Marktbericht 20:02 Uhr

Ukraine-Krise bald beendet? Eine Rally voller Fragezeichen

Stand: 03.09.2014, 20:02 Uhr

Wie ernst es Wladimir Putin und Petro Poroschenko wirklich meinten, als sie am Mittwoch eine baldige Lösung der Ukraine-Krise in Aussicht stellten, bleibt abzuwarten. Trotz aller Skepsis überwog an den Aktienmärkten die Erleichterung.

Als der ukrainische Präsident Petro Poroschenko am Mittwochvormittag plötzlich von einer möglichen Waffenruhe mit den Rebellen im Osten des Landes spricht, kennt der Dax kein Halten mehr. Binnen Minuten springt der deutsche Leitindex um gut 175 Zähler auf 9.683 Punkte, sein Tageshoch.

Die Ankündigung wurde zwar umgehend vom Kreml relativiert, doch auch Russland Präsident Wladimir Putin lässt durchblicken, dass eine Einigung zwischen der ukrainischen Regierung und den Rebellen bis zum kommenden Freitag werden könnte. An dem Tag wollen die EU-Staaten über neue Wirtschaftssanktionen gegen Russland entscheiden. Genau das sorgte bei einigen Händlern denn auch für Stirnrunzeln: "Man könnte schon meinen, dass es Putin nur darum geht, die Sanktionen zu verhindern", sagte ein er.

Dax schließt über 9.600 Punkten

Trotzdem geben die Anleger ihre Zurückhaltung auf und greifen wieder bei Aktien zu. Daran können auch die Aussichten auf eine weitere Verschärferung der westlichen Sanktionen gegen Russland etwas ändern. Besonders russlandaffine Titel wie Adidas, Catoil oder DMG Mori Seiki, legen überdurchschnittlich zu.

Der Dax kann einen Großteil seiner Gewinne den ganzen Tag über verteidigen. Gewinnmitnahmen schmälern kurz vor Handelsende die Bilanz. Der Leitindex geht schließlich bei 9.626 Punkten aus dem Handel, 1,26 Prozent oder 119 Zähler mehr als am Dienstag. Damit hat er die vor allem von Charttechnikern beobachtete 200-Tage-Linie bei zuletzt 9.517 Zählern weit hinter sich gelassen, so dass weiteren Kursgewinnen nichts mehr im Wege steht.

In New York haben die Hoffnungen auf eine Entspannung der Ukraine-Krise den marktbreiten S&P-500-Index auf ein Rekordhoch von 2.007,78 Punkte geschickt. Die neuesten Daten zur heimischen Industrie (die Aufträge stiegen um 10,5 Prozent) brachten keine zusätzlichen Impulse. Der Leitindex Dow Jones Industrial legte trotzdem zu. Ihm fehlten zeitweise nicht einmal mehr zwei volle Punkte, um seinen Ende August erreichten Höchststand von 17.153,80 Punkten zu überspringen. Bei Börsenschluss in Frankfurt notiert der Dow bei 17.114 Punkten, 0,27 Prozent höher als am Vortag.

Börsenexperten wie Jens Klatt warnen jedoch vor übertriebener Euphorie. Die Rally könnte so fragwürdig und brüchig sein wie die Waffenruhe selbst und sollte deshalb nicht überbewertet werden.

Hoffen auf Draghi

Die Hoffnungen der Anleger richten sich aber an die Europäische Zentralbank in Frankfurt. Die könnte auf ihrer morgigen Ratssitzung eine weitere Lockerung der Geldpolitik beschließen. Aus heiterem Himmel hatte Notenbankchef Mario Draghi am vergangenen Wochenende seine Sorgen über zunehmende Deflationsrisiken zum Ausdruck gebracht. Viele Ökonomen und Marktbeobachter glauben deshalb, dass der EZB-Rat bei seiner morgigen Sitzung nicht umhinkommen werde, die Geldpolitik für die Euro-Zone weiter zu lockern.

Eurokurs profitiert ebenfalls

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
1,1765
Differenz relativ
+0,01%

Die Hinweise auf eine Entspannung in der Ukraine haben auch den Kurs des Euro befeuert. Die europäische Gemeinschaftswährung erreichte ein Tageshoch bei 1,3159 Dollar, ist bis zum Börsenschluss in Frankfurt aber wieder auf 1,3138 Dollar zurückgefallen. In der Nacht hatte der Euro noch 1,3122 Dollar gekostet.

