Ein Zitteraal namens Dax

Detlev Landmesser

Stand: 01.03.2007, 20:31 Uhr

Auch am Donnerstag war die Nervosität mit Händen zu greifen. Neue Sorgen rissen den Dax zeitweise um mehr als 2,5 Prozent nach unten. An der Wall Street ging es nach hektischem Handel etwas ruhiger zu.

Erst hatte es noch nach einer typischen Kurserholung ausgesehen, bis die Stimmung gegen Mittag plötzlich wieder kippte. Zeitweise unterschritt der Dax auch seinen Schlussstand vom Jahresende 2006 bei 6.596,92 Punkten. Der L-Dax schloss dagegen wieder bei 6.632,86 Punkten.

Angesichts der starken Kurserholung des japanischen Yen waren neue Sorgen um die Auflösung so genannter Carry Trades aufgekommen. Der Yen legte am Donnerstag kräftig zu und überschritt gegenüber dem Dollar wieder sein Niveau von Jahresbeginn. Bei Carry Trades leihen sich Anleger Geld in niedrig verzinsten Währungen wie dem Yen und legen die Mittel in Hochzinswährungen wie Euro oder Dollar an. Die Börsianer fürchten, dass die massiven in Yen aufgenommenen Kredite angesichts der weltweiten Verunsicherung zunehmend aufgelöst und somit Gelder vor allem aus Anlagen in US-Dollar abgezogen werden, was zu weiteren Kurseinbrüchen an der Wall Street führen könnte.

Unter dem Eindruck solcher Sorgen wurde der Konjunkturindex der US-Einkaufsmanager freudig begrüßt: Das an den Finanzmärkten viel beachtete Barometer stieg im Februar deutlich stärker als erwartet. Der Index kletterte von 49,3 auf 52,3 Zähler. Experten hatten im Schnitt nur mit 50,0 Punkten gerechnet. Außerdem waren die privaten Einkommen und Konsumausgaben im Januar stärker als erwartet gestiegen.

Prompt machten sich die großen US-Indizes nach oben auf, was den Dax deutlich stützte. Am Abend lagen die US-Börsen nur noch leicht im Minus.

Heuschrecken-Fantasie bei SAP

Im späten Computerhandel avancierte SAP zum Dax-Star und legte um 3,8 Prozent zu. Nach einem Bericht der "Wirtschaftswoche" will der US-Finanzinvestor Silver Lake bei dem deutschen Softwareprimus als Großaktionär einsteigen. Silver Lake wolle mindestens einen der SAP-Gründer Dietmar Hopp, Hasso Plattner und Klaus Tschira, die gemeinsam ein Drittel von SAP halten, zum Verkauf der Anteile bewegen und bereite ein Angebot vor, berichtete das Magazin auf seiner Internetseite unter Berufung auf Unternehmenskreise. Sollte der Preis stimmen, seien die Gründer für ein Angebot prinzipiell aufgeschlossen, habe es in den "Kreisen" geheißen.

Telekom trifft auf Skepsis
Allein 13,8 Dax-Punkte Minus gehen auf das Konto der T-Aktie. Der Gewinneinbruch im vierten Quartal lastete auf dem Dax-Schwergewicht. Das Schlussquartal 2006 wurde mit einem Fehlbetrag von 898 Millionen Euro nach einem Überschuss von 991 Millionen Euro ein Jahr zuvor abgeschlossen, wofür die Telekom Belastungen durch den Personalabbau geltend machte. Auch die Erläuterung der neuen Telekom-Strategie durch Vorstandschef Rene Obermann zündete am Kapitalmarkt nicht. Obermann will das Produktangebot stark vereinfachen und kräftig an der Kostenschraube drehen.

China-Spekulation bei DaimlerChrysler
Vorübergehend reagierte die Aktie von DaimlerChrysler positiv auf Spekulationen, drei chinesische Auto-Hersteller seien an Chrysler interessiert. Außerdem, so die "Welt", könne die Geländewagen-Marke Jeep aus Chrysler heraus gelöst werden und bei Daimler bleiben. Unterdessen hatte Chrysler im Februar erneut mit rückläufigen Absatzzahlen in den USA zu kämpfen. Mit 174.506 Autos verkaufte Chrysler acht Prozent weniger als vor Jahresfrist. Der Absatz von Mercedes Benz stagnierte bei 17.304 Autos.

Lufthansa mit doppeltem Schub
Die Lufthansa konnte dagegen ihren Tagesgewinn verteidigen. Einerseits will das Unternehmen nach einem Pressebericht dem britischen Konkurrenten Easyjet das Leben schwer machen. Für die konzerneigene Billigflugtochter Germanwings soll dafür eine fünfte Hauptbasis mit Sitz in Dortmund aufgebaut werden. Zum anderen half der Aktie eine Hochstufung durch die französische Großbank BNP Paribas.

Die Gespräche zwischen LTU und der KarstadtQuelle/Thomas-Cook-Tochter Condor über eine mögliche Fusion schienen die Anleger nicht weiter zu beunruhigen.

Allianz versichert auch in Japan
Japan-Fantasie wirkte bei der Allianz am Donnerstag nicht, die Allianz-Papiere verloren 2,4 Prozent. Der Finanzkonzern will in Japan ein Unternehmen aufbauen und seine Produkte über Banken anbieten, sagte ein Allianz-Sprecher am Donnerstag in Japan. Das Geschäft mit Lebensversicherungen werde voraussichtlich Anfang kommenden Jahres die Arbeit aufnehmen.

