Entspannung am Abend

Detlev Landmesser

Stand: 08.07.2008, 20:20 Uhr

Nach dem positiven Wochenstart fiel der Rückschlag am Dienstag zeitweise dramatisch aus. Ein Glück, dass es wenigstens von einer Krisenfront Entlastung gab: Der Ölpreis rutschte weiter ab.

Dieser setzte seine Talfahrt vom Montag fort und fiel sogar unter 137 Dollar. Am Abend lag der Preis für ein Barrel der US-Referenzsorte West Texas Intermediate (WTI) zur August-Lieferung bei 136,70 Dollar. Am vergangenen Donnerstag hatte der Kontrakt noch einen Rekordstand von 145,85 Dollar markiert. Händler erklärten den Preisrutsch damit, dass der Hurrikan "Bertha" die Förderanlagen im Golf von Mexiko wahrscheinlich verschonen wird. Dazu komme die Aussicht auf steigende Ölreserven in den USA. Zudem habe der US-Dollar an den Devisenmärkten zuletzt wieder etwas zulegen können.

Der L-Dax schloss bei 6.311,07 Punkten. Am Morgen hatte der Leitindex um bis zu 2,6 Prozent auf 6.226 Punkte verloren. Zunächst hatten vor allem die Finanztitel auf dem Dax gelastet, nachdem bekannt geworden war, dass die US-Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac in einer Liquiditätsklemme stecken könnten. Laut der Investmentbank Lehman Brothers könnten die beiden wegen einer anstehenden Änderung in der Rechnungslegung zusammen weitere 75 Milliarden Dollar an frischem Kapital benötigen.

Die Aktien von Freddie Mac und Fannie Mae waren am Montag deshalb zeitweise auf den niedrigsten Stand seit 1992 abgestürzt. Am Dienstag stabilisierten sich beide Titel aber, was vor allem an Äußerungen von Fed-Chef Ben Bernanke lag. Die im Rahmen der Finanzkrise neu geschaffenen Liquiditätshilfen der US-Notenbank für die großen Wall-Street-Banken könnten bis in das Jahr 2009 verlängert werden. Bisher sollten diese Sonderfazilitäten im Herbst 2008 auslaufen. Daraufhin drehte die gesamte Wall Street ins Plus.

Ein weiteres Warnzeichen vom US-Immobilienmarkt lieferte allerdings die Zahl der noch nicht abgeschlossenen Hausverkäufe im Mai. Diese ging gegenüber dem April um überraschend deutliche 4,7 Prozent auf 84,7 Punkte zurück. Volkswirte hatten mit einem moderateren Rückgang auf 86,4 Punkte gerechnet.

Deutsche Börse spürt die Zurückhaltung

Schwächster Dax-Titel war die Deutsche Börse mit einem Kursminus von 7,7 Prozent: Die Zahl der Transaktionen bei der Abwicklungstochter Clearstream war im Juni um dramatische 25 Prozent eingebrochen. Die Monatsstatistik sei "alles andere als ermutigend", kommentierte ein Händler.

Rumoren bei Tui
Zu den wenigen Dax-Gewinnern gehörte die Tui-Aktie. Der zweitgrößte Tui-Eigner Alexej Mordaschow wies am Dienstag eine neue Avance des größten Aktionärs John Fredriksen ab, ihm seine Anteile abzugeben. "Wir haben keine Absicht, zu verkaufen", sagte ein Sprecher von Mordaschow der Nachrichtenagentur Reuters. Unterdessen schlug ein Fredriksen-Sprecher eine neue Variante vor, die zum Verkauf stehende Tui-Reederei Hapag-Lloyd in der Hansestadt zu halten. Das "Hamburger Lösung" genannte Konsortium von Kaufleuten solle sich lieber mit Fredriksen zusammentun, sagte der Sprecher zu Reuters. Die Tui-Reisesparte könne verkauft und Hapag-Lloyd als eigenständiges Unternehmen in Hamburg erhalten werden. Am Dienstag hatte der Hamburger Senat angekündigt, sich mit einem dreistelligen Millionenbetrag an dem Gebot des deutschen Bieterkonsortiums zu beteiligen.

