Ende der Schonfrist!

Detlev Landmesser

Stand: 15.02.2008, 20:31 Uhr

Zum Wochenschluss durfte der Dax noch einmal kurz Höhenluft schnuppern, bevor ihn die weltweite Finanzkrise wieder einholte. Neue Rezessionsängste und Krisenmeldungen warfen die Aktienmärkte zurück.

Der L-Dax ging 1,3 Prozent tiefer bei 6.852,73 Punkten ins Wochenende. Am Morgen hatte der Dax sogar zeitweise über 7.000 Punkten notiert. Angesichts neuerlicher Hiobsbotschaften von der Krisenfront hielten sich die US-Börsen bis zum Abend noch vergleichsweise gut. Und das, obwohl die Wall Street wegen des "President's Day" am Montag vor einer dreitägigen Handelspause steht.

Wieder gelang es dem US-Multimilliardär Warren Buffett, den Markt ein wenig zu stützen. Die Aktie von Kraft Foods gewann über sechs Prozent, nachdem Buffetts Konzern Berkshire Hathaway mit 8,6 Prozent bei dem Lebensmittelkonzern eingestiegen war.

Ein Hinweis auf die vielleicht schon herrschende US-Rezession kam vom "Empire State Index", der die Industrietätigkeit im Bundesstaat New York misst. Der Index brach auf minus 11,72 Zähler von plus 9,03 Punkten im Vormonat ein. Das ist der tiefste Stand seit fast fünf Jahren. Von Reuters befragte Analysten hatten im Schnitt mit plus 6,00 Zählern gerechnet.

Auch die Daten zum Zufluss ausländischen Kapitals in die USA waren eine kalte Dusche. Diese gingen im Dezember drastisch auf 60,4 Milliarden Dollar zurück. Im November waren es noch revidiert 150,8 Milliarden. Die USA benötigen zur Finanzierung ihrer massiven Haushalts- und Handelsbilanzdefizite ausländisches Kapital - rund zwei Milliarden Dollar pro Tag. Die Daten zur Industrieproduktion im Januar fielen dagegen mit einem Zuwachs von 0,1 Prozent zum Vormonat wie erwartet aus. Schließlich folgte der Verbrauchervertrauensindex der Uni Michigan, der deutlich von 78,4 auf 69,6 Punkte einbrach. Dieses Niveau wurde in der Vergangenheit nur während Rezessionszeiten erreicht. Volkswirte hatten mit einem wesentlich geringeren Rückgang auf 76,0 Punkte gerechnet.

Zwei Citigroup-Fonds in Schieflage?

Unterdessen scheint die Krise weitere Hedge-Fonds erreicht zu haben. Wie das "Wall Street Journal" am Freitag berichtete, stecken zwei Hedge-Fonds der größten US-Bank Citigroup tief in der Krise. Bei seinem etwa 500 Millionen Dollar schweren Fonds CSO Partners habe das Institut jede Auszahlung von Geldern an Anleger gestoppt. Ein weiterer Fonds mit dem Namen Falcon Plus Strategies habe in den ersten drei Monaten seiner Laufzeit einen Verlust von 52 Prozent eingefahren, berichtete das US-Blatt.

Anleiheversicherer herabgestuft
Die Ratingagentur Moody's hat dem Anleiheversicherer Financial Guaranty Insurance (FGIC) seine Spitzenbewertung "AAA" entzogen. Moody's begründete die Herabstufung auf "A3" mit der geschwächten Kapitallage und einem schlechteren Geschäftsprofil. Ende Januar hatten bereits S&P und Fitch den viertgrößten Anleiheversicherer auf "AA" herabgestuft. Die beiden Branchenführer MBIA und Ambac genießen dagegen unverständlicherweise nach wie vor Top-Ratings. Mit neuen Einstufungen für Ambac und MBIA sei "in den kommenden Wochen" zu rechnen, teilte Moody's mit. Die massiven Probleme der Anleiheversicherer sind für die Finanzmärkte weltweit bedrohlich.

Zumwinkel gibt Hinterziehung zu...
Am Nachmittag wurde auch die Frage, ob Ex-Postchef Klaus Zumwinkel tatsächlich Steuern hinterzogen hat, beantwortet. Nach Angaben von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat der Top-Manager die Steuerhinterziehung eingeräumt. Am Mittag trat Zumwinkel von seinem Posten als Post-Vorstandschef von dem Posten als Aufsichtsratschef der Deutschen Postbank zurück. Noch gestern hatte der Bonner Konzern betont, dass Zumwinkel im Amt bleibe.