Beiersdorf will mehr Rendite
Die Beiersdorf-Aktie gehörte zu den zahlreichen MDax-Titeln, die sich im Verlauf nicht im Plus halten konnten. Der Konsumgüter-Hersteller will seine Rendite im Jahr 2007 weiter deutlich steigern. 2006 hatte Beiersdorf eine Rendite von 7,6 Prozent ausgewiesen. Für das abgelaufene Jahr hat der Konzern dank Sondererträgen seinen Nettogewinn auf 668 Millionen Euro fast verdoppelt. Die Dividende soll leicht von 57 auf 60 Cent je Aktie angehoben werden.

Gea stärkt sich in Italien
Die Aktie der Gea Group verlor 2,7 Prozent. Der Spezialmaschinen- und Anlagenbauer will die Unternehmenssparte Abfüllanlagen mit der Übernahme des italienischen Produzenten Procomac stärken. Die Norditaliener stellen Abfüllanlagen für die Getränke- und Lebensmittelproduktion her. Zum Kaufpreis wurden keine Angaben gemacht. Procomac setzte 2006 den Angaben nach 115 Millionen Euro um. Für das abgelaufene Geschäftsjahr 2006 erwartet Gea über vier Milliarden Euro Umsatz.

Mehr Geld von Hugo Boss...
Deutlich besser als der MDax schlug sich die Vorzugsaktie von Hugo Boss. Der Modekonzern will seine Aktionäre mit einer kräftigen Erhöhung der Dividende am Gewinn 2006 beteiligen. Je Vorzugsaktie sollten 1,20 Euro ausgeschüttet werden, teilte Boss am Donnerstag mit. Für die Stammaktionäre soll es 1,19 Euro geben. Mehrheitlich gehört Boss der italienischen Modegruppe Valentino.

... und Merck
Auch die Merck KGaA will ihren Aktionären Gutes tun. Für 2006 will der Darmstädter Pharmakonzern eine Dividende von 0,90 Euro und einen zusätzlichen Bonus von 0,15 Euro je Aktie ausschütten. Nach der geplanten Ausgliederung der Generikasparte soll das Ergebnis vor Steuern und Zinsen 2007 im "gut zweistelligen" Prozentbereich gesteigert werden.

EADS fällt durch
Die Aktie von EADS verlor 4,9 Prozent auf 24,64 Euro. Die Deutsche Bank hat ihre "Verkaufen"-Empfehlung für die Airbus-Muttergesellschaft am Donnerstag noch einmal bekräftigt. Nach der Präsentation des Sparprogramms "Power 8" behalten die Analysten ihr Kursziel von 21 Euro bei. Auch die anhaltenden Proteste der Belegschaft und der Produktionsstop der Frachtversion des A 380 förderten das Vertrauen in die Aktie nicht.

Solarworld will größte US-Solarfabrik bauen
Unter den Gewinnern im TecDax konnte sich die Solarworld-Aktie behaupten. Der Solarkonzern hat große Pläne. Im US-Bundesstaat Oregon soll die größte Solarfabrik der USA entstehen, die bis 2009 eine Kapazität von 500 MW erreichen soll. Solarworld hatte dazu die Waferproduktion der japanischen Komatsu für 30 Millionen Dollar übernommen.

Auch Branchen-Konkurrent Solarparc legte zeitweise kräftig zu, bevor die Aktie zurückfiel. Das Unternehmen hat im vergangenen Jahr erstmals einen Gewinn erzielt und will nun eine Dividende von 0,10 Euro je Aktie zahlen. Der Vorstand rechnet mit langfristiger "Dividendenkontinuität".

Tele Atlas setzt ein Drittel mehr um
Unter den TecDax-Gewinnern hielt sich auch die Aktie von Tele Atlas. Der Spezialist für digitale Landkarten hat seinen Umsatz im vergangenen Jahr um 32 Prozent auf 264,3 Millionen Euro gesteigert. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen kletterte von 14,7 auf 43,8 Millionen Euro. Unter dem Strich schlug allerdings ein Verlust von 19 Millionen Euro zu Buche.

BB Biotech verdient weniger
Die Schweizer Biotech-Beteiligungsgesellschaft BB Biotech hat 2006 einen Gewinnrückgang zu verkraften. Der Überschuss fiel um sieben Prozent auf umgerechnet 184,5 Millionen Euro. Dennoch soll eine Dividende von zwei Franken pro Aktie gezahlt werden.

Telefonica legt noch eins drauf
Deutlich besser als beim deutschen Telekom-Rivalen sah die Gewinnernte bei der spanischen Telefonica aus - was der Aktie allerdings auch nicht weiter half. Der Konzern übertraf im Gesamtjahr mit einem Überschuss von 6,23 Milliarden Euro deutlich die Erwartungen, das entspricht einer Steigerung von 40,2 Prozent. Die Mobilfunk-Tochter O2 hat in Deutschland im vierten Quartal 396.000 Kunden netto hinzu gewonnen.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Freitag, 20. Juli

Unternehmen:
Faurecia: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Hermès: Q2 Umsatz, 07:00 Uhr
Rémy Cointreau: Q4-Zahlen
Thales: Q1 Umsatz, 07:30 Uhr
Stanley Black & Decker: Q2-Zahlen, 12:00 Uhr
General Electric: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Schlumberger: Q2-Zahlen, 13:00 Uhr
Honeywell: Q2-Zahlen, 14:30 Uhr

Konjunktur:
Japan: Verbraucherpreise für Juni, 01:30 Uhr
Deutschland: Juli-Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums, 08:00 Uhr
Deutschland: Erzeugerpreise im Juni, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Euro-Zone im Mai, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Farnborough: Fortsetzung der Internationalen Messe für die Luft- und Raumfahrt (bis 22. Juli)