EU-Gipfel wirft Schatten auf die Märkte

Stand: 07.12.2011, 20:00 Uhr

Nach pessimistischen Äußerungen aus Berlin zum morgen beginnenden Treffen der europäischen Spitzenpolitiker haben die Aktienmärkte nach anfänglichen Kursgewinnen ins Minus gedreht.

Am Nachmittag büßt der Dax in der Spitze mehr gut 1,6 Prozent ein und fällt auf 5.919 Punkte, nachdem er im frühen Handel noch auf 6.137 Punkte geklettert war. Am Abend kommt es zu leichten Kursverlusten von 0,4 Prozent. Im Xetra-Handel hatte der Dax 0,6 Prozent (34 Punkte) tiefer geschlossen bei 5.994. Marktteilnehmer wiesen darauf hin, dass derzeit zu viele Unwägbarkeiten im Markt seien und einige Großinvestoren deshalb die Gewinne der letzten beiden Wochen erst einmal mitnehmen wollen.
Der Euro setzt am Abend seinen Erholungskurs fort und klettert deutlich über die Marke von 1,34 Dollar.

Ausgelöst wurde die pessimistische Stimmung von der aufkommenden Sorge, dass der deutsche-französische Rettungsplan doch nicht die ersehnte Lösung bringen wird. Zudem hieß es aus Berlin, es sei keineswegs sicher, dass auf dem Brüsseler Gipfeltreffen morgen und am Freitag eine Einigung erzielt werden könne. Bei der finanziellen Ausgestaltung des europäischen Rettungsmechanismus ESM gebe es Differenzen mit Paris.
Hart dementiert hat die Bundesregierung Spekulationen über einen doppelten Rettungsschirm. "Nein, das wird es nicht geben", sagte ein Regierungsvertreter. Zuvor hatten mehrere Medien berichtet, der Euro-Rettungsfonds EFSF solle weiterlaufen, wenn Ende kommenden Jahres der permanente Fonds ESM eingerichtet wird. Die doppelte Sicherung solle die Märkte überzeugen, dass die Euro-Zone abgesichert sei.
Weitere Treffen sind nötig
"Die Skepsis wird anhalten, und das Kräftemessen zwischen Politik und Märkten wird weitergehen", prophezeit etwa Ulrich Kater, Chef-Volkswirt der Dekabank. Heinrich Bayer, Volkswirt der Postbank schlägt ebenfalls skeptische Töne an. "Selbst wenn es ein starkes Signal gibt, ist nicht zu erwarten, dass die Probleme mit einem Gipfel gelöst werden. Dafür werden sicherlich noch weitere Treffen nötig sein", sagt er. Schaffen es die Politiker allerdings, den Anlegern eine Perspektive zu bieten, dürfte das laut Bayer auch den Aktienmärkten Auftrieb verleihen.

Auch an der Wall Street ist der Optimismus vor dem EU-Gipfel verpufft. Der Dow Jones-Index eröffnet im Minus und notiert bei Börsenschluss in Frankfurt nahezu unverändert auf dem Niveau des Vortages bei 12.162 Punkten. Es seien zu viele Unwägbarkeiten im Markt, um zu wissen, wann mann die Krise hinter sich lassen könne, hieß es. Deshalb hielten die Anleger ihr Pulver trocken.

Lufthansa: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
20,15
Differenz relativ
+0,30%

Düstere Aussichten für Lufthansa
Die pessimistischen Töne des Branchenverbandes IATA haben den Kurs der Lufthansa-Aktie kräftig unter Druck gesetzt. Die Titel gehören mit einem Abschlag von 4,6 Prozent zu den größten Verlierern im Dax. IATA warnte davor, dass den Fluglinien 2012 ein Verlust von 8,3 Milliarden Dollar drohen könnte, wenn die Politiker keine Lösung für die Euro-Schuldenkrise finden. Zudem stufte Metzler-Analyst Jürgen Pieper die Lufthansa-Aktie herunter auf "sell" von "buy" und reduzierte das Kursziel auf 8,50 von zwölf Euro.