... und das ist nur die Spitze des Eisbergs
Dass der Fall des Post-Chefs nur ein Auftakt war, bestätigte am Mittag die Staatsanwaltschaft Bochum. Hunderte prominente und reiche Deutsche haben demnach die Liechtensteiner LGT-Bank genutzt, um Steuern zu hinterziehen. Aus Ermittlerkreisen verlautete, dass es in Deutschland in den nächsten Tagen Razzien geben werde. Ein Ermittler sagte, man habe die ganze LGT-Bank "geknackt".

Postbank krisenfest
Die Aktie der Postbank hielt sich trotz der Kurswende des Marktes deutlich im Plus. Der Konzern hat im vergangenen Jahr ein Ergebnis von etwas mehr als einer Milliarde Euro erzielt. Beim Zins- und Provisionsüberschuss verbuchte die Bank gegenüber 2006 ebenfalls Zuwächse, die Eigenkapitalrendite erreichte 19,3 Prozent. Im Zusammenhang mit der Subprime-Krise verzeichnete das Institut vergleichsweise geringe Wertminderungen in Höhe von insgesamt 112 Millionen Euro.

FMC gefragt
Über zwei Prozent Plus gab es auch für die Titel von Fresenius Medical Care (FMC). Ein Händler verwies auf einen optimistischen Analystenkommentar von Goldman Sachs als Kursstütze. Die Experten haben ihre Einschätzung für den US-Pharmasektor auf "Attractive" angehoben.

Schlechte Presse für Bayer
Bayer-Papiere verloren 3,7 Prozent. Händler verwiesen auf Medienberichte, wonach ein schnellerer Vermarktungsstop des Herzmittels Trasylol durch die US-Gesundheitsbehörde FDA 22.000 Patienten das Leben hätte retten können. Gegen Bayer seien bereits mehrere Klagen im Zusammenhang mit Trasylol anhängig. Ihre Anzahl könnte steigen, sollte Bayer wirklich Informationen zu spät weitergeleitet haben. Lehman Brothers senkte die Aktie zudem auf "Equal-weight".

Lob für Linde
Die Analysten von Lehman Brothers hoben das Kursziel für die Linde-Aktie von 83 auf 98 Euro. Unterstützend wirkte auch die gute Bilanz des Konkurrenten Air Liquide. Der französische Industriegasekonzern verdiente im vergangenen Jahr 1,123 Milliarden Euro. Der Umsatz stieg um 7,8 Prozent auf 11,8 Milliarden Euro. Air Liquide ist zuversichtlich, im laufenden Jahr seinen Nettogewinn um einen zweistelligen Prozentsatz zu steigern.

Estavis rudert zurück
Fast 30 Prozent büßte die Aktie von Estavis ein. Der Immobilienhändler musste seine Prognosen für Umsatz und Rendite im laufenden Geschäftsjahr deutlich zurücknehmen. Die Finanzmarktkrise erschwere institutionellen Investoren die Finanzierung, teilte das Unternehmen mit. Estavis erwartet für das laufende Geschäftsjahr einen bei knapp 200 Millionen Euro stagnierenden Umsatz. Bisher hatte der Vorstand eine Steigerung um gut 50 Prozent auf 300 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Die operative Umsatzrendite (Ebit-Marge) vor Sondereffekten soll nun lediglich etwa zehn Prozent betragen, statt zwölf bis 14 Prozent.

Lang & Schwarz schreibt rot
Die Aktie von Lang & Schwarz taumelte weiter nach unten. Das Wertpapierhandelshaus hat das vergangene Jahr mit einem Verlust abgeschlossen. Der Fehlbetrag belief sich auf 0,5 Millionen Euro, teilte das Düsseldorfer Unternehmen mit. 2006 hatte der Konzern noch einen Gewinn von sieben Millionen Euro gemacht. Das Provisionsergebnis legte leicht auf 5,8 Millionen Euro zu, die Erträge aus Wertpapieren und das Handelsergebnis schrumpften um 2,5 Millionen Euro auf 11,1 Millionen Euro. Lang & Schwarz begründete die Verluste mit Sondereffekten.

Realtech wächst dynamisch
Die Aktie von Realtech legte weiter zu. Das Software- und Beratungsunternehmen hat 2007 beim Ebit die Prognosen eindeutig übertroffen. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern lag mit 6,6 Millionen Euro zehn Prozent über den Erwartungen. Realtech steigerte den Umsatz um 17 Prozent auf 63,8 Millionen Euro.

Xing erreicht Ziele
Das Internet-Netzwerk für Geschäftskontakte Xing hat nach vorläufigen Zahlen 2007 einen Umsatz von 19,6 Millionen Euro sowie ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von 6,89 Millionen Euro erwirtschaftet. Xing teilte mit, damit habe man die für 2007 abgegebene Jahresprognose einer ungefähren Verdopplung des Umsatzes und einer Ebitda-Marge von 30 bis 35 Prozent erreicht und liege bei der Profitabilität sogar am oberen Ende der Spanne.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
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Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
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