Ein typischer Krisentag

von Detlev Landmesser

Stand: 19.08.2008, 20:24 Uhr

Es ist wie beim Wetter - eine echte Besserung von der Konjunktur- und Krisenfront ist nicht auszumachen. Der Dax beschleunigte am Dienstag seinen Abschwung. Die Inflation ist weiter auf dem Vormarsch.

Der L-Dax ging 1,6 Prozent tiefer bei 6.289,95 Punkten aus dem Handel. An der Wall Street verloren die großen Indizes bis zum Abend jeweils mehr als ein Prozent.

Mit einem Zuwachs von 1,2 Prozent zum Vormonat stiegen die amerikanischen Erzeugerpreise im Juli deutlich schneller als erwartet. Volkswirte hatten mit einem Anstieg von 0,5 Prozent gerechnet. Im Jahresvergleich erhöhte sich das Preisniveau um 9,8 Prozent. Auch in Deutschland kletterten die Erzeugerpreise im Jahresvergleich um erschreckende 8,9 Prozent zum Vorjahr - die stärkste Steigerung seit 27 Jahren. Die Erzeugerpreise beeinflussen die allgemeine Teuerung zwar nicht direkt, schlagen aber erfahrungsgemäß mit einiger Verzögerung zumindest teilweise auf die Verbraucherpreise durch.

Vom US-Immobilienmarkt gibt es weiterhin keine Entwarnung. Im Juli fiel die Zahl der Wohnbaubeginne aufs Jahr hochgerechnet um elf Prozent auf 965.000, was im Rahmen der Erwartungen lag. Die Zahl der Baugenehmigungen für Eigenheime fiel um 17,7 Prozent. Der Euro probte nach den schwachen US-Daten den Aufstand und erholte sich um über einen US-Cent auf Kurse über 1,4750 Dollar.

Am Vormittag hatte sich der deutsche ZEW-Indikator, der die Konjunkturerwartungen von Finanzexperten misst, noch stärker als erwartet aufgehellt. Das Barometer stieg um 8,4 auf minus 55,5 Punkte. Von Reuters befragte Experten hatten im Schnitt mit minus 62,0 Punkten gerechnet. Der jüngste Rückgang des Ölpreises sowie die Abwertung des Euro dürften die Sorgen um die Konjunktur gemildert haben, hieß es. Experten sahen darin aber keinen echten Lichtblick.

Rund um den Globus standen die Finanzwerte unter neuem Krisen-Druck. An der Wall Street setzte sich der Abschwung der Bankaktien weiter fort. Die Aktie von Lehman Brothers brach um mehr als zehn Prozent ein. JP Morgan prognostizierte bei der Investmentbank für das laufende dritte Quartal neue Abschreibungen von vier Milliarden Dollar.

Postbank-Fantasie schwindet

Schwindende Aussichten auf einen Verkauf der Postbank ließen den Dax-Titel am Nachmittag auf ein Drei-Jahres-Tief abrutschen. Die Aktie gab um bis zu 7,1 Prozent auf 39,73 Euro nach. Nach Aussage mehrerer mit der Angelegenheit vertrauter Personen liegt der Verkauf von Deutschlands größtem Filialinstitut durch die Mutter Deutsche Post auf Eis. Nachdem sich ausländische Interessenten wie die britische Lloyds TSB bereits vor längerem aus dem Rennen verabschiedet hätten, habe nun auch die Deutsche Bank abgewunken.

Infineon in schwierigem Umfeld
Die Infineon-Aktie verlor ebenfalls stärker als der Markt. Der Chef des größten deutschen Halbleiterherstellers, Peter Bauer, hält die Tage des rasanten Wachstums der Branche für gezählt. "Die ganz großen Sprünge wird es nicht mehr geben", sagte Bauer dem "Handelsblatt". "Mit den geschrumpften Wachstumszahlen muss Infineon sich nun etwas einfallen lassen", kommentierte ein Händler. Der Anteil an der verlustreichen Speicherchiptochter Qimonda müsse schnellstens verkauft werden.