Metro weiter unter Druck
Auch die Metro-Aktie muss überdurchschnittlich abgeben.Nach der gestrigen Gewinnwarnung des Unternehmens hagelt es Kritik von der Analystenzunft. Die Deutsche Bank nahm ihre Kaufempfehlung zurück. Die Citigroup sprach sogar eine Verkaufsempfehlung aus.

Deutsche Börse muss mehr bieten
Größter Verlierer im Dax ist aber die Aktie der Deutschen Börse. Das Unternehmen prüft offenbar weitere Zugeständnisse an die EU-Kommission, um von den EU-Wettbewerbshütern grünes Licht für die geplante Fusion mit der New Yorker NYSE zu bekommen. Die Börse könnte anbieten, diverse Derivate-Geschäfte abzuspalten und daraus einen neuen eigenständigen Konkurrenten zu bilden, sagten zwei Personen aus dem Umfeld des Unternehmens. Allerdings würden auch andere Optionen geprüft, sagte einer der Insider. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen. Die Deutsche Börse wollte sich dazu nicht äußern.

Commerzbank gesucht
Dagegen gehört die Aktie der Commerzbank zu den Favoriten im Dax. Börsianer begründen dies mit der Entscheidung der Bundesregierung, den Bankenrettungsfonds SoFFin noch in diesem Jahr neu aufzulegen. Vermutlich in der kommenden Woche werde der Fonds reaktiviert, sagte der Sprecher des Bundesfinanzministeriums. Er könnte dann der Commerzbank unter die Arme greifen, wenn es ihr nicht gelingen sollte, die bis zum Frühjahr 2012 benötigten neuen Eigenkapitalmittel aus eigener Kraft aufzubringen.

Tom Tailor bleibt optimistisch
Während Metro vor einem schwächeren Weihnachtsgeschäft warnt, ist der Modeanbieter Tom Tailor nach eigenen Angaben erfolgreich in das Weihnachtsgeschäft gestartet. Der Umsatz des Handelssegments stieg im November flächenbereinigt um knapp 22 Prozent. Die Aktie des SDax-Mitglieds kann davon allerdings nicht profitieren.

Air Berlin an SDax-Spitze
Dagegen haben Medienberichte über einen möglichen Einstieg der arabischen Fluggesellschaft Etihad der Aktie von Air Berlin Auftrieb gegeben. Die Titel des zweitgrößten deutschen Carriers sind die größten Gewinnern im SDax. Etihad hatte am Vortag einen Bericht des "Manager Magazins" als fehlerhaft bezeichnet. In seiner Mittwochausgabe berichtete auch das "Handelsblatt" über einen möglichen Einstieg.

Grammer kommt mit Daimler ins Geschäft
Auch Grammer gehört zu den Favoriten im SDax. Der Fahrzeugzulieferer hat einen Großauftrag von Daimler erhalten und soll für die Lkw-Baureihe Actros Fahrersitze liefern. "Dieses Projekt markiert einen wichtigen Meilenstein in der Grammer Wachstumsstrategie im Bereich der Nutzfahrzeuge und stärkt die Marktposition in Europa deutlich", teilte das Unternehmen mit.

Comdirect übertrumpft Sino
Die Comdirect Bank hat im November rund 813.000 Wertpapieraufträge ausgeführt. Das waren sieben Prozent mehr als im Vormonat. Der deutlich kleinere Konkurrent Sino schaffte dagegen nur ein Plus von zwei Prozent auf rund 139.000.

BVB leidet doppelt
Unter Druck steht die Aktie von Borussia Dortmund, nach ach dem Ausscheiden aus der Champions League. Der Verein hat gestern 2:3 gegen Olympique Marseille verloren. Damit entgehen dem Verein Einnahmen in Millionenhöhe.

4SC weckt Hoffnungen
Um mehr als acht Prozent steigt die Aktie der Biotech-Firma 4SC. Das Unternehmen hat für den Krebswirkstoff Resminostat ein Schlüsselpatent in Japan erhalten. Allerdings ist der Wirkstoff noch ein ganzes Stück von einer möglichen Zulassung entfernt.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"