Ernüchterung am Abend

Detlev Landmesser

Stand: 12.06.2008, 20:38 Uhr

Robuste Einzelhandelsdaten aus den USA bestimmten die Tagestendenz - und die war erfreulich. Am Abend ließ die Euphorie in den USA etwas nach - in unbeabsichtigter Empathie mit den deutschen Fußballfans.

Zunächst hatten die US-Einzelhandelsumsätze im Mai die Börsen in den USA und Europa kräftig beflügelt. Diese seien zum Vormonat um 1,0 Prozent geklettert, teilte das US-Handelsministerium um 14:30 Uhr mit. Von Thomson Financial befragte Volkswirte hatten nur mit plus 0,5 Prozent gerechnet. Der Euro rutschte wegen der robusten US-Daten vorübergehend unter die Marke von 1,54 Dollar.

Kurz vor Eröffnung des US-Handels kam allerdings auch die Meldung, dass die US-Investmentbank Lehman Brothers die Finanzchefin und einen weiteren Vorstand auswechselt. Die Lehman-Aktie brach daraufhin um mehr als sechs Prozent ein. Lehman erklärte weiter, die Kapitalerhöhung im Volumen von sechs Milliarden Dollar sei mittlerweile abgeschlossen.

Im Verlauf bröckelten die Kurse an der Wall Street vor allem wegen Gewinnmitnahmen ab. Der L-Dax ging bei 6.703,80 Punkten aus dem Handel. Der richtungsweisende US-Ölpreis notierte am Abend gegenüber dem Vortag etwas höher bei 136,90 Dollar pro Barrel.

Mit einem satten Kurssprung von 6,3 Prozent setzte sich die Aktie der Commerzbank an die Dax-Spitze. Dabei half vor allem die Aussage von Commerzbank-Vorstand Achim Kassow, er sei mit dem bisherigen Geschäftsverlauf im zweiten Quartal sehr zufrieden. Die Bank erwartet zudem ein zweistelliges Ergebniswachstum in der Privat- und Geschäftskundensparte. Bereits zuvor hatte der Dax-Titel von einem Bericht im "Handelsblatt" profitiert, wonach die Commerzbank und die Dresdner Bank ihre konkreten Vorbereitungen für eine Fusion vorantreiben. Nach Informationen der "Welt" (Freitagausgabe) favorisiert die Commerzbank diese Variante gegenüber einer Übernahme der Postbank oder der Citibank.

Mehr als fünf Prozent gewann am Nachmittag auch die Infineon-Aktie. Der japanische Speicherchiphersteller Elpida erklärte sein Interesse an einer Beteiligung oder einem Aktientausch mit der zum Verkauf stehenden Infineon-Tochter Qimonda. "Das wäre ein echter Befreiungsschlag für Infineon", sagte ein Händler.

Eon vor dem Rivalen-Tribunal

Schwächster Dax-Titel war Eon. Am Donnerstag veröffentlichte die EU-Kommission die Verkaufspläne des Energieversorgers für Teile seines Netzes und seines Kraftwerkparks im Detail. Dadurch sollen Eons Konkurrenten nun beurteilen, ob mit den Plänen der Vorwurf der Kommission ausgeräumt werden kann, Eon nutze seine Marktstellung missbräuchlich zu Lasten von Konkurrenten und Verbrauchern aus. Die Branche hat dafür vier Wochen Zeit.

Inbev will Anheuser-Busch schlucken
Der internationale Brauereimarkt ist wieder in Bewegung: Der belgische Brauereiriese Inbev will den amerikanischen Konkurrenten Anheuser-Busch für knapp 46 Milliarden Dollar übernehmen. Anheuser-Busch bestätigte, von Inbev unaufgefordert eine Offerte über 65 Dollar je Aktie erhalten zu haben. Der Verwaltungsrat des US-Unternehmens wolle sich zu gegebener Zeit zu der Offerte äußern. Die Anleger reagierten erfreut. Beide Aktien legten kräftig zu.

Premiere zeigt sich ambitioniert
Um fast vier Prozent rückte die Premiere-Aktie im MDax vor. Der Pay-TV-Sender will seinen Umsatz auf zwei bis drei Milliarden Euro und die Kundenzahl auf bis zu zehn Millionen steigern, sagte Vorstandschef Michael Börnicke auf der Hauptversammlung in München. Ein Sprecher des Konzerns ergänzte, diese Ziele sollten mit dem Abschalten des analogen Fernsehens erreicht werden. Dies wird 2012 erwartet. Premiere hatte 2007 knapp eine Milliarde Euro umgesetzt und kam auf mehr als vier Millionen Kunden. Börnicke bekräftigte zudem sein Interesse am Kauf eines reichweitenstarken Free-TV-Senders in Deutschland, vorzugsweise Sat.1. Premiere rechnet außerdem mit einem Zuschlag bei den Rechten für die Fußball-Bundesliga ab der Saison 2009/10. Bei der Ausschreibung geht es um die Ausstrahlungsrechte 2009 bis 2012. Börnicke rechnet für August mit einem Abschluss der Verhandlungen.