Infineon im Branchensog
Der Chip-Hersteller Infineon war schlecht aufgelegt. Nach Auskunft von Marktteilnehmern reagierte der Dax-Titel auf schlechte Zahlen des taiwanesischen Konkurrenten United Microelectronics. Das Unternehmen hatte im Juni einen Umsatzrückgang um mehr als sieben Prozent verbucht.

BASF will schneller als der Markt wachsen
BASF hat am Dienstag seine Geschäftsziele für das laufende Jahr und darüber hinaus definiert. 2008 will der weltgrößte Chemiekonzern mehr umsetzen und das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) leicht verbessern. In den kommenden fünf Jahren will BASF zwei Prozentpunkte stärker als der Chemiemarkt wachsen. Diesen sieht der Konzern um 2,4 Prozent zulegen.

Wechselbad für Bayer
Vergleichsweise wacker hielt sich auch die Bayer-Aktie. Der Pharma- und Chemiekonzern hat in den USA grünes Licht für die Vermarktung des Leber-Kontrastmittels Primovist erhalten. Zudem will Bayer in China mit seiner Gesundheitssparte in den kommenden fünf Jahren jeweils mehr als 20 Prozent Umsatzplus erwirtschaften. Am Nachmittag kam aber ein Dämpfer, wiederum aus Amerika: Die US-Gesundheitsbehörde FDA fordert schärfere Warnhinweise bei so genannten antimikrobiellen Wirkstoffen, darunter auch die Bayer-Antibiotika Cipro und Avelox. Die FDA ordne einen schwarz umrandeten Warnhinweis an und damit den stärksten für rezeptpflichtige Arzneien in den USA, teilte die Behörde mit.

Klarheit bei Siemens
Die Siemens-Aktie konnte ihre Verluste ein wenig verringern, nachdem der Mischkonzern den geplanten Abbau von weltweit 16.750 Stellen bekannt gegeben hatte. Händler zeigten sich wenig überrascht. "Seit Tagen werden ähnliche Zahlen in der Presse herumgereicht, meist im Bereich von 17.000 Stellen. Dadurch waren die Anleger bereits vorbereitet und die Kursreaktion fällt entsprechend gering aus", sagte ein Marktteilnehmer.

KlöCo im Stahlhimmel
Die Aktie von Klöckner & Co behauptete mit klarem Abstand die MDax-Spitze. Der Stahlhändler profitierte im ersten Halbjahr 2008 von steigenden Stahlpreisen und von Zukäufen. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) zog auf rund 310 Millionen Euro an, nach 195 Millionen im Vorjahreszeitraum. Für das Gesamtjahr rechnet das Unternehmen nun mit einem Ebitda von mehr als 480 Millionen Euro.

Symrise wälzt Kosten weiter
Symrise erhöht wegen gestiegener Kosten für Energie, Transport und Rohstoffe seine Preise im Duftstoffgeschäft. In einigen Bereichen würden die Preise um bis zu zehn Prozent und mehr steigen, teilte der Duft- und Geschmacksstoffhersteller mit. Die Erhöhungen seien mit sofortiger Wirkung wirksam. Dem Kurs des trudelnden MDax-Titels tat dies nur vorübergehend gut.

Julius Bär stockt bei Fraport auf
Die Fraport-Aktie zeigte sich mit dem Gesamtmarkt schwach. Der Schweizer Vermögensverwalter Julius Bär hat seine Beteiligung an dem Flughafenbetreiber auf rund zehn Prozent aufgestockt. Eine US-Tochter der Gruppe teilte am Dienstag mit, ihr Stimmrechtsanteil habe am 27. Juni die Zehn-Prozent-Marke knapp überschritten.

Fresenius unter verschärfter Beobachtung
Erneut stand die Vorzugsaktie von Fresenius unter Druck. Nachdem der Bad Homburger Gesundheitskonzern am Montag die Milliardenübernahme des US-Wettbewerbers APP angekündigt hatte, nahm die Rating-Agentur Moody's nun die Kreditwürdigkeit von Fresenius unter die Lupe. Die aktuelle Bewertung der Bonität sei "unter Beobachtung" genommen worden, so Moody's.