Adidas und Lufthansa an der Dax-Spitze

Bei den Einzelwerten im Dax erobert die Adidas-Aktie den Spitzenplatz, profitiert das Unternehmen doch von der Aussicht auf eine Entspannung in der Ukraine-Krise. Auch die Lufthansa-Aktie kann sich kräftig erholen. Damit setzt das in vergangenen Woche wegen eines Pilotenstreiks unter Druck geratene Papier seine Erholung fort. Am Vormittag wurde bekannt, dass Lufthansa Cargo angesichts des harten Wettbewerbs in der Luftfrachtbranche eine Partnerschaft mit der japanischen Airline ANA geschlossen hat.

Adidas: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
210,70
Differenz relativ
+1,10%
Lufthansa: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
21,85
Differenz relativ
-5,21%

Deutsche Bank aussterbende Art?

Auch die Deutsche Bank gehört zu den stärksten Werten im Dax. Grund dürfte die anhaltende Hoffnung auf eine baldige Beilegung des Krieges in der Ukraine sein. Die Reaktion der Anleger steht im starken Kontrast zu den Aussagen von Anshu Chain. Der Deutsche Bank-Co-Chef sieht seine Bank in Europa vom Aussterben bedroht. Gemeint sind globale Universalbanken. Barclays und die beiden Schweizer Banken UBS und CS haben sich aus einigen Geschäftsbereichen in Europa bereits zurückgezogen.

Kräftig aufwärts geht es zudem mit der Commerzbank-Aktie. Dabei sorgt Bank-Chef Martin Blessing für Polemik, hat er sich doch im Gegensatz zu früheren Aussagen, jetzt für den Einsatz von Eurobonds ausgesprochen.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
10,38
Differenz relativ
-0,61%
Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
9,56
Differenz relativ
+0,96%

Kauft SAP zu?

Einziger Verlierer im Dax sind die Papiere von SAP. Grund sind Spekulationen über eine mögliche Milliardenübernahme. Der amerikanische Softwarehersteller hat sich laut Bloomberg selbst zum Verkauf gestellt. Concur soll auch Oracle angesprochen haben, der SAP-Konkurrent hätte aber bereits abgewunken. Seit 2010 sind bei SAP mehr als 15 Milliarden Dollar in Übernahmen geflossen. Allein die Möglichkeit einer Übernahme des 5,8 Milliarden Dollar schweren Unternehmens belastet die SAP-Aktie deshalb.

Rheinmetall mit Fusionsfantasien

Im MDax haben Fusionsfantasien die Rheinmetall-Aktie an die Spitze getrieben. Hintergrund ist ein Bericht der Wochenzeitung "Die Zeit", demzufolge sich Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel für einen Zusammenschluss der beiden deutschen Panzerhersteller Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann (KMW) ausgesprochen hat.

Metro: Großbritannien-Ausflug vorbei

Um fast mehr als zwei Prozent bergauf geht es auch mit der ebenfalls im MDax notierten Metro-Aktie. Der Handelskonzern versilbert seinen knapp zehnprozentigen Anteil an dem britischen Großhändler Booker. JPMorgan soll die Aktien an Investoren verkaufen. Für Metro dürfte es ein Gewinngeschäft werden, 2012 hatte es die Anteile für 124 Millionen Pfund übernommen, heute sind sie an der Börse rund 212 Millionen Pfund wert.

Hugo Boss: Permira reduziert weiter

Mit Abstand größter Verlierer im MDax ist bis zum Handelsende die Hugo-Boss-Aktie. Der Finanzinvestor Permira setzt seinen Ausstieg aus dem Modekonzern fort. Bei einer Platzierung sind 7,9 Millionen Aktien verkauft worden, wie ein Permira-Sprecher am Mittwoch bestätigte. Finanzkreisen zufolge lag der Verkaufspreis bei 101,50 Euro je Aktie. Damit wurde nur das untere Ende der angestrebten Preisspanne erreicht.

Zalando-IPO noch 2014

Großes Gesprächsthema auf dem Frankfurter Parkett ist Zalando. Der Onlinehändler will noch in diesem Jahr an die Börse gehen. "Abhängig vom Börsenumfeld" soll der Börsengang im zweiten Halbjahr 2014 stattfinden. Laut Insidern strebt Zalando beim Börsengang ein Emissionsvolumen von bis zu 750 Millionen Euro an. Ein Ausgabepreis für die Aktien wird in der Woche vom 29. September erwartet.

