Marktbericht 20:08 Uhr

Dax & Co rutschen ab Ende der Erholungstour

Stand: 29.05.2013, 20:08 Uhr

Wie ein Drogenabhängiger hängen derzeit die Börsen am Tropf der Notenbanken. Die Angst vor einem Entzug ist groß. Das zeigte sich wieder einmal am Mittwoch: Neu angefachte Spekulationen auf ein Ende des billigen Geldes lösten weltweit einen Kursrutsch aus.   

Die Anleger sind derzeit hin- und hergerissen. Nach dem Kurseinbruch Ende der vergangenen Woche ging es zu Wochenbeginn wieder kräftig nach oben. Doch am Mittwoch machte sich schon wieder Ernüchterung breit. Der Dax sackte um 1,7 Prozent ab auf rund 8.337 Punkten. Der L-Dax schloss fünf Punkte höher. Damit sind die Kursgewinne seit Anfang der Woche schon fast wieder komplett aufgezehrt.

Auch an der Wall Street dominierten die Minuszeichen. Der Dow eröffnete deutlich schwächer, reduzierte aber inzwischen das Minus auf 0,6 Prozent. 

Gute Konjunkturdaten können auch belasten

Für ein Wechselbad der Gefühle sorgten die gestrigen Konjunkturdaten aus den USA. Der Anstieg des Verbrauchervertrauens auf ein Fünfjahres-Hoch stimmte am Dienstag die Anleger noch zuversichtlich und trieb den Dow auf ein Rekordhoch. Doch am Mittwoch wurden die Daten plötzlich negativ interpretiert. Die zunehmende Konjunkturerholung heizte die Befürchtungen vor einem nahenden Ende der Geldschwemme der Fed an. Denn je stärker Amerikas Wirtschaft in Schwung kommt, desto weniger groß ist der Bedarf, Geld in die Märkte zu pumpen. "Was normalerweise als Stütze dienen sollte, wirkt sich nun als Belastungsfaktor aus", erklärt Marktstratege Gregor Kuhn vom Broker IG Markets. Anleger nahmen Gewinne mit.

Eurozone droht noch härtere Rezession

Für zusätzlichen Verkaufsdruck sorgten Nachrichten aus Europa und China. So senkte der Internationale Währungsfonds die Wachstumsprognose für China. Und dann schraubte auch noch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Prognose für die Eurozone herunter. Die OECD rechnet mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,6 Prozent, also einer scharfen Rezession.

Gleichzeitig scheint in der Europäischen Zentralbank (EZB) der Wille zu neuen unkonventionellen Hilfsmaßnahmen zugunsten der Krisenländer abzunehmen. Laut einem Bericht der "Welt" steht das EZB-Direktorium nicht mehr geschlossen hinter Präsident Mario Draghi. Nachdem der deutsche EZB-Direktor Jörg Asmussen gegen die jüngste Zinssenkung stimmte, geht nun auch EZB-Direktor Yves Mersch auf Distanz. Der Luxemburger lehne neue Maßnahmen jenseits der klassischen Zinspolitik ab, hieß es.

Euro zieht an

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
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Der Widerstand im EZB-Direktorium gegen eine weitere Lockerung der Geldpolitik stützte den Euro. Die Gemeinschaftswährung konnte sich deutlich von ihren Verlusten erholen und kletterte am Abend auf 1,2950 Dollar. Gestern noch war der Euro deutlich unter 1,29 Dollar gerutscht.

Commerzbank auf der Gewinnerseite

Im Dax gab es nur drei Gewinner: K+S, BMW... und die Commerzbank. Wie geplant hat das Geldinstitut bei seiner Kapitalerhöhung rund 2,5 Milliarden Euro eingesammelt. "Damit sind wir in der Lage, die stillen Einlagen des SoFFin sowie der Allianz vollständig abzulösen", erfreute sich Vorstandschef Martin Blessing. Die Nachfrage nach den neuen Aktien sei groß gewesen, die Bezugsrechte wurden zu 99,7 Prozent ausgeübt.

VW atmet auf, Daimler ruft zurück

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Uneinheitlich präsentierten sich die Autowerte. Während BMW im Plus schloss, sackten die Titel von Daimler um zwei Prozent ab. Der Rückruf der A-Klasse belastete die Titel. Nur leicht im Minus schlossen die Papiere von VW. Deutschland muss wohl das VW-Gesetz mit seiner Sperrminorität für das Land Niedersachsen nicht ändern. Die Klage der EU-Kommission gegen Deutschland wegen einer unvollständigen Umsetzung des EuGH-Urteils zum VW-Gesetz von 2007 sei zurückzuweisen, erklärte Generalanwalt Nils Wahl in Luxemburg.

