Gipfel zum nächsten hinken, um den Euro zu retten", sagte Devisen-Experte Simon Derrick von der New Yorker Mellon-Bank. Aktuell wird der Euro bei 1,3125 Dollar gehandelt. Wegen des umgekehrt wieder stärkeren Dollar fielen die Ölpreise und auch das Gold.

Wall Street blickt mit Sorge nach Europa
An der New Yorker Börse dominieren zur Stunde ebenfalls die Minuszeichen, wenngleich sich die Märkte von ihren Tiefständen am Mittag gelöst haben. Der Dow-Jones-Index notiert aktuell nur noch 0,4 Prozent schwächer, auch die andern großen Indizes haben im Sitzungsverlauf leicht aufgeholt. Trotzdem, nicht abebbende Sorgen um die Eurozone ließen die Risikoscheu der Investoren wieder steigen - und das belaste nun auch die Stimmung in New York, sagten Händler.

Auch von der Konjunkturseite gibt es keine große Hilfe, denn die Daten zum Verbraucherverhalten waren am Morgen wenig inspirierend. Die Konsumausgaben stagnierten im Dezember im Vergleich zum Vormonat, obwohl die Einkommen um ein halbes Prozent stiegen. Experten hatten ein Mini-Plus von 0,1 Prozent erwartet.

Schwach tendierten Bankaktien, die damit der europäischen Konkurrenz folgen. Spektakulär allerdings das Kursplus beim Elektrospezialisten Thomas & Betts, der nach einer fast vier Milliarden Dollar schweren Übernahmeofferte des Schweizer Anlagenbauers ABB stark zulegt.

S&P ist skeptisch bei Allianz
Die Bonitätswächter haben den Ausblick für Europas größten Versicherer auf Negativ zurückgenommen. Damit droht dem Unternehmen eine Rückstufung innerhalb der nächsten zwölf bis 24 Monate. Die Kreditbewertung selbst blieb bei AA. Vor allem die Kapitalausstattung macht S&P Sorge, die derzeit nur nahe der Minimalanforderungen für diese Bonitätsnote liegt. Allianz verloren 2,5 Prozent, waren aber zuvor gut gelaufen.

Siemens mit frischer Brise
Der Dax-Konzern hat einen Auftrag für 44 Windenergieanlagen für Windkraftwerke in Marokko gemeldet. Gleichzeitig wollen die Münchener alle ausstehenden Aktien des kanadischen Netzwerkausrüster RuggedCom für 288 Millionen Euro ab Mitte März übernehmen. Siemens waren zuvor nach schwachen Zahlen des niederländischen Konkurrenten Philips unter Druck geraten. Philips hatte am Morgen einen überraschend hohen Verlust von 160 Millionen Euro gemeldet. Die Aktie verliert am Ende des Tages 0,7 Prozent.

Gea Group holt die Vergangenheit ein
Der MDax-Konzern erhöht die Abfindung für die Aktionäre der alten Gea AG und beendet damit einen 13 Jahre alten Rechtsstreit. Hintergrund ist die Übernahme der ehemaligen Metallgesellschaft, deren Rechtsnachfolger die heutige Gea Group ist.

Gea Group wird voraussichtlich bis zu 13,4 Millionen neue Aktien an jene ausstehenden Aktionäre ausgeben, die 1999 bereits die damalige Abfindung erhielten sowie einen erhöhten Ausgleich (Garantiedividende) von 0,8 Millionen Euro zahlen. Dies wird nach Unternehmensangaben zu einer Verwässerung von 6,8 Prozent führen. Die Aktie reagiert mit einem Minus von 3,5 Prozent.

Hochtief kann noch schlechter
Papiere des Baukonzerns aus dem MDax verlieren kräftig 5,8 Prozent. Das Unternehmen hat seine Erwartungen für das abgelaufene Geschäftsjahr 2011 noch einmal nach unten korrigiert. Der Verlust vor Steuern soll nun 130 Millionen Euro betragen, deutlich mehr als der bislang erwartete Fehlbetrag im niedrigen zweistelligen Millionenbereich. Die Prognose für das laufende Geschäftsjahr wurde am Sonntagabend aber bekräftigt: Hochtief peilt weiterhin ein positives operatives Ergebnis an. Der Auftragsbestand zum Jahresende ist auf 48 Milliarden Euro gestiegen.