Cancom-Chef verkauft

Im TecDax sorgen die Cancom-Aktien für Aufmerksamkeit. Die Titel setzen ihre jüngsten Kursverluste von zeitweise rund fünf Prozent fort. Ein Händler verwies auf Mitteilungen über die Geschäfte von Führungspersonen vom Dienstagabend, die auf der Stimmung der Anleger lasteten. Unternehmenschef Klaus Weinmann hatte in den vergangenen Tagen mehrere Aktienpakete verkauft. Seit Mitte vergangener Woche haben die Titel rund zehn Prozent ihres Wertes eingebüßt.

United Internet: Keine halben Sachen

Für Furore und einen steigenden Aktienkurs sorgt dagegen United Internet. Der Internetanbieter will den Glasfaserbetreiber Versatel vollständig übernehmen. Für den noch ausstehenden Anteil von 74,9 Prozent zahlt United Internet rund 586 Millionen Euro in bar an den Finanzinvestor KKR. Durch die vollständige Übernahme und eine veränderte Bilanzierung ist 2014, nach Transaktionskosten, ein einmaliger Ertrag von etwa 100 Millionen Euro zu erwarten.

Tipp 24 schmelzt ab

Im SDax ist die Tipp24-Aktie nach dem Durcheinander der vergangenen Tage der größte Verlierer. Das Unternehmen hat mit der Veröffentlichung und dem anschließenden Rückzug einer Gewinnwarnung das Vertrauen der Anleger massiv verspielt.

Grammer auf Erholungskurs

Grammer: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
52,15
Differenz relativ
-0,29%

Dagegen hat die Aktie des Autozulieferers Grammer ihre Talfahrt vorerst beendet. Die Aktie ist mit einem Plus von 4,9 Prozent der stärkste Wert im SDax. Im vergangenen Monat hatte das Papier mehr als 12 Prozent eingebüßt, während das Kleinewertesegment 1,3 Prozent zulegte.

LVMH verliert Machtkampf

Nach fast vier Jahren haben die französischen Luxus-Unternehmen Hermès und LVMH ihren erbitterten Machtkampf beendet: Der weltgrößte Luxuskonzern LVMH gibt seine Anteile an Hermès von mehr als 23 Prozent an seine eigenen Aktionäre ab und verpflichtet sich, in den nächsten fünf Jahren keine neuen Hermès-Anteile zu kaufen, teilten beide Unternehmen mit. Das für seine Lederwaren und Seidentücher bekannte Modehaus Hermès hatte LVMH vorgeworfen, heimlich seine Anteile an Hermès erhöht zu haben, und befürchtete eine feindliche Übernahme.

Sanofi: Neuer Blockbuster?

Eine Erfolgsmeldung kommt aus dem Hause Sanofi: Der französische Pharmakonzern hat den ersten Impfstoff gegen die Tropenkrankheit Dengue-Fieber entwickelt. Laut der abschließenden klinischen Studie reduziert der Wirkstoff die Zahl der Krankheitsfälle um rund 60 Prozent. Er soll nun in der zweiten Jahreshälfte 2015 auf den Markt kommen. Einige Analysten trauen dem Medikament einen Jahresumsatz von einer Milliarde Euro zu.

Danone bald ohne Riboud

Während bei anderen Unternehmen die leidige Nachfolgefrage gar nicht oder nur unzureichend geklärt wird, schafft Danone die Grundlage für einen reibungslosen Machtwechsel: Der langjährige Alleinherrscher Franck Riboud (58) gibt die Geschäftsführung an seinen Stellvertreter im Verwaltungsrat, Emmanuel Faber (50), ab, behält gleichzeitig weiter sein Amt als Verwaltungsratsvorsitzender.

lg

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 26. September

Unternehmen:
Deutsche Bank: Rede von Bank-Chef Sewing bei der Schmalenbach-Gesellschaft
Nestlé: Rede von Vorstandschef Schneider zum Thema "Nestle - current growth strategies in the food and beverage industry", 18:00 Uhr

Konjunktur:
USA: Zinsentscheid der Fed, 20 Uhr, Pk ab 20:30 Uhr
Deutschland: DIW-Konjunkturbarometer
USA Eigenheimabsatz, August, 16 Uhr

Sonstiges:
Hannover: Fortsetzung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September)