Gewinnmitnahmen bei Henkel und Bayer

Zu den größten Dax-Verlierern im Dax gehörte die Aktie von Henkel. Händler sprachen von Gewinnmitnahmen nachdem die Papiere des Konsumgüterkonzerns erst gestern mit einem Sprung auf 78,77 Euro abermals ein Rekordhoch erreicht hatten. Auch bei der Aktie von Bayer machten die Anleger Kasse. Der Pharma- und Chemiekonzern erhielt von den Wettbewerbsbehörden die Erlaubnis zur Übernahme des US-Verhütungsmittelspezialisten Conceptus.

Fresenius will mit Rhön kooperieren

Der Gesundheitskonzern kündigte am Mittwoch den Vorstoß ins Krankenversicherungs-Geschäft an. Gemeinsam mit dem Versicherer Debeka will die Fresenius-Tochter Helios betriebliche Krankenzusatzversicherungen anbieten, sagte Helios-Chef Francesco de Meo. Dabei plant Helios auch eine Zusammenarbeit mit Rhön-Klinikum - nach der geplatzten Übernahme. Die Fresenius-Aktien verloren über zwei Prozent.

Linde und Post bekräftigen Prognosen

Gleich zwei Dax-Konzerne luden am Mittwoch zur Hauptversammlung ein. Der scheidende Linde-Chef Wolfgang Reitzle stellte den Aktionären ein weiteres Rekordjahr in Aussicht. Das operative Ergebnis soll auf mindestens vier Milliarden Euro klettern. Offen blieb aber, wie es nach dem Ende der Ära Reutzle weitergeht. Ein möglicher Nachfolger wurde nicht genannt. Auch die Deutsche Post bestätigte ihre Ziele für 2013 und 2015. Im laufenden Jahr soll das operative Ergebnis (Ebit) auf 2,7 bis 2,95 Milliarden Euro steigen. 2015 soll das Ebit bei 3,35 bis 3,55 Milliarden Euro liegen. "Wir haben keine Problem-Baustellen", verkündete Post-Chef Frank Appel.

Eklat auf Vossloh-HV

Deutlich turbulenter ging es auf der HV von Vossloh zu. Zwischen den Großaktionären kam es zum offenen Streit. Die Gründerfamilie Vossloh machte Front gegen Heinz Hermann Thiele, der über 25 Prozent Anteile am Bahntechnik-Konzern hält. Er solle nicht in den Aufsichtsrat einziehen, forderte die Sprecherin der Familie. Doch die Aktionäre liessen sich davon nicht beeindrucken. Sie wählten Thiele gegen den Widerstand der Vosslohs in das Gremium.

EADS will noch mehr Flugzeuge verkaufen

Zu den wenigen MDax-Gewinnern zählte EADS. Vorstandschef Tom Enders kündigte auf der Hauptversammlung in Amsterdam an, dass Airbus 2013 mehr als 800 Flugzeuge verkaufen sole. Das sind gut 100 Maschinen mehr als bislang angestrebt. Die Aussagen lassen darauf schließen, dass bei der wichtigen Luftfahrtmesse in Le Bourget Mitte Juni einige große Aufträge zu erwarten sind.

Pfeiffer, Deutsche Wohnen und Wacker Neuson ex Dividende

Die Aktien des Spezialpumpenherstellers Pfeiffer Vacuum erholten sich vom gestrigen Kurseinbruch und waren größter TecDax-Gewinner mit einem Plus von über drei Prozent - trotz Dividendenabschlags. Ausgeschüttet wurden 3,45 Euro je Anteil. Auch die Aktien der Immobiliengesellschaft Deutsche Wohnen (0,21 Euro je Aktie) und des Baumaschinenproduzenten Wacker Neuson (0,30 Euro je Titel) wurden ex Dividende gehandelt.

Praktiker-Geschäft fällt ins Wasser

Im SDax führten die Aktien von Catoil die Gewinnerliste an nach den gestern vorgelegten starken Quartalszahlen. Die Aktie hüpfte um sieben Prozent nach oben. Am SDax-Ende rangierte dagegen Praktiker mit einem Minus von vier Prozent. Denn die Baumarktkette leidet ähnlich wie die Konkurrenz unter dem verregneten Frühjahr. Das Geschäft sei sprichwörtlich ins Wasser gefallen, gab Praktiker-Chef Armin Burger am Rande der Hauptversammlung in Hamburg zu. Noch hat Praktiker aber die Aufholjagd nicht aufgegeben. Burger: "Wir warten das zweite Quartal ab."