Fraport kommt voran
Die Fraport-Aktie gewann rund 1,5 Prozent. Der MDax-Konzern hat im Mai mehr Fluggäste und Fracht abgefertigt als ein Jahr zuvor. Im Vergleich zum Vorjahresmonat sei die Zahl der Passagiere konzernweit um 5,6 Prozent auf 6,958 Millionen gewachsen, teilte der Flughafenbetreiber am Morgen mit. Der Flughafen Frankfurt, der größte des Konzerns, wies ein Plus von 1,6 Prozent auf 4,742 Millionen Fluggäste aus.

QSC gefragt
Im TecDax gewann QSC das Tagesrennen mit einem Plus von 7,4 Prozent. Die WestLB hat ihr Anlageurteil für den Telekomanbieter von "Reduce" auf "Hold" angehoben, das Kursziel allerdings von 2,50 auf 2,30 Euro gesenkt. Das Wachstum im Geschäftsbereich DSL sei stärker als erwartet ausgefallen, begründete Analyst Stefan Borscheid die neue Empfehlung. Das neue Kursziel basiere hingegen auf höheren Kapitalkosten.

US-Pläne von Nordex getrübt
Schwächster Titel im Technologieindex war Nordex. Analyst Alexander Stiehler von der UniCredit verwies auf negative Nachrichten aus den USA von Vortag, die noch nachwirkten. Der US-Senat hat die Steuererleichterungen für die Anbieter alternativer Energien nicht verlängert. Dies habe die Papiere des Windkraftanlagen-Herstellers belastet, da Nordex nach Amerika expandieren wolle.

GPC erhält Patent für Satraplatin
Zeitweise ging es bis zu 24,7 Prozent mit der Aktie von GPC Biotech nach oben. Das Europäische Patentamt hat dem Münchner Biotechunternehmen ein Patent für sein bisher nicht zugelassenes Krebsmittel Satraplatin erteilt. Das Patent hat eine Laufzeit bis zum Jahr 2025.

PC Ware meldet Rekordergebnis
Die PC Ware AG hat ihren Umsatz im Geschäftsjahr 2007/08 nach vorläufigen Zahlen um zwölf Prozent auf 776 Millionen Euro gesteigert. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg um 43 Prozent auf 12,5 Millionen Euro. Die Aktie legte um gut drei Prozent zu.

Millionenauftrag für Envitec
Die Envitec Biogas AG hat einen Großauftrag aus Tschechien erhalten. Dabei geht es um drei Anlagen mit einer Leistung von insgesamt rund 2,6 Megawatt. Das Gesamt-Auftragsvolumen beläuft sich auf rund sieben Millionen Euro, das 2008 umsatzwirksam wird. Die erste Anlage soll bereits im Spätsommer dieses Jahres in Betrieb genommen werden. Die Aktie gewann 5,7 Prozent.

BVB will in die Offensive
Die Aktie der Borussia Dortmund zeigte sich leicht erholt. Der Fußball-Bundesligist will sich mit einem neuen Vermarktervertrag und einem neuen Millionen-Kredit Spielraum für Spielerkäufe schaffen. Die Mannschaft könne damit unter dem neuen Trainer Jürgen Klopp "erheblich" verstärkt werden. Dem BVB liege ein Angebot des Vermarkters Sportfive vor, nach dem die Zusammenarbeit unter neuen Rahmenbedingungen bis Ende Juni 2020 verlängert werden solle, teilte der Verein am Nachmittag mit. Dem Bundesligisten sollen daraus insgesamt 50 Millionen Euro zufließen. Das Borussia-Management wolle die Offerte annehmen. Zudem habe eine deutsche Immobilienbank dem Club einen Kredit in Höhe von 20 Millionen Euro angeboten.

Solarhybrid startet im Freiverkehr
Sehr erfolgreich verlief das Listing der kleinen Solarhybrid AG im Frankfurter Open Market. Nach einem ersten Kurs von 3,48 Euro legte die Notiz bis auf 6,05 Euro zu. Das Unternehmen mit den beiden Standorten Leipzig und Brilon bietet Hybrid-Kollektoren an, die Photovoltaik sowie Solarthermie nutzen.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 18. Juli

Unternehmen:
NovartisVW: Q2-Zahlen, 6:45 Uhr
Cassiopea: Halbjahreszahlen, 7 Uhr
Software: Q2-Zahlen, 7 Uhr
ASML: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Akzo Nobel: Q2-Zahlen, 7:30 Uhr
Ericsson: Q2-Zahlen, 8 Uhr
Easyjet: Q3-Zahlen, 8 Uhr
Morgan Stanley: Q2-Zahlen, 13 Uhr
Abott Laboratories: Q2-Zahlen, 13:45 Uhr
American Express: Q2-Zahlen, 22 Uhr
Alcoa: Q2-Zahlen, 22:05 Uhr
Ebay: Q2-Zahlen, 22:15 Uhr
IBM: Q2-Zahlen, 22:30 Uhr

Konjunktur:
EU: Verbraucherpreise (endgültig), 06/18, 11 Uhr
USA: Baubeginne- und genehmigungen 06/18, 14:30 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung im Juni, 15:15 Uhr
USA: NAHB-Index Juli, 16:00 Uhr
USA: Rede von Fed-Chef Powell vor dem Bankenausschuss des Senats, 16:00 Uhr