Praktiker-Aktie hebt ab
Die Einigung auf neue Kreditlinien für die Baumarktkette hat deren Aktie im SDax einen Kursschub verschafft. Praktiker-Papiere ziehen um zehn Prozent an, nachdem ein Bankenkonsortium die Finanzierung des Unternehmens für die Frühjahrssaison gesichert hat. Praktiker stehen eine Reihe von Geschäftsschließungen und ein Konzernumbau bevor.

Borussia Dortmund macht Nägel mit Köpfen
Der deutsche Fußballmeister setzt auf Kontinuität. Dazu hat der BVB die Verträge mit Erfolgstrainer Jürgen Klopp und Manager Michael Zorc frühzeitig um zwei Jahre bis zum 30.6.2016 verlängert. Ursprünglich waren Klopp und Zorc bis 30. Juni 2014 an den Verein gebunden. Die Anleger reagieren erfreut, die BVB-Aktie legt deutlich 3,8 Prozent zu.

Pumpenbauer KSB leicht unter Vorjahr
Das Maschinenbau-Unternehmen aus der Pfalz hat 2011 nach vorläufigen Daten etwas weniger verdient als im Vorjahr, als gut 135 Millionen Euro in den Büchern standen. Grund ist das nur schleppende Geschäft mit Kraftwerksanlegen. Da aber Standardgeräte besser liefen, erhöhte sich der Umsatz um 7,2 Prozent auf knapp 2,1 Milliarden Euro. In diesem Jahr will KSB das Vorsteuerergebnis wieder steigern, sofern kein Konjunktureinbruch dazwischen kommt. Endgültige Zahlen sollen Ende März folgen.

Bei nur geringem Umsatz schließt die Aktie minimal im Minus. Über 80 Prozent des Kapitals liegen bei der KSB-Stiftung, knapp 20 Prozent sind im Streubesitz.

Ryanair gut im Geschäft
Aktien der irischen Billigairline waren am Montag gesucht und setzten ihren jüngsten Höhenflug fort. Für 2012 peilt Ryanair einen höheren Gewinn an als bisher erwartet. Mit 480 Millionen Euro liegt die Prognose nun 40 Millionen Euro höher als bislang in Aussicht gestellt. Für das abgelaufene dritte Quartal meldete das Unternehmen einen Nettogewinn von 15 Millionen Euro und erreichte einen Umsatz von 844 Millionen Euro.

Neuer Chef bei Carrefour
Der französische Einzelhandelskonzern zieht die Notbremse und trennt sich zum Sommer von seinem bisherigen Chef Lars Olofsson. Neuer Unternehmenslenker soll mit Georges Plasset ein in Frankreich bekannter Sanierer werden. Dem 62-jährigen Plasset geht der Ruf eines Einzelhandels-erfahrenen Retters voraus, der mit eisernem Besen durchkehrt.

Carrefour, weltweit die Nummer zwei im Einzelhandel nach dem US-Branchenriesen Wall-Mart, findet mit seinem Großmärkte-Konzept bei den Kunden immer weniger Anklang. Am Markt war zuletzt auch über eine Zerschlagung spekuliert worden, was aber mit der Personalie Plasset vom Tisch zu sein. Die Aktie verliert deshalb an der Pariser Börse vier Prozent.

Kauft Delta Air Lines US Airways?
Steht der US-Luftfahrtbranche eine neue Konzentrationsrunde bevor? Wie das "Wall Street Journal" unter Berufung auf Branchenkreise schreibt, will Delta Air Lines den Konkurrenten US Airways übernehmen. Dazu arbeite die Fluglinie bereits mit Goldman Sachs zusammen. Auch der insolvente Mitbewerber American Airlines steht unter Beobachtung. Das Delta-Management überlege noch, welcher Zukauf mehr Sinn mache. Auch US Airways scheint selbst Überlegungen zu hegen, American Airlines zu übernehmen.

Die Gerüchte beflügeln die Aktie, die weiter auf Klettertour bleibt. Das Papier, das schon am Freitag gesucht war, steigt in New York weiter und liegt 2,6 Prozent im Plus bei 10,66 Dollar. Noch im Sommer stand die Aktie im Jahrestief bei 6,62 Dollar. Auch US Airways-Aktien sind gesucht.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 20. August

Konjunktur
Deutschland: Erzeugerpreise 07/18, 8 Uhr
Deutschland: Monatsbericht der Bundesbank 08/08, 12:00 Uhr

Sonstiges:
Treffen der Handelsberater von EU und USA zur Beilegung des Handelsstreits.