IVG sucht nach Einigung mit Gläubigern

Die Aktien von IVG legten zwei Prozent zu. Der hochverschuldete Immobilienkonzern will mit den Gläubigern eine Grundsatzeinigung bis Juli erzielen. Vorstandschef Wolfgang Schäfers appellierte an die Kreditgeber, Gläubigerausschüsse für die verschiedenen Kreditlinien und Anleihen einzurichten, um Gespräche über das neue Finanzierungskonzept aufzunehmen. Für den 14. August ist die Hauptversammlung angesetzt, auf der die Aktionäre über den Plan abstimmen sollen.

Loewe buhlt um neue Investoren

Auch der anschlagene Fernsehbauer Loewe kämpft um seine Zukunft. Die Oberfranken arbeiten an einer Kapitalerhöhung, bei der bis 6,5 Millionen neue Aktien ausgegeben werden sollen. Dabei buhlt Loewe um Investoren aus Asien. Sie könnten rund ein Drittel Anteile an dem TV-Konzern erwerben. Anleger schöpfen Hoffnung. Die Aktie von Loewe schießt um acht Prozent nach oben.

Sunways will Insolvenz vermeiden

Noch fulminanter war der Kurssprung von Sunways. Die Aktie raste um 169 Prozent nach oben – allerdings auf niedrigem Niveau von 21 Cent auf 58 Cent.  Die angeschlagene Solarfirma will mit aller Macht ein Insolvenzverfahren verhindern. "Wir haben das Ziel, Sunways in den nächsten drei Monaten so aufzustellen, dass wir in der Zukunft auch wieder Gewinne erwirtschaften können", kündigte Vorstandschef Hoong Khoeng Cheong an. Das Amtsgericht Konstanz hatte Anfang Mai ein vorläufiges Insolvenzfahren über Sunways angeordnet.

Peugeot vor Kapitalerhöhung?

Im Ausland sorgte Peugeot für Gesprächsstoff. Der kriselnde Autobauer erwägt laut einem Medienbericht eine weitere Kapitalerhöhung. Damit würde der Einfluss der Peugeot-Familie sinken, die derzeit 25 Prozent der Aktien hält. Der Peugeot-Kurs sackte um fünf Prozent ab.

Conwert hui, Strabag pfui

Aus Österreich meldeten Conwert und Strabag Quartalszahlen. Der lange kalte Winter hat Strabag im ersten Quartal einen höheren operativen Verlust eingebrockt. Der Betriebsverlust (Ebit) stieg um fünf Prozent auf rund 172 Millionen Euro. Die Bauleistung schrumpfte um sechs Prozent auf 2,14 Milliarden Euro. Die Aktie verlor knapp zwei Prozent. Besser lief es für die Immobiliengesellschaft Conwert. Das Betriebsergebnis wuchs um ein Drittel auf 35,6 Millionen Euro. Die Mieteinnahmen erhöhten sich um gut ein Fünftel auf knapp 57 Millionen Euro – auch dank der Übernahme der Hamburger Wohnungsgesellschaft KWG. Die Conwert-Aktie legte knapp zwei Prozent zu.

Apple dreht an der Uhr

Apple-Chef Tim Cook hat Spekulationen über eine Computer-Uhr neuen Auftrieb gegeben. "Ich denke, das Handgelenk ist interessant", sagte Cook auf einer Konferenz. Es sei natürlich, dort etwas zu tragen. Aber um mit einem Gerät fürs Handgelenk erfolgreich zu sein, müsse man die Leute erst überzeugen. Cook zufolge werde tragbare Computertechnik in Zukunft ein wichtiger Teil der Gerätewelt sein. Laut früheren Medienberichten hat Apple bereits ein Team aus mehr als 100 Leuten, das an einer Datenuhr arbeitet.

nb

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 18. Juli

Unternehmen:
NovartisVW: Q2-Zahlen, 6:45 Uhr
Cassiopea: Halbjahreszahlen, 7 Uhr
Software: Q2-Zahlen, 7 Uhr
ASML: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Akzo Nobel: Q2-Zahlen, 7:30 Uhr
Ericsson: Q2-Zahlen, 8 Uhr
Easyjet: Q3-Zahlen, 8 Uhr
Morgan Stanley: Q2-Zahlen, 13 Uhr
Abott Laboratories: Q2-Zahlen, 13:45 Uhr
American Express: Q2-Zahlen, 22 Uhr
Alcoa: Q2-Zahlen, 22:05 Uhr
Ebay: Q2-Zahlen, 22:15 Uhr
IBM: Q2-Zahlen, 22:30 Uhr

Konjunktur:
EU: Verbraucherpreise (endgültig), 06/18, 11 Uhr
USA: Baubeginne- und genehmigungen 06/18, 14:30 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung im Juni, 15:15 Uhr
USA: NAHB-Index Juli, 16:00 Uhr
USA: Rede von Fed-Chef Powell vor dem Bankenausschuss des Senats, 16:00 Uhr