Solon-Aktie verliert zehn Prozent
Die Solarwerte im TecDax erlebten erneut einen schwachen Tag. Die Solon-Aktie büßte zehn Prozent ein. Nach Einschätzung der Schweizer UBS hat sich das "Risikoprofil" für die Aktie verschlechtert. Zudem bleibe der Cash-Flow ein Problem bei dem Unternehmen. Das Urteil der UBS-Analysten: "Sell". Solon reagierte auf die Studie am Mittag mit dem Hinweis, die Geschäfte liefen "planmäßig".

SdK legt bei Wirecard nach
Die Aktie von Wirecard gab um gut zwei Prozent nach. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) erklärte in einer Pressemitteilung, es bestünden weiterhin zahlreiche offene Fragen bezüglich der Bilanzierung des TecDax-Unternehmens. Die Aktionärsschützer kündigten einen umfassenden Fragenkatalog an und rieten Anlegern, Abstand von der Aktie zu nehmen.

Fielmann weiter im Aufwind
Einer der wenigen deutlichen Kursgewinner im SDax war die Fielmann-Aktie. Analysten sprachen von "extrem guten Eckzahlen", die der Brillenfilialist für das erste Halbjahr gemeldet hat. Die Erlöse kletterten nach vorläufigen Zahlen um acht Prozent auf 449 Millionen Euro. Der Vorsteuergewinn hat sich um 43 Prozent auf "mehr als 80 Millionen Euro" erhöht. Fielmann hat in den ersten sechs Monaten 2008 elf neue Filialen eröffnet.

Kartellamt setzt Air Berlin zu
Größter SDax-Verlierer war erneut die Aktie von Air Berlin, die über acht Prozent abgab. Das Bundeskartellamt hat dem Unternehmen eine Frist bis zum 14. Juli gesetzt, um Bedenken gegen die geplante Condor-Übernahme auszuräumen. Von besonderem Interesse ist für die Wettbewerbshüter die Frage, welche Langstreckenflüge Air Berlin anbieten will. Am Abend wurde bekannt, dass die Deutsche Bank ihren Anteil an der Fluggesellschaft weiter verringert hat. Der Anteil habe am vergangenen Freitag noch bei 5,8 Prozent gelegen, teilte Air Berlin mit. Erst Mitte Juni hatte die Deutsche Bank ihren Anteil von 12,9 auf 7,4 Prozent reduziert.

Apax bei D+S am Ziel
Am frühen Nachmittag meldete der Call-Center-Betreiber D+S Europe, dass dem Finanzinvestor Apax die Übernahme geglückt ist. Apax habe sich 85,01 Prozent der Stimmrechte gesichert, womit die Übernahmeofferte zu 13,00 Euro pro D+S-Aktie erfolgreich war. Bislang unschlüssige Aktionäre könnten noch bis zum 22. Juli das Apax-Angebot annehmen.

Medigene-Aktie bricht ein
Für Medigene war es ein schwarzer Tag. Das Biotechunternehmen musste eine laufende klinische Studie anhalten, nachdem ein Patient Herzprobleme bekam und später starb. Bei der Studie der Phase I sei die Substanz Rhudex getestet worden, teilte Medigene mit. "Bisher ist unklar, ob ein Zusammenhang zwischen diesem tragischen Vorfall und der Einnahme des Medikaments besteht", erklärte das Unternehmen. Die Medigene-Aktie brach nach der Mitteilung um mehr als 20 Prozent ein.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 26. September

Unternehmen:
Deutsche Bank: Rede von Bank-Chef Sewing bei der Schmalenbach-Gesellschaft
Nestlé: Rede von Vorstandschef Schneider zum Thema "Nestle - current growth strategies in the food and beverage industry", 18:00 Uhr

Konjunktur:
USA: Zinsentscheid der Fed, 20 Uhr, Pk ab 20:30 Uhr
Deutschland: DIW-Konjunkturbarometer
USA Eigenheimabsatz, August, 16 Uhr

Sonstiges:
Hannover: Fortsetzung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September)