Solon verdoppelt Gewinn
Der Solarmodul-Hersteller Solon hat im zweiten Quartal sein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 10,7 auf knapp 19 Millionen Euro und dem Umsatz von 118,5 auf 249,1 Millionen Euro in die Höhe geschraubt. Unter dem Strich verblieb ein Überschuss von 10,9 Millionen Euro - eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Von dpa-AFX befragte Analysten hatten im Schnitt mit einem Umsatz von 249,1 Millionen und einem Überschuss von 10,2 Millionen Euro gerechnet.

Wieder Spekulationen um Solarworld
Die Aktie des Konkurrenten Solarwold gehörte zu den stärksten TecDax-Titeln. Händler verwiesen auf erneute Gerüchte über ein Kaufgebot von General Electric (GE) in Höhe von 37,50 Euro je Aktie. "Seit Wochen werden diese Gerüchte immer mal wieder gerne ausgepackt", sagte ein Händler. "Sogar der Preis ist derselbe."

Bewertungsverluste bei Alstria
Im SDax gab die Aktie von Alstria Office um 0,9 Prozent nach. Das Immobilienunternehmen meldete für das erste Halbjahr rote Zahlen. Der Nettoverlust lag bei 10,4 Millionen Euro nach einem Gewinn von 44,1 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Grund war eine Abwertung des Immobilienportfolios. Das operative Ergebnis stieg dagegen um 60 Prozent auf 20,4 Millionen Euro.

Cewe Color verringert Verlust
Der Fotoentwickler Cewe Color hat im ersten Halbjahr mit 181,5 Millionen Euro 1,2 Prozent mehr umgesetzt. Das Vorsteuerergebnis lag wie im Vorjahr immer noch im Minus. Allerdings ging der Verlust von 2,6 auf 1,2 Millionen Euro zurück. Außerdem bestätigte das ehemalige SDax-Mitglied seine Gesamtjahresprognose.

Intica fällt zurück
Der Telekomausrüster Intica, ehemals Inticom, hat im ersten Halbjahr einen Umsatzrückgang um 22 Prozent auf 17,1 Millionen Euro hinnehmen müssen. Das Ergebnis nach Steuern rutschte von plus 1,2 Millionen Euro auf minus 0,9 Millionen Euro.

Biopetrol operativ schwächer
Die Biopetrol-Aktie gewann rund neun Prozent. Der Biokraftstoffhersteller hat im zweiten Quartal den Umsatz um gut die Hälfte auf 83,3 Millionen Euro nach oben geschraubt. Trotzdem verlief die Ergebnisentwicklung enttäuschend. Das Ebit brach von plus 3,1 auf minus 3,1 Millionen Euro ein. Gründe waren unter anderem die hohen Rohstoffpreise und die große Konkurrenz durch Billigimporte aus den USA.

IM meldet Insolvenz an
Die Aktie von IM Internationalmedia brach um über 40 Prozent ein. Das schon lange angeschlagene Filmfinanzierungsunternehmen hat wegen drohender Zahlungsunfähigkeit Insolvenz angemeldet. Ziel des Vorstands sei es nun, mit Hilfe des Insolvenzverwalters die Geschäfte fortzuführen.

Gewinnwarnung von Rohwedder
Die Rohwedder AG schraubte am Dienstag ihr Ergebnisziel für 2008 zurück. Statt eines positiven Ebit von rund 4,0 Millionen Euro erwartet der Vorstand nun voraussichtlich einen negativen Wert. Zur Begründung verwies der Spezialist für Automatisierungstechnik auf die negative Geschäftsentwicklung des Segments Mechatronics Production Solutions (MPS) und die rückläufige Konjunktur der nordamerikanischen Automotive-Industrie.

Tagestermine am Mittwoch, 19. Dezember

Unternehmen:
Softbank: IPO der Mobilfunktochter in Tokyo
Ceconomy: Q4-Zahlen, 07:00 Uhr, und Bilanz-PK, 10:00 Uhr
General Mills: Q2-Zahlen, 13:00 Uhr

Konjunktur:
USA: Zinsentscheid der Fed, 20:00 Uhr, PK mit Fed-Chef Powell, 20:30 Uhr
Japan: Außenhandel im November, 00:50 Uhr
Deutschland: Erzeugerpreise im November, 08:00 Uhr
Großbritannien: Verbraucherpreise im November, 10:30 Uhr
USA: Leistungsbilanz Q3, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im November, 16:00 Uhr
USA: Wöchentlicher Ölbericht, 16:30 Uhr